Andreas Spiegler

Schreiben. Stolpern. Schluckauf.

Fragmente 😮 MĂ€rz 2021

Ich bin verdammt mĂŒde. Ein GefĂŒhl, das seit Monaten in mir nach Raum greift. Vakuum. Immer wieder schaffe ich es mich aufzuraffen. Um dann wenige Wochen spĂ€ter wieder antriebslos im Bett zu liegen.

Kann die Nachrichten nicht mehr lesen ohne wĂŒtend zu werden. In Stuttgart marschieren zehntausend Menschen ohne Masken oder AbstĂ€nde. Steine fliegen. Die Polizei schaut zu. Ist das euer Ernst?

Eine dritte Welle rollt. Schulen und BĂŒros bleiben offen. Wir bekommen es als selbsternanntes Vorzeige-Land nicht hin, die Gemeinschaft zĂŒgig zu impfen. Jedes Bundesland sucht eine eigene Lösung zur Vergabe von Terminen. Digitalisierung die Königsdisziplin. WĂ€hrend die (noch) stĂ€rkste Partei sich in Korruptionen verstrickt. Alles schreit nach Hilflosigkeit.

Ich bin mĂŒde und antriebslos. Damit bin ich nicht alleine – was es noch schlimmer macht. Schlafe schlecht und trĂ€ume noch schlechter. Rituale und Strukturen tragen durch den Tag. Augenringe strahlen in der Nacht. Hab ein wenig die Hoffnung verloren. Neben meinen Haaren.

Auch das gehört dazu. Auch das ist mein Leben. Alles eine Phase.

Fragmente 👊 Februar 2021

Vielleicht liegt es an der Sonne. Vielleicht an der Tatsache, dass die Eisdielen wieder offen haben. Und ich auf dem Rad durch Hamburg streife. Der Februar war gut. Und ich habe die große Hoffnung, dass die nĂ€chsten Monate noch besser werden. Dass Selbsttests kleine Runden mit Freunden erlauben. Wochenendurlaube wieder möglich werden. Bis dahin sind es kleine AusflĂŒge an die Elbe. Oder ins Naherholungsgebiet Klövensteen, das ich jetzt erst nach 10 Jahren Hamburg entdeckt habe. Vogelgezwitscher. BĂ€ume, die ihre Schatten auf uns werfen. Nichts als Natur. 🌳


Diese Auszeiten tun gut, denn im Februar habe ich viel angestoßen. Bin mit dem ID.3 von WeShare durch Hamburg gefahren und hab meine Erfahrungen auf lautlos.hamburg geteilt. Auf der Arbeit dreht sich viel um Communities und Formate fĂŒr Begegnungen. Virtuell durfte ich dann bei nextMedia.Live erzĂ€hlen, weshalb diese Gemeinschaften speziell fĂŒr Medienmarken interessant sind – eine Mitschrift findest du hier. Und zuletzt sprach ich mit der Hamburg Media School ĂŒber meinen Beruf. Die nĂ€chsten Wochen dĂŒrfen gerne etwas leiser werden. đŸ€«


Denn so gerne ich neue Menschen kennenlerne und ĂŒber Interessen spreche, so gerne bin ich auch fĂŒr mich. Probiere Dinge aus. Versuche sie zu durchdringen, wie man es frĂŒher schon als Kind machte. TĂŒr zu und spielen. Momentan ist es der Kosmos NoCode und LowCode, den ich spannend finde. Er umfasst Tools, die es ermöglichen komplexe Anwendungen ĂŒber eine visuelle OberflĂ€che zu entwickeln. Ein VerstĂ€ndnis ĂŒber Architekturen und Programmiersprachen ist sinnvoll – dominiert aber nicht. Und so kann man schnell LösungsansĂ€tze verproben. FĂŒr den Start empfehle ich die #100daysofnocode oder Makerpad. Webseiten baue ich in Webflow, Daten landen in Airtable und Anbindungen geschehen leicht ĂŒber Zapier.

Aber: Das nĂ€chste Projekt wird dann analog. Zum Anfassen. 📓


Im letzten Monat schwĂ€rmte ich ein bisschen ĂŒber BookBeat. Neben Podcasts höre ich mittlerweile immer lieber auch HörbĂŒcher – gerade von Sibylle Berg: Der Tag, als meine Frau einen Mann fand. Immer wieder verstörend, aber auch in ganz vielen Momenten nur allzu bekannt.

Musikalisch hat mich in den letzten Monaten leider nur wenig ĂŒberrascht. Aber eine Person schafft es seit Jahren: Maeckes. Er begleitet mich seit meiner Stuttgart-Zeit. Ob mit den Orsons oder alleine. Seine unperfekte Art. Ein Loser, den ich sehr mag. Nun ist er zurĂŒck am Pool. Ganz einfach. đŸ„ł

Einfach ist es auch fĂŒr Menschen wie mich. Weiß und privilegiert. Aufgewachsen auf dem Dorf. Als Mann. Durfte studieren. Mich immer frei bewegen. Oft ist mir das nicht bewusst. Gut, wenn man darauf aufmerksam gemacht wird, dass wir alle in einem Happyland leben. Audio88 & Yassin haben schon immer versucht mit zeitgeistigen Alben zu provozieren. Auch wenn sie den Zeitgeist nicht mögen. Ihr Album „Todesliste“ ist voller Wut und Verzweiflung. Deswegen nicht ganz leicht, aber genau deswegen gut. 👊


Weniger an sich denken. Und verstehen, was in den anderen vorgeht. Zuhören. Und Wege finden, dass es uns als Gemeinschaft besser geht. Das wÀre doch mal was. Kommt gut durch den MÀrz.

Menschen brauchen Gemeinschaften

Wie Medienmarken geschĂŒtzte RĂ€ume gestalten können

Als wir zu Beginn der Corona-Pandemie mit den Nutzerinnen und Nutzern von brand eins sprachen, lernte ich von einem wachsenden Wunsch: Die Suche nach Gleichgesinnten und geschĂŒtzten RĂ€umen. In einer solchen Krise braucht es weniger neue Inhalte und Formate, sondern mehr Dialog. Eine Gemeinschaft, die moderiert miteinander wĂ€chst.

Und so begann ich mich damit zu beschĂ€ftigen, wie Medienmarken geschĂŒtzte RĂ€ume gestalten können.

Dieser Artikel sammelt Gedanken und Beispiele, die ich bei meinem Impulsvortrag fĂŒr nextMedia.Live vorgestellt habe.

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Fragmente 📓 Januar 2021

MĂ€h. Es nervt, auch wenn es sein muss. Die Wochen ziehen an mir vorbei. Draußen ist es die meiste Zeit grau. Und ich vermisse es mit Freunden zusammen zu sein. Restaurants auszuprobieren. Andere LĂ€nder mit Svenja erkunden. Mit Kollegen in einem Raum zu arbeiten. Aber hilft ja nichts. Bis es wieder ins BĂŒro geht, schaue ich mir einfach diese tollen Bilder an – sie wurden von POPO aus Bremen gemacht, die brand eins beim Umzug unterstĂŒtzen. Jetzt ist es bald ein Jahr her, seitdem die Flure voll und KonferenzrĂ€ume laut waren. đŸ˜·


Irgendwann im letzten Jahr begann ich wieder mit dem Tagebuchschreiben. Wollte rausfinden, wie sich meine Stimmung entwickelt. Was die Pandemie mit mir macht. Wie sich die Arbeit auf meinen Schlaf auswirkt. Oder welche kleinen Momente man erleben durfte. FrĂŒher waren es NotizbĂŒcher – heute ist es die App Day One. Sie erlaubt das Aufzeichnen von Textfetzen, Sprachnachrichten und Bildern. Nebenbei werden aber auch Metainformationen gespeichert – wie dasWetter oder der Ort. Dienste wie Instagram können angebunden werden. Und die App erinnert mich, was vor einigen Jahren so passiert ist. Ich mag das, weil man so ein GefĂŒhl fĂŒr Phasen bekommt. Manchmal kommt es mir vor, als sei alles doof. Seit langer Zeit. Und dann sehe ich, dass es mir vor wenigen Tagen noch gut ging. Erkenne, wie glĂŒcklich mich kleine AusflĂŒge in die Natur machen. Wie wichtig gutes Essen und Spazieren ist. Und dass ich weiterhin weniger in Streams rumhĂ€ngen sollte. 📔


Entweder es gibt momentan nur wenig gute Serien oder die Mediatheken sind leergeschaut. Bei mir hat sich ein GefĂŒhl von SĂ€ttigung eingestellt. Apple TV+ und Disney Plus laufen in diesen Tagen aus – werden nicht verlĂ€ngert. DafĂŒr höre ich wieder mehr HörbĂŒcher. Seit ein paar Tagen bei BookBeat. Mag die App, die intuitiv ist und das tut, was sie soll. Die Auswahl ist gut – auch wenn mir einige BĂŒcher fehlen, ist die Warteschlange lang. Gerade höre ich Utopien fĂŒr Realisten, Die KĂ€nguru-Chroniken und Bilder deiner großen Liebe. Irgendwie erinnert mich viel an die Kindheit, wo ich Benjamin BlĂŒmchen Kassetten mit mir durch die Jahre trug. Auf dem Sofa liegen, spazieren, kochen oder putzen – alles möglich. Und dabei gute Geschichten hören. 🎧


Geschichten können nicht nur Einzelpersonen mitreißen, sie helfen auch Menschen miteinander zu verbinden. Über sie werden ErzĂ€hlungen weitergetragen, Werte kommuniziert. Im letzten Jahr habe ich in NutzergesprĂ€chen gelernt, wie sehr sich gerade alle nach Gemeinschaften sehnen. Sie möchten nicht alleine sein, wenn Ungewissheit und Unsicherheit tĂ€gliche Begleiter sind. Seitdem beschĂ€ftigt mich das Thema. Denke ĂŒber mögliche Produkte nach, aber lese auch viel ĂŒber die Merkmale guter Gemeinschaften. Im Rahmen einer Veranstaltung spreche ich demnĂ€chst darĂŒber – erste Gedanken wurden bereits bei nextMedia.Hamburg aufgegriffen, noch mehr folgt an dieser Stelle in den kommenden Wochen.

Ich glaube fest daran, dass man Gedanken und Erfahrungen teilen muss. Deswegen schreib ich diesen Blog. Deswegen mag ich die Arbeit in Teams. Empathie entsteht nur durch einen Perspektivenwechsel. Deshalb bin ich auch sehr glĂŒcklich, dass ich beim nextMedia.Beirat teilnehmen darf und mit 30 Akteur:innen ĂŒber ein Hamburger Innovationsökosystem nachdenken kann. 🙏


Zum Schluss noch eine Prise Selbsterkenntnis: Ja, auch ich ertappe mich manchmal dabei, wie ich romantische Szenen in Filmen sehe und denke: Hach. Blindes VerstĂ€ndnis. Bedingungslose Liebe. Totale Ehrlichkeit. Und im selben Moment erkenne ich, wie fern dieses Bild dann doch von der RealitĂ€t ist. Wie komplex ich bin und wie selten ich verstehe, warum ich Dinge tue wie ich sie tue. Wie soll jemand anderes da durchblicken? Immer die richtige Antwort haben? Und wie kann ich erwarten, dass es so einfach ist – dieses komplexe Konstrukt Liebe? Alain de Botton beschĂ€ftigt sich deutlich wortgewandter als ich mit der Frage, weshalb Romantiker die Liebe ruinieren. Und was eine gute Beziehung ausmacht. 💛


Es ist eben alles nicht so einfach. Und das ist okay. Wir alle probieren rum. Verstehen tĂ€glich ein bisschen mehr. Machen Fehler. Tun uns weh. Entschuldigen uns. Sprechen darĂŒber. Gehen gemeinsam weiter.

Darum geht es. Habt einen schönen Februar đŸ€—

RĂŒckblick. 2020.

„Ein Jahr voller GegensĂ€tze liegt hinter mir. Vollgas. Vollbremsung. Lachen. Weinen. Tanzen. Springen. Schubsen.“ – so endete 2019. Und diesmal war wieder alles anders. Ungewohnt und schmerzhaft. Denn 2020 zeigte uns auf brutale Weise, wie zerbrechlich alles ist. Wie zerbrechlich unsere „NormalitĂ€t“ ist. Ein unfassbar anstrengendes Jahr. Dominiert von einer Pandemie, die uns alle ans Limit brachte. Unsicherheiten und Ängste in allen Schichten. Habe MitgefĂŒhl mit Hinterbliebenen, die oft ohne Abschied Abschied nehmen mussten. Tiefen Respekt vor Ärztinnen und Ärzten, den PflegekrĂ€ften und Angestellten in Altersheimen, Hilfsorganisationen, KrankenhĂ€usern. Und nein, auf dem Balkon stehen und klatschen reicht nicht aus. Habe Mitleid mit Menschen, die unter den EinschrĂ€nkungen leiden: Einsame Menschen, kranke Menschen, zurĂŒckgelassene Menschen, mittellose Menschen. Habe kein Mitleid mit GroßaktionĂ€ren, deren Dividenden jetzt der Staat zahlt – dafĂŒr aber Klimapolitik und Infrastruktur vernachlĂ€ssigt. Habe VerstĂ€ndnis fĂŒr Ängste und Sorgen. Habe kein VerstĂ€ndnis fĂŒr Verschwörungstheorien, Ignoranz, Hetze und Hass. Egal, ob gegen den Staat oder einzelne Menschen. Werde mir tĂ€glich mehr bewusst, dass Rassismus ein strukturelles Problem ist. Wie mĂ€chtig und verletzend Sprache sein kann. Wie eingeschrĂ€nkt der eigene Blick ist. Meist erblickt er nicht einmal das GegenĂŒber.

Ich habe großes GlĂŒck enorme Privilegien. Niemand aus dem Freundeskreis oder der Familie verloren. Zögerliche Umarmungen. Irgendwann nur noch ein Winken aus der Ferne. Ausgedehnte SpaziergĂ€nge und Telefonate. Nein, ein Zoom-Meeting ersetzt keine BerĂŒhrung. Dennoch froh, dass es Alternativen gab. Froh ĂŒber einen Job, der von ĂŒberall machbar ist. Über Hobbys, die an keinen festen Ort gebunden sind. Konnte meine GefĂŒhle offen teilen und in geschĂŒtzten RĂ€umen hinterfragen. Merke fĂŒr mich, wie entscheidend Orte sind. Orte, an denen man unverstellt sein kann. Habe versucht, weniger Zeit in den Streams zu verbringen. Sie dafĂŒr mit mir selbst zu verbringen. Mit dem Fahrrad lautlos durch Hamburg. Durchatmen. Geschehen lassen.

Durchatmen. Draußen.

Es war ein Jahr der kleinen Schritte. Sprichwörtlich. War nur einmal kurz in Österreich. Ansonsten viel in den eigenen vier WĂ€nden. Hab Hamburg erkundet. Und ein bisschen Bergluft geschnuppert. Chiemgauer Alpen. Harz. War kein einziges Mal in der Heimat. Nur einmal am Meer. Vier Bilder auf Instagram. Aber ist das schlimm? Vermisse ich etwas? Braucht es große Reisen? Hab noch keine Antwort gefunden. Nicht schlimm Es wird noch eine Weile dauern, bis ich das nĂ€chste Flugzeug betrete. Umso mehr freue ich mich auf Freunde in Berlin, Potsdam, Kiel, Stuttgart oder Wustenriet.

Wandern in den Chiemgauer Alpen

Was frĂŒher Last.fm machte, geschieht nun automatisch am Jahresende durch Spotify. Ein RĂŒckblick auf das musikalische Jahr – wieder ohne große Überraschungen. Hip Hop und Pop haben mich begleitet. DafĂŒr deutlich seltener, weil die Bahnfahrten weggefallen sind. Insgesamt 278 Stunden streamte ich KĂŒnstler wie Fatoni, Dexter oder Bosse. Aber auch Fynn Kliemann – mit dem ich mich mittlerweile deutlich seltener vergleiche. Mich ĂŒberraschten Run The Jewels und Yassin mit seinem Unplugged-Album.

Vielleicht liegt es an diesem Jahr, dass nur wenige Serien und Filme hĂ€ngen geblieben sind – obwohl man gefĂŒhlt viel Zeit mit Netflix und Co. verbrachte. Alles zog vorbei. Eine gewisse MĂŒdigkeit setzte ein. Überzeugen konnten mich die Kurzserien Liebe und Anarchie und Das Damengambit. Aber auch die zweite Staffel von After LifeTed Lasso und The Morning Show taten auch gut. The Last Dance erinnerte mich an meine Jugend – 21 spielen und das Michael Jordan Poster an der Wand.

Was ich momentan am meisten vermisse sind Abende mit Freunden, Restaurants, CafĂ©s und Kinos. Einmal hab ich es ins Savoy geschafft. Parasite – ein doch sehr verrĂŒckter, aber auch guter Film gesehen. Daneben nur Streams. Hamilton war toll. Und Soul zum Ende des Jahres berĂŒhrend.

Ansonsten war es das Jahr der Podcasts. Erneut. Ich verbrachte Stunden im Hotel Matze, hab Deutschland3000 und die Lage der Nation verfolgt. Apokalypse & Filterkaffee und Baywatch Berlin brachten mich zum Lachen.

RĂŒckzug

FĂŒr 2020 hatte ich mir vorgenommen ehrlicher zu sein. Zu mir und auch zu anderen. Ohne diese Ehrlichkeit hĂ€tte ich das Jahr auch nicht so gut ĂŒberstanden. War verunsichert wie viele andere auch. Musste Gewohntes aufgeben, damit andere geschĂŒtzt werden. Sich selbst zurĂŒcknehmen – und gleichzeitig beobachten mĂŒssen, wie sich ganz viele in den Mittelpunkt der Erde rĂŒckten. Schaue optimistisch auf das kommende Jahr. Der Impfstoff kommt. Trump geht. Spannend wird die Frage, ob die Polarisierung weitergeht. Immer extreme Meinungen. Immer weniger VerstĂ€ndnis.

DarĂŒber reden ist ein Anfang. Miteinander reden sollte das Ziel sein. Versuche mich darin. Und lasse 2021 auf mich zukommen. ✌