Blog / Framente

Fragmente 🙅‍♂️ Widerstand

Schalte den Fernseher aus und lasse mich ins Sofa fallen. Fühle mich leer. Knapp drei Stunden Wahlberichterstattung hinter mir. Viele enttäuschte Gesichter und ein paar Menschen, die dreckig lachen. Vor wenigen Tagen hetzte der wahrscheinlich zukünftige Kanzler gegen grüne und linke Spinner - jetzt spricht er von Vereinigung und Politik für die Mehrheit der Bevölkerung. Ich sehe hauptsächlich Steuererleichterungen für Unternehmen und Besserverdiener. Und ganz viele konservative Ansichten, von denen ich mich nicht vertreten fühle. Es scheint sich alles zu wiederholen. Schon wieder.

Auf der anderen Seite des Planeten versucht Trump die Justiz zu entmachten. Manche sprechen vom „administrativen Staatsstreich“, bei dem sich ein Milliardär Zugang zu den großen Institutionen verschafft, um seine Interessen zu verfolgen. Entwicklungsgelder werden eingefroren, Staatsbedienstete gekündigt und ein autoritärer Umbau vorangetrieben. Während der Hitlergruß wieder salonfähig wird, sieht Vance die größte Gefahr nicht bei China oder Russland, sondern bei einer Abschaffung der Meinungsfreiheit von Innen. Musk betont die Wichtigkeit von Nationalstolz und fordert uns Deutsche auf, uns unserer historischen Schuld endlich zu entledigen. Ich kann das alles nicht mehr.

Gleichzeitig zeigt Silicon Valley sein wahres Gesicht. Der Wunsch nach einem „neuen Rom“. Reiche Tech-Milliardäre machen einen Kniefall vor Trump, lassen die Community über Wahrheit entscheiden und lenken Informationsfluss und Meinungsbildung. Die Ungleichheit wächst. Genau wie Desinformation. Auch deswegen gehöre ich zu den Erstunterzeichnern von SaveSocial – das freie Internet wird abgeschafft. Es braucht offene Standards. Für Vielfalt und Transparenz durch Gesetze sowie finanzielle Förderung. Es braucht Umverteilung.

Ich bin müde. Und das ist gefährlich. Es macht mich handlungsunfähig. Lässt mich zurückschrecken vor Widerspruch. Wenn wir die Welt nicht den Autokraten und Faschisten überlassen wollen, müssen wir uns vernetzen. Ich brauche Geschichten, die Lust auf eine andere Zukunft machen. Ich brauche den Austausch. Und ich brauche Momente, in denen ich das Gefühl habe, etwas beeinflussen zu können. Deshalb werde ich mich dieses Jahr in Gespräche stürzen. Möchte mich ehrenamtlich engagieren. Möchte Menschen zuhören. Möchte stützen und von der Gemeinschaft gestützt werden. Möchte laut sein. Werde laut sein. Denn es reicht. Zeit für Widerstand.

Welche Fragmente sind sonst so übrig geblieben?

  • Jede persönliche Schutzmauer bekommt irgendwann Risse. Benedict Wells erzählt in „Vom Ende der Einsamkeit“, wie drei Geschwister mit dem Verlust ihrer Eltern umgehen. Liebevoll wird Schicht für Schicht abgetragen. Jeder Charakter geht anders mit dem Schmerz um und als Leser darf ich daran teilhaben. Aus der Perspektive von Jules darf ich spüren, wie es sich anfühlt, Menschen gehen zu lassen. Und wie viel Kraft und Anläufe es braucht, um Selbstwert aufzubauen. Ein tolles Buch.
  • Wir Menschen stecken unsere Energie gerne in den Endspurt. Egal ob früher im Studium oder heute bei der Produktentwicklung. Ist der Meilenstein erreicht, beginnt die Planung der nächsten Runde. Planung, Diskussionen, Endspurt. Frameworks wie OKR können bei falscher Anwendung dazu führen, dass mehr Zeit mit der Methodik als mit der Arbeit verbracht wird. John Cutler schlägt vor, ein Quartal in vier Phasen zu unterteilen: 2-6-4-1. Also zwei Wochen Research und Discovery, sechs Wochen Nutzerzentrierte Umsetzung, vier Wochen iteratives Anpassen auf Basis von Feedback und eine Woche zum Abschluss des Quartals. Ich mag die Idee einer festen Struktur und den Fokus auf eine Sache.
  • Helene, die Mutter von drei Kindern, steht auf, geht zum Balkon und springt. So beginnt „Die Wut, die bleibt” von Mareike Fallwickl. Ein Buch, das die Herausforderungen und Erwartungen, denen Frauen in der Gesellschaft ausgesetzt sind, auf beeindruckend vereinnahmende Art beschreibt. Ein Roman, der mich Wut und Schmerz mitspüren lässt. Gefühle, die zum Alltag von so vielen Frauen gehören. Sexualisierte Gewalt, Mental Load und ungerecht verteilte Care-Arbeit. Nicht einfach zu lesen - und das soll es auch nicht sein.
  • Bin kein Freund von Beziehungsratgebern. Zu unterschiedlich sind die Bedürfnisse und Menschen, die einen Lebensabschnitt miteinander teilen. Den Gedanken von Ester Perel könnte ich aber über Stunden lauschen. In „Was Liebe braucht“ betont sie die Wichtigkeit von Neugier. Wie wertvoll „Mitfreude“ (Compersion) und Wertschätzung sind. Konflikte als Notwendigkeit für Entwicklung und Abgrenzung. Überhaupt ist sie ein großer Befürworter von Eigenständigkeit. Sicherheit ist der Tod von Lust. Mit zunehmender Vertrautheit geht diese Spannung verloren. So sind Intimität und Erotik keine Gegensätze, sondern Pole, die man ausbalancieren muss.
  • Vom Außenseiter zum Rapper, der Stadien füllt. Casper ist ein Musiker, dessen Lieder für mich so viel bedeuten. Stand weinend auf Konzerten, nur um Minuten später strahlend zu springen. Sowas von da. In seinen Texten finde ich so viel Gefühl und Suche. Die Podcast-Serie Ikonen von 1LIVE blickt auf seine Karriere. Nimmt mich mit durch seine Biografie und lässt mich so viele Lieder ganz anders sehen. Schade, dass ich beim großen Konzert-Höhepunkt in Bielefeld nicht dabei war. Aber zum Glück gibt es einen Live-Mitschnitt.
  • Auch Robbie Williams war ein Außenseiter. Betrachtet sich selbst als Affen, der akzeptiert und gefeiert werden möchte. Im Biopic „Better Man“ begleiten wir ihn vom Kind im Wohnzimmer bis auf die großen Bühnen. Irgendwo zwischen Entzugsklinik und Villa. Bin kein richtiger Fan seiner Musik, trotzdem berührte mich der Film an vielen Stellen. Dieser große Wunsch, geliebt und gesehen zu werden. Diese Sehnsucht nach Bedeutung. Mochte den Stil und die Effekte. Auch wenn der Film an der Kinokasse floppte. Eine Achterbahn – im guten Sinne.
  • Wollte selbst immer irgendwie dazugehören und hab vor allem als junger Erwachsener viel getan, um nicht aufzufallen. Verurteilt oder beurteilt zu werden. Im Artikel „Radical Belonging“ von Joe Primo lernte ich, dass Dazugehören oft bedeutet, sich anzupassen. Sich zu beweisen. Im Gegensatz dazu ist Zugehörigkeit etwas, das uns innewohnt. „Othering“ – die bewusste oder unbewusste Abgrenzung von anderen – entsteht aus der Angst, selbst ausgeschlossen zu werden. Doch dadurch verstärkt sich die Isolation und Einsamkeit. Musste über die letzten Jahre selbst lernen, zu sehen und zu spüren, was ich bereits bin. Und bin dankbar über jeden Menschen, der mir dabei als Spiegelfläche und Impulsgeber half.
  • Zum Schluss eine Musikerin, an der momentan niemand vorbeikommt: Doechii. Eine Rapperin, die Oldschool mit ihrem eigenen Stil verbindet. Eine Kampfansage an die Industrie. Und an Männer. Selbstbewusst, aber auch nachdenklich. Sex-Positivity mit Intellekt. Zurück zu den Wurzeln von Hip Hop: Eine Widerstandskultur voller Kraft.

Du hast auch genug? Dann schreib mir. Du kennst Initiativen und Organisationen, die etwas gegen diese Ohnmacht tun? Dann schreib mir. Alleine wird uns das alles kaputtmachen.

Ich hab dem Internet viel zu verdanken. Hab Freundinnen und Bekannte kennengelernt. Über meine Gefühle geschrieben und Gleichgesinnte gefunden. Konnte mich frei äußern. Die Plattformen wurden größer und dominieren nun Information und Austausch. Das darf nicht sein. #SaveSocial setzt sich für offene Standards ein. Denn im Meinungsmarkt darf es keine Monopole geben. Lasst uns soziale Netzwerke als demokratische Kraft retten. Unterschreibt die Petition. Lohnt sich ✌️

2024 war ein Wechselspiel. Sonne und Nebel. Laut und leise. Einmal mit übervollem Herzen und Plänen, dann wieder nachdenklich und gelähmt. Mit jeder Jahreszeit ein Stück mehr bei mir. Immer wieder ein Grinsen im Gesicht. Immer wieder eine Träne am Kinn. Beides okay.

Seit knapp 14 Jahren im Norden. Mit liebevollen Menschen. Dankbar für jede Umarmung, jedes Gespräch und jedes gemeinsame Ausprobieren.

Da ist immer noch verdammt viel Ungewissheit. Aber ich kann sie immer besser aushalten. Mag die kleinen Überraschungen. Die lauten Momente mit anderen Menschen. Freue mich auf schöne Begegnungen. Und irgendwie auch auf emotionales Stolpern. Auf erste Sätze und ernste Absichten. Bin neugierig. Will mutig sein. Will mich trauen.

💛

Rückblick. 2024.

Am Anfang des Jahres war da verdammt viel Ungewissheit. Ein Neuanfang, der nicht auf meiner Bucketlist stand. In mir alles kopfüber, draußen alles erschreckend gleich. Die Welt drehte sich weiter und ich musste funktionieren. Einen neuen Rhythmus finden. Routinen etablieren. Muster verstehen. Und akzeptieren, dass manches einfach ganz viel Zeit brauchen wird – und gute Freunde, Schokolade und Umarmungen.

Das ganze Jahr ein Wechselspiel. Sonne und Nebel. Laut und leise. Einmal mit übervollem Herzen und Plänen, dann wieder nachdenklich und gelähmt. Ich schaff das schon. Ich will das nicht. Immer noch nervös, wenn sich Vergangenes in den Vordergrund drängelt. Aber mit jedem Monat etwas zufriedener. Mit jeder Jahreszeit ein Stück mehr bei mir. Immer wieder ein Grinsen im Gesicht. Immer wieder eine Träne am Kinn. Beides okay. Irgendwie ganz okay.

Ein gelbes Feld im Sommer. Die Sonne scheint, kleine Wolken am Himmel. Ein großer grüner Baum am rechten Rand.
Mit dem Rad zwischen den Städten

Fühlte mich immer wieder als Teil einer nicht endenden Satire-Show. Ein verurteilter Straftäter kehrt ins Weiße Haus zurück und will sein Land abschotten. Ein Tech-Milliardär nutzt seine Plattform für Verschwörungstheorien und rechte Propaganda. Verliere komplett die Lust an sozialen Medien, wo Ideologie über Mitgefühl herrscht. Die Welt kämpft. Gegen sich selbst, gegen alte Konflikte, gegen neue Krisen. Extremisten und alles Schwarz-Weiß. Nachhaltiger Klimaschutz ein Lippenbekenntnis. Zu kurz der Zeithorizont. Zu groß der Wunsch nach Wohlstand und der Vergangenheit. Möchte in keinem Land leben, wo eine rechtspopulistische Partei unentwegt Ängste schürt und Demokratie durch autoritäre Fantasien ersetzen will. Hab kein Bock auf Nazis. Möchte Gleichberechtigung und das Ende des Patriarchats. Es braucht keine starken Männer, die vor Sorge um ihre schwindende Macht wie trotzige Kinder alles kaputt machen. Sehne mich nach Begegnung und Augenhöhe. Sehne mich nach einem Moment zum Durchatmen. Und nach Optimismus.

Blick auf die Binnenalster. Blauer Himmel. Die Sonne scheint und die Gebäude spiegeln sich im Wasser.
Hamburg von seiner schönsten Seite

Und damit es nicht langweilig wird: Wirtschaftskrise. Auch ich musste in meinem zweiten Jahr als Selbstständiger merken, wie Unternehmen vorsichtiger wurden. Abgesagte Projekte und reduzierte Beauftragungen. Es war holprig. Weniger Umsatz, dafür mehr Freizeit. Kein schlechter Deal. Durfte dennoch mit tollen Menschen an schönen Projekten arbeiten. Ein großer Relaunch und eine Neugründung. Geschäftsmodell-Beratungen und Produkt-Coachings. Konzentrierte mich auf das zweite Jahr meiner Ausbildung zum systemisch-psychologischen Therapeuten und investierte viel Zeit in AI-Tools. Baute Anwendungen und Automatisierungen, generierte Stimmen und Kunst. War seit Jahren mal wieder auf der re:publica und erneut auf der Product at Heart. Mag weiterhin die Selbstbestimmung und Freiheiten. Sehne mich aber immer wieder nach einem festen Team. Spiele mit dem Gedanken, für eine Zeit aus dem Ausland zu arbeiten. Und irgendwann etwas ganz anderes zu tun.

Blick auf grüne Berge. Fuerteventura bei Sonnenstrahl im Dezember.
Fuerteventura im Winter

Verbrachte viel Zeit mit Freundinnen, Freunden und ihren kleinen Familien. Auch wenn es nicht immer einfach ist, strahlende Babyaugen und liebevolle Pärchen zu beobachten. Bin manchmal das dritte Rad und dann wieder fest integriert. Bin dankbar für diese Beziehungen. Für Freundschaften, die nach ruhigen Jahren wieder intensiver sind und mich tragen. Haben gemeinsam Nächte durchgetanzt, sind in Kneipen versackt, haben Bingo gespielt, Apfelkuchen gegessen, am Meer geweint, auf Konzerten gewippt und in Museen gestaunt. War in den Wäldern von Teneriffa und auf den Heidewegen von Lüneburg. Bin vom Zehn-Meter-Turm gefallen und auf Bunker gestiegen. Mit dem Rad in den Speckgürtel und mit dem Zug nach Süddeutschland. War meiner Familie ganz nah. War meiner Familie ganz fern. Hab sehr viel Zeit mit mir verbracht. Das war schön. Das war schwierig. Das war anders.

Eine Treppe zur Elbe. Sonnenschein. Die Kräne im Hintergrund. Der Strand leer.
Wege zum Wasser

Es gibt kaum etwas, das mich so sehr hält, wie Musik. Dieses Jahr war es die Musik von Doechii, Noga Erez und Apsilon, die mich überraschte. Aber auch Levin Liam und Paula Hartmann haben den Weg in meine Playlist gefunden. Ich durfte beim Geburtstags-Konzert von Fatoni dabei sein, OK KID nach Jahren wieder live sehen und mit Deichkind die Trabrennbahn platt springen. K.I.Z schafften es die politische Lage einzufangen und das Produzenten-Team Gerda überzeugte mit Features wie  OG Keemo, Yassin, She-Raw und Kryptic Joe. Seit wenigen Tagen läuft hier außerdem das Casper-Konzert in Dauerschleife. Insgesamt 453 Stunden mit Grinsen im Gesicht.

Was Podcasts angeht, tritt bei mir eine Form der Erschöpfung ein. Hab wenig Neues ausprobiert, dafür viele bekannte Formate gehört. Mag die Gespräche im Hotel Matze und unendlichen Podcast Alles gesagt. Die Geschichten von Search Engine und World Wide Web fesseln, während Fest & Flauschig, das Podcast Ufo und Baywatch Berlin mich regelmäßig zum Lachen bringen. Die Lage der Nation ordnet mir Politik und Nachrichten ein, während die Doppelgänger mir Wirtschaft und Börse näher bringen.

Dafür war das letzte Jahr ein tolles Filmjahr. Denn ich habe ein Kinoabo abgeschlossen und verbringe seitdem viel Zeit im Abaton und Zeise. All of Us Strangers hat mich tief berührt, Perfect Days hat mir die Schönheit des Alltags gezeigt und The Apprentice war erschreckend nah an der Realität. Begeistert haben mich der Humor und die Ehrlichkeit von Shrinking und die Hilflosigkeit von 30 Tage Lust. Verstört haben mich Rentierbaby und Poor Things - auf eine gute Art und Weise.

Zu Beginn des Jahres habe ich mir vorgenommen, jeden Monat ein Buch zu lesen. Insgesamt sind es 27 Bücher geworden, was mich total freut. Lese in der Bahn, nach dem Sport oder vor dem Schlafen. Liebe ist gewaltig hat mich tief berührt. Die Wut, die bleibt machte mich wütend und traurig. Untenrum frei beschreibt, wie unfrei Geschlechterrollen und Sexualität ist. In Freunde lieben dreht sich viel um die Frage, wie intensiv Freundschaften sein dürfen. Und Der alte König in seinem Exil beschreibt die entstehende Distanz einer Alzheimerkrankheit. Der Trost der Schönheit führte mir die Schönheit kleiner Momente vor Augen und Unzertrennlich lies mich spüren, wie sich eine sterbende Liebe anfühlt.

Ein buntes Feld mit Bkumen. Sonnenschein. Bäume im Hintergrund. Der Himmel strahlend blau.
Eine Runde durchs Grüne

Da ist immer noch verdammt viel Ungewissheit. Aber ich kann sie immer besser aushalten. Mag die kleinen Überraschungen. Die lauten Momente mit anderen Menschen. Freue mich auf schöne Begegnungen. Und irgendwie auch auf emotionales Stolpern. Auf erste Sätze und ernste Absichten. Bin neugierig. Will mutig sein. Will mich trauen.

Fragmente 🦸 Heldengeschichte

Die klassische Heldengeschichte folgt einem festen vertrauten Ablauf – egal ob Film, Videospiel oder Marketing-Kampagne. Ein unscheinbarer, oft unerfahrener Mensch wächst durch das Absolvieren von Prüfungen über sich hinaus. Zu Beginn noch schwach und hoffnungslos, wird am Ende das Böse besiegt. Ein Triumph und Wandel des Selbst. Die äußere und innere Welt im Einklang. Staunen, Applaus, Anerkennung.

Was, wenn es diese Strukturen gar nicht gibt? Wenn weder Anfang noch Ende klar sind? Vielmehr sind da unvorhersehbare Wendungen, die alles neu ordnen. Die Einfluss auf einzelne Rollen haben. Gut und Böse in einer Person. Zwiespalt und Chance im ständigen Wechsel. Was wäre, wenn wir uns Geschichten erzählen, in denen keiner gewinnt? Geschichten, die vom Stolpern erzählen. Von zahlreichen Versuchen, die misslingen. Erzählungen über Einsamkeit, die bleibt. Über Schwäche, die bleibt. Und es wäre okay. Es wäre sogar irgendwie schön.

Offenheit für Unklarheit. Eine Begegnung im Suchen, im Fragen, im Zögern. Mag den Gedanken, dass wir uns in die Augen schauen würden und dann wäre da ganz viel Akzeptanz. Mit den Momenten und Gedanken, die weder heldenhaft noch beneidenswert sind. Aber sie sind da. Und wir blieben da. Neugierig und zugewandt.

Welche Fragmente sind sonst so übrig geblieben?

  • ChatGPT und Perplexity sind ständige Begleiter. Ich lasse Konzepte auf den Kopf stellen, grabe mich im Dialog in neue Themen und simuliere Gespräche. Aber wie trainiere ich ein ein Modell? Wie schaffe ich es, dass die Maschine versteht, wie ich aussehe? Das Flux LoRa erlaubt das Training auf Basis eigener Bilder. Erschreckend und beeindruckend, wie leicht das in 19:41 Minuten möglich ist.
  • 30 Tage Lust. 30 Tage, in denen Freddy und Zeno neue Erfahrungen sammeln. Eine Serie über Fremde und den eigenen Körper entdecken. Sich selbst verlieren. Im Club, in der Apotheke, in der Nacht. Was ist, wenn dadurch alles ins Schwanken kommt? Und sich dieses Schwanken für beide Seiten unterschiedlich anfühlt. Mochte das Schwingen zwischen den beiden Liebenden – nicht nur, weil sie dabei durch Stuttgart stolpern.
  • Vor knapp zwei Jahren durfte ich im Rahmen der Creative Business Academy das Thema Kinoabo bearbeiten. Nun trage ich seit wenigen Wochen einen Cineville-Ausweis mit mir. Dieser erlaubt den freien Zugang zu Kinos wie dem Abaton, 3001 und Zeise. War seitdem spontan und geplant in den unterschiedlichsten Filmen. Traue mich an Genres, die davor aussortiert wurden. Bin viel neugieriger, wenn ich im Sitz versinke. Popcorn in der Hand. Das Handy im Flugmodus. 2 Stunden abtauchen.
  • Große Kinderaugen und kleine Schritte. Ein zartes Winken. Ein breites Grinsen. Das letzte Eis im Mundwinkel. Den Blick in den goldgelben Bäumen. Mag den Herbst und seine Farben. Mag Spaziergänge mit dampfenden Kaffeebecher. Der Kragen nach oben geklappt. Die Hände in den Hosentaschen.
  • In meinem nahen Umfeld, aber auch in jedem Cafe, begegne ich jungen Familien. Kinderkriegen scheint eine Entweder-Oder-Entscheidung zu sein. In Eva von Verena Kessler geht es um den Verzicht: Sollte für das Klima auf Kinder verzichtet werden? Was macht es mit einem Menschen, wenn alle Versuche schwanger zu werden scheitern? Berührende Einblicke in innere Kämpfe und äußere Verstrickungen.
  • Kies unter den Fahrradreifen. Meine Lieblingsstrecke führt mich durch das Waldgebiet Klövensteen. Bunte Wiesen und Sonne, die durch Äste bricht. Pferde bahnen sich ihren Weg vorbei an verliebten Rentnern, die ihre Runde drehen. Ich sitze in einer Waldschänke. Käsekuchen und Kakao. Ein kurzer Blick auf die Kasse, während ich mein Kleingeld zusammensuche. Da gibt es den Button „Trauerfeier“. Er ist rosa.
  • Bekomme Princess Charming empfohlen. Eine Frau sucht ihre große Liebe. Im Fernsehen. In einem Land, das sehr schön ist. Klingt bekannt. Und schon in den ersten Minuten wird klar, wie anders Frauen Frauen daten. Da ist so viel Neugierde und Augenhöhe. Da sind interessierte Fragen und liebevolle Gesten. Keine breite Brust und kein flotter Spruch. Da ist Verletzlichkeit. Das mag ich sehr.
  • Meine sportlichen Erfahrungen sind überschaubar. Ein bisschen Leichtathletik und Basketball. Beim Tischtennis als Kind zu große Angst vor den älteren Jungs gehabt. Dafür in den letzten Jahren immer wieder auf Plätzen gestanden und Dinge über Netze geschlagen. Badminton mit den Kollegen. Squash mit Freundinnen. Hab mich beim Tennis verausgabt und den roten Sand in der ganzen Wohnung verteilt. Seit kurzem taste ich mich an Paddle heran. Mag die Feldgröße, die Geschwindigkeit und die Lernkurve. Schauen wir mal, was wird.
  • Journalismus muss sich verändern. Wie die Welt, über die er schreibt. Das Publix in Berlin unterstützt diese Veränderung. Ein Raum für Austausch und Ausblick. Durfte Einblicke in meine Arbeit teilen und viele kleine Medienunternehmen kennenlernen. Bin dankbar für diese Freiheit in meiner Selbstständigkeit. Und für Begegnungen, bei denen ohne Phrasen über Unternehmen und deren Experimente gesprochen wird.
  • Bin kein großer Gamer. War ich nie. Aber kann in Spielen versinken, die wie Filme sind. Hab Heavy Rain und Beyond: Two Souls mehrmals durchgespielt. Und nun endlich auch Detroit: Become Human durchlebt. Aus der Sicht verschiedener Roboter lernt man mehr über künstliche Intelligenz. Ihren Wunsch nach Freiheit und Augenhöhe. So weit weg und doch irgendwie möglich. Der Spieleentwickler Quantic Dream schafft es immer wieder, mich mit Story, Soundtrack und Charaktere in den Bann zu ziehen.
  • Demenz ist eine grausame Krankheit. Nach und nach verschwimmt alles. Für den Betroffenen und sein Umfeld. Ein Kontrollverlust, der oft nicht akzeptiert werden will. In The Father begleiten wir Anthony Hopkins und spüren hautnah, wie Fragmente zerspringen. Ein aufwühlender Film, weil ich als Zuschauer selbst (gewollt) immer wieder den Faden verlor.

Wenn es keine Heldinnen mehr gibt, von wem handeln dann unsere Geschichten?

Schreib mir gerne. Auch einfach so. 👋