Fragmente đ ââïž Widerstand
Wahlberichterstattung, EnttĂ€uschung und das GefĂŒhl, dass sich alles wiederholt. Gedanken ĂŒber Widerstand in dĂŒsteren Zeiten.
Schalte den Fernseher aus und lasse mich ins Sofa fallen. FĂŒhle mich leer. Knapp drei Stunden Wahlberichterstattung hinter mir. Viele enttĂ€uschte Gesichter und ein paar Menschen, die dreckig lachen. Vor wenigen Tagen hetzte der wahrscheinlich zukĂŒnftige Kanzler gegen grĂŒne und linke Spinner - jetzt spricht er von Vereinigung und Politik fĂŒr die Mehrheit der Bevölkerung. Ich sehe hauptsĂ€chlich Steuererleichterungen fĂŒr Unternehmen und Besserverdiener. Und ganz viele konservative Ansichten, von denen ich mich nicht vertreten fĂŒhle. Es scheint sich alles zu wiederholen. Schon wieder.
Auf der anderen Seite des Planeten versucht Trump die Justiz zu entmachten. Manche sprechen vom âadministrativen Staatsstreichâ, bei dem sich ein MilliardĂ€r Zugang zu den groĂen Institutionen verschafft, um seine Interessen zu verfolgen. Entwicklungsgelder werden eingefroren, Staatsbedienstete gekĂŒndigt und ein autoritĂ€rer Umbau vorangetrieben. WĂ€hrend der HitlergruĂ wieder salonfĂ€hig wird, sieht Vance die gröĂte Gefahr nicht bei China oder Russland, sondern bei einer Abschaffung der Meinungsfreiheit von Innen. Musk betont die Wichtigkeit von Nationalstolz und fordert uns Deutsche auf, uns unserer historischen Schuld endlich zu entledigen. Ich kann das alles nicht mehr.
Gleichzeitig zeigt Silicon Valley sein wahres Gesicht. Der Wunsch nach einem âneuen Româ. Reiche Tech-MilliardĂ€re machen einen Kniefall vor Trump, lassen die Community ĂŒber Wahrheit entscheiden und lenken Informationsfluss und Meinungsbildung. Die Ungleichheit wĂ€chst. Genau wie Desinformation. Auch deswegen gehöre ich zu den Erstunterzeichnern von SaveSocial â das freie Internet wird abgeschafft. Es braucht offene Standards. FĂŒr Vielfalt und Transparenz durch Gesetze sowie finanzielle Förderung. Es braucht Umverteilung.
Ich bin mĂŒde. Und das ist gefĂ€hrlich. Es macht mich handlungsunfĂ€hig. LĂ€sst mich zurĂŒckschrecken vor Widerspruch. Wenn wir die Welt nicht den Autokraten und Faschisten ĂŒberlassen wollen, mĂŒssen wir uns vernetzen. Ich brauche Geschichten, die Lust auf eine andere Zukunft machen. Ich brauche den Austausch. Und ich brauche Momente, in denen ich das GefĂŒhl habe, etwas beeinflussen zu können. Deshalb werde ich mich dieses Jahr in GesprĂ€che stĂŒrzen. Möchte mich ehrenamtlich engagieren. Möchte Menschen zuhören. Möchte stĂŒtzen und von der Gemeinschaft gestĂŒtzt werden. Möchte laut sein. Werde laut sein. Denn es reicht. Zeit fĂŒr Widerstand.
Welche Fragmente sind sonst so ĂŒbrig geblieben?
- Jede persönliche Schutzmauer bekommt irgendwann Risse. Benedict Wells erzĂ€hlt in âVom Ende der Einsamkeitâ, wie drei Geschwister mit dem Verlust ihrer Eltern umgehen. Liebevoll wird Schicht fĂŒr Schicht abgetragen. Jeder Charakter geht anders mit dem Schmerz um und als Leser darf ich daran teilhaben. Aus der Perspektive von Jules darf ich spĂŒren, wie es sich anfĂŒhlt, Menschen gehen zu lassen. Und wie viel Kraft und AnlĂ€ufe es braucht, um Selbstwert aufzubauen. Ein tolles Buch.
- Wir Menschen stecken unsere Energie gerne in den Endspurt. Egal ob frĂŒher im Studium oder heute bei der Produktentwicklung. Ist der Meilenstein erreicht, beginnt die Planung der nĂ€chsten Runde. Planung, Diskussionen, Endspurt. Frameworks wie OKR können bei falscher Anwendung dazu fĂŒhren, dass mehr Zeit mit der Methodik als mit der Arbeit verbracht wird. John Cutler schlĂ€gt vor, ein Quartal in vier Phasen zu unterteilen: 2-6-4-1. Also zwei Wochen Research und Discovery, sechs Wochen Nutzerzentrierte Umsetzung, vier Wochen iteratives Anpassen auf Basis von Feedback und eine Woche zum Abschluss des Quartals. Ich mag die Idee einer festen Struktur und den Fokus auf eine Sache.
- Helene, die Mutter von drei Kindern, steht auf, geht zum Balkon und springt. So beginnt âDie Wut, die bleibtâ von Mareike Fallwickl. Ein Buch, das die Herausforderungen und Erwartungen, denen Frauen in der Gesellschaft ausgesetzt sind, auf beeindruckend vereinnahmende Art beschreibt. Ein Roman, der mich Wut und Schmerz mitspĂŒren lĂ€sst. GefĂŒhle, die zum Alltag von so vielen Frauen gehören. Sexualisierte Gewalt, Mental Load und ungerecht verteilte Care-Arbeit. Nicht einfach zu lesen - und das soll es auch nicht sein.
- Bin kein Freund von Beziehungsratgebern. Zu unterschiedlich sind die BedĂŒrfnisse und Menschen, die einen Lebensabschnitt miteinander teilen. Den Gedanken von Ester Perel könnte ich aber ĂŒber Stunden lauschen. In âWas Liebe brauchtâ betont sie die Wichtigkeit von Neugier. Wie wertvoll âMitfreudeâ (Compersion) und WertschĂ€tzung sind. Konflikte als Notwendigkeit fĂŒr Entwicklung und Abgrenzung. Ăberhaupt ist sie ein groĂer BefĂŒrworter von EigenstĂ€ndigkeit. Sicherheit ist der Tod von Lust. Mit zunehmender Vertrautheit geht diese Spannung verloren. So sind IntimitĂ€t und Erotik keine GegensĂ€tze, sondern Pole, die man ausbalancieren muss.
- Vom AuĂenseiter zum Rapper, der Stadien fĂŒllt. Casper ist ein Musiker, dessen Lieder fĂŒr mich so viel bedeuten. Stand weinend auf Konzerten, nur um Minuten spĂ€ter strahlend zu springen. Sowas von da. In seinen Texten finde ich so viel GefĂŒhl und Suche. Die Podcast-Serie Ikonen von 1LIVE blickt auf seine Karriere. Nimmt mich mit durch seine Biografie und lĂ€sst mich so viele Lieder ganz anders sehen. Schade, dass ich beim groĂen Konzert-Höhepunkt in Bielefeld nicht dabei war. Aber zum GlĂŒck gibt es einen Live-Mitschnitt.
- Auch Robbie Williams war ein AuĂenseiter. Betrachtet sich selbst als Affen, der akzeptiert und gefeiert werden möchte. Im Biopic âBetter Manâ begleiten wir ihn vom Kind im Wohnzimmer bis auf die groĂen BĂŒhnen. Irgendwo zwischen Entzugsklinik und Villa. Bin kein richtiger Fan seiner Musik, trotzdem berĂŒhrte mich der Film an vielen Stellen. Dieser groĂe Wunsch, geliebt und gesehen zu werden. Diese Sehnsucht nach Bedeutung. Mochte den Stil und die Effekte. Auch wenn der Film an der Kinokasse floppte. Eine Achterbahn â im guten Sinne.
- Wollte selbst immer irgendwie dazugehören und hab vor allem als junger Erwachsener viel getan, um nicht aufzufallen. Verurteilt oder beurteilt zu werden. Im Artikel âRadical Belongingâ von Joe Primo lernte ich, dass Dazugehören oft bedeutet, sich anzupassen. Sich zu beweisen. Im Gegensatz dazu ist Zugehörigkeit etwas, das uns innewohnt. âOtheringâ â die bewusste oder unbewusste Abgrenzung von anderen â entsteht aus der Angst, selbst ausgeschlossen zu werden. Doch dadurch verstĂ€rkt sich die Isolation und Einsamkeit. Musste ĂŒber die letzten Jahre selbst lernen, zu sehen und zu spĂŒren, was ich bereits bin. Und bin dankbar ĂŒber jeden Menschen, der mir dabei als SpiegelflĂ€che und Impulsgeber half.
- Zum Schluss eine Musikerin, an der momentan niemand vorbeikommt: Doechii. Eine Rapperin, die Oldschool mit ihrem eigenen Stil verbindet. Eine Kampfansage an die Industrie. Und an MĂ€nner. Selbstbewusst, aber auch nachdenklich. Sex-Positivity mit Intellekt. ZurĂŒck zu den Wurzeln von Hip Hop: Eine Widerstandskultur voller Kraft.
Du hast auch genug? Dann schreib mir. Du kennst Initiativen und Organisationen, die etwas gegen diese Ohnmacht tun? Dann schreib mir. Alleine wird uns das alles kaputtmachen.