Andreas Spiegler

Schreiben. Stolpern. Schluckauf.

RĂŒckblick. 2020.

„Ein Jahr voller GegensĂ€tze liegt hinter mir. Vollgas. Vollbremsung. Lachen. Weinen. Tanzen. Springen. Schubsen.“ – so endete 2019. Und diesmal war wieder alles anders. Ungewohnt und schmerzhaft. Denn 2020 zeigte uns auf brutale Weise, wie zerbrechlich alles ist. Wie zerbrechlich unsere „NormalitĂ€t“ ist. Ein unfassbar anstrengendes Jahr. Dominiert von einer Pandemie, die uns alle ans Limit brachte. Unsicherheiten und Ängste in allen Schichten. Habe MitgefĂŒhl mit Hinterbliebenen, die oft ohne Abschied Abschied nehmen mussten. Tiefen Respekt vor Ärztinnen und Ärzten, den PflegekrĂ€ften und Angestellten in Altersheimen, Hilfsorganisationen, KrankenhĂ€usern. Und nein, auf dem Balkon stehen und klatschen reicht nicht aus. Habe Mitleid mit Menschen, die unter den EinschrĂ€nkungen leiden: Einsame Menschen, kranke Menschen, zurĂŒckgelassene Menschen, mittellose Menschen. Habe kein Mitleid mit GroßaktionĂ€ren, deren Dividenden jetzt der Staat zahlt – dafĂŒr aber Klimapolitik und Infrastruktur vernachlĂ€ssigt. Habe VerstĂ€ndnis fĂŒr Ängste und Sorgen. Habe kein VerstĂ€ndnis fĂŒr Verschwörungstheorien, Ignoranz, Hetze und Hass. Egal, ob gegen den Staat oder einzelne Menschen. Werde mir tĂ€glich mehr bewusst, dass Rassismus ein strukturelles Problem ist. Wie mĂ€chtig und verletzend Sprache sein kann. Wie eingeschrĂ€nkt der eigene Blick ist. Meist erblickt er nicht einmal das GegenĂŒber.

Ich habe großes GlĂŒck enorme Privilegien. Niemand aus dem Freundeskreis oder der Familie verloren. Zögerliche Umarmungen. Irgendwann nur noch ein Winken aus der Ferne. Ausgedehnte SpaziergĂ€nge und Telefonate. Nein, ein Zoom-Meeting ersetzt keine BerĂŒhrung. Dennoch froh, dass es Alternativen gab. Froh ĂŒber einen Job, der von ĂŒberall machbar ist. Über Hobbys, die an keinen festen Ort gebunden sind. Konnte meine GefĂŒhle offen teilen und in geschĂŒtzten RĂ€umen hinterfragen. Merke fĂŒr mich, wie entscheidend Orte sind. Orte, an denen man unverstellt sein kann. Habe versucht, weniger Zeit in den Streams zu verbringen. Sie dafĂŒr mit mir selbst zu verbringen. Mit dem Fahrrad lautlos durch Hamburg. Durchatmen. Geschehen lassen.

Durchatmen. Draußen.

Es war ein Jahr der kleinen Schritte. Sprichwörtlich. War nur einmal kurz in Österreich. Ansonsten viel in den eigenen vier WĂ€nden. Hab Hamburg erkundet. Und ein bisschen Bergluft geschnuppert. Chiemgauer Alpen. Harz. War kein einziges Mal in der Heimat. Nur einmal am Meer. Vier Bilder auf Instagram. Aber ist das schlimm? Vermisse ich etwas? Braucht es große Reisen? Hab noch keine Antwort gefunden. Nicht schlimm Es wird noch eine Weile dauern, bis ich das nĂ€chste Flugzeug betrete. Umso mehr freue ich mich auf Freunde in Berlin, Potsdam, Kiel, Stuttgart oder Wustenriet.

Wandern in den Chiemgauer Alpen

Was frĂŒher Last.fm machte, geschieht nun automatisch am Jahresende durch Spotify. Ein RĂŒckblick auf das musikalische Jahr – wieder ohne große Überraschungen. Hip Hop und Pop haben mich begleitet. DafĂŒr deutlich seltener, weil die Bahnfahrten weggefallen sind. Insgesamt 278 Stunden streamte ich KĂŒnstler wie Fatoni, Dexter oder Bosse. Aber auch Fynn Kliemann – mit dem ich mich mittlerweile deutlich seltener vergleiche. Mich ĂŒberraschten Run The Jewels und Yassin mit seinem Unplugged-Album.

Vielleicht liegt es an diesem Jahr, dass nur wenige Serien und Filme hĂ€ngen geblieben sind – obwohl man gefĂŒhlt viel Zeit mit Netflix und Co. verbrachte. Alles zog vorbei. Eine gewisse MĂŒdigkeit setzte ein. Überzeugen konnten mich die Kurzserien Liebe und Anarchie und Das Damengambit. Aber auch die zweite Staffel von After LifeTed Lasso und The Morning Show taten auch gut. The Last Dance erinnerte mich an meine Jugend – 21 spielen und das Michael Jordan Poster an der Wand.

Was ich momentan am meisten vermisse sind Abende mit Freunden, Restaurants, CafĂ©s und Kinos. Einmal hab ich es ins Savoy geschafft. Parasite – ein doch sehr verrĂŒckter, aber auch guter Film gesehen. Daneben nur Streams. Hamilton war toll. Und Soul zum Ende des Jahres berĂŒhrend.

Ansonsten war es das Jahr der Podcasts. Erneut. Ich verbrachte Stunden im Hotel Matze, hab Deutschland3000 und die Lage der Nation verfolgt. Apokalypse & Filterkaffee und Baywatch Berlin brachten mich zum Lachen.

RĂŒckzug

FĂŒr 2020 hatte ich mir vorgenommen ehrlicher zu sein. Zu mir und auch zu anderen. Ohne diese Ehrlichkeit hĂ€tte ich das Jahr auch nicht so gut ĂŒberstanden. War verunsichert wie viele andere auch. Musste Gewohntes aufgeben, damit andere geschĂŒtzt werden. Sich selbst zurĂŒcknehmen – und gleichzeitig beobachten mĂŒssen, wie sich ganz viele in den Mittelpunkt der Erde rĂŒckten. Schaue optimistisch auf das kommende Jahr. Der Impfstoff kommt. Trump geht. Spannend wird die Frage, ob die Polarisierung weitergeht. Immer extreme Meinungen. Immer weniger VerstĂ€ndnis.

DarĂŒber reden ist ein Anfang. Miteinander reden sollte das Ziel sein. Versuche mich darin. Und lasse 2021 auf mich zukommen. ✌

Fragmente 🎄 Dezember 2020

Ich mag den Dezember. Nicht nur, weil er mit meinem Geburtstag beginnt. đŸ„ł Er fĂŒhlt sich fĂŒr mich immer nach Abschluss an. Nach AufrĂ€umen. Die Inbox auf Null. Die letzten Termine und Besorgungen. BewĂ€ltige meine Pocket-Liste und höre mich durch Podcasts. Draußen ist es dunkel und man macht es sich daheim gemĂŒtlich. Kekse backen. Tannenbaum kaufen. Vor allem in diesem Jahr, das ich zum ersten Mal nicht in SĂŒddeutschland verbrachte. Sondern in Hamburg. In den eigenen vier WĂ€nden.

Geburtstags-Stimmung in den eigenen WĂ€nden

Es war ein anstrengendes Jahr. Und ich habe sehr viel ĂŒber mich gelernt. DarĂŒber schreibe ich aber separat. Heute soll es um schöne Dinge aus diesem Monat gehen – nachdem mein letzter Beitrag recht wĂŒtend war. 🙏


Wie im Oktober bereits ausfĂŒhrlich geschildert, habe ich in diesem Jahr viel ĂŒber das Thema Geld und Investitionen gelernt. Habe bei Tomorrow ein klimaneutrales Konto angelegt und in die Bank investiert. Im zweiten Schritt wollte ich in weitere nachhaltige Firmen investieren – was gar nicht mal so einfach ist. Es gibt keine klaren Vorgaben und die Auswahl der Finanzinstrumente blieb (fĂŒr mich) recht unĂŒbersichtlich. Also informierte ich mich im ersten Schritt ĂŒber Fonds und ETFs – u.a. bei Stiftung Warentest und in zahlreichen Blogs.

Der aktuelle Stand: Ich bespare nun monatlich eine Auswahl von ETFs ĂŒber Trade Republic, einem deutschen Startup, das ohne DepotgebĂŒhren und dafĂŒr mit sehr guter App daherkommt. Im kommenden Jahr möchte ich mich aber weiter mit Investments beschĂ€ftigen, die ökologisch und sozial verantwortliche Unternehmen unterstĂŒtzen. Und bin fĂŒr jeden Ratschlag und Tipp offen! 💰


Zu Weihnachten 1998 erhielt ich meine erste Spielekonsole: eine graue Sony PlayStation mit genau einem Spiel: Final Fantasy VII. Die kommenden Tage und Wochen verbrachte ich zwei Meter entfernt von einem Röhrenfernseher – sitzend, liegend, kniend. Kein anderes Spiel hat sich so in meine Erinnerung gebrannt. Es war ein interaktiver Film, der von Großkonzernen, Freundschaft und Tod handelte. Ich musste immer wieder Entscheidungen treffen, auch wenn ich nicht jede der Folgen zu diesem Zeitpunkt begriff.

Habe das Spiel in der Zwischenzeit immer wieder angespielt – aber nie erneut abgeschlossen. DafĂŒr andere Spiele wie Journey, Heavy Rain oder Beyond: Two Souls aufgesaugt. Nicht jeder mag dieses Genre – ist es doch oft mehr Film, als Wettbewerb oder Herausforderung. Und wĂ€hrend jeder versucht eine neue Konsole zu ergattern, um noch schönere und grĂ¶ĂŸere Welten zu entdecken, so ruht bei mir immer noch eine alte PlayStation 3 unter dem Fernseher. Nur das Final Fantasy VII Remake könnte mich wieder zu einem Konsolenkauf verleiten – in ein paar Jahren vielleicht. đŸ‘Ÿ


Ich beschĂ€ftige mich viel mit Medien. Beruflich und privat. So stieß ich vor sechs Jahren auf Krautreporter, die per Crowdfunding ihre unabhĂ€ngige Redaktion aufbauten. Ich wurde UnterstĂŒtzer – ging dann aber wie viele anderen mit der Zeit von Bord. Heute ist die Auswahl an Publikationen und Abomodellen immer grĂ¶ĂŸer, weshalb ich nach einem tĂ€glichen Begleiter suchte. Die großen Marken wie ZEIT oder SZ ĂŒberforderten mich. Es war einfach zu viel. Ich suchte eine tĂ€gliche Einordnung der Geschehnisse und eingestreute Artikel, die interessante Themen in der Tiefe behandeln. So fand ich wieder zu Krautreporter, die sich stark verĂ€ndert hatten: eine schlankere Plattform, dafĂŒr (gefĂŒhlt) mehr Fokus auf Inhalte. Und so absolvierte ich meinen Testmonat und blieb dabei. Ich mag den Stil und wie ich als Mitglied eingebunden werde. Außerdem haben sie auch kein Problem auf externe Medien zu verweisen, was leider zu selten passiert.

So sieht mein MedienmenĂŒ 2020 wie folgt aus:


Wenn ich in diesem Jahr gerne einen Menschen hĂ€tte kennenlernen dĂŒrfen, dann wĂ€re es Matze Hielscher gewesen. So viele Stunden verbrachte man 2020 daheim – und sein Podcast Hotel Matze fĂŒllten einige davon. Er schafft es ĂŒber seine ruhige Art in kĂŒrzester Zeit einen geschĂŒtzten Raum aufzumachen, in dem sich seine GĂ€ste öffnen. Nein, es sind keine kritischen journalistischen GesprĂ€che. DafĂŒr aber voller Neugierde und GefĂŒhl. Die aktuelle Folge mit Fahri Yardim ist ein sehr gutes Beispiel. Bekannt aus der Serie Jerks erwartet man einen brutalen Humor und Narzissmus. Im GesprĂ€ch verstehe ich dann plötzlich, welche Konflikte und WidersprĂŒche hinter der Fassade schlummern. Das Laut und Leise. Toxische Anteile, die Spannungen provozieren. Es geht um das Aushalten dieser Spannungen. Und um MĂ€nnlichkeit. Verunsicherungen. So wie den Unterschied zwischen Erwachsen werden und Spießigkeit.

Folge ich solchen GesprĂ€chen, so löst das enorm viel in mir aus. Ich stelle mir Ă€hnliche Fragen. Identifiziere mich mit Aussagen. Distanziere mich von anderen. Das macht seine GesprĂ€che so interessant. Als wĂŒrde man am KĂŒchentisch sitzen und zwei Freunden lauschen. Die beide im gleichen Moment voneinander lernen. Neben Freundschaften oder einer Therapie sorgen solche Podcasts dafĂŒr, sich selbst besser zu verstehen.

Weitere LieblingsgĂ€ste im Hotel Matze waren KĂŒbra GĂŒmĂŒĆŸay, Clueso, Sibylle Berg, Ferdinand von Schirach und Tupoka Ogette. ✌


Neben der Vorfreude auf die dritte Staffel Jerks, hat mich in diesem Monat eine Serie sehr begeistert: The Boys. Eine doch sehr brutale Auseinandersetzung mit Superhelden. Diese sorgen in Amerika fĂŒr Recht und Ordnung – und verstoßen sie selbst dagegen, so sagt niemand etwas. Bis auf die Boys. Sie wollen die Machenschaften aufdecken. Sich fĂŒr ihre Verbrechen rĂ€chen. Ich mag die Charaktere. Und den Zwiespalt.


Der Produzent und Rapper Dexter fĂŒhrte die letzten Jahre ebenfalls ein Leben im Zwiespalt. TagsĂŒber Kinderarzt und nachts Haare nice, Socken fly. Er produziert fĂŒr KĂŒnstler wie Cro, Casper und Fatoni. Greift aber selbst auch immer wieder zum Mikrofon. Sein neues Album Young Boomer behandelt seine Entwicklung: Job, Erwachsenwerden, Nachwuchs erziehen. Und dabei den Raum finden, Dinge zu tun, die man mag.

Das Album begleitet mich durch den Tag. Was ja auch kein Wunder ist. GefĂŒhlt alles was er anfasst, wird Gold. 👑

Dexter – Gold

So. Das soll es gewesen sein. Ich beschließe den Dezember und hoffe, ihr nutzt die freien Tage. Kommt zur Ruhe. Verarbeitet die ganzen EindrĂŒcke aus diesem verkehrten Jahr. Was es mit mir angestellt hat, werde ich demnĂ€chst versuchen zu formulieren.

Bis dahin… Bleibt gesund. Habt euch lieb. 👋

Fragmente đŸ˜· November 2020

Erster Advent. Endspurt. Und ich kann schwer greifen, ob sich ĂŒber die letzten Wochen nicht tatsĂ€chlich etwas Zuversicht in das ganze Chaos gemischt hat. Die Vereinigten Staaten von Amerika haben gewĂ€hlt – und sind alles andere als vereint. Zwei große Lager hacken aufeinander ein. Auf mich wirkt vieles immer extremer. Zwei Seiten, die jeweils recht haben wollen. Kaum Diskurs. Noch weniger VerstĂ€ndnis. Und ja, auch ich beziehe Stellung indem ich mich ĂŒber den Wahlerfolg von Biden freue. Zu viel Hass, den Trump gesĂ€t hat. Falschaussagen und Desinformation. Das Leugnen von Klimakatastrophe und Corona-Pandemie. Die Zerstörung von diplomatischen Beziehungen. Ein Rechtsruck bis in den Supreme Court. Es reichte. Und auch wenn Biden nun Hoffnung macht, beschĂ€ftigen mich die knapp 74 Millionen Stimmen fĂŒr Trumps Selbstsucht. Ich. Ich. Ich. đŸ€Ż


Und in Deutschland sieht es nicht anders aus. Tausende Menschen demonstrieren gegen die Corona-Maßnahmen – ohne sich an die Regeln zu halten. Keine Masken. Kein Abstand. Egal, wen sie am nĂ€chsten Tag wieder beim Einkaufen oder auf der Arbeit treffen. Ich. Ich. Ich will mir nichts sagen lassen. Querdenken. Im Bundestag oder der S-Bahn andere Menschen belĂ€stigen. VerĂ€ngstigen. Auf Journalisten einprĂŒgeln. Hand in Hand mit Verschwörungstheoretikern, ReichsbĂŒrgern und Nazis. Es reicht. Nicht nur dem Verfassungsschutz und der Staatsanwaltschaft.

Genug Ansprachen im Konjunktiv. Antisemitische und rechtsextreme Fragen. Marschieren an einem 9. November – nicht gegen das System hinter der Reichspogromnacht, sondern gegen das System hinter der Maske. Holocaust-Vergleiche mit Sophie Scholl oder Anne Frank… Und um mich herum steigen die Zahlen der Infizierten und Toten. Krankenhauspersonal am Limit. Der Großteil der Bevölkerung schrĂ€nkt sich ein, damit es irgendwann ein Ende hat. Aber ein paar Randgruppen denken wieder nur an sich. Und sorgen mit dafĂŒr, dass alles noch lĂ€nger dauert.

Es reicht! Diskussionen ĂŒber einzelne Maßnahmen: Gerne. Aber unter Beachtung der Schutzvorkehrungen. Und ohne Nazis und dem ganzen Verschwörungsquatsch. Niemand hat Spaß am Lockdown. Ich möchte auch wieder mit Freunden essen gehen. Möchte mal wieder tanzen. Aber ich darf nicht – unter anderem weil ihr euch weiter gegen die Regeln stellt, euch als Opfer seht und nach der großen Verschwörung sucht. Vielleicht seid ihr das viel grĂ¶ĂŸere Problem? Aber ich stelle nur Fragen… đŸ˜·


Puh. Das musste mal raus. Ja, ich merke auch, dass mir bestimmte Dinge fehlen. Menschen. Begegnungen und Umarmungen. Aber ich möchte gar nicht wissen, wie es Menschen geht, die alleine sind. Oder bald gehen mĂŒssen. Und im Fernsehen mitverfolgen, wie sich alles immer lĂ€nger hinzieht. Den Fernseher ausschalten, das Licht löschen und die Decke ĂŒber ihren Kopf ziehen. Irgendwo in der Ein-Zimmer-Wohnung. Weit weg von allen. Weit weg von Parolen. Und dem einfachen Satz: „Ich bin fĂŒr dich da“.

Elisabeth Rank versucht ein Ă€hnliches GefĂŒhl zu greifen. 💔

Man steht vor dem unlösbaren Dilemma der Frage: LĂ€sst man NĂ€he zu fĂŒr den Moment, fĂŒr KörpergefĂŒhl, Wohlbefinden, Dopamin, Oxytocin, fĂŒr das GefĂŒhl von Zugehörigkeit und das vegetative Nervensystem? Oder bleibt man in der Distanz, um das Leben zu verlĂ€ngern, um jemanden nicht einem gefĂ€hrlichen Virus auszusetzen und eine Kette an Dingen auszulösen, die schlimme Folgen haben fĂŒr die Person und das System? Es gibt kein besser oder schlechter in diesem Fall. Die Vorstellung, dass viele Menschen seit einem halben Jahr noch mehr als sowieso schon auf sich selbst zurĂŒckgeworfen sind, dass ihnen jegliche BerĂŒhrung abhanden gekommen ist, dass sie einsam leben und vielleicht sterben, bringt mein Herz zum Platzen.

All diese Gedanken haben in meinen Augen oft mit unserem ZeitgefĂŒhl zu tun. Werde ich eingeschrĂ€nkt in der Gestaltung meiner Zeit? Verschwende ich meine Zeit mit Dingen, die ich gar nicht tun möchte? Die letzten Wochen rasen – so jedenfalls meine Wahrnehmung. Die Zeit „rinnt“ durch die HĂ€nde. Man verliert sie in gewisser Weise. Habe dazu einen tollen Artikel gelesen: Time anxiety: is it too late? Er beschreibt ganz gut, wie wir stĂ€ndig ĂŒber unsere (verbleibende) Zeit nachdenken. Und dabei oft ĂŒbersehen, wieviel Zeit dieses Denken verbraucht. ⏳

First, time exists and we can’t change that. Time will move forward, and so will we. Accepting these simple yet daunting truths is the first step in reducing time anxiety.

Auch ich muss mich immer wieder dazu zwingen, nicht jede Handlung zu bewerten. Den Sinn in jeder Tat zu suchen. Alles zu „optimieren“ – woher auch immer der Maßstab kommt, denn er kommt selten aus einem selbst.

Deshalb drei Serien fĂŒr kalte Tage. Mit Kakao auf dem Sofa. Handy aus.

Liebe und Anarchie – Sofie beginnt in einem Verlag und soll dort neue GeschĂ€ftsmodelle entwickeln. Das kommt mir irgendwie bekannt vor… Sie stĂ¶ĂŸt an Grenzen – im Unternehmen und bei sich selbst. Lustig, mit einer Prise Liebe und Klischees. Die acht Folgen gibt es auf Netflix. 💛

Das Damengambit – Als junge Waise lernt Beth das Schachspielen kennen. Und flieht so vor ihrer Vergangenheit. Ihrer Angst vor und Sehnsucht nach Verlust. Beeindruckendes Drama. Die Miniserie auf Netflix. ♟

After Life – Die Einsamkeit nach dem Tod seiner Frau treibt Tony in die GleichgĂŒltigkeit. Er stĂ¶ĂŸt jeden von sich. Wird zynisch. GefĂŒhlsmix zwischen Drama und Komödie. Die zweite Staffel auf Netflix. ⚱


Es gibt diese kurzen Momente, wenn die Fassade fĂ€llt. Wenn man hinter diese Rolle schaut, die jeder spielt. Und es sind genau diese Momente, die mich glĂŒcklich machen. Vielleicht, weil ich sie selten sind. In den letzten Monaten versuche ich mich mehr zuzulassen. GefĂŒhlte SchwĂ€chen zu zeigen. Oder auch zu akzeptieren, dass Hilflosigkeit auch nur ein Anlass sein kann, um Menschen um Hilfe zu bitten. Und diese dann zu erhalten. Das fĂŒhlt sich dann sehr gut an.

Die Kunstfigur Kurt Krömer trifft in der Sendung Chez Krömer auf unterschiedlichste Menschen. Bei Tedros Teclebrhan verlĂ€sst sie aber relativ frĂŒh den Raum und schenkte mir ein paar Minuten mit Alexander Bojcan.


Vor uns liegt der Dezember. Die besinnliche Zeit. Und ich frage mich, ob sie in einem Jahr 2020 nicht laut sein muss. Laut gegen Desinformation. Laut gegen Rechts. Laut fĂŒr einen inhaltlichen Diskurs und gegen Parolen.

Habt einen schönen ersten Advent und bleibt gesund ✌

5 schöne Dinge

Über Fabian bin ich auf ein „Spiel“ gestoßen – ein „Stöckchen“ sagte man frĂŒherℱ in der BlogosphĂ€re. FĂŒnf schöne Dinge. Weil wir uns viel zu selten bewusst werden, was gut ist. Und gut tut.

Hier folgen fĂŒnf schöne Dinge, ungeordnet:

  1. Radfahren. Als Kind bin ich jede Straße im Dorf abgefahren. Mit dem Mountainbike durch die WĂ€lder. Heute lautlos durch die Straßen Hamburgs – mit der selben Neugierde. Beobachte Menschen. Entdecke StraßenzĂŒge und vervollstĂ€ndige die Karte im Kopf. Das sind Momente, an denen ich nicht viel nachdenke. Mich nur aufs Rollen konzentriere.
  2. Natur. Alleine oder mit Lieblingsmenschen. Durch WĂ€lder spazieren oder am Wasser entlang. Feldwege im Nirgendwo. Die Sonne im Gesicht, frische Luft, querfeldein. Mag Hawaii oder die Ostalb. Hauptsache raus.
  3. Musik. Begleitet mich in jeder Situation. Wenn ich gut gelaunt durch die Stadt spaziere oder am Schreibtisch sitze. In der Dusche. Beim Kochen. Meist deutschsprachiger Hip Hop wie Fatoni, Maeckes und Chefket. Aber auch Bosse, Von Wegen Lisbeth oder Bilderbuch. Musik gibt mir Halt und Orientierung. Schenkt mir ein Grinsen im Gesicht.
  4. Schokolade. Geht immer. Als Belohnung, zur Motivation oder als Stimmungsaufheller. M&M’s machen die Finger bunt. Ritter Sport, die man sich schön einteilen kann und doch am StĂŒck verdrĂŒckt. Oreo – ohne Aufdrehen und Milch. Manche definieren Schokolade an Hand vom Kakaogehalt. Da bin ich eher Kind geblieben: Hauptsache sĂŒĂŸ.
  5. Rumalbern. Meist ĂŒber flache Witze und Belanglosigkeiten. Aus der Situation gegriffen. Lautes Lachen bis der Schluckauf kommt.

Und du so?

Fragmente 🍂 Oktober 2020

Der Akku leer, der Kopf voll. Dieses GefĂŒhl dominiert die letzten Monate. Und daran sind gewiss nicht nur Medien und Streams schuld. Es passiert momentan so viel. In uns. In mir. Die Gesellschaft wird ein zweites Mal heruntergefahren, aber ich persönlich renne auf Anschlag.

Und so geht es vielen Freunden und Bekannten. Dieses Jahr wird dominiert durch Ungewissheit. Eilmeldungen und Zahlen ĂŒberall. Corona hat Auswirkungen auf mein Leben, aber bei weitem nicht elementar. Ich bin gesund, habe meinen Job und Menschen um mich herum. Trotzdem bringt mich diese Zeit zum Nachdenken: Was ist mir wichtig? Was brauche ich? Wo sind meine Grenzen? Worauf kann ich verzichten?

Diese Fragen – sowie selbstgewĂ€hlte oder diktierte Projekte, die mich davon ablenken sollen – halten die Maschine am Laufen. Hab teilweise viel zu kurze NĂ€chte, wache um 5 Uhr auf und muss im Dunkeln feststellen, dass ich meinen halben Bart verloren habe. Warnhinweise, die ich nicht verschweigen möchte. Glaube, wir sollten viel ehrlicher ĂŒber diese ganzen Bruchstellen und SchwĂ€chen sprechen. Deshalb teile ich nun monatlich Fragmente aus meinen Tagen. Stimmungsbilder und Einblicke. Aber auch Empfehlungen und Entdeckungen. Wie man das frĂŒherℱ so in einem Blog machte. 🙃


Spreche ich mit Freunden, so suchen viele gerade „ihren Platz“ in dieser verrĂŒckten Zeit und dem Danach. Alles scheint sich neu zu ordnen. Arbeiten im Schlafzimmer. FĂŒhrung aus der Ferne. Freundschaften ĂŒbers Telefon. Auch meine Arbeit hat sich verĂ€ndert, denn Produktmanagement in der Krise bedeutet noch mehr Zuversicht bei noch weniger Struktur. Investieren statt sparen. Spreche mit Menschen, deren erarbeitete Position und Sicherheit plötzlich wackelt. Sie suchen nach Gleichgesinnten – wollen nicht alleine durch diese Zeit. Auf öffentlichen Plattformen zeigt jeder, dass es weitergeht. Feiert kleine Erfolge. Aber oft fehlen geschĂŒtzte RĂ€ume, wo Austausch entsteht – ĂŒber Probleme und Scheitern gesprochen wird. VerstĂ€ndnis aufbringen. Hören und Dazugehören.

Das treibt mich gerade um. Und ich freue mich ĂŒber Austausch. đŸ€—


Um meine ganzen Gedanken zu ordnen, habe ich mir ein neues Notizbuch besorgt. Nichts Digitales. Nur Stift und Block, um zu jeder Uhrzeit meine losen Gedanken festzuhalten. Das tut verdammt gut. Wenn es auch nur Worte ohne Zusammenhang sind. Sie spiegeln meinen aktuellen Zustand und helfen, den ein oder anderen Strang zu ordnen. Wache ich nachts auf, schreibe ich alle Gedankenfetzen auf. Lese ich ein Buch, notiere ich ausgewĂ€hlte SĂ€tze. Beobachte ich etwas Spannendes, landen Skizzen davon auf einer leeren Seite. ✍


FrĂŒher habe ich regelmĂ€ĂŸiger NotizbĂŒcher mit Beobachtungen gefĂŒllt. Habe aus diesen SatzstĂŒcken ganze Geschichten gebaut. Ich nannte sie Einweggedanken. Und einzelne Texte haben es nun sogar in ein Buch geschafft 🙈 Lese ich heute durch die Texte, so erinnern sie mich an ein sehr emotionales Kapitel. Eine Trennung, ein Umzug, ein Neubeginn. Schreiben. Stolpern. Schluckauf. In einer Großstadt und auch im Kopf. 💙

Mein Text in der Anthologie Projekt txt von Katharina Pelham

Neben dem Schreiben hilft mir Natur, um den Kopf frei zu bekommen. Wald. Bunte BlĂ€tter, die leise rascheln. Sonne im Gesicht. Hand in Hand. Deshalb ging es fĂŒr ein paar Tage in den Harz – da fahren die Norddeutschen hin, wenn sie in die Berge gehen. Bin Dampflok gefahren, hab viel geschlafen und mir die Schuhe dreckig gemacht. So muss das. 🍂

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Raus.

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Außerdem habe ich endlich wieder einen Roman gelesen. Sophia, der Tod und ich. Der Musiker Thees Uhlmann nahm mich mit auf einen Roadtrip, dessen Ende auf den ersten Seiten verraten wird: Tod. Teilweise sehr lustig, dann wieder ehrlich-schön. Dieses GefĂŒhl hab ich vermisst. Möchte wieder mehr lesen. Abschweifen. Wer wissen möchte, welche BĂŒcher ich gerade lese, findet Antworten auf meinem Readng-Profil. 📚


Seit Juli fahre ich mit einem E-Bike durch Hamburg und fĂŒttere unregelmĂ€ĂŸig mit zwei Freunden einen Blog: lautlos.hamburg. Und wie jedes Projekt, hat auch dieses seine Höhen und Tiefen. AnfĂ€ngliche Euphorie, viel Zuspruch und die ersten Empfehlungen. Danach eine gewisse MĂŒdigkeit aka „Alltag“ – es braucht immer wieder Impulse. Und wenn es die Angst ist, dass man nicht mehr fahren darf. Denn kurz war mein VanMoof S3 auf dem Schirm der Polizei: Es fuhr zu schnell, wenn man in den Optionen spielte. Mittlerweile wurde aber alles technisch gelöst und das Rad aus der Ferne aktualisiert. VerrĂŒckte Technik. đŸšŽâ€â™‚ïž


Ja, alles wird immer komplexer. Und deshalb konzentrieren sich Designer tĂ€glich darauf, KomplexitĂ€t hinter leicht verstĂ€ndlichen und schönen OberflĂ€chen zu verstecken. Was wĂ€re aber, wenn wir den anderen Weg einschlagen und Menschen mehr ermĂ€chtigen? Ihnen erklĂ€ren, was Technologie tut und wie sie funktioniert. Sie ist schließlich nicht nur Werkzeug, sondern vielmehr Zugang. Make me think! fordert genau diese VerĂ€nderung in der Produktentwicklung. 🙌


Zum Schluss etwas unbezahlte Werbung aus voller Überzeugung: Heute ist Weltspartag. Als Kind bin ich mit Spardose und großer Vorfreude zu meiner Bank geradelt. Es gab SĂŒĂŸigkeiten und Plastik aus China. Irgendwann wechselte man zu einer Onlinebank. Da gab es dann eine kostenlose Kreditkarte fĂŒr Onlineshopping und eine schicke App. Aber was macht eine Bank ĂŒberhaupt mit meinem Geld? Diese Frage stellte ich mir erst, als ich auf Tomorrow stieß – also dieses Jahr. Die Antwort: Große Banken finanzieren zum Beispiel die RĂŒstungsindustrie. Tomorrow Ă€ndert dies und nutzt Kundeneinlagen fĂŒr nachhaltige Projekte. Außerdem werden TransaktionsgebĂŒhren, die beim Zahlen mit der Karte fließen, in Regenwald-Projekte gesteckt. Das Konto ist (mit kleinen EinschrĂ€nkungen) kostenlos und die App super. Was spricht also dagegen?! đŸŒČ


Ich wĂŒnsche euch einen schönen Start in den November. Hoffe, ihr bleibt gesund. Und freue mich ĂŒber jedes Signal aus der Isolation 👋 #staythefuckhome