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Rückblick. 2025.

Hab das Jahr voller Mut begonnen. Wollte neugierig sein. Mich trauen. Laut sein und trotzdem zuhören. Und dann kam alles. Ein Neuanfang. Offenheit, Mitgefühl und Nähe. Da war so viel Liebe. So viel Verletzlichkeit in ruhigen Momenten. Während es draußen weiterhin laut um uns war. Viele erste Schritte. Erste Konturen und Strukturen. Beobachten und Stolpern. Zwei Menschen in meinem Leben, die so vieles so anders erleben lassen. Ein neuer Blick auf Altbekanntes.

Ein Jahr voller Bewegung. Voller erster Male. Hingabe ist keine Schwäche. Loslassen kein Aufgeben. Hab Grenzen gewahrt. Die eigenen und die fremden. Wieder ein bisschen mehr zu mir gefunden. Und wieder ein bisschen von mir verloren. Leider noch immer ganz schön müde. Wenn auch selbstbestimmter. Leider noch immer ganz schön überfordert. Wenn auch selbstbewusster darin, was ich aushalten kann. Und was nicht.

Ein wunderschönes Haus in Eimsbüttel. Es ist Frühling.
Ach... du schönes Hamburg

Meine Grenzen werden täglich getestet. Ein verurteilter Straftäter dreht weiter am Rad, macht Zölle zu Waffen und entmachtet Institutionen. Tech-Milliardäre knien vor ihm nieder, während sie Desinformation als Meinungsfreiheit verkaufen. KI wiederholt alte Muster. Diskriminierung wird automatisiert, Ungleichheit skaliert, Kontrolle zentralisiert. Hybride Kriegsführung und wachsende Wissenschaftsfeindlichkeit. Überall Extremismus und Schwarz-Weiß. Klimaschutz bleibt ein Lippenbekenntnis. Investitionen werden umgewidmet. Planungshorizont bis zur nächsten Wahl. Möchte weiterhin in keinem Land leben, wo eine rechtspopulistische Partei unentwegt Ängste schürt und Nazis zum Stadtbild gehören. Wo alle drei Tage eine Frau durch ihren (Ex-)Partner getötet wird. Häusliche Gewalt verharmlost als „Beziehungsdrama“. Frauenhäuser unterfinanziert. Care-Arbeit unsichtbar. Junge Menschen leiden. Therapieplätze fehlen. Hab keinen Bock auf konservative Rollenbilder. Fordere Femicide Watch, den Schutz der Demokratieförderung, die Prüfung eines AfD-Verbots, offene Standards im Netz und Männerlimit statt Frauenquote. Achja, und das Ende des Patriarchats. Wird Zeit.

Ein alter Bunker am Strand von Dänemark. Blauer Himmel. Sonnenschein.
Bunker in Dänemark

Drei Jahre Selbstständigkeit. Drei Jahre Produktmensch und Komplize. Mag die Vielfalt dieser Rollen. Die Freiheiten im Alltag. Habe meine Ausbildung zum systemisch-psychologischen Coach abgeschlossen und bin Mental Health Ersthelfer geworden. Wurde Teil des Neuen Amt Altones (NAA) und sitze unregelmäßig im Zuhör-Kiosk Emilienstraße – denn „wer andere versucht zu verstehen, versteht sich selber besser“. Veröffentlichte Artikel über Produktstrategie für neue Medienorganisationen und Modelle aus Psychoanalyse und systemischer Beratung im Produktmanagement. Habe meine Webseite komplett überarbeitet und eine Marke angemeldet. War auf der re:publica, dem German Creative Ecnomomy Summit, der Product at Heart und dem Waterkant Festival. Besuchte Meetups und Offsites. So viele Gespräche. Schön und erschöpfend. Sehne mich nach einer Auszeit. Und nach einem festen Platz außerhalb des Home-Office.

Die Küste Albaniens. Blauer Himmel. Sandwege zum Strand.
Schwitzend in Albanien

So viele schöne Momente mit Menschen. Auf Spielplätzen, in Küchen oder auf Konzerten. Hand in Hand. Arm in Arm. Mit dem Rad durch die Straßen, mit dem Alpaka durch den Wald. Zweimal Dänemark. Einmal Albanien. Die Füße tief im Sand vergraben. Sonne im Gesicht. Herzstolpern. Gespräche bis in die Nacht, stilles Weinen im Theater, Drachenfliegen am Strand. Neugierige Kinderaugen. Schaukeln und Buddeln. Bin erblondet und spielte eine neue Autoimmunerkrankung frei. Hab die eigene Wohnung bunt gestrichen und eine fremde Wohnung renoviert. Kochabende und Kletterkurse. Muskelkater vom Grinsen. Augenringe vom Tanzen. Viel weniger Zeit mit mir alleine verbracht. Viel weniger geschrieben. Und trotzdem wenig vermisst.

Dänemark. Fenster gekippt. Blick auf Ferienhäuser und den Deich. Urlaub.
Fenster auf. Durchzug.

Glaubt man Spotify, so liegt mein musikalisches Alter bei 21 Jahren. War lange nicht mehr auf so vielen Konzerten. RAUM27 spielten kleine Hymnen und laute Liebeslieder. Dendemann schleuderte mich in die Vergangenheit. Niklas Paschburg entführte mich an Küsten und in Wälder. Provinz ließ mich Walzer auf der Trabrennbahn tanzen. Und Fabian Römer brachte mich zum Grinsen und Weinen. Melodien, die mich durch den Tag tragen. Lausche der Wut von Sofia Isella und der Energie von Doechii. Meine Musik wird kritischer. Lauter. Apsilon versinkt im Grau. Paula Hartmann und Berq im Gegenteil von Liebe. Fatoni, Edgar Wasser, Juse Ju, K.I.Z und SSIO lenkten mich immer wieder ab. Insgesamt 301 Stunden mit Grinsen im Gesicht.

Weniger Musik gehört. Und noch weniger Podcasts. Freue mich über jede Folge Baywatch Berlin und Podcast Ufo. Die Geschichten von Search Engine beeindrucken mich. Lerne viel über Beziehungen im NDR-Podcast Die Paartherapie und über Psychologie beim Rätsel des Unbewussten. Die Lage der Nation ordnet mir weiterhin Politik und Weltgeschehen ein, während mich Jung & Naiv in spannende Gespräche abtauchen lässt.

Auch der Fernseher blieb oft schwarz und mein Kinoabo endete. Better Man hat mir das Leben von Robbie Williams eindrucksvoll gezeigt. Pluribus ist die tollste Neuentdeckung und Dexter endlich wieder zurück. Adolescence schnürte mir die Kehle zu und die letzte Staffel Stranger Things ist ein düsteres Feuerwerk.

Verdammt gute Bücher gelesen. Ein Weg, mich mit Themen zu beschäftigen. Mitgefühl zu entwickeln. Haltung und Perspektivwechsel. Die schönste Version erzählt vom Druck, den Frauen ertragen müssen. Über sexualisierte Gewalt und die Unfähigkeit, sich zu wehren. Da, wo ich dich sehen kann schließt an und beschreibt die Hilflosigkeit nach Feminiziden. Lässt mich die Wut und Verzweiflung spüren. Endlosschleifentage begleitet Abschiede. Eine liebevolle Erzählung über Trauern und Neuanfangen. Und »Mama, bitte lern Deutsch« ist ein Tagebuch über versuchte Integration. Humorvoll, aber ohne Kitsch. Ehrlich, aber ohne Selbstmitleid. Will im nächsten Jahr mehr leichte Geschichten lesen. Und gleichzeitig frage ich mich, ob ich mir das überhaupt erlauben darf.

Sonne und Meer. Ein bunter Sonnenschirm.
Sonne im Gesicht. Grinsen im Gesicht.

Ich bin zufrieden. Müde, aber zufrieden. Hab so viele kleine Schritte gemacht. Hab mich getraut. Mich fallen gelassen. Und Menschen aufgefangen. Blicke in glänzende Augen. Spüre eine Hand in meiner Hand. Spüre Vorfreude auf das nächste Jahr. Auf Ausflüge. Auf Momente ohne Plan. Auf Bewegung und Stillstand.

Da sind Dinge, die ich nicht mehr ändern kann.
Aber da sind auch so viele neue Dinge hinzugekommen.

Rückblick. 2024.

Am Anfang des Jahres war da verdammt viel Ungewissheit. Ein Neuanfang, der nicht auf meiner Bucketlist stand. In mir alles kopfüber, draußen alles erschreckend gleich. Die Welt drehte sich weiter und ich musste funktionieren. Einen neuen Rhythmus finden. Routinen etablieren. Muster verstehen. Und akzeptieren, dass manches einfach ganz viel Zeit brauchen wird – und gute Freunde, Schokolade und Umarmungen.

Das ganze Jahr ein Wechselspiel. Sonne und Nebel. Laut und leise. Einmal mit übervollem Herzen und Plänen, dann wieder nachdenklich und gelähmt. Ich schaff das schon. Ich will das nicht. Immer noch nervös, wenn sich Vergangenes in den Vordergrund drängelt. Aber mit jedem Monat etwas zufriedener. Mit jeder Jahreszeit ein Stück mehr bei mir. Immer wieder ein Grinsen im Gesicht. Immer wieder eine Träne am Kinn. Beides okay. Irgendwie ganz okay.

Ein gelbes Feld im Sommer. Die Sonne scheint, kleine Wolken am Himmel. Ein großer grüner Baum am rechten Rand.
Mit dem Rad zwischen den Städten

Fühlte mich immer wieder als Teil einer nicht endenden Satire-Show. Ein verurteilter Straftäter kehrt ins Weiße Haus zurück und will sein Land abschotten. Ein Tech-Milliardär nutzt seine Plattform für Verschwörungstheorien und rechte Propaganda. Verliere komplett die Lust an sozialen Medien, wo Ideologie über Mitgefühl herrscht. Die Welt kämpft. Gegen sich selbst, gegen alte Konflikte, gegen neue Krisen. Extremisten und alles Schwarz-Weiß. Nachhaltiger Klimaschutz ein Lippenbekenntnis. Zu kurz der Zeithorizont. Zu groß der Wunsch nach Wohlstand und der Vergangenheit. Möchte in keinem Land leben, wo eine rechtspopulistische Partei unentwegt Ängste schürt und Demokratie durch autoritäre Fantasien ersetzen will. Hab kein Bock auf Nazis. Möchte Gleichberechtigung und das Ende des Patriarchats. Es braucht keine starken Männer, die vor Sorge um ihre schwindende Macht wie trotzige Kinder alles kaputt machen. Sehne mich nach Begegnung und Augenhöhe. Sehne mich nach einem Moment zum Durchatmen. Und nach Optimismus.

Blick auf die Binnenalster. Blauer Himmel. Die Sonne scheint und die Gebäude spiegeln sich im Wasser.
Hamburg von seiner schönsten Seite

Und damit es nicht langweilig wird: Wirtschaftskrise. Auch ich musste in meinem zweiten Jahr als Selbstständiger merken, wie Unternehmen vorsichtiger wurden. Abgesagte Projekte und reduzierte Beauftragungen. Es war holprig. Weniger Umsatz, dafür mehr Freizeit. Kein schlechter Deal. Durfte dennoch mit tollen Menschen an schönen Projekten arbeiten. Ein großer Relaunch und eine Neugründung. Geschäftsmodell-Beratungen und Produkt-Coachings. Konzentrierte mich auf das zweite Jahr meiner Ausbildung zum systemisch-psychologischen Therapeuten und investierte viel Zeit in AI-Tools. Baute Anwendungen und Automatisierungen, generierte Stimmen und Kunst. War seit Jahren mal wieder auf der re:publica und erneut auf der Product at Heart. Mag weiterhin die Selbstbestimmung und Freiheiten. Sehne mich aber immer wieder nach einem festen Team. Spiele mit dem Gedanken, für eine Zeit aus dem Ausland zu arbeiten. Und irgendwann etwas ganz anderes zu tun.

Blick auf grüne Berge. Fuerteventura bei Sonnenstrahl im Dezember.
Fuerteventura im Winter

Verbrachte viel Zeit mit Freundinnen, Freunden und ihren kleinen Familien. Auch wenn es nicht immer einfach ist, strahlende Babyaugen und liebevolle Pärchen zu beobachten. Bin manchmal das dritte Rad und dann wieder fest integriert. Bin dankbar für diese Beziehungen. Für Freundschaften, die nach ruhigen Jahren wieder intensiver sind und mich tragen. Haben gemeinsam Nächte durchgetanzt, sind in Kneipen versackt, haben Bingo gespielt, Apfelkuchen gegessen, am Meer geweint, auf Konzerten gewippt und in Museen gestaunt. War in den Wäldern von Teneriffa und auf den Heidewegen von Lüneburg. Bin vom Zehn-Meter-Turm gefallen und auf Bunker gestiegen. Mit dem Rad in den Speckgürtel und mit dem Zug nach Süddeutschland. War meiner Familie ganz nah. War meiner Familie ganz fern. Hab sehr viel Zeit mit mir verbracht. Das war schön. Das war schwierig. Das war anders.

Eine Treppe zur Elbe. Sonnenschein. Die Kräne im Hintergrund. Der Strand leer.
Wege zum Wasser

Es gibt kaum etwas, das mich so sehr hält, wie Musik. Dieses Jahr war es die Musik von Doechii, Noga Erez und Apsilon, die mich überraschte. Aber auch Levin Liam und Paula Hartmann haben den Weg in meine Playlist gefunden. Ich durfte beim Geburtstags-Konzert von Fatoni dabei sein, OK KID nach Jahren wieder live sehen und mit Deichkind die Trabrennbahn platt springen. K.I.Z schafften es die politische Lage einzufangen und das Produzenten-Team Gerda überzeugte mit Features wie  OG KeemoYassinShe-Raw und Kryptic Joe. Seit wenigen Tagen läuft hier außerdem das Casper-Konzert in Dauerschleife. Insgesamt 453 Stunden mit Grinsen im Gesicht.

Was Podcasts angeht, tritt bei mir eine Form der Erschöpfung ein. Hab wenig Neues ausprobiert, dafür viele bekannte Formate gehört. Mag die Gespräche im Hotel Matze und unendlichen Podcast Alles gesagt. Die Geschichten von Search Engine und World Wide Web fesseln, während Fest & Flauschig, das Podcast Ufo und Baywatch Berlin mich regelmäßig zum Lachen bringen. Die Lage der Nation ordnet mir Politik und Nachrichten ein, während die Doppelgänger mir Wirtschaft und Börse näher bringen.

Dafür war das letzte Jahr ein tolles Filmjahr. Denn ich habe ein Kinoabo abgeschlossen und verbringe seitdem viel Zeit im Abaton und Zeise. All of Us Strangers hat mich tief berührt, Perfect Days hat mir die Schönheit des Alltags gezeigt und The Apprentice war erschreckend nah an der Realität. Begeistert haben mich der Humor und die Ehrlichkeit von Shrinking und die Hilflosigkeit von 30 Tage Lust. Verstört haben mich Rentierbaby und Poor Things - auf eine gute Art und Weise.

Zu Beginn des Jahres habe ich mir vorgenommen, jeden Monat ein Buch zu lesen. Insgesamt sind es 27 Bücher geworden, was mich total freut. Lese in der Bahn, nach dem Sport oder vor dem Schlafen. Liebe ist gewaltig hat mich tief berührt. Die Wut, die bleibt machte mich wütend und traurig. Untenrum frei beschreibt, wie unfrei Geschlechterrollen und Sexualität ist. In Freunde lieben dreht sich viel um die Frage, wie intensiv Freundschaften sein dürfen. Und Der alte König in seinem Exil beschreibt die entstehende Distanz einer Alzheimerkrankheit. Der Trost der Schönheit führte mir die Schönheit kleiner Momente vor Augen und Unzertrennlich lies mich spüren, wie sich eine sterbende Liebe anfühlt.

Ein buntes Feld mit Bkumen. Sonnenschein. Bäume im Hintergrund. Der Himmel strahlend blau.
Eine Runde durchs Grüne

Da ist immer noch verdammt viel Ungewissheit. Aber ich kann sie immer besser aushalten. Mag die kleinen Überraschungen. Die lauten Momente mit anderen Menschen. Freue mich auf schöne Begegnungen. Und irgendwie auch auf emotionales Stolpern. Auf erste Sätze und ernste Absichten. Bin neugierig. Will mutig sein. Will mich trauen.

Rückblick. 2023.

Das Jahr begann mit dem Gefühl endlich anzukommen. Auch wenn die Welt immer unruhiger wurde. Hab viele Themen aufgearbeitet. Mich mit meiner Vergangenheit auseinandergesetzt. Verhaltensweisen versucht zu ändern. Wollte aus der Ohnmacht ins Handeln kommen. Es hat sich mehr verändert, als ich erwartet hatte.

Bin mittlerweile an einem Punkt, an dem es mir schwer fällt dem Tagesgeschehen zu folgen. Es scheint immer komplizierter zu werden. Eine gewisse Trägheit und Müdigkeit setzt ein. Unsere Umwelt macht uns klar, dass es so nicht weitergeht. Die Klimapolitik der Bundesregierung rechtswidrig. Gleichzeitig will ein Großteil der Gesellschaft keine weiteren Einschränkungen. Will nicht belehrt werden. Lehnt sich gegen die Regierung auf. Und fordert klare Kommunikation. Das System scheint defekt. Die Unzufriedenheit groß. Kriege. Terror. Populismus, Angst und Panikmache. Je mehr man erfährt, desto schrecklicher scheint es zu werden. Ein unangenehmes Gefühl, das mit dieser Erkenntnis kommt. So klappt das nicht. Merke an mir selbst, wie ich Debatten aus dem Weg gehe. Den Medienkonsum reduziere. Mich an manchen Tagen einfach nur zurückziehen möchte. Ein anstrengendes Jahr. Im Außen und Innen.

Sitze nun in meinem Kinderzimmer und die letzten Monate ziehen an mir vorbei. Alles zieht vorbei. Die Ringe unter meinen Augen verraten mein Gedankenkarussell, das nachts besonders laut rattert. Wirft mit Fragen, die ich vielleicht zu lange ignoriert habe oder deren Antworten nun schmerzen. Ein neues Kapitel. Getrennte Wege nach fast sieben Jahren. Erinnerungen in Kartons und Pläne blass-grau. Alleinsein. Weit weg von einem geregelten Tagesablauf. Verbringe die Abende bei Freunden auf dem Sofa. Dankbar für jede Umarmung und jedes Gespräch. Streife durch Eimsbüttel. Kenne mittlerweile jeden Straßenzug und jede Fassade. Immer noch mit den Händen in den Hosentaschen. Traurig. Überfordert. Für einen kurzen Moment hoffnungsvoll. Dass wir beide irgendwann wieder grinsen.

Es ist ein Jahr voller Abschiede. So endete auch meine Therapie nach vier Jahren. Ein letztes Mal die engen Stufen nach oben. Tür zu. Seele auf. Ein Lächeln und Nicken. Hab hier so oft mit mir selbst gerungen. Hab geweint und gelacht. Bin dankbar und froh, es durchgezogen zu haben. War oft genug nur einen Impuls davon entfernt, abzubrechen. Und alles so zu lassen, wie es war. Möchte aber weiter an meiner Haltung arbeiten. Will noch mehr über Beziehungen lernen. Über mich. Dinge ausprobieren und meine Perspektive wechseln. Neugierig bleiben.

Schmale Spalte zwischen zwei dunklen Felswänden, durch die Licht und Meerwasser eindringen. Das Wasser schimmert türkis und wird von Sonnenlicht erhellt, während die umgebenden Felsen tiefdunkel bleiben.
Beeindruckt in der Partnachklamm

War dieses Jahr endlich wieder wandern. Urlaub in Tirol. Die Sonne im Gesicht und Kaiserschmarrn im Bauch. Hab im Wendland auf endlose Felder geblickt, Frisbee gespielt und durchgeatmet. Im lauten Berlin hippes Essen probiert, Lieblingsmenschen getroffen und Potsdam erkundet. War das erste Mal bei einer Stand-Up Comedy Show. Hielt Neugeborene im Arm und lies mich von Hunden durchs Niendorfer Gehege ziehen. Auf dem Rad durch die nicht enden-wollenden Kleingärten. Durfte zweimal Hamilton sehen und einmal mit dem Rad über die Köhlbrandbrücke fahren. Saß auf einem Floß mitten in der Süderelbe. Das Knistern vom Grill und lachende Freunde. Stand mitten im Naturschutzgebiet Neßsand - mit Blick auf den Elbstrand. Hamburg ist so eine schöne Stadt. Fühl mich hier wohl und möchte nicht weg.

Sonnenuntergang über einem ruhigen Fluss mit Baumsilhouetten an beiden Ufern. Der Himmel zeigt warme Farbtöne in Orange, Rosa und Blau, die sich im Wasser spiegeln.
Gemeinsam auf der Elbe

Dazu beigetragen hat auch das berufliche Umfeld, welches in den letzten Monaten gewachsen ist. Mit Beginn der Selbstständigkeit bin ich so vielen spannenden Menschen begegnet. Daraus entwickelten sich Projekte und Freundschaften. Bin sehr zufrieden mit meiner Entscheidung. Lange nicht mehr so selbstbestimmt gelebt. Tolle Kunden begleitet, unterschiedliche Branchen kennengelernt und eine Ausbildung zum systemischen psychologischen Therapeuten begonnen. Dankbar für nextMedia und brand eins, wo ich mich immer mit offenen Armen empfangen werde. Dankbar auch für die vielen herzlichen Gespräche in Coworking-Spaces, auf Konferenzen und Veranstaltungen. Muss noch lernen, mit den schwankenden Einnahmen klar zu kommen und konsequent Urlaube einzuplanen. Bin neugierig, mich noch mehr mit dem Thema No-Code auseinanderzusetzen und für gewisse Zeit im Ausland arbeiten zu dürfen. Und sehr gespannt, wie sich das Neue Amt Altona entwickeln wird und wen ich auf der re:publica im kommenden Jahr wiedersehen werde.

Ein grünes Bergwiese erstreckt sich unter blauem Himmel mit weißen Wolken, während schneebedeckte Berggipfel im Hintergrund aufragen und dichte Nadelwälder die Landschaft säumen.
Erschöpft auf der Alm

Seit langer Zeit empfinde ich meinen musikalischen Jahresrückblick als langweilig. Nur wenige Alben haben mich überrascht – bis auf Peter Fox, Berq und Blumengarten. Dafür viele Stunden mit meinen Lieblingskünstlern wie Fatoni, Maeckes, Deichkind und Casper verbracht. Und immer wieder das Abschiedskonzert von Kummer geschaut. Insgesamt 319 Stunden mit Grinsen im Gesicht.

Und auch bei den Podcasts gab es wenig Veränderung. Hotel Matze brachte mich in Berührung mit interessanten Menschen und ihren Gedanken. Die Doppelgänger und Lenny gaben Orientierung bei Technologie und Produktmanagement. Apokalypse & Filterkaffee erklärte mir die Nachrichtenlage. Bei Family Feelings lernte ich etwas über Beziehungen, bei Geliebte auf Zeit etwas über Sex. Fest & Flauschig, Podcast Ufo und Baywatch Berlin brachten mich zum Lachen.

Dieses Jahr war sehr emotional, auch was meinen Serienkonsum anging. Endlich This Is Us abgeschlossen und verdammt viel geweint. Und auch Heartstopper, Safe, Scenes From a Marriage und Shrinking berührten mich. Dafür konnte ich bei jerks, The White Lotus und Ted Lasso viel lachen. Und Joko hat mit seinen Formaten Wer stiehlt mir die Show und The World's Most Dangerous Show immer wieder überrascht.

Endlich wieder mehr gelesen. Und gehört. Nur ein paar Nächte und Das Ende der Ehe haben mich sehr viel über das Idealbild einer glücklichen Beziehung nachdenken lassen. Über die Privilegien der Männer und die Beziehung zu den eigenen Eltern. Panikherz lockte mich in wilde Nächte und erklärte mir die Musikbranche. Hab in Pawlowa einen Esel begleitet und im Marschland dem Gesang der Flusskrebse gelauscht. Und zuletzt meinem inneren Kind einen Raum gegeben, während Mia Insomnia durch Vergangenheit und Gegenwart reist, um ihre Welt zu verstehen.

Ein sonniger Frühlingstag in einer grünen Wiese mit vereinzelten Bäumen und einer fernen Baumreihe unter blauem Himmel.
Picknickend in Niendorf

Auf ein Jahr zurückzublicken, das in so kurzer Zeit aus den Angeln gehoben wurde, fühlt sich seltsam an. Da ist verdammt viel Ungewissheit. An manchen Tagen habe ich Angst. An anderen Tagen fühle ich mich zuversichtlich. Hab auch diesen Rückblick mehrmals umgeschrieben. Mittendrin abgebrochen. Es tut weh, durch die ganzen Erinnerungen zu scrollen. Viele schöne Momente. Aber auch graue Momente. Nicht zu wissen, was nun kommt. Und doch ist da diese Hoffnung, dass es wieder gut wird. Fühlt sich nicht danach an. Aber alles wird gut. Alles wird gut.

Rückblick. 2022.

Das Jahr begann mit dem Vorsatz endlich auszumisten. War zu müde von den ganzen Diskussionen und brauchte Abgrenzung. Wollte Schlachtfelder hinter mir lassen und akzeptieren, dass ich nicht alles in mir aufsaugen kann. Doch leider hatte auch dieses Jahr einen anderen Plan.

Es sollte ein Jahr der Eskalationen werden. Die Natur gibt uns zu spüren, dass es so nicht weitergehen kann. Waldbrände in Europa. Schneestürme in den USA. Hungersnot in Afrika. Die Wissenschaft warnt seit Jahren, aber der Veränderungswille in allen Schichten scheint spärlich. Zu komplex die Herausforderung. Zu unübersichtlich die Abhängigkeiten von politischen Handlungsfeldern und gesellschaftlichen Faktoren. Ein Gefühl der ständigen Überforderung – verstärkt durch einen Kriegsverbrecher, der die Ukraine überfallen hat und täglich die Ängste der Menschen in Europa schürt. Tote Zivilisten und Soldaten, eine Energiekrise und erneut Flüchtende auf der Suche nach Sicherheit. Während im Iran unter Lebensgefahr für grundlegende Frauenrechte gekämpft werden muss. Es scheint, als hält die Vergangenheit an ihrem Einfluss und Status fest: „Halt stopp! Das bleibt alles so, wie es hier ist!“ Wir müssen uns aber verändern, auch wenn das ein Ende von Sicherheit und Wohlstand im Jetzt bedeutet. Denn einfach Weitermachen wie bisher ist keine Option mehr.

Das macht (auch mir) Angst. Und kostet Kraft. Weshalb es für mich in diesem Jahr um das Finden von Gleichgewicht ging. Hab mich tief in Themen eingearbeitet, um mich dann bewusst auch wieder zu lösen. Wie bei einem Sommerregen. Ein bewusstes Wechselspiel, bei dem ich immer wieder Halt in kleinen Momenten suchte. Ob morgens auf dem Tennisplatz, mittags auf dem Rad oder abends am Kanal mit Blick ins Grüne. Merke, wie mein Körper langsam wieder zu sich findet. Meine Haare kommen zurück und mein Schlaf normalisiert sich – Schritt für Schritt für Schritt. 💪

Zwei Sneaker ruhen auf grünem Gras mit Blick auf einen ruhigen Bach, dahinter eine Wiese mit Bäumen und blauem Himmel.
Durchatmen im Niendorfer Gehege

Ich war das vergangene Jahr viel unterwegs. Stand am Strand der Flensburger Förde, stolperte durch Südkorea und schlemmte in Wien. Konnte mit Svenja endlich wieder Kultur aufsaugen: singend bei Maeckes und Danger Dan, staunend in der Elbphilharmonie und Laeiszhalle, aber auch fasziniert im Theater bei Harry Potter und den Drei Fragezeichen. Es brauchte aber nicht immer große Bühnen und Publikum, denn mit lieben Menschen durch Kiel, Potsdam, Lübeck, Stuttgart oder Brandenburg zu spazieren reicht vollkommen aus. 🥰

Ein dunkelblaues Wohnmobil steht in einer grünen Wiese voller Löwenzahn unter großen Bäumen an einem sonnigen Tag. Das Fahrzeug ist von üppiger Vegetation umgeben, mit einem knorrigen Baum im Vordergrund links und weiteren Bäumen im Hintergrund.
Spazieren durch unser kleines Bullerbü

Diese Ausflüge schenken Kraft. Und geben mir Halt in einer Zeit, wo sich so viel neu ordnet. Hab als Mentor und Coach spannende Projekte der Hamburg Media School und Kreativgesellschaft begleitet. Gleichzeitig habe ich nach über vier Jahren brand eins die Entscheidung getroffen, mich selbstständig zu machen. Etwas Neues auszuprobieren – mit einem stolzen Gefühl beim Blick auf das Erreichte und einigen Tränen beim Abschied von einem tollen Team. Ich entdeckte meine Begeisterung für AI und verlor das letzte Interesse an Kryptowährungen. Hab mir zwei Monate Zeit gegeben, in den Tag zu leben, ein Buch zu veröffentlichen und den besten Kuchen Hamburgs zu suchen. Offizielles Ergebnis: Apfelkuchen bei geen, Cheesecake bei Kropka und Salzkaramelltorte bei Liebes Bisschen. 🍰

Ein Cappuccino mit Latte-Art-Muster in einer grauen Tasse steht neben einem Teller mit einem Stück Kuchen mit Nussbelag auf einem Holztisch. Links liegt ein aufgeschlagenes Dokument mit Text und einem Porträtfoto. Weiße Servietten befinden sich auf dem Teller neben dem Kuchen.
Kuchen, Cappuccino und Magazine

So sehr ich Zeit mit Menschen genieße, so wichtig sind mir Momente, in denen ich alleine bin. Meist mit Kopfhörern auf den Ohren. Dieses Jahr begleitete mich viel alte Musik – ganz vorne Maeckes und Casper, in deren Texte ich mich nur zu gerne verliere. Aber auch Neuentdeckungen wie OG Keemo, Alli Neumann oder Schmyt gingen mit mir spazieren. Insgesamt 431 Stunden mit Grinsen im Gesicht.

Noch nie war meine Podcast-App so voll wie in diesem Jahr, trotzdem hörte ich aber oft die gleichen Formate: Fest & Flauschig und Baywatch Berlin zur Unterhaltung. Bei Hotel Matze lerne ich noch immer spannende Menschen kennen und mit Cui Bono: Wer hat Angst vom Drachenlord? schaffte es die zweite Staffel erneut in meinen Jahresrückblick. Besonders stolz bin ich auf den brand eins Podcast Planetary, den wir gemeinsam mit Planet A und der BMW Foundation ins Leben riefen.

Dass serielle Erzählungen an Beliebtheit gewinnen, zeigt sich auch bei mir: Serien wie Severance, Dopesick, I May Destroy You und Watchmen haben mich gefesselt. Heartstopper ist wunderschön erzählt, die zweite Staffel Kranitz erneut lustig und Chez Krömer endet mit einem großen Finale. Einzig ein Film bleibt in Erinnerung: Everything Everywhere All at Once war eine Achterbahn, ganz ohne Übelkeit.

Es gab eine Zeit, in der ich sehr viel gelesen habe. Ich vermisse diese Abende auf dem Sofa und so meldete ich mich während meiner Auszeit in den Bücherhallen Hamburg an. Der große Sommer und Marianengraben waren wunderschöne Geschichten. Unsere Welt neu denken schenkte mir Zuversicht und Antrieb, dass wir die Klimakrise angehen müssen. Zuletzt berührte mich Sprache und Sein mit einem Perspektivenwechsel. 🙏

Lange gerade Straße durchschneidet flache Agrarlandschaft unter klarem Himmel, mit Feldern zu beiden Seiten und einem Strandhaus in der Ferne.
Wir beide und das Meer

Es fühlt sich so an, als käme ich langsam innerlich zur Ruhe. Obwohl es im Außen immer lauter wird. Damit einher geht eine Spannung zwischen persönlichem Glück und gesellschaftlichen Krisen. Dem Gefühl, mehr Zeit für das Richtige investieren zu wollen und aktiver zu werden. Möchte im neuen Jahr genau das ausprobieren – sowohl im Privaten als auch in der Selbstständigkeit. Teil einer Lösung und nicht Teil einer Ohnmacht sein.

Rückblick. 2021.

Optimistisch blickte ich im letzten Jahr auf 2021. War doch die gesamte Gesellschaft durch die Pandemie zerrüttet und auf die Probe gestellt worden – es konnte nur besser werden. Ich sehnte mich wieder nach Leichtigkeit. Nach mehr Rücksicht und Miteinander.

Leider kam es anders. Die Impfung gegen Corona wurde als lieb gemeintes Angebot kommuniziert. Die benötigte Infrastruktur brauchte lange, wurde dann wieder viel zu früh abgebaut. Eine kleine Randgruppe hält das ganze Land auf. Sie spaziert durch die Städte, radikalisiert sich und teilt fleißig Missinformationen. Wir schenken ihnen immer noch unsere kostbare Zeit und Aufmerksamkeit. Und plötzlich hinkt Deutschland im EU-Vergleich hinterher. Vielleicht ging es uns einfach zu lange zu gut? Starr und veränderungsfaul. So empfinde ich die aktuelle Situation. Der Pflegenotstand trifft uns alle irgendwann. Es werden keine gerechten Gehälter bezahlt, Angestellte verlassen die Branche – zu groß ist der Druck von außen, zu gering der Dank. Das Mittelmeer ist ein Massengrab. Europa schaut zu und sichert seine Grenzen. Wir können mittlerweile hautnah beobachten, was der menschengemachte Klimawandel bewirkt. Die Politik bleibt distanziert und nebulös – bloß keine unpopulären Entscheidungen treffen. Risikovermeidung. Und somit Stillstand. Obwohl innerlich alles tobt. Wackelt. Ächzt.

Zwei männliche Porträts überlagert, wobei das vordere Gesicht scharf und das hintere verschwommen ist. Die Komposition erzeugt einen Spiegelungseffekt mit minimalistischem, hellem Hintergrund.
😴

Es macht mich so verdammt müde. So viele Stunden diskutiert. So oft grübelnd im Bett gelegen. Unfassbar viele Informationen versucht zu verstehen und zu verarbeiten. Sätze werden verdreht. Worte gebrochen. Möchte an immer mehr Tagen verstummen. Durchatmen. Ausmisten.

Dabei helfen mir verschiedene Dinge. Nach über zehn Jahren bin ich umgezogen. Mehr Platz und näher an der Natur. Versuche Arbeitsstunden zu reduzieren. Mache eine Psychotherapie, um Muster zu verstehen. Die traditionelle chinesische Medizin (TCM) und Akupunktur wirken gegen meine Autoimmunerkrankung.

Ein Sandstrand mit Kieselsteinen und Treibholz, umgeben von grüner Vegetation, grenzt an eine türkisfarbene See mit Wellen und felsigen Ausläufern. Der Himmel ist teilweise bewölkt und die Sonne spiegelt sich auf dem Wasser.
😍

Und trotzdem versinke ich dann wieder in irgendwelchen Streams. Verfolge Diskussionen. Verdopple meine Bildschirmzeit. Jahr für Jahr die selbe Schleife. Obwohl mir doch klar ist, dass Ausflüge in die Fischbeker Heide oder nach Rügen die Phasen sind, die mich wieder zum Grinsen bringen. Spaziergänge und Telefonate mit Freunden. Hand in Hand mit Svenja. Nicht der zehnte Faktencheck und die zwölfte Debatte.

Drei Personen lachen zusammen vor einem Haus mit Efeu. Andreas in dunklem Anzug mit Fliege steht in der Mitte, flankiert von zwei weiteren lächelnden Personen in legerer Kleidung.
🙃 – Bild: Jonas Boy

Schaue ich auf meinen Medienkonsum, so ist meine Stimmungslage noch besser nachvollziehbar. Musikalisch haben mich Maeckes, Ahzumjot, Audio88 & Yassin, Danger Dan, Dexter, Weekend und natürlich Fatoni begleitet. Sie alle schaffen es, auf kluge Art und einer Portion Wut mit den großen Themen umzugehen – trotzdem werden 452 Stunden Musik auch ihre Auswirkungen auf mich haben.

Auch meine Podcastauswahl war nicht wirklich leichte Kost: „Apokalypse & Filterkaffee“ und „Quarks Daily“ für das Tagesgeschehen, ansonsten einige Story-Formate wie „Cui Bono: WTF happened to Ken Jebsen?“ oder „190220 - Ein Jahr nach Hanau“. Aber auch fiktive Geschichten wie „Lynn ist nicht alleine“.

Für eine gewisse Portion Zerstreuung sorgten Serien wie „The Office“ oder „Jerks“ – stumpfer Humor. Die erste Staffel von „Lupin“ gefiel mir auch gut. Genau wie „Tenet“. Ertappe mich aber immer öfter dabei, gute Formate aus den Mediatheken zu schauen: „Kranitz“, „Chez Krömer“ oder „ZDF Magazin Royal“. Aber: Es scheint sich eine gewisse Müdigkeit abzuzeichnen. Ist der Höhepunkt an Auswahl und Vielfalt erreicht?

Seit einigen Monaten liegt das Buch „Digital Minimalism“ auf meiner Kommode. Es beschäftigt sich mit der Frage, wie ein gesunder Umgang mit Medien aussehen kann. Die letzten beiden Corona-Jahre in Kombination mit meinen vollen Merklisten und einer Angst, wichtige Dinge zu verpassen, führen dazu, dass ich im kommenden Jahr aussortieren muss. Was und wer tut mir noch gut? Und wo ziehe ich meine Grenzen? Worüber möchte ich nicht mehr debattieren? Ich bin nicht dogmatisch. Denke nicht, dass etwas Fluch oder Segen ist. Gut oder schlecht. Richtig oder falsch. Aber es gibt Standpunkte und Verhaltensweisen, die zu weit gehen. Dass ich diese Meinungen beeinflussen kann, bezweifle ich mittlerweile. Also muss ich bestimmte Schlachtfelder hinter mir zurücklassen. Auch kann ich nicht jede Debatte nachvollziehen, weil mir die Informationen fehlen oder ich nicht betroffen bin. Das bedeutet aber im selben Moment auch, dass ich offen und ehrlich zugeben muss, dass es zu viel ist. Und das ist okay. 🤗

Rückblick. 2020.

Ein Jahr voller Gegensätze liegt hinter mir. Vollgas. Vollbremsung. Lachen. Weinen. Tanzen. Springen. Schubsen.“ – so endete 2019. Und diesmal war wieder alles anders. Ungewohnt und schmerzhaft. Denn 2020 zeigte uns auf brutale Weise, wie zerbrechlich alles ist. Wie zerbrechlich unsere „Normalität“ ist. Ein unfassbar anstrengendes Jahr. Dominiert von einer Pandemie, die uns alle ans Limit brachte. Unsicherheiten und Ängste in allen Schichten. Habe Mitgefühl mit Hinterbliebenen, die oft ohne Abschied Abschied nehmen mussten. Tiefen Respekt vor Ärztinnen und Ärzten, den Pflegekräften und Angestellten in Altersheimen, Hilfsorganisationen, Krankenhäusern. Und nein, auf dem Balkon stehen und klatschen reicht nicht aus. Habe Mitleid mit Menschen, die unter den Einschränkungen leiden: Einsame Menschen, kranke Menschen, zurückgelassene Menschen, mittellose Menschen. Habe kein Mitleid mit Großaktionären, deren Dividenden jetzt der Staat zahlt – dafür aber Klimapolitik und Infrastruktur vernachlässigt. Habe Verständnis für Ängste und Sorgen. Habe kein Verständnis für Verschwörungstheorien, Ignoranz, Hetze und Hass. Egal, ob gegen den Staat oder einzelne Menschen. Werde mir täglich mehr bewusst, dass Rassismus ein strukturelles Problem ist. Wie mächtig und verletzend Sprache sein kann. Wie eingeschränkt der eigene Blick ist. Meist erblickt er nicht einmal das Gegenüber.

Ich habe großes Glück enorme Privilegien. Niemand aus dem Freundeskreis oder der Familie verloren. Zögerliche Umarmungen. Irgendwann nur noch ein Winken aus der Ferne. Ausgedehnte Spaziergänge und Telefonate. Nein, ein Zoom-Meeting ersetzt keine Berührung. Dennoch froh, dass es Alternativen gab. Froh über einen Job, der von überall machbar ist. Über Hobbys, die an keinen festen Ort gebunden sind. Konnte meine Gefühle offen teilen und in geschützten Räumen hinterfragen. Merke für mich, wie entscheidend Orte sind. Orte, an denen man unverstellt sein kann. Habe versucht, weniger Zeit in den Streams zu verbringen. Sie dafür mit mir selbst zu verbringen. Mit dem Fahrrad lautlos durch Hamburg. Durchatmen. Geschehen lassen.

Andreas von hinten in dunkler Jacke und grauer Mütze steht auf einem Hügel mit herbstlich gefärbter Vegetation und blickt auf ein ausgedehntes Tal mit Wäldern und Bergen. Der Himmel ist teilweise bewölkt mit blauem Hintergrund.
Durchatmen. Draußen.

Es war ein Jahr der kleinen Schritte. Sprichwörtlich. War nur einmal kurz in Österreich. Ansonsten viel in den eigenen vier Wänden. Hab Hamburg erkundet. Und ein bisschen Bergluft geschnuppert. Chiemgauer Alpen. Harz. War kein einziges Mal in der Heimat. Nur einmal am Meer. Vier Bilder auf Instagram. Aber ist das schlimm? Vermisse ich etwas? Braucht es große Reisen? Hab noch keine Antwort gefunden. Nicht schlimm Es wird noch eine Weile dauern, bis ich das nächste Flugzeug betrete. Umso mehr freue ich mich auf Freunde in Berlin, Potsdam, Kiel, Stuttgart oder Wustenriet.

Alpines Tal mit grünen Wiesen, vereinzelten Bauernhöfen und dichten Nadelwäldern an bewaldeten Berghängen unter teilweise bewölktem Himmel.
Wandern in den Chiemgauer Alpen

Was früher Last.fm machte, geschieht nun automatisch am Jahresende durch Spotify. Ein Rückblick auf das musikalische Jahr – wieder ohne große Überraschungen. Hip Hop und Pop haben mich begleitet. Dafür deutlich seltener, weil die Bahnfahrten weggefallen sind. Insgesamt 278 Stunden streamte ich Künstler wie Fatoni, Dexter oder Bosse. Aber auch Fynn Kliemann – mit dem ich mich mittlerweile deutlich seltener vergleiche. Mich überraschten Run The Jewels und Yassin mit seinem Unplugged-Album.

Vielleicht liegt es an diesem Jahr, dass nur wenige Serien und Filme hängen geblieben sind – obwohl man gefühlt viel Zeit mit Netflix und Co. verbrachte. Alles zog vorbei. Eine gewisse Müdigkeit setzte ein. Überzeugen konnten mich die Kurzserien Liebe und Anarchie und Das Damengambit. Aber auch die zweite Staffel von After LifeTed Lasso und The Morning Show taten auch gut. The Last Dance erinnerte mich an meine Jugend – 21 spielen und das Michael Jordan Poster an der Wand.

Was ich momentan am meisten vermisse sind Abende mit Freunden, Restaurants, Cafés und Kinos. Einmal hab ich es ins Savoy geschafft. Parasite – ein doch sehr verrückter, aber auch guter Film gesehen. Daneben nur Streams. Hamilton war toll. Und Soul zum Ende des Jahres berührend.

Ansonsten war es das Jahr der Podcasts. Erneut. Ich verbrachte Stunden im Hotel Matze, hab Deutschland3000 und die Lage der Nation verfolgt. Apokalypse & Filterkaffee und Baywatch Berlin brachten mich zum Lachen.

Ein gemütliches Fensterbank-Sitznest mit weißem Kissen und grünen Kissen lädt zum Verweilen ein, während der Blick auf herbstlich gefärbte Bäume und grüne Berglandschaft schweift. Der Sitzplatz befindet sich unter einer rohen Holzdecke mit großen Fenstern, die Tageslicht und Ausblick auf die Natur ermöglichen.
Rückzug

Für 2020 hatte ich mir vorgenommen ehrlicher zu sein. Zu mir und auch zu anderen. Ohne diese Ehrlichkeit hätte ich das Jahr auch nicht so gut überstanden. War verunsichert wie viele andere auch. Musste Gewohntes aufgeben, damit andere geschützt werden. Sich selbst zurücknehmen – und gleichzeitig beobachten müssen, wie sich ganz viele in den Mittelpunkt der Erde rückten. Schaue optimistisch auf das kommende Jahr. Der Impfstoff kommt. Trump geht. Spannend wird die Frage, ob die Polarisierung weitergeht. Immer extreme Meinungen. Immer weniger Verständnis.

Darüber reden ist ein Anfang. Miteinander reden sollte das Ziel sein. Versuche mich darin. Und lasse 2021 auf mich zukommen. ✌️