Andreas Spiegler

Schreiben. Stolpern. Schluckauf.

Mein schmerzhafter Vergleich mit Fynn Kliemann

Ich besitze kein Haus. Habe keine eigene Firma. Kann auf dem Klavier nicht mehr als einen Flohwalzer. Singen eher so mittel. Handwerken wenn es muss. Vergleiche ich mich mit Fynn Kliemann, so könnte man denken: Da geht noch mehr. Ich kenne ihn leider nicht persönlich – nur seine Videos, Musik und Fragmente im Netz. Eines Tages stolperte ich ĂŒber ihn, wĂ€hrend er ĂŒber eine Mauer stolperte. Auf seine ganz eigene Art baut er Dinge. Im Haus. Im Web. Anderswo. Probiert rum. Regt sich auf. Flucht. Genau wie ich. Vielleicht öfter. Er macht einfach.

Ehrlich beschreibt seine Kunst fĂŒr mich am ehesten. Verfolgt man ihn auf den sozialen Medien, so wird man von seiner Neugierde angesteckt. Warum nicht mal einen Hof mit unterschiedlichsten Menschen fĂŒllen? Ein Album selbst produzieren, weil der normale Weg nicht geht oder sich falsch anfĂŒhlt? Wieso eigentlich nicht?

Gebe alles, was ich hab‘ fĂŒr alles, was ich will. Ich will ’ne ganze Menge, also geb‘ ich ganz schön viel.

Alles was ich hab

Mittlerweile arbeitet Fynn Kliemann am zweiten Album. Hat ein Mode– und ein Platten-Label. Er ist der grĂ¶ĂŸte Produzent von Masken. Und Webseiten baut er weiterhin. Gerade lief seine erste Dokumentation, die wĂ€hrend der Produktion des ersten Albums entstand. Hab sie mir angeschaut und 80 Minuten mit mir selbst gerungen. Ich merke, wie ein GefĂŒhl von Neid in mir aufsteigt. Warum kann ich das alles nicht? Warum bin ich nicht so produktiv wie er? So erfolgreich und voller Energie?

Dieser Vergleich tut weh. Er passiert stĂ€ndig. Kann ihn nur schwer verstummen lassen. Fange an, mich innerlich zu rechtfertigen. Entschuldigungen fĂŒr etwas zu suchen, das mir nie vorgeworfen wurde. Sinn macht das keinen. Aber das ist meinem Kopf egal. Treibt mich an manchen Tagen an. Und zieht mich an anderen Tagen wieder runter.

Dieser Blog war fĂŒr mich schon immer ein Raum zum Ausspeichern. Loswerden. Eine ProjektionsflĂ€che um zu verstehen, was mich bewegt. Eine Art Abbild von dem, was mich ausmacht. Vielleicht macht Fynn Kliemann nichts Anderes mit seiner Kunst. Seinen Projekten. Er versucht seinen Platz zu finden. Und vielleicht geht das nicht ohne Vergleich – auch wenn es wehtut?

Fynn Kliemann: Der Typ von nebenan
Fynn Kliemann

Raus aus den Streams

Ich bin mĂŒde geworden. Wo ich mich frĂŒherℱ noch mit strahlenden Augen durch RSS-Feeds oder den Pownce-Stream gegraben habe, fĂŒhlen sich Streams heute nur noch langweilig an. Egal auf welcher Plattform. Noch nie bin ich so vielen Menschen gefolgt, die so spannende Berufe haben und dennoch alle das Gleiche teilen: Die selben Artikel, die gleiche Kritik, Ă€hnliche Empfehlungen und Bilder, die alle an den selben Orten aufgenommen wurden. Ich bin nicht anders. Mein Instagram-Stream zeigt SonnenuntergĂ€nge. Auf LinkedIn teile ich Artikel, die mich strukturiert wirken lassen – auch wenn mein Alltag teilweise ganz schön planlos verlĂ€uft. Und auf Facebook finde ich mehr Veranstaltungen interessant als es Tage gibt, an denen ich die Wohnung verlassen werde.

Digitale Inhalte verschwimmen und zerlaufen und sind zu sehr angereichert mit Irrelevantem. Das Dilemma ist, dass man nur durch QuantitĂ€t an der OberflĂ€che bleibt, und da ist ÜberflĂŒssigkeit folglich vorprogrammiert.

Christoph rauscher

Vorbei die Zeit, in der ich lange Blogartikel lese und darĂŒber Menschen kennenlerne. Mich selbst ein bisschen besser verstehe und das schöne GefĂŒhl empfinde, nicht alleine zu sein. Heute lerne ich nur noch wenig dazu. Werde selten ĂŒberrascht. Die meisten Einblicke sind geschönt. Alles wird professionalisiert. Und dadurch so unfassbar öde.

Die praktischen Vorteile sind allerdings nahezu verpufft. Keine neuen Freunde, keine neuen Einblicke auf ganz andere Bereiche der Welt. Nur anhaltend mehr vom gleichen. Zumindest in Relation zum Aufwand und den negativen Aspekten des Always-On-Lifestyles.

Marcel Wichmann

Jetzt könnte man denken: Das ist doch super 🙌 Endlich Zeit fĂŒr sinnvolle Dinge. Doch leider verbringe ich weiterhin viel zu viel Zeit in diesen Streams. Lasse mich treiben. Völlig anteilnahmslos. Das macht mich langsam wĂŒtend. Wo sind die Orte, an denen man wieder ĂŒberrascht wird? Wo lernt man Menschen kennen, die auch mal ĂŒber ihre Ängste sprechen und ihre Gedanken teilen? Und dafĂŒr keinen eigenen Podcast produzieren und 90-Minuten-Monologe fĂŒhren…

Bin offen fĂŒr jeden Hinweis. Und bis dahin denke ich ernsthaft darĂŒber nach, mich aus den ganzen Streams zurĂŒck zu ziehen. Und eine gehörige Portion Schlaf nachzuholen. Nachdem ich diesen Blogbeitrag in allen Streams geteilt habe. đŸ˜¶

RĂŒckblick. 2019.

Versuche wieder meine Geschwindigkeit zu finden.“ – mit diesen Worten stolperte ich in das Jahr 2019. Ein Podcast-Experiment und drei Dinge. Zahlreiche Experimente auf der Arbeit. Vom Pressehaus in eine Marzipanfabrik umgezogen. Strukturen geschaffen. Rollen definiert. WĂ€nde eingerissen. Und irgendwann eingestehen mĂŒssen, dass ich dieses Tempo nicht halten kann. Meine Geschwindigkeit unterschĂ€tzt. Notbremse. Zwei Wochen Auszeit. Die eine HĂ€lfte im Bett, die andere im Wald. Durchatmen. Bewusst wahrnehmen, was ich brauche. Grenzen eingestehen. Habe die Messlatte zu hoch gehĂ€ngt. Zu wenig auf meinen Körper gehört. Und Menschen verletzt, die mich eigentich beschĂŒtzen wollten. Konnte mich teilweise selbst nicht wieder erkennen.

Merke immer mehr, wie wichtig Einsamkeit und Zweisamkeit fĂŒr mich sind. Stand mit dir in der Sagrada Familia. Blick nach oben. Bunte Farben flackern auf unseren Wangen. Auf Usedom lassen wir uns die Haare zerzausen. Verbringen die Nacht auf einem Boot. Den Tag am Meer. Kuchen gibt es in kleinen GĂ€rten. Auf wackligen StĂŒhlen. Es braucht nicht viel, haben wir gemerkt. Und trotzdem in Istanbul alles aufgesaugt. Çay und Simit. Mein Arm um deine HĂŒfte. Das blaue Kleid und dein Grinsen. Durch die WĂ€lder von Hawaii gerutscht. Auf Berge geklettert. In Wellen gesprungen. Das erste Mal schnorcheln. Das letzte Mal Z2X. Brauche diese Auszeiten. Egal wie weit entfernt – solange ich entscheiden kann, wohin der nĂ€chste Schritt mich trĂ€gt.

Oft haben mich Podcasts bei meinen Schritten im letzten Jahr begleitet. Verfolge beigeistert StartUps, lache im Podcast Ufo und lausche an der Bar vom Hotel Matze. Kann nur schwer beschreiben, was mir an diesem Medium so gefÀllt. Es erinnert mich an meine Jugend, in der stÀndig bigFM und DASDING liefen. Ich baue eine Bindung zu den Stimmen auf. Freue mich auf neue Folgen, wie auf GesprÀche mit Freunden. Und ich glaube, dass Audio noch so viel mehr kann, wenn es um Geschichten geht.

Weitere 377 Stunden des letzten Jahres gehörten der Musik. Über mein Grinsen im Gesicht habe ich bereits geschrieben – auch wenn ich deutlich mehr ernste Musik hörte. Kummer hat deutschen Rap endlich wieder traurig gemacht. Auch meine Liebe zu Fatoni ist kein Geheimnis mehr: Er schafft es ohne elitĂ€ren Zeigefinger oder schmierige Phrasen auf den ganzen Dreck da draußen zu reagieren. Genau wie Trettmann, Yassin oder Dendemann. Momentan verstricke ich mich vielleicht zu oft in wirren Gedanken. Und die Musik hilft mir dann diese difsusen GefĂŒhle zu ordnen. Ihnen kleine Kategorien einzuheften. Mich ein bisschen besser verstanden zu fĂŒhlen.

Dieses Muster erkenne ich auch bei Serien und Filme wieder. After Life ist eine traurige Komödie, die Verlust und Hass so wunderbar vereint. Die zweite Staffel Dark hat mich in ihren Bann gezogen – auch wenn ich mittlerweile einen Spickzettel brauche, um die StrĂ€nge ĂŒberblicken zu können. Im Zug nach SĂŒddeutschland habe ich The End of the F***ing World und Fleabag begonnen. Beide ebenfalls voller Sarkasmus, um das normale Leben zu verarbeiten. FĂŒr die gute Stimmung: Silicon Valley, Brooklyn Nine-Nine und Modern Familiy.

Ein Jahr voller GegensĂ€tze liegt hinter mir. Vollgas. Vollbremsung. Lachen. Weinen. Tanzen. Springen. Schubsen. Musste auf die harte Weise lernen, wieviel Kraft es braucht, nichts zu bewegen. Wahrzunehmen. Zu reflektieren. Das hört sich alles so erwachsen an. Komme mir aber mehr vor wie ein Kind, das lernen muss. Spricht man ĂŒber solche Phasen? Teilt man seine SchwĂ€chen? Welchen Filter braucht man fĂŒr den Alltag und in welche Kategorie des Lebenslaufs kommt das GefĂŒhl MĂŒdigkeit? Was antworte ich auf die großen Fragen? Mache mir Gedanken ĂŒber meinen Job und Lieblingsserien, wĂ€hrend anderswo die Lebensgrundlage ausgelöscht wird. HĂ€nge in stylischen CafĂ©s und anderswo produzieren Kinder glĂ€ntzende GegenstĂ€nde. Beschwere mich ĂŒber hohe Mieten und S-Bahn-AusfĂ€lle, nebenan nehmen StĂŒrme und Fluten einfach alles weg. Was kann ich machen? Wie kann ich andere mitnehmen? Braucht es Trotz oder VerstĂ€ndnis?

Und auch mit dem ganzen LĂ€rm in mir drin, bin ich dankbar fĂŒr jeden Schritt. Gemeinsam oder allein. FĂŒr jedes liebe Wort. FĂŒr jede neue Bekanntschaft und jede bekannte Umarmung. Ich möchte im kommenden Jahr noch ehrlicher sein. Zu mir. Und zu Menschen, die mir wichtig sind. đŸ€—

KĂŒss mich von gestern auf heute in Istanbul

Bis vor wenigen Wochen wusste ich nicht viel von der Stadt am Bosporus. Istanbul. Die geteilte Stadt. Tradition und Moderne. Und unendlich viele Abstufungen dazwischen. Einzig das Lied von Bosse gab mir einen Vorgeschmack. Doch wollte ich mich selbst ĂŒberzeugen.

Gelandet im Nirgendwo. Zwischen Schutt, WĂ€ldern und freilaufenden Rindern. Er soll der grĂ¶ĂŸte Flughafen der Welt werden. Mehr Duty-Free-Kassen als Check-In-Schalter. Ein Urlaub der GegensĂ€tze. Untergebracht in einem wunderschönen Hotel – umgeben von kleinen Gassen. AntiquitĂ€ten, KĂŒnstler, CafĂ©s. Straßenkatzen folgen neugierig unseren neugierigen Schritten. Die GesĂ€nge des Muezzin. Ungewohnt. Alte Hafenviertel, die nun von Hipstern ĂŒbernommen werden. Çay und Simit. Beeindruckt von der Freundlichkeit. Neugierde, die sich ernstgemeint anfĂŒhlt.

Besteigen den Galataturm und ĂŒberblicken die beiden HĂ€lften. Deine Hand in meiner Hand. Zwei HĂ€lften. Beobachten die Fischer. Sie voller Zuversicht, wir voller Orientierungslosigkeit. Balık ekmek in der Hand, wĂ€hrend Wellen gegen die Hafenwand schlagen. So viele Moscheen und eine Kultur, die ich nicht schnell genug erfassen kann. Die Hagia Sophia erdrĂŒckt mich mit ihren EindrĂŒcken. Tulpen im Emirgan-Park. Licht und Schatten im GĂŒlhane-Park.

Auf dem Bazar fĂŒhlt man sich fast schon verloren. Hektik. Wir lassen uns von Stahlkolossen auf die andere Seite des Bosporus fahren. Können durchatmen auf den Prinzeninseln. FrĂŒher Verließ, heute Versteck. Steigen in den versunkenen Palast. Zeitreise im Topkapı-Palast. Du schwĂ€rmst von Filmszenen. Ich vom Essen. Augenfunkeln.

Diese Stadt hat mich völlig verzaubert. Habe mein ZeitgefĂŒhl verloren. Und auch ein bisschen mein Herz. 🕌

Ein paar der erwÀhnten Orte findet ihr bei Google Maps.

Mein letztes Mal bei Z2X

Man denkt ja immer, dass sich Dinge nicht wiederholen können. Vor drei Jahren war ich zum ersten Mal bei Z2X. Einem Format, bei dem ZEIT ONLINE junge VisionĂ€re im Alter zwischen 20 und 29 Jahren einlĂ€dt. Es war unfassbar bereichernd. Auf so vielen Ebenen. Und dieses Jahr durfte ich nochmal dabei sein, bevor mich der TĂŒrsteher nĂ€chstes Mal nicht mehr reinlĂ€sst.

Ein altes Krematorium im Berliner Ortsteil Wedding. Weiße Taschen. Rote BĂ€nder. So unterschiedliche Menschen. Sitze auf der Wiese des silent green Kulturquartiers. Links von mir ein alter Freund aus Hamburg. Rechts von mir ein Mensch, der vielleicht bald zu meinen Freunden zĂ€hlt. Wir reden ĂŒber Schubladen und wie man sie aufbricht. Über Vergeben. Ein bisschen Arbeit. Ein bisschen Liebe. Immer wieder ĂŒber Jahre, die noch vor uns liegen. Um uns herum so viele neugierige Menschen, die offen ĂŒber ihre Erfahrungen sprechen. Keine BerĂŒhrungsangst, dafĂŒr den Kopf voller Fragen und noch mehr Ideen.

(Foto: Zeit Online)

Ich merke, wie ich sowas vermisst habe. Kein Projektplan, der die nĂ€chsten Schritte vorgibt. DafĂŒr unterschiedlichste Optionen, die mich dazu bringen alles auf den Kopf zu stellen. Was erwarte ich von meiner Arbeit? Was ist ĂŒberhaupt Arbeit fĂŒr mich? Mit wem möchte ich alt werden? Was kann ich tun, damit meine Kinder wie ich im Wald ihre Lager bauen können? Kurze BlitzvortrĂ€ge geben Impulse, aber am meisten Gedankenfutter ziehe ich aus diversen „Frag mich alles“-Runden. Mit Menschen, die nicht eine Berufung haben, sondern ihr Leben als Mosaik sehen. So oft habe ich mich selbst dafĂŒr kritisiert, dass ich nicht diese eine Leidenschaft habe. Sondern mich fĂŒr viele Dinge interessiere. Anderen geht es genau so. Spreche mit FirmengrĂŒndern, die keinen Plan wollen. Nur eine Vision. Und dabei immer wieder stolpern. Dies akzeptieren und zulassen. DarĂŒber sprechen. Offen und ehrlich. Immer wieder stehenbleiben. Keiner kennt den geheimen Trick, der alles löst. Aber so viele wollen etwas verĂ€ndern. Das tut gut zu sehen. Auch wenn es einen aufreibt. Umtreibt. Antreibt.

Ja, es ist eine Blase, in der sich diese Konferenz bewegt. Aber dennoch versuchen Nadeln diese immer wieder zu durchdringen. Wie auf dem Platz vor der Dönerbude, wo wir abends noch sitzen. Wo unterschiedliche Sprachen doch nur ein Ziel verfolgen: Austausch. Miteinander. Wir schauen neugierig in die Gesichter. Kommen ins GesprĂ€ch. Werden auch schrĂ€g angeblickt. VerstĂ€ndlich. Uns geht es sehr gut in unserer Blase, auch wenn der LĂ€rm um uns herum lauter wird. Wie kann ich mehr zurĂŒckgeben? Teil des Ganzen werden? Eine Frage, die ich mit nach Hause genommen habe. Nicht jeder wird in eine reiche Familie geboren. Nicht jeder hat das GlĂŒck mitgezogen zu werden. Nicht jeder hat die StĂ€rke sich gegen Hate Speech zu wehren. Nicht jeder hat jemanden. Zum Reden. Zuhören.

(Foto: Zeit Online)

Ich bin diesem Format sehr dankbar. Es umarmt mich. Es öffnet mir in die Augen. Es tritt mir in den Magen. Zeigt mir, dass es sich lohnt nicht alles zu akzeptieren. WĂŒnsche zu artikulieren und darĂŒber zu sprechen. Gemeinsam unterschiedlichste Blickwinkel einzunehmen. Das klingt alles so groß. Aber es ist die Grundlage. Und so einfach. Als Kind war ich neugierig. Offen. Heute hat man seine Meinungen. Seine Bilder. Und die gilt es regelmĂ€ĂŸig zu hinterfragen. HierfĂŒr ist Z2X ein toller Rahmen.