Tag: Fragmente ×

Fragmente 🍦 Sommer 2026

Ich mag den Sommer. Die Haut riecht nach Sonnencreme. Pistazieneis und lange Abende auf dem Balkon. Mit dem Rad durch Hamburg. Durchatmen. Das alles, während die Welt brennt. Freund:innen sprechen übers Auswandern. Die Informationsfreiheit auf der Abschussliste. Unterversorgung in der Psychotherapie. Eine drohende Machtübernahme in Sachsen-Anhalt. Es macht mich müde. Und es macht mich wütend.

Ein schmerzhafter Widerspruch. Glücklich im Kleinen. Taub im Großen. Konzentriere mich auf Dinge, die ich beeinflussen kann. Auf Gespräche, die mir Kraft geben. Zwei Wochen Sardinen. Sand unter den Füßen. Liebe auf den Lippen. Auf kleine Menschen mit großen Augen. Und auf meinen Körper, der die letzten Monate viel ertragen musste.

Freue mich auf die nächsten Wochen. Sommerferien. Erste Male und letzte Verpflichtungen. ☀️

Worüber habe ich geschrieben? Was habe ich gelernt?

  • Less Thinkering. More Tinkering. Wollte einen Neuanfang und wechselte mit meinem Blog auf Kirby. Hab mit Claude Code viele Kleinigkeiten angepasst. Wie eine digitale Spielwiese. Es fühlt sich leichter an. Obwohl auch alle alten Tumblr-, Flickr- und Instagram-Inhalte den Weg in die neue Umgebung gefunden haben. Der Blog ist außerdem eine eigene ActivityPub-Instance und Reaktionen im Fediverse werden innerhalb der Artikeln angezeigt. Bin ein bisschen stolz.
  • Lebe seit 15 Jahren in Hamburg. Wollte nur mal schauen, wie es mir gefällt. Erst ein Praktikum. Dann geblieben. Tiefe Freundschaften aufgebaut. Mich verliebt. Mich getrennt. Muss noch immer Grinsen, wenn ich an der Alster stehe. Möchte hier nicht mehr weg. Und habe deshalb meine Liste mit Lieblingsorten aktualisiert: Ach du schönes Hamburg.

Ich teile meine Gedanken in meinem Blog. Berufliche Gedanken landen auf LinkedIn. Eindrücke aus meinem Alltag auf Instagram oder Mastodon.

Welche Fragmente sind sonst so übrig geblieben?

  • Werden Männer reicher und gewinnen an Macht, dann wird es oft für die Gemeinschaft gefährlich. Paypal-Gründer Peter Thiel ist einer der mächtigsten Tech-Milliardäre. Sein Schützling JD Vance an der Seite von Trump. Seine Träume handeln von Unsterblichkeit und steuerfreiem Leben. Er wünscht sich eine Welt, in der ich nicht leben möchte. Autoritär, libertär, menschenfeindlich. Die Peter Thiel Story portraitiert einen Mann, der nicht mehr an die Vereinbarkeit von Freiheit und Demokratie glaubt. Auch Sam Altman baut ein Imperium auf: OpenAI soll die Welt verändern. Mit einer Technologie, die unfertig ist. Eine Blackbox. Die OpenAI Story erzählt vom ursprünglichen Ziel, die Menschheit vor einer unkontrollierbaren KI schützen zu wollen und wie systematisch alle Strukturen abgebaut wurden, die genau das sicherstellten. Es sind immer ähnliche Muster. Und immer die gleiche Erkenntnis: Was soll ich schon verändern können? Johannes Kleske beschreibt in Anti-Dystopia, dass weder Optimismus noch Pessimismus wirklich weiterhelfen. Utopien lassen Menschen die Augen verdrehen. Dystopien lassen uns die Augen verschließen. Beide gehen davon aus, dass die Zukunft feststeht. Die Anti-Dystopie ist ein dritter Weg. Die Realität einer Krise annehmen und trotzdem was machen. Auch wenn es nicht perfekt ist. Auch wenn es nicht sicher ist. Auch wenn es nicht garantiert ist. Denn ohne Handlung gibt es keine Veränderung.
  • Musik ordnet meine Gefühle. Verstärkt sie. Treibt mich durch den Tag. Gibt mir ein Zugehörigkeitsgefühl. Denn Drama endet nie. Fatoni dippt auf seinem neuen Album Faschos wie Nachos. Ordnet eine Trennung. Und fragt sich, wann ihn KI endlich austauscht. Ich mag seine Haltung. Mag den Zweifel und die Überheblichkeit. Und die Wut in seinen Zeilen. Auch Sofia Isella macht Wut zu Musik. Eine klassisch ausgebildete Violinistin trifft auf industrielle Elektronik. A slut for words. Sie rechnet mit einer Gesellschaft ab, die Wissen mit Weisheit verwechselt. Sie zerlegt Erwartungen an Frauen. Und macht die Lücke zwischen Bekenntnis und Realität greifbar. Feminismus ohne Kompromisse. Nur die unbequeme Wahrheit über das, was sich ändern muss.
  • Ich verdanke meiner Therapie sehr viel. Hatte Glück bei der Suche. Und beim Gegenüber. Das könnte in Zukunft noch seltener werden. 142 Tage Wartezeit im Schnitt zwischen Erstgespräch und Therapiebeginn. Eine Ausbildung, die schlecht bezahlt, intensiv und teuer ist. Jetzt Honorarkürzungen. Die Psychotherapie ist gefährdet. Und England ist das negatives Lehrstück: Fließbandtherapie, sechs bis zwölf Stunden, Fragebögen statt Verstehen. Psyche als Apparat. Störung als Funktionsfehler. Therapie als Reparatur, damit die Arbeitskraft wieder läuft. Akutstation Psychiatrie zeigt den Alltag, wenn Wartezeit zur Krise wird. Zwischen Psychosen, Alkoholabhängigkeit und Suizidgedanken. Und was übrig bleibt, wenn das System längst am Limit läuft.
  • Wir sind nicht erschöpft auf Grund der Menge. Sondern weil wir die Beziehung zur Welt verlieren. Alles ist immer verfügbar. Und damit beliebig austauschbar. Hartmut Rosa unterscheidet bei Hotel Matze zwischen situativem Handeln und Vollziehen. Wer nur noch vollzieht – Kapsel in die Maschine, Prompt ins Fenster – hat am Wochenende nichts mehr auszudrücken. Wir schließen unsere Hüllen immer dichter. Hoodie, Kopfhörer, SUV, Zaun, Grenze. Und fühlen uns dabei unsicherer. Nicht sicherer. Resonanz ist unverfügbar. Sie lässt sich nicht erzwingen, nur zerstören. Erschöpfung ist strukturell. Heilung passiert in Beziehung, nicht in Optimierung. Das beobachtet auch Gerald Hüther. Populismus, Verschwörungstheorien, Polarisierung: alles Versuche, doch noch eine einfache Lösung zu finden. Jemandem die Schuld zu geben ist erleichternd. Kollektive Unruhe. Die alte Ordnung (Hierarchie, Führung, gemeinsame Überzeugungen) funktioniert nicht mehr. Eine neue gibt es noch nicht. Das Nervensystem sucht weiter. Und rauscht. Jede Zelle einzigartig. Unersetzlich. Und trotzdem nur lebensfähig im Ganzen. Wie unsere Gesellschaft.
  • Was geht hier wirklich vor, bei diesem Menschen? Die entscheidende Frage bei jeder Begegnung. Graham Duncan unterscheidet zwischen Reiter und Elefant. Das Bewusste, das behauptet zu lenken. Und das Unbewusste, das eigentlich fährt. Die Erzählung und die Taten. Wer jemanden wirklich verstehen will, fragt nicht die Person. Man fragt die, die sie erleben. Kontext ist alles. Auch bei mir selbst. Denn bevor ich andere klar sehen kann, muss ich meinen eigenen Elefanten kennen.
  • „Alles kaputt, nirgendwo Minze, keine Scheißlasagne“. Jella und Yannick lieben sich. Eine schöne Erfahrung nach so vielen schlimmen Erfahrungen. Doch dann wird Liebe zur Gewalt. „Die schönste Version“ von Ruth-Maria Thomas zeigt, wie komplex und schmerzhaft Frauwerden in patriarchalen Strukturen ist. Wenn dein Selbstbild auf männlicher Anerkennung beruht. Beziehungen dir Halt geben sollten, aber alles ins Schwanken bringen. Du bleibst, obwohl gehen besser wäre. Und du dich wehrst. Mit Sätzen und Gesten und Gedanken. Psychische Gewalt in Beziehungen hat selten nur blaue Flecken. Sie ist eine Achterbahn. Wieder und wieder. Der Wunsch nach Versöhnung, Rettung oder Veränderung. Genau diesen Sog zeigt das Buch. Langsam, kaum merklich, bis das Selbstwertgefühl weg ist.
  • Teddy ist Hobbyimker, Lagerarbeiter und überzeugt: Die Chefin des Pharmariesen Auxolith ist ein Alien aus der Andromeda-Galaxie. Also entführt er sie in seinen Keller. Es folgt ein psychologisches Duell. Kühl, absurd, böse komisch. Bugonia ist Yorgos Lanthimos' fünfte Zusammenarbeit mit Emma Stone. Man weiß nie ganz, wer hier verrückt ist und wer Recht hat. Darunter eine Prise Gesellschaftskritik: Pharmakonzerne, Bienensterben, Verschwörungsdenken. Wer sind hier eigentlich die bösen Aliens?
  • Was bleibt, wenn der Alltag alles verschluckt? Wenn Paare sich aus den Augen verlieren. „Dann küsst euch lieb und küsst euch wild“. So einer der Tipps im ZEIT Magazin. Kommt der Partner nach Hause, dann lass alles liegen. Tägliche Spaziergänge. Umarmungen. Am besten nackt. Kleine Rituale. Kleine Momente. Humor und Neugierde. Miteinander. Füreinander.

Habt einen schönen Sommer 🍦

Fragmente ✨ Frühling 2026

Seit 26 Jahren schreibe ich in dieses Internet. Über Dinge, die mir passieren. Dinge, die ich spannend finde. Dinge, die mich traurig machen. Und irgendwann wurde daraus Arbeit. Wurde daraus Druck und Verpflichtung. Früher war da Neugierde. Hab einfach losgelegt. Ohne Plan. Ohne Angst vor Bewertung. Heute läuft da eine Stimme mit: Passt es zur Positionierung? Interessiert das überhaupt jemanden? Hab zig Fragmente, die ich nur für mich schreibe. Oder für die KI, die mitliest und Fragen stellt. Zusammenhänge sucht.

Gavin Strange nennt sich einen Stümper. Er fängt Dinge an, bricht ab oder perfektioniert sie. Hat einfach Spaß. Ich wäre gerne öfter wieder Gavin. Möchte einfach machen. Nicht bei jedem Satz über den Nutzen nachdenken. Will Gedanken teilen. Zwischenstände greifbar machen. Und den Lärm im Kopf wieder schrittweise ordnen.

Less Thinkering. More Tinkering. Nur wo? Das aktuelle Setup fühlt sich nicht mehr gut an.

Worüber habe ich geschrieben? Was habe ich gelernt?

  • „Natürlich haben wir eine Strategie. Wir wollen die Welt besser machen. Und dabei Geld verdienen.“ So oder so ähnlich steht es in einem Dokument. Irgendwo in der Dateiablage. Eine schöne Präsentation, einmal vorgestellt, seitdem nie wieder geöffnet. Keine Zeit. Mussten ja Dinge entwickeln. Dabei hilft eine gute Produktstrategie genau hier: bewusste Entscheidungen treffen. Nicht ins Leere bauen. Für den Medienbaukasten NeueMedien.org habe ich fünf Einstiegsfragen und das Product Field als möglichen Rahmen vorgestellt. Ein Startpunkt für eine fortlaufende Tätigkeit. Übersetzen. Wiederholen. Aushalten, dass nicht alle sofort verstehen. Loslassen, was weh tut. Ausprobieren und stolpern. Denn Alignment ist Beziehungsarbeit.

Ich teile meine Gedanken (un)regelmäßig in meinem Blog. Berufliche Gedanken landen auf LinkedIn. Eindrücke aus meinem Alltag auf Instagram oder Mastodon.

Welche Fragmente sind sonst so übrig geblieben?

  • Inmitten einer Demonstration. Frauen, die schreien. Die sich an den Händen halten. Ich spüre Wut, Schmerz, Enttäuschung. Tage später ein Kanzler, der die Schuld woanders sucht. Das ist keine Ausnahme. Das ist System. Tara-Louise Wittwer taucht in Nemesis' Töchter 3000 Jahre tief in diese Geschichte ein: all die Frauen, die Stärke zeigten und dafür belächelt, verurteilt, dämonisiert wurden. Ihre Wut bleibt. Und Männer schauen weg. Wollen keine Gleichberechtigung. Echte Männer fühlen sich erst gesehen, wenn alles um sie zerfällt. Doch irgendwann ist Schluss mit Gefühle schlucken. Dann nehmen sie hoffentlich ihr Herz in die Hand. OK KID
  • Maja ist neun Jahre alt, als ihr Vater ihre Mutter tötet. Mit einem Schlag verliert sie ihre Familie, ihr Zuhause, jede Sicherheit. In „Da, wo ich dich sehen kann" erzählt Jasmin Schreiber von dem, was danach kommt. Wie Frauen weiterexistieren, wenn das Unfassbare passiert ist. Durch Teleskope auf das Universum schauen, wenn die Erde unerträglich wird. Intensiv. Schmerzhaft. Von unbeschreiblicher Zärtlichkeit.
  • Fakten haben es nicht leicht. Fun Facts hilft nach. Ein neues Nachrichtenformat von Marc-Uwe Kling und über 100 anderen Schauspielerinnen, Satiriker und Aktivistinnen. Ehrenamtlich, ohne Sender, ohne Konzern. Ein tägliches Format, recherchiert von Correctiv. Humor und Haltung statt Hetze und Hass. Jens Spahn hat 6,6 Milliarden Steuergelder versenkt – und niemand ist verantwortlich. CDU und AfD patrouillieren gemeinsam am Bahnhof – und niemand nennt es, was es ist. Kommunen könnten gerettet werden – aber das wäre ja Umverteilung.
  • Liebe als bewusster Akt. Eine Entscheidung, die täglich getroffen wird. So geht es laut dem Psychoanalytiker Erich Fromm nicht ums Finden der einen richtigen Person. Trotzdem werden Menschen bewertet, optimiert, sortiert. Auf der Suche nach dem „besten Deal“. Liebe wird aber nicht gefunden. Sie stößt uns nicht zu. Wer lieben will, muss üben. Das bedeutet Respekt, Geduld und Konzentration. Verantwortung übernehmen und fürsorglich sein. Nicht nur für das Gegenüber, sondern auch für sich selbst. Liebe ist kein Schicksal, sondern eine Fähigkeit.
  • Hab mich oft gefragt, ob ich zu breit aufgestellt bin. Zu viele Interessen, zu wenig Tiefe. Schon im Studium gab es diese Diskussion: Generalist oder Spezialist? Dan Shipper sieht das anders. Dort, wo Muster unklar sind, glänzen Generalisten. Sie kombinieren, stellen Fragen, bringen Menschen zusammen. Und KI verstärkt das: Grundlagenwissen reicht, um sich schnell in neue Bereiche einzuarbeiten, um dann passende Tools und Experten hinzuziehen. Tut gut, in diesen schnellen Zeiten ein Gefühl von Zuversicht zu entwickeln. Neben dem ständigen Gefühl der Überforderung. Probiere neue Tools aus. Lerne. Experimentiere. Bleibe relevant. Aber eigentlich ist es eine Sucht nach Belohnung. Nach dem Prompt, der alles löst. Katie Parrott schreibt, dass unvorhersehbare KI-Antworten Dopamin ausschütten wie ein Spielautomat. Sie nennt es FOBO – Fear of Becoming Obsolete. Jedes nicht ausprobierte Tool fühlt sich für mich an wie eine Woche Rückstand. KI als Flaschengeist. Ist immer da. Wartet. Bereit für einen Wunsch mehr. Wäre manchmal gern entspannter: „You’re doing enough“.
  • Bis 2030 hat jeder Mensch in der westlichen Welt einen digitalen Doppelgänger. Dieser verbraucht so viel Wasser wie der eigene Körper zum Überleben. Das ✨ vor jedem KI-Feature ist kein neutrales Symbol. Es ist ein Narrativ: GenAI ist Magie. Jede Designentscheidung ein Manifest für die Zukunft. So beschreibt es Thorsten Jonas. GenAI produziert immer das Wahrscheinlichste – nie Exzellenz. Ein Fenster in die Vergangenheit. Nicht in die Zukunft.
  • Zwei Urlaube. Zwei Geschwindigkeiten. Auf einem Bauernhof: neugierige Augen, Ponyreiten, Verstecken spielen, Trampolin, Tischtennis, Waffeln, Wettrennen. Zum ersten Mal zu dritt. Alles gleichzeitig, alles aufregend. In Dänemark: Vorfreude auf Sauna und Whirlpool. Dann keine Heizung und kalte Zimmer. Planänderung. Hotel am Meer. Spazieren am Strand. Hand in Hand. Kapuze ins Gesicht gezogen. Beide Urlaube waren schön. Aber auf ganz unterschiedliche Weise.
  • Molly hat Krebs im vierten Stadium. Der Anfang vom Ende. Eine Sehnsucht nach Höhepunkten. Jetzt, wo alle Sicherheiten wegbrechen. Sie probiert sich aus. Irgendwo zwischen Dating-Apps, Kinks und echter Nähe. Die Serie „Dying for Sex“ balanciert zwischen schwarzem Humor und tiefer Melancholie. Sie stellt Fragen nach Lust, Autonomie und Freundschaft. Teilweise verstörend. Oft tief berührend.
  • Kamasutra. Reformer Pilates im Bett. Bisschen Erotik. Bisschen Scham. Und falsch übersetzt. Ursprünglich feierte es weibliche Lust, Selbstbestimmung und das Recht auf gegenseitige Freude. Die westliche Übersetzung hat diese Botschaft verschüttet und Frauen auf die Rolle der passiven Empfängerin reduziert. Im Original steht: Sex ist Verhandlung, Gespräch, Respekt. Weibliche Lust ist ein Recht. Keine Option. Das Kamasutra ist ein feministischen Leitfaden für Konsens. Kein schmutziges Buch.
  • Fragen, die einem nachts nicht schlafen lassen. PJ Vogt erforscht sie. Warum verschwinden Socken in der Waschmaschine? Wie funktioniert das Internet wirklich? Und warum komme ich nicht ins Berghain? Search Engine beleuchtet in jeder Episode ein Alltags-Rätsel. Mit viel Liebe für Skript und Musik. Vogt geht absurd weit, um selbst lächerliche Fragen zu klären. Das macht Spaß.

Habt einen schönen Frühling ☀️

Fragmente 🍂 Herbst 2025

Bunte Blätter in der Kapuze. Die ersten Kastanien und das vielleicht letzte Open-Air-Konzert. Ich mag den Herbst. Seine Farben und Gemütlichkeit. Ich verfluche den Herbst. Seine Dunkelheit und Kälte. Hab die letzten Wochen zu sehr genossen. Spaghetti-Eis und Radtouren. Den Ausflug in den Tierpark. Lernen und Stolpern durch Berlin. Drachenfliegen in Dänemark. Mit dem Alpaka durch den Wald. Kinderlachen, Schaukeln, Buddeln.

Hab nicht nur meine Wohnung bunt gestrichen, sondern auch meine Webseite. 25 Jahre online. Sitze nicht mehr im Kinderzimmer, dafür immer noch stolz vor dem Bildschirm. Blättere durch hunderte Blogeinträge. Mag dieses öffentliche Tagebuch nur zu sehr. Will wieder mehr über einzelne Themen schreiben. Unregelmäßig, dafür ausführlicher. Der Newsletter wird zukünftig alle drei Monate erscheinen. Fragmente sammeln und einordnen.

Freue mich auf Kletterkurse, Kochabende und Fabian Römer. Auf Kerzen, Ausflüge, die ersten Kekse. Und auf Spaziergänge mit dicker Jacke, Kakao und breitem Grinsen.

Worüber habe ich geschrieben?

  • Es passiert so viel um uns herum. Es passiert so viel in uns. Wir fühlen uns erschöpft. Müde vom Optimieren und Reagieren. Überforderung an so vielen Stellen. Wie kann Psychoanalyse dabei helfen, wieder Stimmigkeit zu finden? Und welche Modelle lassen sich auch im Produktmanagement aufgreifen?
  • Wir reden ständig. Geben ungefragt Tipps. Hören nur selten aufmerksam zu. Bleiben lieber an der Oberfläche. Schade. Sind wir doch alle Teile von komplexen, eingespielten Systemen. Wie wertvoll Perspektivwechsel sind, lernte ich in meiner systemisch-psychologischen Ausbildung.

Ich teile meine Gedanken regelmäßig in meinem Blog. Berufliche Gedanken landen auf LinkedIn. Eindrücke aus meinem Alltag auf Instagram oder Mastodon.

Welche Fragmente sind sonst so übrig geblieben?

  • Während ich über Wochen im Studium meine Skripte auswendig gelernt habe oder noch heute für Ausbildungen auf Multiple Choice Tests lerne, verschlingt Künstliche Intelligenz in Bruchteilen einer Sekunde das Wissen der Welt. Joe Hudson glaubt, dass sich nun der Fokus von jenem Wissen auf Weisheit verschiebt. Fähigkeiten, die nur schwer imitiert werden können. Wie emotionale Klarheit durch die bewusste Wahrnehmung von Gefühlen bei sich und anderen. Oder Urteilsvermögen aufbauend auf persönlichen Erfahrungen und einem Selbstmitgefühl. Verbindung und Sicherheit. Empathie, Verletzbarkeit und psychologische Sicherheit. Dan Shipper stimmt zu und sieht Fähigkeiten wie Intuition, Kreativität und das Gespür für Qualität als zukünftig unverzichtbar.
  • War viel unterwegs. Auf Veranstaltungen und Konferenzen wie der Product at Heart und dem Waterkant Festival. Mag die ersten Momente, wenn der Blick über das Gelände wandert. Bekannten Gesichter. Große Umarmungen. Vorfreude auf das Programm. Notizen und Bilder von klugen Sätzen. Aber auch bekannte Phrasen, Hinweise auf das eigene Buch oder beliebiges Netzwerken. Künstliche Intelligenz. Automatisierung. Skalierung. Bingo. Mich überraschen die Menschen, die nicht aus meiner Branche sind. Die ganz anders auf das schauen, was ich jeden Tag mache. Sehne mich nach mehr Überraschung und weniger Selbstvermarktung. Möchte Dinge lernen, die ich davor nicht auf dem Schirm hatte. Vielleicht muss ich auf andere Konferenzen gehen. Denn irgendwie ist da eine Müdigkeit. Die war da früher nicht. Und soll da auch nicht bleiben.
  • Liebe ist ein Begriff, den ich selten bei der Arbeit verwenden würde. Ein Artikel von Torben Lohmüller sieht nicht den Pathos, sondern ein Prinzip. Liebe als Bedingung jedes gelingenden Miteinanders. Sie schafft einen Raum, der Veränderungen zulässt. Vertrauen und Verbindung. Gegenseitiges Anerkennen. Keine Vorschrift. Kein Micro-Management. Was in einem System passiert (Arbeit) geschieht im Inneren, verborgen, jedem Zugriff entzogen. Führung wird zur Frage, wie viel Vertrauen ich wagen kann. Ob ich bereit bin, Kontrolle loszulassen. Keine Methode heilt die Beziehung. Aber vielleicht wertschätzendes Zuhören?
  • Mit 37 noch mal beim Z2X Ideenfestival reingeschlichen. Verbinde viele schöne Erfahrungen mit dieser Veranstaltung. Aufrüttelnde Impulse zu Beginn. Die Ehrlichkeit der Teilnehmenden und das Gefühl, das es besser geht. Auf einem ehemaligen Friedhof treffen sich Menschen zwischen 20 und 29 Jahren. Entstehen in Sessions, Workshops und Talks neue Perspektiven zu Klimawandel, Gerechtigkeit und Digitalisierung. Die Teilnehmenden bewerben sich mit konkreten Ideen oder Initiativen - oder auch einfach mit dem Wunsch zu lernen und sich zu vernetzen. Dankbar für die Einladung und geweckten Erinnerungen.
  • Auf ein Date mit Themen. Rausfinden, welche Themen interessant sind. Sarah Schauer beschreibt Recherche als Hobby. Nicht für die Arbeit, sondern aus Neugier. Du nimmst ein Thema mit nach Hause. Wikipedia ist der erste Kaffee. YouTube das erste Abendessen. Manchmal wird daraus eine Beziehung, manchmal bleibt es bei einem netten Abend. Aber immer lernst du etwas über dich selbst. Welche Fragen du stellst, wenn niemand zuschaut. Ich gehe neuerdings öfter auf Dates mit Themen. Gestern war ich mit Karen Horney unterwegs. Mal schauen, wer als Nächstes drankommt.
  • Kristallklares Meer, versteckte Buchten und Berge, die direkt ins Wasser fallen. Mein Arm um deine Hüften. Gespräche am Wasser. Die Natur überwältigend, rau und großzügig. Gleichzeitig war da ein Gefühl von großer Zerrissenheit. Verstörend waren die Waldbrände im Süden des Landes. Der laute, rücksichtslose Straßenverkehr und das Gefühl, dass Gleichberechtigung in manchen Bereichen noch viel Arbeit vor sich hat. Parallel habe ich Frei von Lea Ypi gelesen. Sie beschreibt darin ihre Kindheit im zerfallenden kommunistischen Regime Albaniens und den chaotischen Übergang in eine neue Welt, in der die ersehnte Freiheit sich als komplex und widersprüchlich entpuppt. Hab mich immer wieder in Ypis Erzählung gefunden: die überwältigende Natur und die große Gastfreundschaft auf der einen Seite und die spürbaren Reibungen einer Gesellschaft im Umbruch auf der anderen.
  • Vanessa war vier, Philipp fünf. Geschwister auf Zeit. Bis die Pflegefamilie sie zurück ins Heim bringt. „Kurzzeitschwester" erzählt von Philipps Suche nach seiner verlorenen Schwester. Nach zwanzig Jahren des Schweigens. Die Doku hat in mir eine Zerrissenheit ausgelöst. Wann gehört man zu einer Familie? Was bedeutet es, ein Kind zu pflegen? Und dann gehen zu lassen? Generationstrauma, Schuld, Versagensängste. Tabus, die eine Familie jahrelang stillschweigend trägt. Bewegend und schwer auszuhalten.
  • Stromrechnungen übersetzen, bevor man rechnen kann. Tahsim Durgun ist Dolmetscher. Er vermittelt beim Arzt und auf Ämtern. Hilft seinen jesidisch-kurdischen Eltern, die das Träumen aufgegeben haben. Damit ihre Kinder irgendwann in Deutschland glücklich werden. „Mama, bitte lern Deutsch“ erzählt von Integration. Dem Versuch davon. Humorvoll, aber ohne Kitsch. Ehrlich, aber ohne Selbstmitleid. Eine Anklage und eine Versöhnung. Aber vor allem eine Liebeserklärung an seine Mutter.

Habt einen schönen Herbst. 🍂

Fragmente 🫣 Immer & Nie

Das haben wir schon immer so gemacht. Nie hörst du mir zu. Immer muss man dich daran erinnern. Nie glaubt man uns. Scheinbare Eindeutigkeit und gefühlte Gemeinschaft. Wir suchen Muster. Brauchen Strukturen. Wo Unsicherheiten warten, geben diese zwei Worte Kontrolle. Schubladen zum Einsortieren. Schwarz und weiß. Links und rechts. Für immer und für nie.

Wäre schön, wenn es so klar wäre. Ist es aber nicht. Viel mehr bewegen wir uns dazwischen. Wechseln zwischen Nähe und Distanz. Zwischen Verstehen und Missverstehen. Zwischen Liebe und Wut – manchmal sogar gleichzeitig. Merke, wie gefährlich diese Verallgemeinerungen sind. Sie nehmen uns die Neugier auf Menschen und ihre Bedürfnisse. Sie rauben uns den Mut zur Veränderung. Verhindern Abweichung und Überraschung. Sei es in der Produktentwicklung, bei ersten Begegnungen oder in langjährigen Beziehungen.

Muss mich regelmäßig darauf hinweisen, wenn ich aus einer einzelnen Beobachtung eine Identität erschaffe. Steckt doch oft viel mehr hinter einem Verhalten. Ein ständiges Pendeln. Wo gestern Gewohnheit der Auslöser war, ist es heute vielleicht Skepsis. Versuche mit Fragen einen Raum zu schaffen. Lasse mir Handlungen erklären. Und gibt es keine eindeutige Antwort, ist das meist der Beginn für Annäherung. Kreativität durch Ausprobieren. Weniger Schutzschild und mehr Risiko. Will das Gegenüber verstehen. Sei es eine Freundin, ein Kunde, eine Kollegin.

Auch ich wünsche mir Sicherheit. Eine Vorhersehbarkeit. Akzeptiere ich aber Zwischentöne und ein Vielleicht, dann ist da mehr. Mehr Nähe. Mehr Graustufen. Mehr Ausnahmen. Und weniger Einsamkeit in gefühlter Gemeinschaft. Haben wir schließlich immer so gemacht. Dann können wir es auch mal anders machen.

Welche Fragmente sind sonst so übrig geblieben?

  • Die Füße tief im Sand vergraben. Sonne im Gesicht. Hunde suchen Schatten. Wir suchen Steine. Ein paar Tage durchatmen. Auszeit in Dänemark. Pommes und Kuchen. Geschmolzenes Eis auf den Fingern. Stolpern über Äste und bleiben einfach liegen. Da ist ganz viel Neuanfang zwischen ganz viel Vergangenheit. Und da ist ganz viel Vorfreude.
  • Wieder auf der re:publica. Mag die neugefundene Tradition. Und die vielen bekannten Gesichter. Wieder zu viel verpasst, aber werde besser es zu akzeptieren. Das Motto Generation XYZ. Wie wollen wir eigentlich zusammenleben, wenn alles immer komplexer und lauter wird? Wieder dieses Gefühl von Aufbruch und Dringlichkeit. Lernte Dinge über Aufmerksamkeit, Tech-Bros, Kampf um Gerechtigkeit und das Gehirn, Einsamkeit, Liberalismus, gesellschaftliche Kipppunkte und das AfD-Verbot. Fühlte mich teilweise wie auf einer Demo. Gestärkt und nicht alleine. Wieder ein schönes Gefühl.
  • Stehe bei strahlendem Sonnenschein im Garten von Freunden. Schaue auf das Ehepaar. Strahlen im Gesicht. Eine gewisse Form des Stolzes. Dankbarkeit für die andere Person. Und für Zufälle. Szenenwechsel. Stehe bei strahlendem Sonnenschein an der Elbe. Auf meinem Arm das Kind von Freunden. Völlig begeistert beobachtet es die Wellen. Kommen und Gehen. Ein Glucksen. Vertrauen. Beide Situationen wunderschön. Beide Situationen dennoch schwer. In Gedanken gehe ich die letzten Jahre durch. Begleite diese Menschen durch unterschiedlichste Phasen. Auch ich war woanders und bin es heute noch. Dankbar für die Möglichkeit, ein Teil zu sein. Aber manchmal auch traurig, kein Teil zu sein.
  • Quick-Wins. Optimierung an der Oberfläche. Doch Probleme in Organisationen liegen oft tiefer. In veralteten Strukturen, widersprüchlichen Stoßrichtungen und gewachsenen Altlasten. Systemisches Denken hilft, hinter die Symptome zu blicken, Ursachen zu entwirren und die Dynamik sichtbar zu machen. Tief eintauchen statt schnell ausbessern. Machtstrukturen verstehen und Muster erkennen. Tools wie Service Blueprinting und Systems Thinking machen sichtbar, wo angesetzt werden muss. Und sie machen erlebbar, dass System als lebendigen Organismus zu begreifen sind. Voller Reibung, Widersprüche und Möglichkeiten.
  • Alzheimer als Form des Exils. Und als Ort neuer Begegnung. Arno Geiger erzählt in „Der alte König in seinem Exil“ die zärtliche Annäherung an seinen erkrankten Vater. Erinnerungen, die verschwimmen. Verlust und Verwandlung. Er begleitet seinen Vater in die eigene Welt, statt ihn zurückholen zu wollen. Dabei entdeckt er Würde, Humor, Poesie und eine neue Form der Liebe. Ein leises Buch über das Loslassen, das Bleiben und Finden von Verbundenheit.
  • Oft heißt es, Menschen hätten klare Bedürfnisse, die man einfach erfragen kann. In Wirklichkeit sind diese situativ und entstehen aus Lebensumständen. Dan Shipper zeigt, dass Menschen selten eine Liste ihrer Wünsche parat haben. Erst durch einen kreativen Impuls, eine eigene Perspektive, werden verborgene Bedürfnisse sichtbar. Spürbar. Etwas, das künstliche Intelligenz nicht kann. Kreative Provokation und empathisches Experimentieren. Es geht nicht nur um das Sammeln objektiver Daten, sondern auch darum, ein Gespür für die Dynamik zwischen Mensch und Moment zu entwickeln: Product Sense.
  • Seit 2018 sitzen Menschen wie ich in einem Kiosk an der U-Bahn Emilienstraße. Wir hören zu. Das ZDF hat dabei zugeschaut. „Wer offen zuhört und mitfühlt, lernt sich selbst und seine Gefühle besser kennen. Wer andere versucht zu verstehen, versteht sich selber besser. Zuhören ändert das Leben, Zuhören ist ein Geben und Nehmen“, sagt Gründer Christoph Busch.
  • „Innovation ohne Umkehr ist nur Iteration.“ – Was, wenn Mut nicht in Geschwindigkeit und Anpassung, sondern in Stillstand und Verstehen liegt? Produktivität, Output und Machen scheint die einzige Währung zu sein. In einer Welt, die sich immer schneller dreht. Luke Burgis schildert eindrucksvoll, wie sich subjektives Zeitempfinden verändert hat: Alles ist schnell – und es macht krank. Selbst erzwungene Pausen wie der Lockdown führen nicht zu Entschleunigung, sondern verstärken das Gefühl, permanent getrieben zu sein
  • Als Komplize mag ich Genossenschaften. Sie sind ein Raum zum Mitgestalten, Lernen und Teilen. Deshalb bin ich investierendes Mitglied des Neuen Amt Altones (NAA), einer Mischung aus Co-Working und Nachbarschaftstreffpunkt. Mit Regine und Birga sprach ich im Podcast „Neu & Amtlich“ über Arbeit, Haltung und leise Töne. Bis Ende September könnt ihr noch Mitglied werden. Das kann sehr schön werden.

Was machst du immer? Was nie? Und stimmt das?
Schreib mir gerne. Auch einfach so. 👋

Fragmente 🙉 Zuhören

Die Sätze unvollständig, der Blick springt und die Finger reiben nervös aneinander. Ich versuche, Ruhe in die Situation zu bringen. Blicke in glasige Augen. Meine Aufmerksamkeit beim Gegenüber. Merke, wie ich Vermutungen anstelle und mich beim ablenkenden Nachdenken ertappe. Versuche, wieder vollständig mein Gegenüber an mich heranzulassen. Würde gerne die gesamte Last abnehmen, kann jedoch nur zuhören.

Seit ein paar Wochen sitze ich unregelmäßig in einem ehemaligen Kiosk an der U-Bahnstation Emilienstraße. Der Zuhör-Kiosk ist ein Ort, an dem unterschiedlichste Menschen stehenbleiben. Neugierige Blicke, ein paar Sätze durchs offene Fenster oder ein privates Gespräch. Meine Aufgabe ist es, da zu sein. Zeit zu schenken. Muss gar nicht alles verstehen, dafür aber präsent sein. Und aufmerksam. In einer Welt, wo jeder seine Meinung und Geschichten teilen kann, scheint es immer weniger Interesse an Anderen zu geben. Ein Nicken und das Warten auf die eigene Redezeit. Jeder kann senden. Oft ungefiltert. Rund um die Uhr. Reaktionen folgen in Echtzeit. Daumen hoch. Daumen runter. Menschen verstecken sich hinter Rollen. Wollen gefallen. Müssen auffallen. Das kann ermüden. Wir waren nie so vernetzt. Und irgendwie nie so alleine mit unseren Gefühlen.

Zuhören macht verletzlich. Ich lasse Gefühle in mich eindringen. Muss sie aushalten. Ein Innehalten. Das eigene Ego nach hinten stellen. Ich nehme dich wahr. Martin Gommel teilte auf Krautreporter Worte, die ihm guttun, wenn er depressiv ist. Es geht um die Anerkennung von Gefühlen. Keine Ratschläge, sondern ernst gemeintes Validieren und Begleiten: „Ich weiß nicht, was du gerade fühlst. Magst du es mir beschreiben?“ Im Rahmen meiner systemischen psychologischen Ausbildung habe ich viel über Beziehungen gelernt. Wie wertvoll es ist, Menschen bewusst und mit echtem Interesse zu begegnen. Sie nicht direkt in eine Schublade zu stecken. Neugierig zu bleiben. Hab viel über meine Glaubenssätze erfahren. Weniger werten, mehr fragen. Zuhören. Wahrnehmen. Echo und Komplize sein.

Welche Fragmente sind sonst so übrig geblieben?

  • Ein Dröhnen in der Luft. DJ Mad nickend auf der Bühne. Ich lehne wartend an der Wand des Clubs. Nach sechs Jahren ist Dendemann zurück auf der Bühne. Mit bekannten Liedern auf bösen Beats. Knistert. Kratzt. Bekomme das Grinsen nicht aus dem Gesicht. So viele schöne Erinnerungen. Jede Zeile drei Schichten. Noch immer relevant. Noch immer litt. Schön zu sehen, dass es ihm gut geht.
  • Jeder vierte Deutsche ist von einer psychischen Störung betroffen. Deshalb ist es verdammt wichtig, erste Symptome zu erkennen und Unterstützung leisten zu können. Als Mental Health Ersthelfer:in (MHFA Ersthelfer ) lernt man die Grundlagen über psychische Erkrankungen und wie eine Begleitung für den nächsten Schritt aussehen kann. Ein sehr intensiver Kurs. Berührend und konfrontierend. Aber verdammt wertvoll.
  • Stehe in der Markthalle und warte auf eine Band, die ich vor wenigen Wochen noch nicht kannte. RAUM27 machen tanzbare Alltagskritik, kleine Hymnen und laute Liebeslieder. Texte über Verlust. Keine Tränen. Sommerregen. Mauern. Um mich herum sind alle viel jünger als ich. Sind alle viel lauter als ich. Und genau das tut verdammt gut. Hab das Gefühl, dass junge Männer noch mehr Gefühle zulassen. Noch mehr über Ängste sprechen. Und noch weniger in Rollenkonstrukte gesteckt werden möchten. Das darf gerne so. Bitte bitte.
  • Blicke ich in den Spiegel, sehe ich den kleinen Andi. Wie er laut lachend durch den Garten rennt. Mit breitem Grinsen und blonden Haaren. Hab nach langem Überlegen den Schritt gewagt und meine Haare gefärbt. Ein bisschen aus Neugier. Ein bisschen aus Trotz und Wut auf meine Autoimmunerkrankung. Wenn manche Haare farblos zurückkommen, warum nicht selbst bestimmen, welche Farbe bleibt? Mag die Veränderung. Mag die Irritation, wenn ich Menschen nach langer Zeit wiedersehe. Und ich mag mich.
  • Es gibt Bücher, die kein Entkommen zulassen. Schonungslos beschreibt Claudia Schumacher in ihrem Debütroman „Liebe ist gewaltig“ die Folgen häuslicher Gewalt. Was macht diese mit einem Kind? Einer Jugendlichen? Einer Erwachsenen? Wie befreit man sich von der Realität, die vehement von den Eltern abgestritten wird? Schonungslos und kraftvoll geschrieben. Ein Kampf um Selbstbestimmung. Eine Suche nach Identität.
  • Auf dem Sofa vor mir sitzt ein Freund. Das Sofa steht in einem Café. Ich sitze im Publikum. Ein ungewohnt schönes Erlebnis. Fabian Neidhardt liest aus seinem neuen Roman „Endlosschleifentage“. Eine Geschichte über den Tod. Und über Zeit. Zu viel davon. Wie lange dauert ein Abschied, der nie ganz vorbei ist? Wie trauert man zum ersten Mal? Eine liebevolle Erzählung. Gibt Raum über Verlust nachzudenken. Lässt mich die Leere fühlen. Intensiv. Warm. Manchmal roh. Irgendwo zwischen Friedhof und abgedunkelter Wohnung.
  • Manche Wünsche bleiben unausgesprochen, auch wenn sie Leidenschaft bedeuten. In „Want“ sammelte Gillian Anderson anonyme Texte von Frauen aus der ganzen Welt. Sie beschreiben darin sexuelle Fantasien, Wünsche und Sehnsüchte. Ohne Einordnung. Ohne Pflicht zur Rechtfertigung. Es geht um Sex, Identität, Verletzbarkeit, Macht, Scham. Und um Zensur der eigenen Bedürfnisse. Bekomme ein Gefühl, wie divers, widersprüchlich und tief weibliche Lust ist. Kann nur erahnen, wie oft sie unter Schichten von Anpassung versteckt wird.
  • Was als höfliche Tasse Tee für eine einsame Frau beginnt, eskaliert zur obsessiven Belagerung – und zwingt den Protagonisten der Serie „Rentierbaby“ ein tief vergrabenes Trauma offenzulegen. Zwischen schwarzem Humor und fast unerträglicher Spannung zerlegt die Serie gängige Stalker-Mythen, entlarvt psychische Abgründe und zeigt das Versagen der Justiz. Unangenehm nah, die Mischung aus Scham, Schuld und verzweifelter Selbstrettung. Ein schmerzhaft ehrlicher Blick darauf, wie schnell Opferrolle und Täterrolle verschwimmen – und wie schwer es ist, danach wieder frei zu atmen.
  • Trauma. Trigger. Flashback. Begriffe, die teilweise sehr inflationär verwendet werden. Aber was ist ein Traum? Wie entsteht es? Und wie lässt es sich in Fragmenten integrieren? Verena König hat im Hotel Matze sehr einfühlsam darüber gesprochen, was unverarbeitete Erfahrungen machen und wie wichtig Sicherheit in Beziehungen ist.

Wann wurde dir das letzte Mal aufrichtig zugehört?
Schreib mir gerne. Auch einfach so. 👋

Fragmente 🙅‍♂️ Widerstand

Schalte den Fernseher aus und lasse mich ins Sofa fallen. Fühle mich leer. Knapp drei Stunden Wahlberichterstattung hinter mir. Viele enttäuschte Gesichter und ein paar Menschen, die dreckig lachen. Vor wenigen Tagen hetzte der wahrscheinlich zukünftige Kanzler gegen grüne und linke Spinner - jetzt spricht er von Vereinigung und Politik für die Mehrheit der Bevölkerung. Ich sehe hauptsächlich Steuererleichterungen für Unternehmen und Besserverdiener. Und ganz viele konservative Ansichten, von denen ich mich nicht vertreten fühle. Es scheint sich alles zu wiederholen. Schon wieder.

Auf der anderen Seite des Planeten versucht Trump die Justiz zu entmachten. Manche sprechen vom „administrativen Staatsstreich“, bei dem sich ein Milliardär Zugang zu den großen Institutionen verschafft, um seine Interessen zu verfolgen. Entwicklungsgelder werden eingefroren, Staatsbedienstete gekündigt und ein autoritärer Umbau vorangetrieben. Während der Hitlergruß wieder salonfähig wird, sieht Vance die größte Gefahr nicht bei China oder Russland, sondern bei einer Abschaffung der Meinungsfreiheit von Innen. Musk betont die Wichtigkeit von Nationalstolz und fordert uns Deutsche auf, uns unserer historischen Schuld endlich zu entledigen. Ich kann das alles nicht mehr.

Gleichzeitig zeigt Silicon Valley sein wahres Gesicht. Der Wunsch nach einem „neuen Rom“. Reiche Tech-Milliardäre machen einen Kniefall vor Trump, lassen die Community über Wahrheit entscheiden und lenken Informationsfluss und Meinungsbildung. Die Ungleichheit wächst. Genau wie Desinformation. Auch deswegen gehöre ich zu den Erstunterzeichnern von SaveSocial – das freie Internet wird abgeschafft. Es braucht offene Standards. Für Vielfalt und Transparenz durch Gesetze sowie finanzielle Förderung. Es braucht Umverteilung.

Ich bin müde. Und das ist gefährlich. Es macht mich handlungsunfähig. Lässt mich zurückschrecken vor Widerspruch. Wenn wir die Welt nicht den Autokraten und Faschisten überlassen wollen, müssen wir uns vernetzen. Ich brauche Geschichten, die Lust auf eine andere Zukunft machen. Ich brauche den Austausch. Und ich brauche Momente, in denen ich das Gefühl habe, etwas beeinflussen zu können. Deshalb werde ich mich dieses Jahr in Gespräche stürzen. Möchte mich ehrenamtlich engagieren. Möchte Menschen zuhören. Möchte stützen und von der Gemeinschaft gestützt werden. Möchte laut sein. Werde laut sein. Denn es reicht. Zeit für Widerstand.

Welche Fragmente sind sonst so übrig geblieben?

  • Jede persönliche Schutzmauer bekommt irgendwann Risse. Benedict Wells erzählt in „Vom Ende der Einsamkeit“, wie drei Geschwister mit dem Verlust ihrer Eltern umgehen. Liebevoll wird Schicht für Schicht abgetragen. Jeder Charakter geht anders mit dem Schmerz um und als Leser darf ich daran teilhaben. Aus der Perspektive von Jules darf ich spüren, wie es sich anfühlt, Menschen gehen zu lassen. Und wie viel Kraft und Anläufe es braucht, um Selbstwert aufzubauen. Ein tolles Buch.
  • Wir Menschen stecken unsere Energie gerne in den Endspurt. Egal ob früher im Studium oder heute bei der Produktentwicklung. Ist der Meilenstein erreicht, beginnt die Planung der nächsten Runde. Planung, Diskussionen, Endspurt. Frameworks wie OKR können bei falscher Anwendung dazu führen, dass mehr Zeit mit der Methodik als mit der Arbeit verbracht wird. John Cutler schlägt vor, ein Quartal in vier Phasen zu unterteilen: 2-6-4-1. Also zwei Wochen Research und Discovery, sechs Wochen Nutzerzentrierte Umsetzung, vier Wochen iteratives Anpassen auf Basis von Feedback und eine Woche zum Abschluss des Quartals. Ich mag die Idee einer festen Struktur und den Fokus auf eine Sache.
  • Helene, die Mutter von drei Kindern, steht auf, geht zum Balkon und springt. So beginnt „Die Wut, die bleibt” von Mareike Fallwickl. Ein Buch, das die Herausforderungen und Erwartungen, denen Frauen in der Gesellschaft ausgesetzt sind, auf beeindruckend vereinnahmende Art beschreibt. Ein Roman, der mich Wut und Schmerz mitspüren lässt. Gefühle, die zum Alltag von so vielen Frauen gehören. Sexualisierte Gewalt, Mental Load und ungerecht verteilte Care-Arbeit. Nicht einfach zu lesen - und das soll es auch nicht sein.
  • Bin kein Freund von Beziehungsratgebern. Zu unterschiedlich sind die Bedürfnisse und Menschen, die einen Lebensabschnitt miteinander teilen. Den Gedanken von Ester Perel könnte ich aber über Stunden lauschen. In „Was Liebe braucht“ betont sie die Wichtigkeit von Neugier. Wie wertvoll „Mitfreude“ (Compersion) und Wertschätzung sind. Konflikte als Notwendigkeit für Entwicklung und Abgrenzung. Überhaupt ist sie ein großer Befürworter von Eigenständigkeit. Sicherheit ist der Tod von Lust. Mit zunehmender Vertrautheit geht diese Spannung verloren. So sind Intimität und Erotik keine Gegensätze, sondern Pole, die man ausbalancieren muss.
  • Vom Außenseiter zum Rapper, der Stadien füllt. Casper ist ein Musiker, dessen Lieder für mich so viel bedeuten. Stand weinend auf Konzerten, nur um Minuten später strahlend zu springen. Sowas von da. In seinen Texten finde ich so viel Gefühl und Suche. Die Podcast-Serie Ikonen von 1LIVE blickt auf seine Karriere. Nimmt mich mit durch seine Biografie und lässt mich so viele Lieder ganz anders sehen. Schade, dass ich beim großen Konzert-Höhepunkt in Bielefeld nicht dabei war. Aber zum Glück gibt es einen Live-Mitschnitt.
  • Auch Robbie Williams war ein Außenseiter. Betrachtet sich selbst als Affen, der akzeptiert und gefeiert werden möchte. Im Biopic „Better Man“ begleiten wir ihn vom Kind im Wohnzimmer bis auf die großen Bühnen. Irgendwo zwischen Entzugsklinik und Villa. Bin kein richtiger Fan seiner Musik, trotzdem berührte mich der Film an vielen Stellen. Dieser große Wunsch, geliebt und gesehen zu werden. Diese Sehnsucht nach Bedeutung. Mochte den Stil und die Effekte. Auch wenn der Film an der Kinokasse floppte. Eine Achterbahn – im guten Sinne.
  • Wollte selbst immer irgendwie dazugehören und hab vor allem als junger Erwachsener viel getan, um nicht aufzufallen. Verurteilt oder beurteilt zu werden. Im Artikel „Radical Belonging“ von Joe Primo lernte ich, dass Dazugehören oft bedeutet, sich anzupassen. Sich zu beweisen. Im Gegensatz dazu ist Zugehörigkeit etwas, das uns innewohnt. „Othering“ – die bewusste oder unbewusste Abgrenzung von anderen – entsteht aus der Angst, selbst ausgeschlossen zu werden. Doch dadurch verstärkt sich die Isolation und Einsamkeit. Musste über die letzten Jahre selbst lernen, zu sehen und zu spüren, was ich bereits bin. Und bin dankbar über jeden Menschen, der mir dabei als Spiegelfläche und Impulsgeber half.
  • Zum Schluss eine Musikerin, an der momentan niemand vorbeikommt: Doechii. Eine Rapperin, die Oldschool mit ihrem eigenen Stil verbindet. Eine Kampfansage an die Industrie. Und an Männer. Selbstbewusst, aber auch nachdenklich. Sex-Positivity mit Intellekt. Zurück zu den Wurzeln von Hip Hop: Eine Widerstandskultur voller Kraft.

Du hast auch genug? Dann schreib mir. Du kennst Initiativen und Organisationen, die etwas gegen diese Ohnmacht tun? Dann schreib mir. Alleine wird uns das alles kaputtmachen.