Andreas Spiegler

Schreiben. Stolpern. Schluckauf.

Lautlos durch Hamburg

Seit ich mit meinem Umzug nach Hamburg den geliebten Audi 80 verkauft habe, genieße ich den Luxus einer Großstadt und seiner unterschiedlichen MobilitĂ€tskonzepte. Der Hamburger Verkehrsbund (HVV) stellt die Grundausstattung mit U-Bahn, S-Bahn und Bus – aber Anbieter wie mytaxi und car2go schenkten völlig neue Freiheiten. Plötzlich fuhr ich die Strecke zum Badminton mit einem Smart, holte mir ein Stadtrad fĂŒr die Fahrt zum anschließenden Grillen und das Taxi nach Hause wurde per App bestellt. Elektro-Scooter stehen (und liegen) mittlerweile an jeder Ecke, Autos hĂ€ngen an der Steckdose und mein neues Fahrrad beschleunigt per Knopfdruck auf 25 km/h. Ich finde das grandios 🙌

Deshalb war die Zeit gekommen fĂŒr ein neues Nebenprojekt. Gemeinsam mit zwei Freunden haben wir lautlos.hamburg gestartet. Wir schreiben ĂŒber unterschiedlichste MobilitĂ€tsformen und wie es sich anfĂŒhlt mit E-Auto, E-Roller und E-Bike in Hamburg unterwegs zu sein. So erzĂ€hle ich ĂŒber meine sich Ă€ndernde Haltung zu E-Bikes, wie vielfĂ€ltig der Markt fĂŒr E-Bikes ist und wie sich die Probefahrt mit dem VanMoof S3 anfĂŒhlte.

Unser neues Projekt lautlos.hamburg

Ich liebe solche Projekte. Sie starten mit einer Idee und einem Thema, das man durchdringen möchte. Und dann beginnt man einfach. Beim Hosting haben wir uns fĂŒr Uberspace entschieden – einem Hoster, der ohne viel Schnickschnack einen Server mit vollem SSH-Zugang anbietet. Der Preis ist frei wĂ€hlbar und die Dokumentation umfangreich – was fĂŒr Boris ein Traum war. Beim CMS entschieden wir uns absichtlich gegen WordPress und fĂŒr Ghost. Die Performance ĂŒberzeugte uns, denn das System konzentriert sich auf den Kern: Inhalte und das Ausspielen an Nutzer:innen. Kein umstĂ€ndliches Konfigurieren von Plugins, dafĂŒr praktische Integrationen fĂŒr wichtige Dienste wie Unsplash, Buffer oder Google Analytics.

Wir bauten ein eigenes Theme. StĂŒrzten uns ins Schreiben und Gestalten. Und sind seit dem 10. Juli online đŸ„ł Ein bisschen erinnert mich der Prozess an noRECESS – eine SchĂŒlerzeitung, die ich vor 18 Jahren digital publizierte. Nur hat man mittlerweile so viel dazu gelernt. Und es hat sich so viel verĂ€ndert. Der Spaß ist aber geblieben. Internet und Blogs 💙

Mein schmerzhafter Vergleich mit Fynn Kliemann

Ich besitze kein Haus. Habe keine eigene Firma. Kann auf dem Klavier nicht mehr als einen Flohwalzer. Singen eher so mittel. Handwerken wenn es muss. Vergleiche ich mich mit Fynn Kliemann, so könnte man denken: Da geht noch mehr. Ich kenne ihn leider nicht persönlich – nur seine Videos, Musik und Fragmente im Netz. Eines Tages stolperte ich ĂŒber ihn, wĂ€hrend er ĂŒber eine Mauer stolperte. Auf seine ganz eigene Art baut er Dinge. Im Haus. Im Web. Anderswo. Probiert rum. Regt sich auf. Flucht. Genau wie ich. Vielleicht öfter. Er macht einfach.

Ehrlich beschreibt seine Kunst fĂŒr mich am ehesten. Verfolgt man ihn auf den sozialen Medien, so wird man von seiner Neugierde angesteckt. Warum nicht mal einen Hof mit unterschiedlichsten Menschen fĂŒllen? Ein Album selbst produzieren, weil der normale Weg nicht geht oder sich falsch anfĂŒhlt? Wieso eigentlich nicht?

Gebe alles, was ich hab‘ fĂŒr alles, was ich will. Ich will ’ne ganze Menge, also geb‘ ich ganz schön viel.

Alles was ich hab

Mittlerweile arbeitet Fynn Kliemann am zweiten Album. Hat ein Mode– und ein Platten-Label. Er ist der grĂ¶ĂŸte Produzent von Masken. Und Webseiten baut er weiterhin. Gerade lief seine erste Dokumentation, die wĂ€hrend der Produktion des ersten Albums entstand. Hab sie mir angeschaut und 80 Minuten mit mir selbst gerungen. Ich merke, wie ein GefĂŒhl von Neid in mir aufsteigt. Warum kann ich das alles nicht? Warum bin ich nicht so produktiv wie er? So erfolgreich und voller Energie?

Dieser Vergleich tut weh. Er passiert stĂ€ndig. Kann ihn nur schwer verstummen lassen. Fange an, mich innerlich zu rechtfertigen. Entschuldigungen fĂŒr etwas zu suchen, das mir nie vorgeworfen wurde. Sinn macht das keinen. Aber das ist meinem Kopf egal. Treibt mich an manchen Tagen an. Und zieht mich an anderen Tagen wieder runter.

Dieser Blog war fĂŒr mich schon immer ein Raum zum Ausspeichern. Loswerden. Eine ProjektionsflĂ€che um zu verstehen, was mich bewegt. Eine Art Abbild von dem, was mich ausmacht. Vielleicht macht Fynn Kliemann nichts Anderes mit seiner Kunst. Seinen Projekten. Er versucht seinen Platz zu finden. Und vielleicht geht das nicht ohne Vergleich – auch wenn es wehtut?

Fynn Kliemann: Der Typ von nebenan
Fynn Kliemann

Raus aus den Streams

Ich bin mĂŒde geworden. Wo ich mich frĂŒherℱ noch mit strahlenden Augen durch RSS-Feeds oder den Pownce-Stream gegraben habe, fĂŒhlen sich Streams heute nur noch langweilig an. Egal auf welcher Plattform. Noch nie bin ich so vielen Menschen gefolgt, die so spannende Berufe haben und dennoch alle das Gleiche teilen: Die selben Artikel, die gleiche Kritik, Ă€hnliche Empfehlungen und Bilder, die alle an den selben Orten aufgenommen wurden. Ich bin nicht anders. Mein Instagram-Stream zeigt SonnenuntergĂ€nge. Auf LinkedIn teile ich Artikel, die mich strukturiert wirken lassen – auch wenn mein Alltag teilweise ganz schön planlos verlĂ€uft. Und auf Facebook finde ich mehr Veranstaltungen interessant als es Tage gibt, an denen ich die Wohnung verlassen werde.

Digitale Inhalte verschwimmen und zerlaufen und sind zu sehr angereichert mit Irrelevantem. Das Dilemma ist, dass man nur durch QuantitĂ€t an der OberflĂ€che bleibt, und da ist ÜberflĂŒssigkeit folglich vorprogrammiert.

Vorbei die Zeit, in der ich lange Blogartikel lese und darĂŒber Menschen kennenlerne. Mich selbst ein bisschen besser verstehe und das schöne GefĂŒhl empfinde, nicht alleine zu sein. Heute lerne ich nur noch wenig dazu. Werde selten ĂŒberrascht. Die meisten Einblicke sind geschönt. Alles wird professionalisiert. Und dadurch so unfassbar öde.

Die praktischen Vorteile sind allerdings nahezu verpufft. Keine neuen Freunde, keine neuen Einblicke auf ganz andere Bereiche der Welt. Nur anhaltend mehr vom gleichen. Zumindest in Relation zum Aufwand und den negativen Aspekten des Always-On-Lifestyles.

Jetzt könnte man denken: Das ist doch super 🙌 Endlich Zeit fĂŒr sinnvolle Dinge. Doch leider verbringe ich weiterhin viel zu viel Zeit in diesen Streams. Lasse mich treiben. Völlig anteilnahmslos. Das macht mich langsam wĂŒtend. Wo sind die Orte, an denen man wieder ĂŒberrascht wird? Wo lernt man Menschen kennen, die auch mal ĂŒber ihre Ängste sprechen und ihre Gedanken teilen? Und dafĂŒr keinen eigenen Podcast produzieren und 90-Minuten-Monologe fĂŒhren…

Bin offen fĂŒr jeden Hinweis. Und bis dahin denke ich ernsthaft darĂŒber nach, mich aus den ganzen Streams zurĂŒck zu ziehen. Und eine gehörige Portion Schlaf nachzuholen. Nachdem ich diesen Blogbeitrag in allen Streams geteilt habe. đŸ˜¶

RĂŒckblick. 2019.

Versuche wieder meine Geschwindigkeit zu finden.“ – mit diesen Worten stolperte ich in das Jahr 2019. Ein Podcast-Experiment und drei Dinge. Zahlreiche Experimente auf der Arbeit. Vom Pressehaus in eine Marzipanfabrik umgezogen. Strukturen geschaffen. Rollen definiert. WĂ€nde eingerissen. Und irgendwann eingestehen mĂŒssen, dass ich dieses Tempo nicht halten kann. Meine Geschwindigkeit unterschĂ€tzt. Notbremse. Zwei Wochen Auszeit. Die eine HĂ€lfte im Bett, die andere im Wald. Durchatmen. Bewusst wahrnehmen, was ich brauche. Grenzen eingestehen. Habe die Messlatte zu hoch gehĂ€ngt. Zu wenig auf meinen Körper gehört. Und Menschen verletzt, die mich eigentich beschĂŒtzen wollten. Konnte mich teilweise selbst nicht wieder erkennen.

Merke immer mehr, wie wichtig Einsamkeit und Zweisamkeit fĂŒr mich sind. Stand mit dir in der Sagrada Familia. Blick nach oben. Bunte Farben flackern auf unseren Wangen. Auf Usedom lassen wir uns die Haare zerzausen. Verbringen die Nacht auf einem Boot. Den Tag am Meer. Kuchen gibt es in kleinen GĂ€rten. Auf wackligen StĂŒhlen. Es braucht nicht viel, haben wir gemerkt. Und trotzdem in Istanbul alles aufgesaugt. Çay und Simit. Mein Arm um deine HĂŒfte. Das blaue Kleid und dein Grinsen. Durch die WĂ€lder von Hawaii gerutscht. Auf Berge geklettert. In Wellen gesprungen. Das erste Mal schnorcheln. Das letzte Mal Z2X. Brauche diese Auszeiten. Egal wie weit entfernt – solange ich entscheiden kann, wohin der nĂ€chste Schritt mich trĂ€gt.

Oft haben mich Podcasts bei meinen Schritten im letzten Jahr begleitet. Verfolge beigeistert StartUps, lache im Podcast Ufo und lausche an der Bar vom Hotel Matze. Kann nur schwer beschreiben, was mir an diesem Medium so gefÀllt. Es erinnert mich an meine Jugend, in der stÀndig bigFM und DASDING liefen. Ich baue eine Bindung zu den Stimmen auf. Freue mich auf neue Folgen, wie auf GesprÀche mit Freunden. Und ich glaube, dass Audio noch so viel mehr kann, wenn es um Geschichten geht.

Weitere 377 Stunden des letzten Jahres gehörten der Musik. Über mein Grinsen im Gesicht habe ich bereits geschrieben – auch wenn ich deutlich mehr ernste Musik hörte. Kummer hat deutschen Rap endlich wieder traurig gemacht. Auch meine Liebe zu Fatoni ist kein Geheimnis mehr: Er schafft es ohne elitĂ€ren Zeigefinger oder schmierige Phrasen auf den ganzen Dreck da draußen zu reagieren. Genau wie Trettmann, Yassin oder Dendemann. Momentan verstricke ich mich vielleicht zu oft in wirren Gedanken. Und die Musik hilft mir dann diese difsusen GefĂŒhle zu ordnen. Ihnen kleine Kategorien einzuheften. Mich ein bisschen besser verstanden zu fĂŒhlen.

Dieses Muster erkenne ich auch bei Serien und Filme wieder. After Life ist eine traurige Komödie, die Verlust und Hass so wunderbar vereint. Die zweite Staffel Dark hat mich in ihren Bann gezogen – auch wenn ich mittlerweile einen Spickzettel brauche, um die StrĂ€nge ĂŒberblicken zu können. Im Zug nach SĂŒddeutschland habe ich The End of the F***ing World und Fleabag begonnen. Beide ebenfalls voller Sarkasmus, um das normale Leben zu verarbeiten. FĂŒr die gute Stimmung: Silicon Valley, Brooklyn Nine-Nine und Modern Familiy.

Ein Jahr voller GegensĂ€tze liegt hinter mir. Vollgas. Vollbremsung. Lachen. Weinen. Tanzen. Springen. Schubsen. Musste auf die harte Weise lernen, wieviel Kraft es braucht, nichts zu bewegen. Wahrzunehmen. Zu reflektieren. Das hört sich alles so erwachsen an. Komme mir aber mehr vor wie ein Kind, das lernen muss. Spricht man ĂŒber solche Phasen? Teilt man seine SchwĂ€chen? Welchen Filter braucht man fĂŒr den Alltag und in welche Kategorie des Lebenslaufs kommt das GefĂŒhl MĂŒdigkeit? Was antworte ich auf die großen Fragen? Mache mir Gedanken ĂŒber meinen Job und Lieblingsserien, wĂ€hrend anderswo die Lebensgrundlage ausgelöscht wird. HĂ€nge in stylischen CafĂ©s und anderswo produzieren Kinder glĂ€ntzende GegenstĂ€nde. Beschwere mich ĂŒber hohe Mieten und S-Bahn-AusfĂ€lle, nebenan nehmen StĂŒrme und Fluten einfach alles weg. Was kann ich machen? Wie kann ich andere mitnehmen? Braucht es Trotz oder VerstĂ€ndnis?

Und auch mit dem ganzen LĂ€rm in mir drin, bin ich dankbar fĂŒr jeden Schritt. Gemeinsam oder allein. FĂŒr jedes liebe Wort. FĂŒr jede neue Bekanntschaft und jede bekannte Umarmung. Ich möchte im kommenden Jahr noch ehrlicher sein. Zu mir. Und zu Menschen, die mir wichtig sind. đŸ€—

KĂŒss mich von gestern auf heute in Istanbul

Bis vor wenigen Wochen wusste ich nicht viel von der Stadt am Bosporus. Istanbul. Die geteilte Stadt. Tradition und Moderne. Und unendlich viele Abstufungen dazwischen. Einzig das Lied von Bosse gab mir einen Vorgeschmack. Doch wollte ich mich selbst ĂŒberzeugen.

Gelandet im Nirgendwo. Zwischen Schutt, WĂ€ldern und freilaufenden Rindern. Er soll der grĂ¶ĂŸte Flughafen der Welt werden. Mehr Duty-Free-Kassen als Check-In-Schalter. Ein Urlaub der GegensĂ€tze. Untergebracht in einem wunderschönen Hotel – umgeben von kleinen Gassen. AntiquitĂ€ten, KĂŒnstler, CafĂ©s. Straßenkatzen folgen neugierig unseren neugierigen Schritten. Die GesĂ€nge des Muezzin. Ungewohnt. Alte Hafenviertel, die nun von Hipstern ĂŒbernommen werden. Çay und Simit. Beeindruckt von der Freundlichkeit. Neugierde, die sich ernstgemeint anfĂŒhlt.

Besteigen den Galataturm und ĂŒberblicken die beiden HĂ€lften. Deine Hand in meiner Hand. Zwei HĂ€lften. Beobachten die Fischer. Sie voller Zuversicht, wir voller Orientierungslosigkeit. Balık ekmek in der Hand, wĂ€hrend Wellen gegen die Hafenwand schlagen. So viele Moscheen und eine Kultur, die ich nicht schnell genug erfassen kann. Die Hagia Sophia erdrĂŒckt mich mit ihren EindrĂŒcken. Tulpen im Emirgan-Park. Licht und Schatten im GĂŒlhane-Park.

Auf dem Bazar fĂŒhlt man sich fast schon verloren. Hektik. Wir lassen uns von Stahlkolossen auf die andere Seite des Bosporus fahren. Können durchatmen auf den Prinzeninseln. FrĂŒher Verließ, heute Versteck. Steigen in den versunkenen Palast. Zeitreise im Topkapı-Palast. Du schwĂ€rmst von Filmszenen. Ich vom Essen. Augenfunkeln.

Diese Stadt hat mich völlig verzaubert. Habe mein ZeitgefĂŒhl verloren. Und auch ein bisschen mein Herz. 🕌

Ein paar der erwÀhnten Orte findet ihr bei Google Maps.