Andreas Spiegler

Schreiben. Stolpern. Schluckauf.

5 schöne Dinge

Über Fabian bin ich auf ein „Spiel“ gestoßen – ein „Stöckchen“ sagte man frĂŒherℱ in der BlogosphĂ€re. FĂŒnf schöne Dinge. Weil wir uns viel zu selten bewusst werden, was gut ist. Und gut tut.

Hier folgen fĂŒnf schöne Dinge, ungeordnet:

  1. Radfahren. Als Kind bin ich jede Straße im Dorf abgefahren. Mit dem Mountainbike durch die WĂ€lder. Heute lautlos durch die Straßen Hamburgs – mit der selben Neugierde. Beobachte Menschen. Entdecke StraßenzĂŒge und vervollstĂ€ndige die Karte im Kopf. Das sind Momente, an denen ich nicht viel nachdenke. Mich nur aufs Rollen konzentriere.
  2. Natur. Alleine oder mit Lieblingsmenschen. Durch WĂ€lder spazieren oder am Wasser entlang. Feldwege im Nirgendwo. Die Sonne im Gesicht, frische Luft, querfeldein. Mag Hawaii oder die Ostalb. Hauptsache raus.
  3. Musik. Begleitet mich in jeder Situation. Wenn ich gut gelaunt durch die Stadt spaziere oder am Schreibtisch sitze. In der Dusche. Beim Kochen. Meist deutschsprachiger Hip Hop wie Fatoni, Maeckes und Chefket. Aber auch Bosse, Von Wegen Lisbeth oder Bilderbuch. Musik gibt mir Halt und Orientierung. Schenkt mir ein Grinsen im Gesicht.
  4. Schokolade. Geht immer. Als Belohnung, zur Motivation oder als Stimmungsaufheller. M&M’s machen die Finger bunt. Ritter Sport, die man sich schön einteilen kann und doch am StĂŒck verdrĂŒckt. Oreo – ohne Aufdrehen und Milch. Manche definieren Schokolade an Hand vom Kakaogehalt. Da bin ich eher Kind geblieben: Hauptsache sĂŒĂŸ.
  5. Rumalbern. Meist ĂŒber flache Witze und Belanglosigkeiten. Aus der Situation gegriffen. Lautes Lachen bis der Schluckauf kommt.

Und du so?

Fragmente 🍂 Oktober 2020

Der Akku leer, der Kopf voll. Dieses GefĂŒhl dominiert die letzten Monate. Und daran sind gewiss nicht nur Medien und Streams schuld. Es passiert momentan so viel. In uns. In mir. Die Gesellschaft wird ein zweites Mal heruntergefahren, aber ich persönlich renne auf Anschlag.

Und so geht es vielen Freunden und Bekannten. Dieses Jahr wird dominiert durch Ungewissheit. Eilmeldungen und Zahlen ĂŒberall. Corona hat Auswirkungen auf mein Leben, aber bei weitem nicht elementar. Ich bin gesund, habe meinen Job und Menschen um mich herum. Trotzdem bringt mich diese Zeit zum Nachdenken: Was ist mir wichtig? Was brauche ich? Wo sind meine Grenzen? Worauf kann ich verzichten?

Diese Fragen – sowie selbstgewĂ€hlte oder diktierte Projekte, die mich davon ablenken sollen – halten die Maschine am Laufen. Hab teilweise viel zu kurze NĂ€chte, wache um 5 Uhr auf und muss im Dunkeln feststellen, dass ich meinen halben Bart verloren habe. Warnhinweise, die ich nicht verschweigen möchte. Glaube, wir sollten viel ehrlicher ĂŒber diese ganzen Bruchstellen und SchwĂ€chen sprechen. Deshalb teile ich nun monatlich Fragmente aus meinen Tagen. Stimmungsbilder und Einblicke. Aber auch Empfehlungen und Entdeckungen. Wie man das frĂŒherℱ so in einem Blog machte. 🙃


Spreche ich mit Freunden, so suchen viele gerade „ihren Platz“ in dieser verrĂŒckten Zeit und dem Danach. Alles scheint sich neu zu ordnen. Arbeiten im Schlafzimmer. FĂŒhrung aus der Ferne. Freundschaften ĂŒbers Telefon. Auch meine Arbeit hat sich verĂ€ndert, denn Produktmanagement in der Krise bedeutet noch mehr Zuversicht bei noch weniger Struktur. Investieren statt sparen. Spreche mit Menschen, deren erarbeitete Position und Sicherheit plötzlich wackelt. Sie suchen nach Gleichgesinnten – wollen nicht alleine durch diese Zeit. Auf öffentlichen Plattformen zeigt jeder, dass es weitergeht. Feiert kleine Erfolge. Aber oft fehlen geschĂŒtzte RĂ€ume, wo Austausch entsteht – ĂŒber Probleme und Scheitern gesprochen wird. VerstĂ€ndnis aufbringen. Hören und Dazugehören.

Das treibt mich gerade um. Und ich freue mich ĂŒber Austausch. đŸ€—


Um meine ganzen Gedanken zu ordnen, habe ich mir ein neues Notizbuch besorgt. Nichts Digitales. Nur Stift und Block, um zu jeder Uhrzeit meine losen Gedanken festzuhalten. Das tut verdammt gut. Wenn es auch nur Worte ohne Zusammenhang sind. Sie spiegeln meinen aktuellen Zustand und helfen, den ein oder anderen Strang zu ordnen. Wache ich nachts auf, schreibe ich alle Gedankenfetzen auf. Lese ich ein Buch, notiere ich ausgewĂ€hlte SĂ€tze. Beobachte ich etwas Spannendes, landen Skizzen davon auf einer leeren Seite. ✍


FrĂŒher habe ich regelmĂ€ĂŸiger NotizbĂŒcher mit Beobachtungen gefĂŒllt. Habe aus diesen SatzstĂŒcken ganze Geschichten gebaut. Ich nannte sie Einweggedanken. Und einzelne Texte haben es nun sogar in ein Buch geschafft 🙈 Lese ich heute durch die Texte, so erinnern sie mich an ein sehr emotionales Kapitel. Eine Trennung, ein Umzug, ein Neubeginn. Schreiben. Stolpern. Schluckauf. In einer Großstadt und auch im Kopf. 💙

Mein Text in der Anthologie Projekt txt von Katharina Pelham

Neben dem Schreiben hilft mir Natur, um den Kopf frei zu bekommen. Wald. Bunte BlĂ€tter, die leise rascheln. Sonne im Gesicht. Hand in Hand. Deshalb ging es fĂŒr ein paar Tage in den Harz – da fahren die Norddeutschen hin, wenn sie in die Berge gehen. Bin Dampflok gefahren, hab viel geschlafen und mir die Schuhe dreckig gemacht. So muss das. 🍂

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Raus.

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Außerdem habe ich endlich wieder einen Roman gelesen. Sophia, der Tod und ich. Der Musiker Thees Uhlmann nahm mich mit auf einen Roadtrip, dessen Ende auf den ersten Seiten verraten wird: Tod. Teilweise sehr lustig, dann wieder ehrlich-schön. Dieses GefĂŒhl hab ich vermisst. Möchte wieder mehr lesen. Abschweifen. Wer wissen möchte, welche BĂŒcher ich gerade lese, findet Antworten auf meinem Readng-Profil. 📚


Seit Juli fahre ich mit einem E-Bike durch Hamburg und fĂŒttere unregelmĂ€ĂŸig mit zwei Freunden einen Blog: lautlos.hamburg. Und wie jedes Projekt, hat auch dieses seine Höhen und Tiefen. AnfĂ€ngliche Euphorie, viel Zuspruch und die ersten Empfehlungen. Danach eine gewisse MĂŒdigkeit aka „Alltag“ – es braucht immer wieder Impulse. Und wenn es die Angst ist, dass man nicht mehr fahren darf. Denn kurz war mein VanMoof S3 auf dem Schirm der Polizei: Es fuhr zu schnell, wenn man in den Optionen spielte. Mittlerweile wurde aber alles technisch gelöst und das Rad aus der Ferne aktualisiert. VerrĂŒckte Technik. đŸšŽâ€â™‚ïž


Ja, alles wird immer komplexer. Und deshalb konzentrieren sich Designer tĂ€glich darauf, KomplexitĂ€t hinter leicht verstĂ€ndlichen und schönen OberflĂ€chen zu verstecken. Was wĂ€re aber, wenn wir den anderen Weg einschlagen und Menschen mehr ermĂ€chtigen? Ihnen erklĂ€ren, was Technologie tut und wie sie funktioniert. Sie ist schließlich nicht nur Werkzeug, sondern vielmehr Zugang. Make me think! fordert genau diese VerĂ€nderung in der Produktentwicklung. 🙌


Zum Schluss etwas unbezahlte Werbung aus voller Überzeugung: Heute ist Weltspartag. Als Kind bin ich mit Spardose und großer Vorfreude zu meiner Bank geradelt. Es gab SĂŒĂŸigkeiten und Plastik aus China. Irgendwann wechselte man zu einer Onlinebank. Da gab es dann eine kostenlose Kreditkarte fĂŒr Onlineshopping und eine schicke App. Aber was macht eine Bank ĂŒberhaupt mit meinem Geld? Diese Frage stellte ich mir erst, als ich auf Tomorrow stieß – also dieses Jahr. Die Antwort: Große Banken finanzieren zum Beispiel die RĂŒstungsindustrie. Tomorrow Ă€ndert dies und nutzt Kundeneinlagen fĂŒr nachhaltige Projekte. Außerdem werden TransaktionsgebĂŒhren, die beim Zahlen mit der Karte fließen, in Regenwald-Projekte gesteckt. Das Konto ist (mit kleinen EinschrĂ€nkungen) kostenlos und die App super. Was spricht also dagegen?! đŸŒČ


Ich wĂŒnsche euch einen schönen Start in den November. Hoffe, ihr bleibt gesund. Und freue mich ĂŒber jedes Signal aus der Isolation 👋 #staythefuckhome

Lautlos durch Hamburg

Seit ich mit meinem Umzug nach Hamburg den geliebten Audi 80 verkauft habe, genieße ich den Luxus einer Großstadt und seiner unterschiedlichen MobilitĂ€tskonzepte. Der Hamburger Verkehrsbund (HVV) stellt die Grundausstattung mit U-Bahn, S-Bahn und Bus – aber Anbieter wie mytaxi und car2go schenkten völlig neue Freiheiten. Plötzlich fuhr ich die Strecke zum Badminton mit einem Smart, holte mir ein Stadtrad fĂŒr die Fahrt zum anschließenden Grillen und das Taxi nach Hause wurde per App bestellt. Elektro-Scooter stehen (und liegen) mittlerweile an jeder Ecke, Autos hĂ€ngen an der Steckdose und mein neues Fahrrad beschleunigt per Knopfdruck auf 25 km/h. Ich finde das grandios 🙌

Deshalb war die Zeit gekommen fĂŒr ein neues Nebenprojekt. Gemeinsam mit zwei Freunden haben wir lautlos.hamburg gestartet. Wir schreiben ĂŒber unterschiedlichste MobilitĂ€tsformen und wie es sich anfĂŒhlt mit E-Auto, E-Roller und E-Bike in Hamburg unterwegs zu sein. So erzĂ€hle ich ĂŒber meine sich Ă€ndernde Haltung zu E-Bikes, wie vielfĂ€ltig der Markt fĂŒr E-Bikes ist und wie sich die Probefahrt mit dem VanMoof S3 anfĂŒhlte.

Unser neues Projekt lautlos.hamburg

Ich liebe solche Projekte. Sie starten mit einer Idee und einem Thema, das man durchdringen möchte. Und dann beginnt man einfach. Beim Hosting haben wir uns fĂŒr Uberspace entschieden – einem Hoster, der ohne viel Schnickschnack einen Server mit vollem SSH-Zugang anbietet. Der Preis ist frei wĂ€hlbar und die Dokumentation umfangreich – was fĂŒr Boris ein Traum war. Beim CMS entschieden wir uns absichtlich gegen WordPress und fĂŒr Ghost. Die Performance ĂŒberzeugte uns, denn das System konzentriert sich auf den Kern: Inhalte und das Ausspielen an Nutzer:innen. Kein umstĂ€ndliches Konfigurieren von Plugins, dafĂŒr praktische Integrationen fĂŒr wichtige Dienste wie Unsplash, Buffer oder Google Analytics.

Wir bauten ein eigenes Theme. StĂŒrzten uns ins Schreiben und Gestalten. Und sind seit dem 10. Juli online đŸ„ł Ein bisschen erinnert mich der Prozess an noRECESS – eine SchĂŒlerzeitung, die ich vor 18 Jahren digital publizierte. Nur hat man mittlerweile so viel dazu gelernt. Und es hat sich so viel verĂ€ndert. Der Spaß ist aber geblieben. Internet und Blogs 💙

Mein schmerzhafter Vergleich mit Fynn Kliemann

Ich besitze kein Haus. Habe keine eigene Firma. Kann auf dem Klavier nicht mehr als einen Flohwalzer. Singen eher so mittel. Handwerken wenn es muss. Vergleiche ich mich mit Fynn Kliemann, so könnte man denken: Da geht noch mehr. Ich kenne ihn leider nicht persönlich – nur seine Videos, Musik und Fragmente im Netz. Eines Tages stolperte ich ĂŒber ihn, wĂ€hrend er ĂŒber eine Mauer stolperte. Auf seine ganz eigene Art baut er Dinge. Im Haus. Im Web. Anderswo. Probiert rum. Regt sich auf. Flucht. Genau wie ich. Vielleicht öfter. Er macht einfach.

Ehrlich beschreibt seine Kunst fĂŒr mich am ehesten. Verfolgt man ihn auf den sozialen Medien, so wird man von seiner Neugierde angesteckt. Warum nicht mal einen Hof mit unterschiedlichsten Menschen fĂŒllen? Ein Album selbst produzieren, weil der normale Weg nicht geht oder sich falsch anfĂŒhlt? Wieso eigentlich nicht?

Gebe alles, was ich hab‘ fĂŒr alles, was ich will. Ich will ’ne ganze Menge, also geb‘ ich ganz schön viel.

Alles was ich hab

Mittlerweile arbeitet Fynn Kliemann am zweiten Album. Hat ein Mode– und ein Platten-Label. Er ist der grĂ¶ĂŸte Produzent von Masken. Und Webseiten baut er weiterhin. Gerade lief seine erste Dokumentation, die wĂ€hrend der Produktion des ersten Albums entstand. Hab sie mir angeschaut und 80 Minuten mit mir selbst gerungen. Ich merke, wie ein GefĂŒhl von Neid in mir aufsteigt. Warum kann ich das alles nicht? Warum bin ich nicht so produktiv wie er? So erfolgreich und voller Energie?

Dieser Vergleich tut weh. Er passiert stĂ€ndig. Kann ihn nur schwer verstummen lassen. Fange an, mich innerlich zu rechtfertigen. Entschuldigungen fĂŒr etwas zu suchen, das mir nie vorgeworfen wurde. Sinn macht das keinen. Aber das ist meinem Kopf egal. Treibt mich an manchen Tagen an. Und zieht mich an anderen Tagen wieder runter.

Dieser Blog war fĂŒr mich schon immer ein Raum zum Ausspeichern. Loswerden. Eine ProjektionsflĂ€che um zu verstehen, was mich bewegt. Eine Art Abbild von dem, was mich ausmacht. Vielleicht macht Fynn Kliemann nichts Anderes mit seiner Kunst. Seinen Projekten. Er versucht seinen Platz zu finden. Und vielleicht geht das nicht ohne Vergleich – auch wenn es wehtut?

Fynn Kliemann: Der Typ von nebenan
Fynn Kliemann

Raus aus den Streams

Ich bin mĂŒde geworden. Wo ich mich frĂŒherℱ noch mit strahlenden Augen durch RSS-Feeds oder den Pownce-Stream gegraben habe, fĂŒhlen sich Streams heute nur noch langweilig an. Egal auf welcher Plattform. Noch nie bin ich so vielen Menschen gefolgt, die so spannende Berufe haben und dennoch alle das Gleiche teilen: Die selben Artikel, die gleiche Kritik, Ă€hnliche Empfehlungen und Bilder, die alle an den selben Orten aufgenommen wurden. Ich bin nicht anders. Mein Instagram-Stream zeigt SonnenuntergĂ€nge. Auf LinkedIn teile ich Artikel, die mich strukturiert wirken lassen – auch wenn mein Alltag teilweise ganz schön planlos verlĂ€uft. Und auf Facebook finde ich mehr Veranstaltungen interessant als es Tage gibt, an denen ich die Wohnung verlassen werde.

Digitale Inhalte verschwimmen und zerlaufen und sind zu sehr angereichert mit Irrelevantem. Das Dilemma ist, dass man nur durch QuantitĂ€t an der OberflĂ€che bleibt, und da ist ÜberflĂŒssigkeit folglich vorprogrammiert.

Vorbei die Zeit, in der ich lange Blogartikel lese und darĂŒber Menschen kennenlerne. Mich selbst ein bisschen besser verstehe und das schöne GefĂŒhl empfinde, nicht alleine zu sein. Heute lerne ich nur noch wenig dazu. Werde selten ĂŒberrascht. Die meisten Einblicke sind geschönt. Alles wird professionalisiert. Und dadurch so unfassbar öde.

Die praktischen Vorteile sind allerdings nahezu verpufft. Keine neuen Freunde, keine neuen Einblicke auf ganz andere Bereiche der Welt. Nur anhaltend mehr vom gleichen. Zumindest in Relation zum Aufwand und den negativen Aspekten des Always-On-Lifestyles.

Jetzt könnte man denken: Das ist doch super 🙌 Endlich Zeit fĂŒr sinnvolle Dinge. Doch leider verbringe ich weiterhin viel zu viel Zeit in diesen Streams. Lasse mich treiben. Völlig anteilnahmslos. Das macht mich langsam wĂŒtend. Wo sind die Orte, an denen man wieder ĂŒberrascht wird? Wo lernt man Menschen kennen, die auch mal ĂŒber ihre Ängste sprechen und ihre Gedanken teilen? Und dafĂŒr keinen eigenen Podcast produzieren und 90-Minuten-Monologe fĂŒhren…

Bin offen fĂŒr jeden Hinweis. Und bis dahin denke ich ernsthaft darĂŒber nach, mich aus den ganzen Streams zurĂŒck zu ziehen. Und eine gehörige Portion Schlaf nachzuholen. Nachdem ich diesen Blogbeitrag in allen Streams geteilt habe. đŸ˜¶