Andreas Spiegler

Schreiben. Stolpern. Schluckauf.

Fragmente đŸŠžâ€â™‚ïž April 2021

Den MĂ€rz hatte ich mit einem GefĂŒhl zusammengefasst: MĂŒdigkeit. Und damit scheine ich nicht alleine zu sein. Es tut verdammt gut, dass wir mittlerweile deutlich ehrlicher ĂŒber diesen Zustand sprechen. Mit Freunden, aber auch auf der Arbeit. Wo zu oft eine Fassade aufrecht erhalten wird: Wir mĂŒssen abliefern und Leistung erbringen. DafĂŒr erhalten wir ein Gehalt. SchwĂ€chen zeigen macht angreifbar. Ersetzbar. Auch ich habe lange Zeit nicht begriffen, wieviel Energie dieser Automatismus frisst. Diese Leere am Feierabend – ausgelaugt vom Überspielen.

Mittlerweile habe ich viel mehr Respekt vor Ehrlichkeit im Job. Wenn ich das GefĂŒhl habe, jemand gibt sich MĂŒhe – hat aber wie alle seine bzw. ihre Phasen, in denen es schwer fĂ€llt. Ein klarer Weg nicht wirklich erkennbar ist. Dieses GefĂŒhl möchte ich aushalten. Nicht direkt Lösungen und Strategien entwickeln, sondern akzeptieren. Gehört alles dazu. đŸ€—


Kurt Krömer ist auch nur eine Fassade. Eine Kunstfigur von Alexander Bojcan. Umso schöner finde ich es, wie er in den letzten Folgen von Chez Krömer mich als Zuschauer hinter diese Rolle blicken lĂ€sst. Im GesprĂ€ch mit Torsten StrĂ€ter erzĂ€hlt er von seiner Depression. Seiner stationĂ€ren Behandlung in einer Zeit, wo jeder daheim mit sich ringt. Er lĂ€sst NĂ€he zu, konfrontiert dann aber in der nĂ€chsten Folge Frauke Petry oder wundert sich ĂŒber Thomas Hornauer. Ein Wechselbad aus GefĂŒhlen 🙃


Ähnlich wechselhaft erlebte ich Roman „Immer noch wach“ von Fabian Neidhardt. Der Protagonist erhĂ€lt eine Diagnose. Eine von diesen Diagnosen, die alles verĂ€ndert. Die in einem Hospiz enden soll. Also den Tod bedeutet. Die Geschichte packte mich von Anbeginn – riss mich durch unterschiedlichste GefĂŒhle. Links. Rechts. Oben. Unten. Kurz grinst man, um nur wenige Seiten spĂ€ter wieder tieftraurig aus dem Fenster zu starren. Ich mag das. Und ich mag Fabian, den ich persönlich kenne. Ich mag die Vorstellung, wie er die Idee nach und nach ausgearbeitet hat. Und nun durfte ich sie fĂŒr mich entdecken. Sie in meiner FĂ€rbung durchleben. ♟


Überhaupt braucht es mehr Geschichten, die uns ĂŒberfluten. Uns so zwingen darĂŒber nachzudenken, was ein Ereignis mit uns persönlich oder als Gemeinschaft machen wĂŒrde. Ein Artikel bei 1E9 geht noch einen Schritt weiter und fordert mehr Dystopien. Was wĂ€re, wenn wir viel öfter auch schlimme Szenarien im Kopf, auf dem Bildschirm oder im Theater durchspielen wĂŒrden? Wenn wir bereits im Vorfeld spĂŒren könnten, was das mit uns machen wĂŒrde. Eine Art Simulation in unseren Gedanken. Und bestenfalls ein Weckruf, der uns ins Handeln bringt.

„Junge Erwachsene beschrieben, wie das ‚wirklich rebellische GefĂŒhl‘ dystopischer Fiktion sie wĂŒtend und bereit zum Handeln machte und ihnen das GefĂŒhl gab, dass auch normale Menschen ‚den Status quo herausfordern‘ und ‚gegen das System rebellieren‘ können“

Calvert W. Jones und Celia Paris 

Keine Dystopien, sondern leider reale Begebenheiten erzĂ€hlt der Podcast Darknet Diaries. Ich persönlich bin kein großer Fan von True Crime. Möchte nicht stĂ€ndig von Mord und Habgier lesen oder hören. Anders ist dies bei virtuellen Verbrechen – wer einmal gehackt wurde oder sich sowieso mit der Materie IT beschĂ€ftigt, weiß wie schnell Systeme zweckentfremdet werden können. Aber auch ohne direkten Bezug zum Thema sind die Folgen ĂŒberaus spannend und eindringlich erzĂ€hlt. Sie zeigen, wie fragil Systeme sind, welchen Wert Daten haben und was Cyberkriminelle antreibt. đŸ‘Ÿ


Sodela. Geschafft. Wieder ein Monat rum. Wir alle im Wartemodus. Musik macht diesen ein bisschen ertrÀglicher. Trotz Handbremse.

Noch mehr gute Musik? Gibt es in meiner Spotify-Playlist. ✌

Fragmente 😮 MĂ€rz 2021

Ich bin verdammt mĂŒde. Ein GefĂŒhl, das seit Monaten in mir nach Raum greift. Vakuum. Immer wieder schaffe ich es mich aufzuraffen. Um dann wenige Wochen spĂ€ter wieder antriebslos im Bett zu liegen.

Kann die Nachrichten nicht mehr lesen ohne wĂŒtend zu werden. In Stuttgart marschieren zehntausend Menschen ohne Masken oder AbstĂ€nde. Steine fliegen. Die Polizei schaut zu. Ist das euer Ernst?

Eine dritte Welle rollt. Schulen und BĂŒros bleiben offen. Wir bekommen es als selbsternanntes Vorzeige-Land nicht hin, die Gemeinschaft zĂŒgig zu impfen. Jedes Bundesland sucht eine eigene Lösung zur Vergabe von Terminen. Digitalisierung die Königsdisziplin. WĂ€hrend die (noch) stĂ€rkste Partei sich in Korruptionen verstrickt. Alles schreit nach Hilflosigkeit.

Ich bin mĂŒde und antriebslos. Damit bin ich nicht alleine – was es noch schlimmer macht. Schlafe schlecht und trĂ€ume noch schlechter. Rituale und Strukturen tragen durch den Tag. Augenringe strahlen in der Nacht. Hab ein wenig die Hoffnung verloren. Neben meinen Haaren.

Auch das gehört dazu. Auch das ist mein Leben. Alles eine Phase.

Fragmente 👊 Februar 2021

Vielleicht liegt es an der Sonne. Vielleicht an der Tatsache, dass die Eisdielen wieder offen haben. Und ich auf dem Rad durch Hamburg streife. Der Februar war gut. Und ich habe die große Hoffnung, dass die nĂ€chsten Monate noch besser werden. Dass Selbsttests kleine Runden mit Freunden erlauben. Wochenendurlaube wieder möglich werden. Bis dahin sind es kleine AusflĂŒge an die Elbe. Oder ins Naherholungsgebiet Klövensteen, das ich jetzt erst nach 10 Jahren Hamburg entdeckt habe. Vogelgezwitscher. BĂ€ume, die ihre Schatten auf uns werfen. Nichts als Natur. 🌳


Diese Auszeiten tun gut, denn im Februar habe ich viel angestoßen. Bin mit dem ID.3 von WeShare durch Hamburg gefahren und hab meine Erfahrungen auf lautlos.hamburg geteilt. Auf der Arbeit dreht sich viel um Communities und Formate fĂŒr Begegnungen. Virtuell durfte ich dann bei nextMedia.Live erzĂ€hlen, weshalb diese Gemeinschaften speziell fĂŒr Medienmarken interessant sind – eine Mitschrift findest du hier. Und zuletzt sprach ich mit der Hamburg Media School ĂŒber meinen Beruf. Die nĂ€chsten Wochen dĂŒrfen gerne etwas leiser werden. đŸ€«


Denn so gerne ich neue Menschen kennenlerne und ĂŒber Interessen spreche, so gerne bin ich auch fĂŒr mich. Probiere Dinge aus. Versuche sie zu durchdringen, wie man es frĂŒher schon als Kind machte. TĂŒr zu und spielen. Momentan ist es der Kosmos NoCode und LowCode, den ich spannend finde. Er umfasst Tools, die es ermöglichen komplexe Anwendungen ĂŒber eine visuelle OberflĂ€che zu entwickeln. Ein VerstĂ€ndnis ĂŒber Architekturen und Programmiersprachen ist sinnvoll – dominiert aber nicht. Und so kann man schnell LösungsansĂ€tze verproben. FĂŒr den Start empfehle ich die #100daysofnocode oder Makerpad. Webseiten baue ich in Webflow, Daten landen in Airtable und Anbindungen geschehen leicht ĂŒber Zapier.

Aber: Das nĂ€chste Projekt wird dann analog. Zum Anfassen. 📓


Im letzten Monat schwĂ€rmte ich ein bisschen ĂŒber BookBeat. Neben Podcasts höre ich mittlerweile immer lieber auch HörbĂŒcher – gerade von Sibylle Berg: Der Tag, als meine Frau einen Mann fand. Immer wieder verstörend, aber auch in ganz vielen Momenten nur allzu bekannt.

Musikalisch hat mich in den letzten Monaten leider nur wenig ĂŒberrascht. Aber eine Person schafft es seit Jahren: Maeckes. Er begleitet mich seit meiner Stuttgart-Zeit. Ob mit den Orsons oder alleine. Seine unperfekte Art. Ein Loser, den ich sehr mag. Nun ist er zurĂŒck am Pool. Ganz einfach. đŸ„ł

Einfach ist es auch fĂŒr Menschen wie mich. Weiß und privilegiert. Aufgewachsen auf dem Dorf. Als Mann. Durfte studieren. Mich immer frei bewegen. Oft ist mir das nicht bewusst. Gut, wenn man darauf aufmerksam gemacht wird, dass wir alle in einem Happyland leben. Audio88 & Yassin haben schon immer versucht mit zeitgeistigen Alben zu provozieren. Auch wenn sie den Zeitgeist nicht mögen. Ihr Album „Todesliste“ ist voller Wut und Verzweiflung. Deswegen nicht ganz leicht, aber genau deswegen gut. 👊


Weniger an sich denken. Und verstehen, was in den anderen vorgeht. Zuhören. Und Wege finden, dass es uns als Gemeinschaft besser geht. Das wÀre doch mal was. Kommt gut durch den MÀrz.

Menschen brauchen Gemeinschaften

Wie Medienmarken geschĂŒtzte RĂ€ume gestalten können

Als wir zu Beginn der Corona-Pandemie mit den Nutzerinnen und Nutzern von brand eins sprachen, lernte ich von einem wachsenden Wunsch: Die Suche nach Gleichgesinnten und geschĂŒtzten RĂ€umen. In einer solchen Krise braucht es weniger neue Inhalte und Formate, sondern mehr Dialog. Eine Gemeinschaft, die moderiert miteinander wĂ€chst.

Und so begann ich mich damit zu beschĂ€ftigen, wie Medienmarken geschĂŒtzte RĂ€ume gestalten können.

Dieser Artikel sammelt Gedanken und Beispiele, die ich bei meinem Impulsvortrag fĂŒr nextMedia.Live vorgestellt habe.

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Fragmente 📓 Januar 2021

MĂ€h. Es nervt, auch wenn es sein muss. Die Wochen ziehen an mir vorbei. Draußen ist es die meiste Zeit grau. Und ich vermisse es mit Freunden zusammen zu sein. Restaurants auszuprobieren. Andere LĂ€nder mit Svenja erkunden. Mit Kollegen in einem Raum zu arbeiten. Aber hilft ja nichts. Bis es wieder ins BĂŒro geht, schaue ich mir einfach diese tollen Bilder an – sie wurden von POPO aus Bremen gemacht, die brand eins beim Umzug unterstĂŒtzen. Jetzt ist es bald ein Jahr her, seitdem die Flure voll und KonferenzrĂ€ume laut waren. đŸ˜·


Irgendwann im letzten Jahr begann ich wieder mit dem Tagebuchschreiben. Wollte rausfinden, wie sich meine Stimmung entwickelt. Was die Pandemie mit mir macht. Wie sich die Arbeit auf meinen Schlaf auswirkt. Oder welche kleinen Momente man erleben durfte. FrĂŒher waren es NotizbĂŒcher – heute ist es die App Day One. Sie erlaubt das Aufzeichnen von Textfetzen, Sprachnachrichten und Bildern. Nebenbei werden aber auch Metainformationen gespeichert – wie dasWetter oder der Ort. Dienste wie Instagram können angebunden werden. Und die App erinnert mich, was vor einigen Jahren so passiert ist. Ich mag das, weil man so ein GefĂŒhl fĂŒr Phasen bekommt. Manchmal kommt es mir vor, als sei alles doof. Seit langer Zeit. Und dann sehe ich, dass es mir vor wenigen Tagen noch gut ging. Erkenne, wie glĂŒcklich mich kleine AusflĂŒge in die Natur machen. Wie wichtig gutes Essen und Spazieren ist. Und dass ich weiterhin weniger in Streams rumhĂ€ngen sollte. 📔


Entweder es gibt momentan nur wenig gute Serien oder die Mediatheken sind leergeschaut. Bei mir hat sich ein GefĂŒhl von SĂ€ttigung eingestellt. Apple TV+ und Disney Plus laufen in diesen Tagen aus – werden nicht verlĂ€ngert. DafĂŒr höre ich wieder mehr HörbĂŒcher. Seit ein paar Tagen bei BookBeat. Mag die App, die intuitiv ist und das tut, was sie soll. Die Auswahl ist gut – auch wenn mir einige BĂŒcher fehlen, ist die Warteschlange lang. Gerade höre ich Utopien fĂŒr Realisten, Die KĂ€nguru-Chroniken und Bilder deiner großen Liebe. Irgendwie erinnert mich viel an die Kindheit, wo ich Benjamin BlĂŒmchen Kassetten mit mir durch die Jahre trug. Auf dem Sofa liegen, spazieren, kochen oder putzen – alles möglich. Und dabei gute Geschichten hören. 🎧


Geschichten können nicht nur Einzelpersonen mitreißen, sie helfen auch Menschen miteinander zu verbinden. Über sie werden ErzĂ€hlungen weitergetragen, Werte kommuniziert. Im letzten Jahr habe ich in NutzergesprĂ€chen gelernt, wie sehr sich gerade alle nach Gemeinschaften sehnen. Sie möchten nicht alleine sein, wenn Ungewissheit und Unsicherheit tĂ€gliche Begleiter sind. Seitdem beschĂ€ftigt mich das Thema. Denke ĂŒber mögliche Produkte nach, aber lese auch viel ĂŒber die Merkmale guter Gemeinschaften. Im Rahmen einer Veranstaltung spreche ich demnĂ€chst darĂŒber – erste Gedanken wurden bereits bei nextMedia.Hamburg aufgegriffen, noch mehr folgt an dieser Stelle in den kommenden Wochen.

Ich glaube fest daran, dass man Gedanken und Erfahrungen teilen muss. Deswegen schreib ich diesen Blog. Deswegen mag ich die Arbeit in Teams. Empathie entsteht nur durch einen Perspektivenwechsel. Deshalb bin ich auch sehr glĂŒcklich, dass ich beim nextMedia.Beirat teilnehmen darf und mit 30 Akteur:innen ĂŒber ein Hamburger Innovationsökosystem nachdenken kann. 🙏


Zum Schluss noch eine Prise Selbsterkenntnis: Ja, auch ich ertappe mich manchmal dabei, wie ich romantische Szenen in Filmen sehe und denke: Hach. Blindes VerstĂ€ndnis. Bedingungslose Liebe. Totale Ehrlichkeit. Und im selben Moment erkenne ich, wie fern dieses Bild dann doch von der RealitĂ€t ist. Wie komplex ich bin und wie selten ich verstehe, warum ich Dinge tue wie ich sie tue. Wie soll jemand anderes da durchblicken? Immer die richtige Antwort haben? Und wie kann ich erwarten, dass es so einfach ist – dieses komplexe Konstrukt Liebe? Alain de Botton beschĂ€ftigt sich deutlich wortgewandter als ich mit der Frage, weshalb Romantiker die Liebe ruinieren. Und was eine gute Beziehung ausmacht. 💛


Es ist eben alles nicht so einfach. Und das ist okay. Wir alle probieren rum. Verstehen tĂ€glich ein bisschen mehr. Machen Fehler. Tun uns weh. Entschuldigen uns. Sprechen darĂŒber. Gehen gemeinsam weiter.

Darum geht es. Habt einen schönen Februar đŸ€—