Andreas Spiegler

Schreiben. Stolpern. Schluckauf.

Menschen brauchen Gemeinschaften

Wie Medienmarken geschĂŒtzte RĂ€ume gestalten können

Als wir zu Beginn der Corona-Pandemie mit den Nutzerinnen und Nutzern von brand eins sprachen, lernte ich von einem wachsenden Wunsch: Die Suche nach Gleichgesinnten und geschĂŒtzten RĂ€umen. In einer solchen Krise braucht es weniger neue Inhalte und Formate, sondern mehr Dialog. Eine Gemeinschaft, die moderiert miteinander wĂ€chst.

Und so begann ich mich damit zu beschĂ€ftigen, wie Medienmarken geschĂŒtzte RĂ€ume gestalten können.

Dieser Artikel sammelt Gedanken und Beispiele, die ich bei meinem Impulsvortrag fĂŒr nextMedia.Live vorgestellt habe.

Weiterlesen

Fragmente 📓 Januar 2021

MĂ€h. Es nervt, auch wenn es sein muss. Die Wochen ziehen an mir vorbei. Draußen ist es die meiste Zeit grau. Und ich vermisse es mit Freunden zusammen zu sein. Restaurants auszuprobieren. Andere LĂ€nder mit Svenja erkunden. Mit Kollegen in einem Raum zu arbeiten. Aber hilft ja nichts. Bis es wieder ins BĂŒro geht, schaue ich mir einfach diese tollen Bilder an – sie wurden von POPO aus Bremen gemacht, die brand eins beim Umzug unterstĂŒtzen. Jetzt ist es bald ein Jahr her, seitdem die Flure voll und KonferenzrĂ€ume laut waren. đŸ˜·


Irgendwann im letzten Jahr begann ich wieder mit dem Tagebuchschreiben. Wollte rausfinden, wie sich meine Stimmung entwickelt. Was die Pandemie mit mir macht. Wie sich die Arbeit auf meinen Schlaf auswirkt. Oder welche kleinen Momente man erleben durfte. FrĂŒher waren es NotizbĂŒcher – heute ist es die App Day One. Sie erlaubt das Aufzeichnen von Textfetzen, Sprachnachrichten und Bildern. Nebenbei werden aber auch Metainformationen gespeichert – wie dasWetter oder der Ort. Dienste wie Instagram können angebunden werden. Und die App erinnert mich, was vor einigen Jahren so passiert ist. Ich mag das, weil man so ein GefĂŒhl fĂŒr Phasen bekommt. Manchmal kommt es mir vor, als sei alles doof. Seit langer Zeit. Und dann sehe ich, dass es mir vor wenigen Tagen noch gut ging. Erkenne, wie glĂŒcklich mich kleine AusflĂŒge in die Natur machen. Wie wichtig gutes Essen und Spazieren ist. Und dass ich weiterhin weniger in Streams rumhĂ€ngen sollte. 📔


Entweder es gibt momentan nur wenig gute Serien oder die Mediatheken sind leergeschaut. Bei mir hat sich ein GefĂŒhl von SĂ€ttigung eingestellt. Apple TV+ und Disney Plus laufen in diesen Tagen aus – werden nicht verlĂ€ngert. DafĂŒr höre ich wieder mehr HörbĂŒcher. Seit ein paar Tagen bei BookBeat. Mag die App, die intuitiv ist und das tut, was sie soll. Die Auswahl ist gut – auch wenn mir einige BĂŒcher fehlen, ist die Warteschlange lang. Gerade höre ich Utopien fĂŒr Realisten, Die KĂ€nguru-Chroniken und Bilder deiner großen Liebe. Irgendwie erinnert mich viel an die Kindheit, wo ich Benjamin BlĂŒmchen Kassetten mit mir durch die Jahre trug. Auf dem Sofa liegen, spazieren, kochen oder putzen – alles möglich. Und dabei gute Geschichten hören. 🎧


Geschichten können nicht nur Einzelpersonen mitreißen, sie helfen auch Menschen miteinander zu verbinden. Über sie werden ErzĂ€hlungen weitergetragen, Werte kommuniziert. Im letzten Jahr habe ich in NutzergesprĂ€chen gelernt, wie sehr sich gerade alle nach Gemeinschaften sehnen. Sie möchten nicht alleine sein, wenn Ungewissheit und Unsicherheit tĂ€gliche Begleiter sind. Seitdem beschĂ€ftigt mich das Thema. Denke ĂŒber mögliche Produkte nach, aber lese auch viel ĂŒber die Merkmale guter Gemeinschaften. Im Rahmen einer Veranstaltung spreche ich demnĂ€chst darĂŒber – erste Gedanken wurden bereits bei nextMedia.Hamburg aufgegriffen, noch mehr folgt an dieser Stelle in den kommenden Wochen.

Ich glaube fest daran, dass man Gedanken und Erfahrungen teilen muss. Deswegen schreib ich diesen Blog. Deswegen mag ich die Arbeit in Teams. Empathie entsteht nur durch einen Perspektivenwechsel. Deshalb bin ich auch sehr glĂŒcklich, dass ich beim nextMedia.Beirat teilnehmen darf und mit 30 Akteur:innen ĂŒber ein Hamburger Innovationsökosystem nachdenken kann. 🙏


Zum Schluss noch eine Prise Selbsterkenntnis: Ja, auch ich ertappe mich manchmal dabei, wie ich romantische Szenen in Filmen sehe und denke: Hach. Blindes VerstĂ€ndnis. Bedingungslose Liebe. Totale Ehrlichkeit. Und im selben Moment erkenne ich, wie fern dieses Bild dann doch von der RealitĂ€t ist. Wie komplex ich bin und wie selten ich verstehe, warum ich Dinge tue wie ich sie tue. Wie soll jemand anderes da durchblicken? Immer die richtige Antwort haben? Und wie kann ich erwarten, dass es so einfach ist – dieses komplexe Konstrukt Liebe? Alain de Botton beschĂ€ftigt sich deutlich wortgewandter als ich mit der Frage, weshalb Romantiker die Liebe ruinieren. Und was eine gute Beziehung ausmacht. 💛


Es ist eben alles nicht so einfach. Und das ist okay. Wir alle probieren rum. Verstehen tĂ€glich ein bisschen mehr. Machen Fehler. Tun uns weh. Entschuldigen uns. Sprechen darĂŒber. Gehen gemeinsam weiter.

Darum geht es. Habt einen schönen Februar đŸ€—

RĂŒckblick. 2020.

„Ein Jahr voller GegensĂ€tze liegt hinter mir. Vollgas. Vollbremsung. Lachen. Weinen. Tanzen. Springen. Schubsen.“ – so endete 2019. Und diesmal war wieder alles anders. Ungewohnt und schmerzhaft. Denn 2020 zeigte uns auf brutale Weise, wie zerbrechlich alles ist. Wie zerbrechlich unsere „NormalitĂ€t“ ist. Ein unfassbar anstrengendes Jahr. Dominiert von einer Pandemie, die uns alle ans Limit brachte. Unsicherheiten und Ängste in allen Schichten. Habe MitgefĂŒhl mit Hinterbliebenen, die oft ohne Abschied Abschied nehmen mussten. Tiefen Respekt vor Ärztinnen und Ärzten, den PflegekrĂ€ften und Angestellten in Altersheimen, Hilfsorganisationen, KrankenhĂ€usern. Und nein, auf dem Balkon stehen und klatschen reicht nicht aus. Habe Mitleid mit Menschen, die unter den EinschrĂ€nkungen leiden: Einsame Menschen, kranke Menschen, zurĂŒckgelassene Menschen, mittellose Menschen. Habe kein Mitleid mit GroßaktionĂ€ren, deren Dividenden jetzt der Staat zahlt – dafĂŒr aber Klimapolitik und Infrastruktur vernachlĂ€ssigt. Habe VerstĂ€ndnis fĂŒr Ängste und Sorgen. Habe kein VerstĂ€ndnis fĂŒr Verschwörungstheorien, Ignoranz, Hetze und Hass. Egal, ob gegen den Staat oder einzelne Menschen. Werde mir tĂ€glich mehr bewusst, dass Rassismus ein strukturelles Problem ist. Wie mĂ€chtig und verletzend Sprache sein kann. Wie eingeschrĂ€nkt der eigene Blick ist. Meist erblickt er nicht einmal das GegenĂŒber.

Ich habe großes GlĂŒck enorme Privilegien. Niemand aus dem Freundeskreis oder der Familie verloren. Zögerliche Umarmungen. Irgendwann nur noch ein Winken aus der Ferne. Ausgedehnte SpaziergĂ€nge und Telefonate. Nein, ein Zoom-Meeting ersetzt keine BerĂŒhrung. Dennoch froh, dass es Alternativen gab. Froh ĂŒber einen Job, der von ĂŒberall machbar ist. Über Hobbys, die an keinen festen Ort gebunden sind. Konnte meine GefĂŒhle offen teilen und in geschĂŒtzten RĂ€umen hinterfragen. Merke fĂŒr mich, wie entscheidend Orte sind. Orte, an denen man unverstellt sein kann. Habe versucht, weniger Zeit in den Streams zu verbringen. Sie dafĂŒr mit mir selbst zu verbringen. Mit dem Fahrrad lautlos durch Hamburg. Durchatmen. Geschehen lassen.

Durchatmen. Draußen.

Es war ein Jahr der kleinen Schritte. Sprichwörtlich. War nur einmal kurz in Österreich. Ansonsten viel in den eigenen vier WĂ€nden. Hab Hamburg erkundet. Und ein bisschen Bergluft geschnuppert. Chiemgauer Alpen. Harz. War kein einziges Mal in der Heimat. Nur einmal am Meer. Vier Bilder auf Instagram. Aber ist das schlimm? Vermisse ich etwas? Braucht es große Reisen? Hab noch keine Antwort gefunden. Nicht schlimm Es wird noch eine Weile dauern, bis ich das nĂ€chste Flugzeug betrete. Umso mehr freue ich mich auf Freunde in Berlin, Potsdam, Kiel, Stuttgart oder Wustenriet.

Wandern in den Chiemgauer Alpen

Was frĂŒher Last.fm machte, geschieht nun automatisch am Jahresende durch Spotify. Ein RĂŒckblick auf das musikalische Jahr – wieder ohne große Überraschungen. Hip Hop und Pop haben mich begleitet. DafĂŒr deutlich seltener, weil die Bahnfahrten weggefallen sind. Insgesamt 278 Stunden streamte ich KĂŒnstler wie Fatoni, Dexter oder Bosse. Aber auch Fynn Kliemann – mit dem ich mich mittlerweile deutlich seltener vergleiche. Mich ĂŒberraschten Run The Jewels und Yassin mit seinem Unplugged-Album.

Vielleicht liegt es an diesem Jahr, dass nur wenige Serien und Filme hĂ€ngen geblieben sind – obwohl man gefĂŒhlt viel Zeit mit Netflix und Co. verbrachte. Alles zog vorbei. Eine gewisse MĂŒdigkeit setzte ein. Überzeugen konnten mich die Kurzserien Liebe und Anarchie und Das Damengambit. Aber auch die zweite Staffel von After LifeTed Lasso und The Morning Show taten auch gut. The Last Dance erinnerte mich an meine Jugend – 21 spielen und das Michael Jordan Poster an der Wand.

Was ich momentan am meisten vermisse sind Abende mit Freunden, Restaurants, CafĂ©s und Kinos. Einmal hab ich es ins Savoy geschafft. Parasite – ein doch sehr verrĂŒckter, aber auch guter Film gesehen. Daneben nur Streams. Hamilton war toll. Und Soul zum Ende des Jahres berĂŒhrend.

Ansonsten war es das Jahr der Podcasts. Erneut. Ich verbrachte Stunden im Hotel Matze, hab Deutschland3000 und die Lage der Nation verfolgt. Apokalypse & Filterkaffee und Baywatch Berlin brachten mich zum Lachen.

RĂŒckzug

FĂŒr 2020 hatte ich mir vorgenommen ehrlicher zu sein. Zu mir und auch zu anderen. Ohne diese Ehrlichkeit hĂ€tte ich das Jahr auch nicht so gut ĂŒberstanden. War verunsichert wie viele andere auch. Musste Gewohntes aufgeben, damit andere geschĂŒtzt werden. Sich selbst zurĂŒcknehmen – und gleichzeitig beobachten mĂŒssen, wie sich ganz viele in den Mittelpunkt der Erde rĂŒckten. Schaue optimistisch auf das kommende Jahr. Der Impfstoff kommt. Trump geht. Spannend wird die Frage, ob die Polarisierung weitergeht. Immer extreme Meinungen. Immer weniger VerstĂ€ndnis.

DarĂŒber reden ist ein Anfang. Miteinander reden sollte das Ziel sein. Versuche mich darin. Und lasse 2021 auf mich zukommen. ✌

Fragmente 🎄 Dezember 2020

Ich mag den Dezember. Nicht nur, weil er mit meinem Geburtstag beginnt. đŸ„ł Er fĂŒhlt sich fĂŒr mich immer nach Abschluss an. Nach AufrĂ€umen. Die Inbox auf Null. Die letzten Termine und Besorgungen. BewĂ€ltige meine Pocket-Liste und höre mich durch Podcasts. Draußen ist es dunkel und man macht es sich daheim gemĂŒtlich. Kekse backen. Tannenbaum kaufen. Vor allem in diesem Jahr, das ich zum ersten Mal nicht in SĂŒddeutschland verbrachte. Sondern in Hamburg. In den eigenen vier WĂ€nden.

Geburtstags-Stimmung in den eigenen WĂ€nden

Es war ein anstrengendes Jahr. Und ich habe sehr viel ĂŒber mich gelernt. DarĂŒber schreibe ich aber separat. Heute soll es um schöne Dinge aus diesem Monat gehen – nachdem mein letzter Beitrag recht wĂŒtend war. 🙏


Wie im Oktober bereits ausfĂŒhrlich geschildert, habe ich in diesem Jahr viel ĂŒber das Thema Geld und Investitionen gelernt. Habe bei Tomorrow ein klimaneutrales Konto angelegt und in die Bank investiert. Im zweiten Schritt wollte ich in weitere nachhaltige Firmen investieren – was gar nicht mal so einfach ist. Es gibt keine klaren Vorgaben und die Auswahl der Finanzinstrumente blieb (fĂŒr mich) recht unĂŒbersichtlich. Also informierte ich mich im ersten Schritt ĂŒber Fonds und ETFs – u.a. bei Stiftung Warentest und in zahlreichen Blogs.

Der aktuelle Stand: Ich bespare nun monatlich eine Auswahl von ETFs ĂŒber Trade Republic, einem deutschen Startup, das ohne DepotgebĂŒhren und dafĂŒr mit sehr guter App daherkommt. Im kommenden Jahr möchte ich mich aber weiter mit Investments beschĂ€ftigen, die ökologisch und sozial verantwortliche Unternehmen unterstĂŒtzen. Und bin fĂŒr jeden Ratschlag und Tipp offen! 💰


Zu Weihnachten 1998 erhielt ich meine erste Spielekonsole: eine graue Sony PlayStation mit genau einem Spiel: Final Fantasy VII. Die kommenden Tage und Wochen verbrachte ich zwei Meter entfernt von einem Röhrenfernseher – sitzend, liegend, kniend. Kein anderes Spiel hat sich so in meine Erinnerung gebrannt. Es war ein interaktiver Film, der von Großkonzernen, Freundschaft und Tod handelte. Ich musste immer wieder Entscheidungen treffen, auch wenn ich nicht jede der Folgen zu diesem Zeitpunkt begriff.

Habe das Spiel in der Zwischenzeit immer wieder angespielt – aber nie erneut abgeschlossen. DafĂŒr andere Spiele wie Journey, Heavy Rain oder Beyond: Two Souls aufgesaugt. Nicht jeder mag dieses Genre – ist es doch oft mehr Film, als Wettbewerb oder Herausforderung. Und wĂ€hrend jeder versucht eine neue Konsole zu ergattern, um noch schönere und grĂ¶ĂŸere Welten zu entdecken, so ruht bei mir immer noch eine alte PlayStation 3 unter dem Fernseher. Nur das Final Fantasy VII Remake könnte mich wieder zu einem Konsolenkauf verleiten – in ein paar Jahren vielleicht. đŸ‘Ÿ


Ich beschĂ€ftige mich viel mit Medien. Beruflich und privat. So stieß ich vor sechs Jahren auf Krautreporter, die per Crowdfunding ihre unabhĂ€ngige Redaktion aufbauten. Ich wurde UnterstĂŒtzer – ging dann aber wie viele anderen mit der Zeit von Bord. Heute ist die Auswahl an Publikationen und Abomodellen immer grĂ¶ĂŸer, weshalb ich nach einem tĂ€glichen Begleiter suchte. Die großen Marken wie ZEIT oder SZ ĂŒberforderten mich. Es war einfach zu viel. Ich suchte eine tĂ€gliche Einordnung der Geschehnisse und eingestreute Artikel, die interessante Themen in der Tiefe behandeln. So fand ich wieder zu Krautreporter, die sich stark verĂ€ndert hatten: eine schlankere Plattform, dafĂŒr (gefĂŒhlt) mehr Fokus auf Inhalte. Und so absolvierte ich meinen Testmonat und blieb dabei. Ich mag den Stil und wie ich als Mitglied eingebunden werde. Außerdem haben sie auch kein Problem auf externe Medien zu verweisen, was leider zu selten passiert.

So sieht mein MedienmenĂŒ 2020 wie folgt aus:


Wenn ich in diesem Jahr gerne einen Menschen hĂ€tte kennenlernen dĂŒrfen, dann wĂ€re es Matze Hielscher gewesen. So viele Stunden verbrachte man 2020 daheim – und sein Podcast Hotel Matze fĂŒllten einige davon. Er schafft es ĂŒber seine ruhige Art in kĂŒrzester Zeit einen geschĂŒtzten Raum aufzumachen, in dem sich seine GĂ€ste öffnen. Nein, es sind keine kritischen journalistischen GesprĂ€che. DafĂŒr aber voller Neugierde und GefĂŒhl. Die aktuelle Folge mit Fahri Yardim ist ein sehr gutes Beispiel. Bekannt aus der Serie Jerks erwartet man einen brutalen Humor und Narzissmus. Im GesprĂ€ch verstehe ich dann plötzlich, welche Konflikte und WidersprĂŒche hinter der Fassade schlummern. Das Laut und Leise. Toxische Anteile, die Spannungen provozieren. Es geht um das Aushalten dieser Spannungen. Und um MĂ€nnlichkeit. Verunsicherungen. So wie den Unterschied zwischen Erwachsen werden und Spießigkeit.

Folge ich solchen GesprĂ€chen, so löst das enorm viel in mir aus. Ich stelle mir Ă€hnliche Fragen. Identifiziere mich mit Aussagen. Distanziere mich von anderen. Das macht seine GesprĂ€che so interessant. Als wĂŒrde man am KĂŒchentisch sitzen und zwei Freunden lauschen. Die beide im gleichen Moment voneinander lernen. Neben Freundschaften oder einer Therapie sorgen solche Podcasts dafĂŒr, sich selbst besser zu verstehen.

Weitere LieblingsgĂ€ste im Hotel Matze waren KĂŒbra GĂŒmĂŒĆŸay, Clueso, Sibylle Berg, Ferdinand von Schirach und Tupoka Ogette. ✌


Neben der Vorfreude auf die dritte Staffel Jerks, hat mich in diesem Monat eine Serie sehr begeistert: The Boys. Eine doch sehr brutale Auseinandersetzung mit Superhelden. Diese sorgen in Amerika fĂŒr Recht und Ordnung – und verstoßen sie selbst dagegen, so sagt niemand etwas. Bis auf die Boys. Sie wollen die Machenschaften aufdecken. Sich fĂŒr ihre Verbrechen rĂ€chen. Ich mag die Charaktere. Und den Zwiespalt.


Der Produzent und Rapper Dexter fĂŒhrte die letzten Jahre ebenfalls ein Leben im Zwiespalt. TagsĂŒber Kinderarzt und nachts Haare nice, Socken fly. Er produziert fĂŒr KĂŒnstler wie Cro, Casper und Fatoni. Greift aber selbst auch immer wieder zum Mikrofon. Sein neues Album Young Boomer behandelt seine Entwicklung: Job, Erwachsenwerden, Nachwuchs erziehen. Und dabei den Raum finden, Dinge zu tun, die man mag.

Das Album begleitet mich durch den Tag. Was ja auch kein Wunder ist. GefĂŒhlt alles was er anfasst, wird Gold. 👑

Dexter – Gold

So. Das soll es gewesen sein. Ich beschließe den Dezember und hoffe, ihr nutzt die freien Tage. Kommt zur Ruhe. Verarbeitet die ganzen EindrĂŒcke aus diesem verkehrten Jahr. Was es mit mir angestellt hat, werde ich demnĂ€chst versuchen zu formulieren.

Bis dahin… Bleibt gesund. Habt euch lieb. 👋

Fragmente đŸ˜· November 2020

Erster Advent. Endspurt. Und ich kann schwer greifen, ob sich ĂŒber die letzten Wochen nicht tatsĂ€chlich etwas Zuversicht in das ganze Chaos gemischt hat. Die Vereinigten Staaten von Amerika haben gewĂ€hlt – und sind alles andere als vereint. Zwei große Lager hacken aufeinander ein. Auf mich wirkt vieles immer extremer. Zwei Seiten, die jeweils recht haben wollen. Kaum Diskurs. Noch weniger VerstĂ€ndnis. Und ja, auch ich beziehe Stellung indem ich mich ĂŒber den Wahlerfolg von Biden freue. Zu viel Hass, den Trump gesĂ€t hat. Falschaussagen und Desinformation. Das Leugnen von Klimakatastrophe und Corona-Pandemie. Die Zerstörung von diplomatischen Beziehungen. Ein Rechtsruck bis in den Supreme Court. Es reichte. Und auch wenn Biden nun Hoffnung macht, beschĂ€ftigen mich die knapp 74 Millionen Stimmen fĂŒr Trumps Selbstsucht. Ich. Ich. Ich. đŸ€Ż


Und in Deutschland sieht es nicht anders aus. Tausende Menschen demonstrieren gegen die Corona-Maßnahmen – ohne sich an die Regeln zu halten. Keine Masken. Kein Abstand. Egal, wen sie am nĂ€chsten Tag wieder beim Einkaufen oder auf der Arbeit treffen. Ich. Ich. Ich will mir nichts sagen lassen. Querdenken. Im Bundestag oder der S-Bahn andere Menschen belĂ€stigen. VerĂ€ngstigen. Auf Journalisten einprĂŒgeln. Hand in Hand mit Verschwörungstheoretikern, ReichsbĂŒrgern und Nazis. Es reicht. Nicht nur dem Verfassungsschutz und der Staatsanwaltschaft.

Genug Ansprachen im Konjunktiv. Antisemitische und rechtsextreme Fragen. Marschieren an einem 9. November – nicht gegen das System hinter der Reichspogromnacht, sondern gegen das System hinter der Maske. Holocaust-Vergleiche mit Sophie Scholl oder Anne Frank… Und um mich herum steigen die Zahlen der Infizierten und Toten. Krankenhauspersonal am Limit. Der Großteil der Bevölkerung schrĂ€nkt sich ein, damit es irgendwann ein Ende hat. Aber ein paar Randgruppen denken wieder nur an sich. Und sorgen mit dafĂŒr, dass alles noch lĂ€nger dauert.

Es reicht! Diskussionen ĂŒber einzelne Maßnahmen: Gerne. Aber unter Beachtung der Schutzvorkehrungen. Und ohne Nazis und dem ganzen Verschwörungsquatsch. Niemand hat Spaß am Lockdown. Ich möchte auch wieder mit Freunden essen gehen. Möchte mal wieder tanzen. Aber ich darf nicht – unter anderem weil ihr euch weiter gegen die Regeln stellt, euch als Opfer seht und nach der großen Verschwörung sucht. Vielleicht seid ihr das viel grĂ¶ĂŸere Problem? Aber ich stelle nur Fragen… đŸ˜·


Puh. Das musste mal raus. Ja, ich merke auch, dass mir bestimmte Dinge fehlen. Menschen. Begegnungen und Umarmungen. Aber ich möchte gar nicht wissen, wie es Menschen geht, die alleine sind. Oder bald gehen mĂŒssen. Und im Fernsehen mitverfolgen, wie sich alles immer lĂ€nger hinzieht. Den Fernseher ausschalten, das Licht löschen und die Decke ĂŒber ihren Kopf ziehen. Irgendwo in der Ein-Zimmer-Wohnung. Weit weg von allen. Weit weg von Parolen. Und dem einfachen Satz: „Ich bin fĂŒr dich da“.

Elisabeth Rank versucht ein Ă€hnliches GefĂŒhl zu greifen. 💔

Man steht vor dem unlösbaren Dilemma der Frage: LĂ€sst man NĂ€he zu fĂŒr den Moment, fĂŒr KörpergefĂŒhl, Wohlbefinden, Dopamin, Oxytocin, fĂŒr das GefĂŒhl von Zugehörigkeit und das vegetative Nervensystem? Oder bleibt man in der Distanz, um das Leben zu verlĂ€ngern, um jemanden nicht einem gefĂ€hrlichen Virus auszusetzen und eine Kette an Dingen auszulösen, die schlimme Folgen haben fĂŒr die Person und das System? Es gibt kein besser oder schlechter in diesem Fall. Die Vorstellung, dass viele Menschen seit einem halben Jahr noch mehr als sowieso schon auf sich selbst zurĂŒckgeworfen sind, dass ihnen jegliche BerĂŒhrung abhanden gekommen ist, dass sie einsam leben und vielleicht sterben, bringt mein Herz zum Platzen.

All diese Gedanken haben in meinen Augen oft mit unserem ZeitgefĂŒhl zu tun. Werde ich eingeschrĂ€nkt in der Gestaltung meiner Zeit? Verschwende ich meine Zeit mit Dingen, die ich gar nicht tun möchte? Die letzten Wochen rasen – so jedenfalls meine Wahrnehmung. Die Zeit „rinnt“ durch die HĂ€nde. Man verliert sie in gewisser Weise. Habe dazu einen tollen Artikel gelesen: Time anxiety: is it too late? Er beschreibt ganz gut, wie wir stĂ€ndig ĂŒber unsere (verbleibende) Zeit nachdenken. Und dabei oft ĂŒbersehen, wieviel Zeit dieses Denken verbraucht. ⏳

First, time exists and we can’t change that. Time will move forward, and so will we. Accepting these simple yet daunting truths is the first step in reducing time anxiety.

Auch ich muss mich immer wieder dazu zwingen, nicht jede Handlung zu bewerten. Den Sinn in jeder Tat zu suchen. Alles zu „optimieren“ – woher auch immer der Maßstab kommt, denn er kommt selten aus einem selbst.

Deshalb drei Serien fĂŒr kalte Tage. Mit Kakao auf dem Sofa. Handy aus.

Liebe und Anarchie – Sofie beginnt in einem Verlag und soll dort neue GeschĂ€ftsmodelle entwickeln. Das kommt mir irgendwie bekannt vor… Sie stĂ¶ĂŸt an Grenzen – im Unternehmen und bei sich selbst. Lustig, mit einer Prise Liebe und Klischees. Die acht Folgen gibt es auf Netflix. 💛

Das Damengambit – Als junge Waise lernt Beth das Schachspielen kennen. Und flieht so vor ihrer Vergangenheit. Ihrer Angst vor und Sehnsucht nach Verlust. Beeindruckendes Drama. Die Miniserie auf Netflix. ♟

After Life – Die Einsamkeit nach dem Tod seiner Frau treibt Tony in die GleichgĂŒltigkeit. Er stĂ¶ĂŸt jeden von sich. Wird zynisch. GefĂŒhlsmix zwischen Drama und Komödie. Die zweite Staffel auf Netflix. ⚱


Es gibt diese kurzen Momente, wenn die Fassade fĂ€llt. Wenn man hinter diese Rolle schaut, die jeder spielt. Und es sind genau diese Momente, die mich glĂŒcklich machen. Vielleicht, weil ich sie selten sind. In den letzten Monaten versuche ich mich mehr zuzulassen. GefĂŒhlte SchwĂ€chen zu zeigen. Oder auch zu akzeptieren, dass Hilflosigkeit auch nur ein Anlass sein kann, um Menschen um Hilfe zu bitten. Und diese dann zu erhalten. Das fĂŒhlt sich dann sehr gut an.

Die Kunstfigur Kurt Krömer trifft in der Sendung Chez Krömer auf unterschiedlichste Menschen. Bei Tedros Teclebrhan verlĂ€sst sie aber relativ frĂŒh den Raum und schenkte mir ein paar Minuten mit Alexander Bojcan.


Vor uns liegt der Dezember. Die besinnliche Zeit. Und ich frage mich, ob sie in einem Jahr 2020 nicht laut sein muss. Laut gegen Desinformation. Laut gegen Rechts. Laut fĂŒr einen inhaltlichen Diskurs und gegen Parolen.

Habt einen schönen ersten Advent und bleibt gesund ✌