Andreas Spiegler

Schreiben. Stolpern. Schluckauf.

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Raus aus den Streams

Ich bin mĂŒde geworden. Wo ich mich frĂŒherℱ noch mit strahlenden Augen durch RSS-Feeds oder den Pownce-Stream gegraben habe, fĂŒhlen sich Streams heute nur noch langweilig an. Egal auf welcher Plattform. Noch nie bin ich so vielen Menschen gefolgt, die so spannende Berufe haben und dennoch alle das Gleiche teilen: Die selben Artikel, die gleiche Kritik, Ă€hnliche Empfehlungen und Bilder, die alle an den selben Orten aufgenommen wurden. Ich bin nicht anders. Mein Instagram-Stream zeigt SonnenuntergĂ€nge. Auf LinkedIn teile ich Artikel, die mich strukturiert wirken lassen – auch wenn mein Alltag teilweise ganz schön planlos verlĂ€uft. Und auf Facebook finde ich mehr Veranstaltungen interessant als es Tage gibt, an denen ich die Wohnung verlassen werde.

Digitale Inhalte verschwimmen und zerlaufen und sind zu sehr angereichert mit Irrelevantem. Das Dilemma ist, dass man nur durch QuantitĂ€t an der OberflĂ€che bleibt, und da ist ÜberflĂŒssigkeit folglich vorprogrammiert.

Christoph rauscher

Vorbei die Zeit, in der ich lange Blogartikel lese und darĂŒber Menschen kennenlerne. Mich selbst ein bisschen besser verstehe und das schöne GefĂŒhl empfinde, nicht alleine zu sein. Heute lerne ich nur noch wenig dazu. Werde selten ĂŒberrascht. Die meisten Einblicke sind geschönt. Alles wird professionalisiert. Und dadurch so unfassbar öde.

Die praktischen Vorteile sind allerdings nahezu verpufft. Keine neuen Freunde, keine neuen Einblicke auf ganz andere Bereiche der Welt. Nur anhaltend mehr vom gleichen. Zumindest in Relation zum Aufwand und den negativen Aspekten des Always-On-Lifestyles.

Marcel Wichmann

Jetzt könnte man denken: Das ist doch super 🙌 Endlich Zeit fĂŒr sinnvolle Dinge. Doch leider verbringe ich weiterhin viel zu viel Zeit in diesen Streams. Lasse mich treiben. Völlig anteilnahmslos. Das macht mich langsam wĂŒtend. Wo sind die Orte, an denen man wieder ĂŒberrascht wird? Wo lernt man Menschen kennen, die auch mal ĂŒber ihre Ängste sprechen und ihre Gedanken teilen? Und dafĂŒr keinen eigenen Podcast produzieren und 90-Minuten-Monologe fĂŒhren…

Bin offen fĂŒr jeden Hinweis. Und bis dahin denke ich ernsthaft darĂŒber nach, mich aus den ganzen Streams zurĂŒck zu ziehen. Und eine gehörige Portion Schlaf nachzuholen. Nachdem ich diesen Blogbeitrag in allen Streams geteilt habe. đŸ˜¶

RĂŒckblick. 2019.

Versuche wieder meine Geschwindigkeit zu finden.“ – mit diesen Worten stolperte ich in das Jahr 2019. Ein Podcast-Experiment und drei Dinge. Zahlreiche Experimente auf der Arbeit. Vom Pressehaus in eine Marzipanfabrik umgezogen. Strukturen geschaffen. Rollen definiert. WĂ€nde eingerissen. Und irgendwann eingestehen mĂŒssen, dass ich dieses Tempo nicht halten kann. Meine Geschwindigkeit unterschĂ€tzt. Notbremse. Zwei Wochen Auszeit. Die eine HĂ€lfte im Bett, die andere im Wald. Durchatmen. Bewusst wahrnehmen, was ich brauche. Grenzen eingestehen. Habe die Messlatte zu hoch gehĂ€ngt. Zu wenig auf meinen Körper gehört. Und Menschen verletzt, die mich eigentich beschĂŒtzen wollten. Konnte mich teilweise selbst nicht wieder erkennen.

Merke immer mehr, wie wichtig Einsamkeit und Zweisamkeit fĂŒr mich sind. Stand mit dir in der Sagrada Familia. Blick nach oben. Bunte Farben flackern auf unseren Wangen. Auf Usedom lassen wir uns die Haare zerzausen. Verbringen die Nacht auf einem Boot. Den Tag am Meer. Kuchen gibt es in kleinen GĂ€rten. Auf wackligen StĂŒhlen. Es braucht nicht viel, haben wir gemerkt. Und trotzdem in Istanbul alles aufgesaugt. Çay und Simit. Mein Arm um deine HĂŒfte. Das blaue Kleid und dein Grinsen. Durch die WĂ€lder von Hawaii gerutscht. Auf Berge geklettert. In Wellen gesprungen. Das erste Mal schnorcheln. Das letzte Mal Z2X. Brauche diese Auszeiten. Egal wie weit entfernt – solange ich entscheiden kann, wohin der nĂ€chste Schritt mich trĂ€gt.

Oft haben mich Podcasts bei meinen Schritten im letzten Jahr begleitet. Verfolge beigeistert StartUps, lache im Podcast Ufo und lausche an der Bar vom Hotel Matze. Kann nur schwer beschreiben, was mir an diesem Medium so gefÀllt. Es erinnert mich an meine Jugend, in der stÀndig bigFM und DASDING liefen. Ich baue eine Bindung zu den Stimmen auf. Freue mich auf neue Folgen, wie auf GesprÀche mit Freunden. Und ich glaube, dass Audio noch so viel mehr kann, wenn es um Geschichten geht.

Weitere 377 Stunden des letzten Jahres gehörten der Musik. Über mein Grinsen im Gesicht habe ich bereits geschrieben – auch wenn ich deutlich mehr ernste Musik hörte. Kummer hat deutschen Rap endlich wieder traurig gemacht. Auch meine Liebe zu Fatoni ist kein Geheimnis mehr: Er schafft es ohne elitĂ€ren Zeigefinger oder schmierige Phrasen auf den ganzen Dreck da draußen zu reagieren. Genau wie Trettmann, Yassin oder Dendemann. Momentan verstricke ich mich vielleicht zu oft in wirren Gedanken. Und die Musik hilft mir dann diese difsusen GefĂŒhle zu ordnen. Ihnen kleine Kategorien einzuheften. Mich ein bisschen besser verstanden zu fĂŒhlen.

Dieses Muster erkenne ich auch bei Serien und Filme wieder. After Life ist eine traurige Komödie, die Verlust und Hass so wunderbar vereint. Die zweite Staffel Dark hat mich in ihren Bann gezogen – auch wenn ich mittlerweile einen Spickzettel brauche, um die StrĂ€nge ĂŒberblicken zu können. Im Zug nach SĂŒddeutschland habe ich The End of the F***ing World und Fleabag begonnen. Beide ebenfalls voller Sarkasmus, um das normale Leben zu verarbeiten. FĂŒr die gute Stimmung: Silicon Valley, Brooklyn Nine-Nine und Modern Familiy.

Ein Jahr voller GegensĂ€tze liegt hinter mir. Vollgas. Vollbremsung. Lachen. Weinen. Tanzen. Springen. Schubsen. Musste auf die harte Weise lernen, wieviel Kraft es braucht, nichts zu bewegen. Wahrzunehmen. Zu reflektieren. Das hört sich alles so erwachsen an. Komme mir aber mehr vor wie ein Kind, das lernen muss. Spricht man ĂŒber solche Phasen? Teilt man seine SchwĂ€chen? Welchen Filter braucht man fĂŒr den Alltag und in welche Kategorie des Lebenslaufs kommt das GefĂŒhl MĂŒdigkeit? Was antworte ich auf die großen Fragen? Mache mir Gedanken ĂŒber meinen Job und Lieblingsserien, wĂ€hrend anderswo die Lebensgrundlage ausgelöscht wird. HĂ€nge in stylischen CafĂ©s und anderswo produzieren Kinder glĂ€ntzende GegenstĂ€nde. Beschwere mich ĂŒber hohe Mieten und S-Bahn-AusfĂ€lle, nebenan nehmen StĂŒrme und Fluten einfach alles weg. Was kann ich machen? Wie kann ich andere mitnehmen? Braucht es Trotz oder VerstĂ€ndnis?

Und auch mit dem ganzen LĂ€rm in mir drin, bin ich dankbar fĂŒr jeden Schritt. Gemeinsam oder allein. FĂŒr jedes liebe Wort. FĂŒr jede neue Bekanntschaft und jede bekannte Umarmung. Ich möchte im kommenden Jahr noch ehrlicher sein. Zu mir. Und zu Menschen, die mir wichtig sind. đŸ€—

KĂŒss mich von gestern auf heute in Istanbul

Bis vor wenigen Wochen wusste ich nicht viel von der Stadt am Bosporus. Istanbul. Die geteilte Stadt. Tradition und Moderne. Und unendlich viele Abstufungen dazwischen. Einzig das Lied von Bosse gab mir einen Vorgeschmack. Doch wollte ich mich selbst ĂŒberzeugen.

Gelandet im Nirgendwo. Zwischen Schutt, WĂ€ldern und freilaufenden Rindern. Er soll der grĂ¶ĂŸte Flughafen der Welt werden. Mehr Duty-Free-Kassen als Check-In-Schalter. Ein Urlaub der GegensĂ€tze. Untergebracht in einem wunderschönen Hotel – umgeben von kleinen Gassen. AntiquitĂ€ten, KĂŒnstler, CafĂ©s. Straßenkatzen folgen neugierig unseren neugierigen Schritten. Die GesĂ€nge des Muezzin. Ungewohnt. Alte Hafenviertel, die nun von Hipstern ĂŒbernommen werden. Çay und Simit. Beeindruckt von der Freundlichkeit. Neugierde, die sich ernstgemeint anfĂŒhlt.

Besteigen den Galataturm und ĂŒberblicken die beiden HĂ€lften. Deine Hand in meiner Hand. Zwei HĂ€lften. Beobachten die Fischer. Sie voller Zuversicht, wir voller Orientierungslosigkeit. Balık ekmek in der Hand, wĂ€hrend Wellen gegen die Hafenwand schlagen. So viele Moscheen und eine Kultur, die ich nicht schnell genug erfassen kann. Die Hagia Sophia erdrĂŒckt mich mit ihren EindrĂŒcken. Tulpen im Emirgan-Park. Licht und Schatten im GĂŒlhane-Park.

Auf dem Bazar fĂŒhlt man sich fast schon verloren. Hektik. Wir lassen uns von Stahlkolossen auf die andere Seite des Bosporus fahren. Können durchatmen auf den Prinzeninseln. FrĂŒher Verließ, heute Versteck. Steigen in den versunkenen Palast. Zeitreise im Topkapı-Palast. Du schwĂ€rmst von Filmszenen. Ich vom Essen. Augenfunkeln.

Diese Stadt hat mich völlig verzaubert. Habe mein ZeitgefĂŒhl verloren. Und auch ein bisschen mein Herz. 🕌

Ein paar der erwÀhnten Orte findet ihr bei Google Maps.

Mein letztes Mal bei Z2X

Man denkt ja immer, dass sich Dinge nicht wiederholen können. Vor drei Jahren war ich zum ersten Mal bei Z2X. Einem Format, bei dem ZEIT ONLINE junge VisionĂ€re im Alter zwischen 20 und 29 Jahren einlĂ€dt. Es war unfassbar bereichernd. Auf so vielen Ebenen. Und dieses Jahr durfte ich nochmal dabei sein, bevor mich der TĂŒrsteher nĂ€chstes Mal nicht mehr reinlĂ€sst.

Ein altes Krematorium im Berliner Ortsteil Wedding. Weiße Taschen. Rote BĂ€nder. So unterschiedliche Menschen. Sitze auf der Wiese des silent green Kulturquartiers. Links von mir ein alter Freund aus Hamburg. Rechts von mir ein Mensch, der vielleicht bald zu meinen Freunden zĂ€hlt. Wir reden ĂŒber Schubladen und wie man sie aufbricht. Über Vergeben. Ein bisschen Arbeit. Ein bisschen Liebe. Immer wieder ĂŒber Jahre, die noch vor uns liegen. Um uns herum so viele neugierige Menschen, die offen ĂŒber ihre Erfahrungen sprechen. Keine BerĂŒhrungsangst, dafĂŒr den Kopf voller Fragen und noch mehr Ideen.

(Foto: Zeit Online)

Ich merke, wie ich sowas vermisst habe. Kein Projektplan, der die nĂ€chsten Schritte vorgibt. DafĂŒr unterschiedlichste Optionen, die mich dazu bringen alles auf den Kopf zu stellen. Was erwarte ich von meiner Arbeit? Was ist ĂŒberhaupt Arbeit fĂŒr mich? Mit wem möchte ich alt werden? Was kann ich tun, damit meine Kinder wie ich im Wald ihre Lager bauen können? Kurze BlitzvortrĂ€ge geben Impulse, aber am meisten Gedankenfutter ziehe ich aus diversen „Frag mich alles“-Runden. Mit Menschen, die nicht eine Berufung haben, sondern ihr Leben als Mosaik sehen. So oft habe ich mich selbst dafĂŒr kritisiert, dass ich nicht diese eine Leidenschaft habe. Sondern mich fĂŒr viele Dinge interessiere. Anderen geht es genau so. Spreche mit FirmengrĂŒndern, die keinen Plan wollen. Nur eine Vision. Und dabei immer wieder stolpern. Dies akzeptieren und zulassen. DarĂŒber sprechen. Offen und ehrlich. Immer wieder stehenbleiben. Keiner kennt den geheimen Trick, der alles löst. Aber so viele wollen etwas verĂ€ndern. Das tut gut zu sehen. Auch wenn es einen aufreibt. Umtreibt. Antreibt.

Ja, es ist eine Blase, in der sich diese Konferenz bewegt. Aber dennoch versuchen Nadeln diese immer wieder zu durchdringen. Wie auf dem Platz vor der Dönerbude, wo wir abends noch sitzen. Wo unterschiedliche Sprachen doch nur ein Ziel verfolgen: Austausch. Miteinander. Wir schauen neugierig in die Gesichter. Kommen ins GesprĂ€ch. Werden auch schrĂ€g angeblickt. VerstĂ€ndlich. Uns geht es sehr gut in unserer Blase, auch wenn der LĂ€rm um uns herum lauter wird. Wie kann ich mehr zurĂŒckgeben? Teil des Ganzen werden? Eine Frage, die ich mit nach Hause genommen habe. Nicht jeder wird in eine reiche Familie geboren. Nicht jeder hat das GlĂŒck mitgezogen zu werden. Nicht jeder hat die StĂ€rke sich gegen Hate Speech zu wehren. Nicht jeder hat jemanden. Zum Reden. Zuhören.

(Foto: Zeit Online)

Ich bin diesem Format sehr dankbar. Es umarmt mich. Es öffnet mir in die Augen. Es tritt mir in den Magen. Zeigt mir, dass es sich lohnt nicht alles zu akzeptieren. WĂŒnsche zu artikulieren und darĂŒber zu sprechen. Gemeinsam unterschiedlichste Blickwinkel einzunehmen. Das klingt alles so groß. Aber es ist die Grundlage. Und so einfach. Als Kind war ich neugierig. Offen. Heute hat man seine Meinungen. Seine Bilder. Und die gilt es regelmĂ€ĂŸig zu hinterfragen. HierfĂŒr ist Z2X ein toller Rahmen.

Alles zieht vorbei. Und hinterlÀsst seine Kratzer.

Ohne Musik kann ich nicht. Einzelne Lieder lassen mich direkt zu einem vergangenen Moment springen. Einzelne Zeilen bringen mich zum Grinsen. Machen mich nachdenklich. Traurig. GlĂŒcklich. Dabei wechseln die KĂŒnstler, wie auch die Lebensphasen. Aber ein paar KĂŒnstler bleiben. Oft sind es jene, die wie ich auf der Suche sind. Verschiedene Facetten an sich entdecken. Sich ausprobieren. Dazu zĂ€hle ich Menschen wie Maeckes. Tua. Und Fatoni.

Ich wusste lange nicht genau, wer ich bin oder was ich kann. Wollte mich in einer Schublade finden, aber passte nirgends rein. Weder war ich der coole Sportler, noch der Partyheld oder Frauenschwarm. Erst mit der Zeit – und mit ganz viel Musik in den stillen Momenten – findet man Gleichgesinnte. In einzelnen Zeilen. Hört selbst in sich hinein. Probiert sich aus. Ich habe Texte geschrieben. Stundenlange GesprĂ€che auf viel zu kleinen Balkonen gefĂŒhrt. Menschen getroffen. Bin mit ihnen ein paar Schritte gegangen. Habe mich getrennt. Andere festgehalten.

Wollte nicht so sein wie die anderen – doch war und bin ich immer auf der Suche nach Orientierung. Und es gibt Phasen, da geht einem die Luft aus. Liege dann irgendwo und lasse alles an mir vorbeiziehen. Fatoni geht es vielleicht Ă€hnlich. Vielleicht auch völlig anders. Aber sein neues Lied „Alles zieht vorbei“ löst sehr viel in mir aus. Genau wie viele seine Lieder. Zwischen Tatort und Kunst. Momentweise im Modus. Ganz ohne Vorurteile macht er Dies das. Hört nicht auf die Anderen – dafĂŒr auf seine Luxusprobleme. 💎

Wenn man Jahr fĂŒr Jahr diese Gedanken in Form von Liedern, BĂŒchern, GesprĂ€chsfetzen auf sich einrieseln lĂ€sst, so wird man selbst zur Collage. Und schaut man genau hin, so findet man in jedem Menschen diese kleinen BruchstĂŒcke. Man mag sie Narben nennen. Erfahrungen. Ecken und Kanten. Alle so wichtig, auch wenn man sie vielleicht erst mit der Zeit zu schĂ€tzen weiß. Sie ĂŒberhaupt erst lesen kann.