Andreas Spiegler

Schreiben. Stolpern. Schluckauf.

Fragmente ☀️ Sommer 2022

Das war ein guter Sommer. Fühlt sich so an, als ordne sich gerade einiges neu. Von außen (noch) kaum erkennbar. Innen aber umso intensiver. Probiere Dinge aus und etabliere neue Gewohnheiten. Nebenbei: Apfelverkostung auf dem Wochenmarkt. Pommes mit Mayo. Endlich offiziell Maeckes-Ultra. Ausflüge nach Kiel, Bremen und Brandenburg. Sonnenbrand im Gesicht. Kurze Hose und Vanille-Pistazien-Eis. Mit offenem Verdeck ans Meer. Ein „sogenanntes Musical“ im Thalia Theater. Und nach langer Zeit wieder in der Heimat gewesen – mit den Gefühlen irgendwo zwischen Kindheit und Frührente.

Entdecke immer wieder neue Strecken im Niendorfer Gehege und der angrenzenden Feldmark. Stolpere durch die vielen Kleingärten. Leben bedeutet, sich immer wieder zu verfranzen. Denke übers Rausziehen nach. Und über einen Hund. Einen Großen zum Kuscheln. 🐶


Hatte meinen letzten Tag bei brand eins. Über vier Jahre durfte ich mit dem Team nach neuen Wegen suchen. Haben Produkte entwickelt, branchenübergreifende Partnerschaften angestoßen und unsere Arbeit hinterfragt. Ein Umzug, viel Eis und eine Verschwörung. Strukturen geschaffen und eigene Grenzen überschritten. Durfte lernen und wachsen. Ein letzter Apfelkuchen und ein Buch voller lieber Worte. Dankbar.

Jetzt steht eine Pause an. Durchatmen. Durchschlafen. Und den besten Kuchen in Hamburg finden. Die nächste Etappe darf warten. 🏖


Nutze die gewonnene Zeit für Dinge, die liegengeblieben sind. Cafés und Ausflüge. Aber auch Serien, Musik und Bücher. Eine kleine Auswahl:

🎬 Woodstock 99. Hatte bis jetzt noch nie von diesem Festival gehört. Die Dokumentation zeigt, was passiert, wenn auf einer alten Militäranlage durstige Menschen unter Drogen aggressive Musik hören. Und irgendwann ausrasten. Verstörend, aber interessant. Erinnerte mich an das Fyre Festival.

🎬 Barry. Was passiert, wenn sich ein Auftragsmörder in die Schauspielerei und eine Spielpartnerin verliebt? Kluge Geschichte, die mich mit ihrem schwarzen Humor überzeugt. Und mit jeder Staffel emotionaler wird.

🎵 weine jetzt, lache später. Guter Rap ist für mich eine Mischung aus Arroganz, Beobachtungsgabe und Selbsttherapie. 3Plusss fängt sehr gut ein, was um uns passiert: Fremdenhass, Polizeigewalt, Depression. Es macht einen verrückt. Alles scheiße. Aber wir funktionieren. Lieblingslied: Dinge.

🎵 Haben oder Sein. Über Fremde und Depressionen sprach Amewu schon in seinem letzten Album. Jetzt gibt es endlich Nachschub. Auch ihn beschäftigt das Ungleichgewicht in dieser Welt und die Frage, wie simpel er sein muss, um nicht daran kaputt zu gehen. Lieblingslied: Plastikstrand.

📚 Der große Sommer. Eine typische Coming-of-Age-Geschichte. Ewald Arenz erzählt mit einem liebevollen Blick für Momente die Erlebnisse von Friedrich, der die Sommerferien daheim bei seinem Großvater verbringt. Zum Glück: „Es war dieser eine Sommer, wie es ihn wahrscheinlich nur ein Mal im Leben gibt. Dieser eine Sommer, den hoffentlich jeder hatte; dieser eine Sommer, in dem sich alles ändert.“

📚 Marianengraben. Hab viel zu lange gebraucht, um dieses Buch von Jasmin Schreiber endlich zu lesen. Die Protagonisten Paula verliert zuerst einen wichtigen Teil ihres Lebens und dann fast sich selbst. Sie lernt Helmut kennen, der ebenfalls alleine ist. Und so brechen sie gemeinsam auf. Eine wunderschöne Geschichte über Schmerz, der „nur so intensiv war, weil da so viel Liebe war, ohne die ich nicht so traurig sein könnte. Und sie war immer noch in mir, genau wie all die Erinnerungen an dich.“


Rückblick: Meine erste eigene Wohnung. Stuttgart-West. Tief in der Nacht. Ich war alleine in der Großstadt. Voller Selbstzweifel und Gefühle, die ich nicht richtig einordnen konnte. Begegnungen hinterließen Spuren, Kratzer und Schrammen. Schrieb nachts Texte, um tagsüber mein Innenleben zu verstehen. Meine Sätze waren wie ein Schatten – er zeigte mir meine eigenen Grenzen auf und schenkte mir ein Versteck.

Hab noch lange geschrieben. Satzfetzen, Gedichte und lange Texte. Einweggedanken sind Gefühle in Schockstarre, die sich vielleicht morgen ganz anders anfühlen. Und diese Momente möchte ich besser greifen können. Deshalb arbeite ich an etwas…

Dazu bald mehr. Ich bin sehr aufgeregt! Habt einen schönen Oktober. 🍂

Und falls du noch etwas Zeit hast, folgen hier meine Twitterperlen.

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Fragmente ⛵️ Juni 2022

Irgendwo zwischen Kleingartenanlage und Alster. Mit Apfelkuchen und Kakao auf dem Balkon. Tennisbälle wechseln die Seiten. Fahrräder auf dem Kies. Und im Garten wird gegrillt. Der Juni war sonnig schön. Blühte in allen Farben. Auch wenn Corona endgültig in unsere Wohnung einzog und mich (zum Glück) nur für wenige Tage ausbremste.

Ich baue fleißig an diesem Ding namens Leben. Schmiede Pläne und verwerfe Grundsätze. Versinke für Stunden im Kaninchenbau, nur um dann mit viel zu vielen Gedanken schlafen zu gehen. Alles wird gut. 🥱


Zum ersten Mal seit Beginn der Pandemie am Flughafen. Komisches Gefühl. Im Flieger nach Wien erinnere ich mich an meine Zeit in der Beratung. Wieder mit Handgepäck, nur diesmal ohne PowerPoint-Slides. Dafür mit Svenja an meiner Hand durch bekannte Gassen. An der Donau entlang. Zwischen Kunst und Regenbogenparade. Auf der Suche nach glutenfreiem Kaiserschmarrn (mit Erfolg!) und dem Gefühl, wieder auf Entdeckungstour zu gehen. Probierte den besten Döner laut YouTube (sehr lecker) und Austern auf dem Naschmarkt (eher so okay). Tankte Sonne im Volksgarten, während prunkvolle Gebäude ihre Vergangenheit zur Schau stellen und Svenja ihren Kopf auf meine Schulter legt. Glücklich. 🥰


Außerdem endlich wieder im Kino gewesen. Neben dem Savoy ist die ASTOR Film Lounge jedes Mal ein kleines Erlebnis. Diesmal hoch in der Luft, wo Tom Cruise in Top Gun: Maverick nach dreißig Jahren wieder das Böse bekämpfte. Irgendwas zwischen Persiflage und Werbung fürs Militär. Hat aber trotzdem Spaß gemacht. Fast so sehr wie True Detective (Staffel 1), die mir unzählige Male empfohlen wurde. Nun endlich geschaut und für toll befunden. Klasse Atmosphäre, wahnsinnig gut gespielt und beeindruckende Optik & Musik. Schön, wenn man Highlights zeitversetzt genießen kann.

Abschalten.

Kann mich noch ganz gut an meinen ersten Besuch in der Elbphilharmonie erinnern. Die ewig lange Rolltreppe, geschwungenes Glas und der Blick über den Hafen. Irgendwann dann auch mein erstes Konzert im Großen Saal. Beim Tag der offenen Tür durfte man hinter die Kulisse schauen: Technik, Kantine und Proberaum. Beeindruckend, wie viel hinter einer großen Bühne passiert. Und wieviele Menschen es braucht, damit am Ende ein Mensch das Publikum mit seiner Musik fesseln kann.

Blick vom Dach der Elbphilharmonie

Im letzten Monat musste ich meine Gedanken zur Ökonomie der Aufmerksamkeit und unserem Kapitalismus ordnen. Ein Thema, das mich Monat für Monat begleitet und ganz eng mit der Klimakrise zusammenspielt. Bei Krautreporter gab es einen eindrucksvollen Blick auf den ersten Moment dieser Krise und ihre Auswirkungen auf… alles.

Wenn wir die Klimakrise betrachten, gehen wir oft stillschweigend, vielleicht auch hoffend davon aus, dass wir „nur“ der Klimakrise Herr werden müssen. Inflation, Kriege und Hunger (Pandemien auch nicht zu vergessen!), begleiten sie aber, werden sogar verstärkt durch die Klimakrise.

Rico Grimm, Krautreporter

Mit jedem Artikel und jeder Perspektive wird immer klarer, dass alles zusammengehört. Wir nicht nur eine Komponente austauschen können – und dann läuft das Ding wieder. Lösungsansätze werden nicht über entweder-oder-Debatten gefunden. Vielmehr aus dem Dialog unterschiedlichster Positionen.

Understanding the scale of a billion seconds can help us reveal the interrelationships between time, money, power and energy.

The Everything Manifesto

Es geht um Brückenbauen. Denn die Lösungen von heute werden nicht ausreichen. Eine App und ein bisschen KI und Blockchain wird die Krisen nicht aufhalten. Wir brauchen Koalitionen zwischen Politik und Gesellschaft. Und Geschichten, die mitnehmen. Mut machen. So fasst es Maja Göpel auf der re:publica zusammen.

Dass es zum Glück vielen Menschen und Unternehmen gibt, die versuchen andere Wege zu gehen, liest man nicht nur ein der brand eins (#Schleichwerbung) sondern auch im Podcast von Terra X, wo Harald Lesch in den „Maschinenraum Deutschlands“ blickt. So spricht er mit Nadine Ogiolda über extreme Naturereignisse und was man dagegen tun kann. Ich mag seine Neugier und innere Unruhe, auf Lösungen blicken zu wollen – und nicht nur das Problem mannigfaltig zu beschreiben.

Mit dieser Neugier möchte ich auch die nächsten Monate noch mehr über Zusammenhänge nachdenken und verstehen. Und mir klarer werden, was das für Business-Design und Produktmanagement bedeutet.

Habt einen schönen Juli und genießt die Zeit miteinander 🤗


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Fragmente 🧘‍♂️ Mai 2022

Durch Hamburgs Gassen spazieren. Menschen verlassen strahlend Blumenläden und Eisdielen. Die Sonne blendet und ich kneife die Augen zu. Zeit mit Freunden. Essengehen und Spielplätze unsicher machen. Apfelkuchen. Lesen auf dem Balkon. Und endlich wieder Konzerte.

Wie wichtig diese Momente sind. Mit mir und gemeinsam mit Anderen. Gegenseitig füreinander. Und Erwartungen warten lassen. 🖤


Ich mag Menschen. Mag ihnen zuhören und mit ihnen diskutieren. Lachen. Nachdenken. Schweigen. Doch ich bin nicht gut in neuen Umgebungen mit unzähligen fremden Gesichtern. Mag keinen Smalltalk und die immer gleichen Fragen. Netzwerken oder so. Freue mich deshalb umso mehr, wenn bei Konferenzen und Veranstaltungen dieser kleine geschützte Raum entsteht. Auf der Dachterrasse oder am Seitenausgang.

Nach vielen Monaten, in denen Videokonferenzen und Spaziergänge mit einzelnen Menschen der Alltag waren, hat der Mai mich wieder mehr in die beschriebene Zwickmühle geschubst. Hab in kleiner Runde beim New Leaders Forum über Haltung in der Medienbranche diskutiert. Und festgestellt, dass ich ein großer Freund von konstruktivem Journalismus bin. Mag Geschichten über Menschen, die Dinge anders gemacht haben. Es gibt genug Schreckensnachrichten und erhobene Zeigefinger.

Beim Abschluss des Journalism Innovators Program der Hamburg Media School ging es ebenfalls um Experimente. Sechs Monate haben die Teilnehmenden verschiedene Bedürfnisse über Medienformate versucht zu adressieren. Dabei ging es viel um Perspektivenwechsel. Sei es bei Verschwörungstheorien oder arabisch-deutschen Freundschaften. Hab gelernt, wie komplex andere Medienhäuser sind. Wie sehr Journalismus auf das Format blickt und dabei das Geschäftsmodell aus den Augen verliert. Und wie (unbewusst) geschlossen manche Branchen und Blasen sind.

Und auf der OMR22 war ich hauptsächlich überfordert. Zu viele Menschen. Zu wenig Masken. Von Halle zu Halle treiben – und irgendwie das Gefühl bekommen, ich kann es alles gar nicht verarbeiten. Mir fehlte es an Substanz. Ein bisschen wie beim Web Summit. Alles eine große Party. Und ich wunderte mich, wie eng Inhalt und Werbung auf diesem Festival verwoben waren. Zwei Tage, die sich wie der TikTok-Stream anfühlten. Mit schönen Überraschungen wie einer Fahrt auf den Hamburger Fernsehturm oder zufälligen Begegnungen mit alten Kolleginnen. Hab großen Respekt vor der Organisation – aber für mich entschieden: ich bin lieber auf kleinen Veranstaltungen. Mit klarem Themenfokus. (Freue mich über Tipps!)

Der Juni wird jedenfalls ruhiger. Das hab ich mir selbst versprochen. 🙃


Ruhe wünscht sich bestimmt auch Fynn Kliemann. Seitdem Jan Böhmermann und das ZDF Magazin etwas tiefer gegraben haben, blicke ich nochmal anders auf Influencer. Vor allem dann, wenn sie lautstark für das Gute kämpfen („Sinnfluencer“). Hab über meinen schmerzhaften Vergleich mit Fynn Kliemann bereits geschrieben. Über den Druck, den seine Projekte bei mir ausgelöst haben. Sehe jeden Tag neue Gesichter in den Streams, die mir das Gefühl geben, dass ich zu wenig mache. Dass da noch mehr Veränderung geht. Noch mehr Haltung. Doch schaut man hinter die Fassade, ist alles nicht so glänzend wie man vermuten könnte. „Das war doch klar!“ spottet die eine Stimme in mir. „Aber du magst es trotzdem glauben!“ sagt die Andere. Vielleicht ist es der Wunsch nach Orientierung in komplexen Momenten. Ich würde mich gerne irgendwo orientieren. Wie ein Spickzettel, der Entscheidungen einfacher macht. Leider gibt es den nicht. Denn am Ende geht es da draußen um Aufmerksamkeit. Um teilbare Ansichten. Und somit Reichweite und Geld. Die Plattformen aber auch ihre Content Creator scheinen in einer Spirale zu stecken.

But the hype around the creator economy, of course, focuses only on the potential financial rewards. When a hobby turns into a business, fuzzier, more personal success metrics often give way to cold, hard numbers. 

Kai Brach / Dense Discovery

Investoren stecken Geld in immer schneller wachsende Unternehmen. Diese müssen noch schneller zulegen. Noch mehr Menschen ansprechen. Also greifen sie nach Zeit. Wie die grauen Männer. Es ist eine Addicition Economy. Alles wird zum Spiel. Kleine Handlungen werden belohnt. Wir fühlen uns gut. Nächste Runde. Nächste Stunde.

Wie schön wäre es, wenn die Zeit wieder als das Gesehen wird, was sie ist. Ein wertvolles Gut. Keine Kennzahl in Investorenberichten. Qualität statt Quantität liest sich gut – ist aber gar nicht so einfach. Laut, bunt und schnell gewinnt in dieser Zeit. Der Markt bekommt Angst, wenn er nicht wächst.

Die Machthabenden wollen Geld – it’s always been like that. Märkte und Handel an sich sind nicht das Problem; es sind die daraus resultierenden, kaum regulierten Praktiken: Künstliche Verknappung, erzwungenes Wachstum und finanziell motivierte politische Entscheidungen sind der Kapitalismus, der uns von innen heraus aushöhlt.

Christoph Rauscher

Vielleicht eine der beeindruckendsten Dokumentationen zu diesem Thema ist Oeconomia. Sie beschreibt, woher Geld kommt. Warum wir immer mehr davon drucken. Und wie gut uns allen Ruhe tun würde. Nicht nur Fynn. 🧘‍♂️


Aha zum Schluss: Hast du dich schon mal gefragt, warum die Stückchen bei fairer Schokolade so unterschiedlich sind? Und warum sie gar nicht quadratisch-praktisch sein wollen? Sie sollen die Ungleichheit innerhalb der Schokoladenindustrie aufzeigen. Wusste ich nicht. Weiß ich jetzt.

Ich wünsche euch einen schönen Juni 🍫


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Fragmente 🌱 April 2022

Frühling. Endlich. Mit dem Rad durch das Niendorfer Gehege und die Eidelstedter Feldmark. Ich mag unser neues Viertel und seine Umgebung. Hab das erste Mal ein Stammcafé. Versuche mein Gleichgewicht zu finden. Irgendwo zwischen Ukraine, Pandemie, Klimakrise und den eigenen Gefühlen. Und es klappt. Schritt für Schritt. Mit kleinen Routinen.

Abends in der Eidelstedter Feldmark

Freitag reduziere ich Arbeitsstunden. Habe mit Tennis begonnen. Anfänger sein. Über den Platz rennen. Ansagen vom anderen Ende des Sandplatzes. Ein bisschen wie früher im Sportunterricht. Tut gut, etwas neu zu lernen. Ich akzeptiere Stolpern. Und übe mich im Aushalten von Gefühlen. Bin dankbar für Svenja und meine Freunde. Sie hören mir zu. Nehmen mich in den Arm. Geben mir das Gefühl, dass ich ausreiche. Und an immer mehr Tagen bin ich davon überzeugt. 💙

Alles in Ordnung. In bester Ordnung.
So normal, wie es nur sein kann.

Die Orsons

In meinem Umfeld beschäftigen sich viele mit dem Gleichgewicht zwischen Arbeit und Privatleben. Work-Life-Balance. Doch was wäre, wenn es zwei voneinander getrennte Leben wären. Die Serie Severance setzt sich damit auseinander. Arbeit nach Auftrag – ohne genau zu wissen, wofür. Klick. Abends müde daheim. Ein Chip im Kopf verhindert, dass Fragmente der Arbeit den Weg ins Private finden. Und umgekehrt. Zwei Welten.

Großartig gespielt zog mich Bild und Musik in dieses Spannungsfeld aus Funktionieren und Einsamkeit. Und ich würde lügen, wenn mir nicht einige Parallelen zu meiner Konzernzeit bitterlich ins Auge stießen. Beklemmend aktuell und absolut sehenswert. 📺


Ein beklemmendes Gefühl kann sich auch einstellen, wenn die Abkürzung NFT in Tweets und Newslettern meinen Blick anzieht. Ja, auch ich habe mir YouTube-Videos angeschaut, die enorme Renditen versprechen. Ja, ich habe mir gelangweilte Affen angeschaut und mich versucht zu überzeugen, dass dies die Zukunft von Kunst sein könnte. Klappte nicht. Aber ich glaube daran, dass diese neuen Technologien einen Platz finden werden. Einen Platz, den wir nun schrittweise finden müssen. Und ich würde mir wünschen, es gäbe mehr Artikel über Experimente – abseits von Revolutionen und Disruptionen. Gregor Schmalzried hat einen starken Artikel zum Thema zum Krieg der extremen Meinungen geschrieben. Und wie Web3-Optimismus für ihn aussieht. 🦧


Auch bei brand eins probieren wir momentan viel aus. Sitzen in bunt-gemischten Runden mit unterschiedlichsten Unternehmen zusammen. Sprechen über unsere Perspektive auf gemeinsam identifizierte Spannungen und Fragestellungen. Und daraus ergeben sich interessante Angebote. Mit jedem Gespräch und Austausch frage ich mich mehr: Warum immer alles selber machen? Wenn es da draußen Menschen gibt, die ihre Stärken und Erfahrungen einbringen können und möchten. Diese lassen sich bündeln. Und mit Nutzerinnen und Nutzern weiterentwickeln.

Ein solches Angebot kann zum Beispiel eine Werkstatt sein. In der Erfahrungen miteinander diskutiert werden. Und Buzzwords hoffentlich ihre Oberflächlichkeit genommen bekommen. So jedenfalls der Plan für den ersten Schritt. Denn es ist ein Prozess. Der nicht nur das Angebot, sondern auch die Organisation immer weiter hinterfragt.

Passend dazu kann ich das wunderbare Zine „Work in Progress“ von Johannes Klingebiel empfehlen. Es beschreibt seine Erfahrungen aus drei Jahren Arbeit im Innovationsteam der Süddeutschen Zeitung. Und wieder ein Beispiel dafür, dass alleine das sich einstellende Gefühl „Ich bin nicht alleine“ so verdammt wertvoll sein kann. 🙏


Gefühlt war dieser Monat voller befreiender Gefühle. Kleiner Erfolgsmomente, die nach den letzten Monaten bitter notwendig waren. Ich glaube, die Nebensaison ist hiermit beendet.

Kommt gut durch den Mai. ☀️

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Rückblick. 2021.

Optimistisch blickte ich im letzten Jahr auf 2021. War doch die gesamte Gesellschaft durch die Pandemie zerrüttet und auf die Probe gestellt worden – es konnte nur besser werden. Ich sehnte mich wieder nach Leichtigkeit. Nach mehr Rücksicht und Miteinander.

Leider kam es anders. Die Impfung gegen Corona wurde als lieb gemeintes Angebot kommuniziert. Die benötigte Infrastruktur brauchte lange, wurde dann wieder viel zu früh abgebaut. Eine kleine Randgruppe hält das ganze Land auf. Sie spaziert durch die Städte, radikalisiert sich und teilt fleißig Missinformationen. Wir schenken ihnen immer noch unsere kostbare Zeit und Aufmerksamkeit. Und plötzlich hinkt Deutschland im EU-Vergleich hinterher. Vielleicht ging es uns einfach zu lange zu gut? Starr und veränderungsfaul. So empfinde ich die aktuelle Situation. Der Pflegenotstand trifft uns alle irgendwann. Es werden keine gerechten Gehälter bezahlt, Angestellte verlassen die Branche – zu groß ist der Druck von außen, zu gering der Dank. Das Mittelmeer ist ein Massengrab. Europa schaut zu und sichert seine Grenzen. Wir können mittlerweile hautnah beobachten, was der menschengemachte Klimawandel bewirkt. Die Politik bleibt distanziert und nebulös – bloß keine unpopulären Entscheidungen treffen. Risikovermeidung. Und somit Stillstand. Obwohl innerlich alles tobt. Wackelt. Ächzt.

😴

Es macht mich so verdammt müde. So viele Stunden diskutiert. So oft grübelnd im Bett gelegen. Unfassbar viele Informationen versucht zu verstehen und zu verarbeiten. Sätze werden verdreht. Worte gebrochen. Möchte an immer mehr Tagen verstummen. Durchatmen. Ausmisten.

Dabei helfen mir verschiedene Dinge. Nach über zehn Jahren bin ich umgezogen. Mehr Platz und näher an der Natur. Versuche Arbeitsstunden zu reduzieren. Mache eine Psychotherapie, um Muster zu verstehen. Die traditionelle chinesische Medizin (TCM) und Akupunktur wirken gegen meine Autoimmunerkrankung.

😍

Und trotzdem versinke ich dann wieder in irgendwelchen Streams. Verfolge Diskussionen. Verdopple meine Bildschirmzeit. Jahr für Jahr die selbe Schleife. Obwohl mir doch klar ist, dass Ausflüge in die Fischbeker Heide oder nach Rügen die Phasen sind, die mich wieder zum Grinsen bringen. Spaziergänge und Telefonate mit Freunden. Hand in Hand mit Svenja. Nicht der zehnte Faktencheck und die zwölfte Debatte.

🙃 – Bild: Jonas Boy

Schaue ich auf meinen Medienkonsum, so ist meine Stimmungslage noch besser nachvollziehbar. Musikalisch haben mich Maeckes, Ahzumjot, Audio88 & Yassin, Danger Dan, Dexter, Weekend und natürlich Fatoni begleitet. Sie alle schaffen es, auf kluge Art und einer Portion Wut mit den großen Themen umzugehen – trotzdem werden 452 Stunden Musik auch ihre Auswirkungen auf mich haben.

Auch meine Podcastauswahl war nicht wirklich leichte Kost: „Apokalypse & Filterkaffee“ und „Quarks Daily“ für das Tagesgeschehen, ansonsten einige Story-Formate wie „Cui Bono: WTF happened to Ken Jebsen?“ oder „190220 – Ein Jahr nach Hanau“. Aber auch fiktive Geschichten wie „Lynn ist nicht alleine“.

Für eine gewisse Portion Zerstreuung sorgten Serien wie „The Office“ oder „Jerks“ – stumpfer Humor. Die erste Staffel von „Lupin“ gefiel mir auch gut. Genau wie „Tenet“. Ertappe mich aber immer öfter dabei, gute Formate aus den Mediatheken zu schauen: „Kranitz“, „Chez Krömer“ oder „ZDF Magazin Royal“. Aber: Es scheint sich eine gewisse Müdigkeit abzuzeichnen. Ist der Höhepunkt an Auswahl und Vielfalt erreicht?

Seit einigen Monaten liegt das Buch „Digital Minimalism“ auf meiner Kommode. Es beschäftigt sich mit der Frage, wie ein gesunder Umgang mit Medien aussehen kann. Die letzten beiden Corona-Jahre in Kombination mit meinen vollen Merklisten und einer Angst, wichtige Dinge zu verpassen, führen dazu, dass ich im kommenden Jahr aussortieren muss. Was und wer tut mir noch gut? Und wo ziehe ich meine Grenzen? Worüber möchte ich nicht mehr debattieren? Ich bin nicht dogmatisch. Denke nicht, dass etwas Fluch oder Segen ist. Gut oder schlecht. Richtig oder falsch. Aber es gibt Standpunkte und Verhaltensweisen, die zu weit gehen. Dass ich diese Meinungen beeinflussen kann, bezweifle ich mittlerweile. Also muss ich bestimmte Schlachtfelder hinter mir zurücklassen. Auch kann ich nicht jede Debatte nachvollziehen, weil mir die Informationen fehlen oder ich nicht betroffen bin. Das bedeutet aber im selben Moment auch, dass ich offen und ehrlich zugeben muss, dass es zu viel ist. Und das ist okay. 🤗