Blog / Framente

Fragmente 🤗 Begegnungen

Meine Jugend verbrachte ich oft in meinem Zimmer. Der Discman surrt, Magazine zwischen den Fingern und der Röhrenmonitor flimmert. Manchmal allein auf dem Fahrrad oder Basketballplatz. Hatte Freunde, aber war doch viele Stunden nur mit mir. Das hat sich mit den Jahren geändert. Heute ziehe ich viel Kraft aus Begegnungen. Hab da diese Vorfreude, wenn ich meine Lieblingsmenschen treffe. Sie in den Arm nehmen darf. Und wir einander zuhören. Beieinander sind. Lerne mit jedem Gespräch mehr über mein Gegenüber, aber auch über mich. Gleiche meine Weltansicht ab und entdecke blinde Flecken. Erfahre von Träumen, von Ängsten oder dem Alltag. Ein kurzer Stop im Café. Eine viel zu lange Nacht auf Kneipensofas. Darf mit Kindern rumalbern oder mit Hunden kuscheln. Bin dankbar für diese Stunden. Dankbar für jeden Abschnitt, den ich begleiten durfte.

Und ja, auch heute gibt es Abende, die nur mir gehören. Texte schreiben, Musik hören, Geschichten lesen. Aber bin momentan lieber unter Menschen. Kinder toben, Menschen bummeln und halten Händchen. Ich schaue zu. Bin ein kleiner Teil des Ganzen. Neugierig, doch still. Wege, die sich für einen kurzen Moment kreuzen. Ein Lächeln. Ein Nicken. Ein Blick. Bin nicht alleine in diesen lauten Tagen.

Welche Fragmente sind sonst so übrig geblieben?

  • Hab mich nach sieben Jahren wieder vor die Kamera getraut. Zu oft geschämt für die Lücken im Haar und das veränderte Aussehen. Inzwischen wieder zufrieden mit mir. Die Lachfalten etwas tiefer, die Schuhe etwas dreckiger. Aber immer noch mit Grinsen im Gesicht. Inga hat mir die Angst vor einem Fotoshooting genommen. Und ist mir mit durch Altona gestolpert. Ich mag die Bilder doch sehr.
  • Ein Jahr SPACE. Ein Ort, an dem Technologie und Content aufeinander treffen. Mitten in der Speicherstadt, wo Möwen kreischen und Barkassen die Touristen durch die Kanäle tragen. Bin gerne dort, denn auch hier treffe ich immer wieder tolle Menschen. Kann dort arbeiten und von anderen lernen. Schön, dass eine Stadt diese Begegnungen fördert.
  • An einem Strang ziehen. Als Team. Egal ob in einer Beziehung oder im Job. Leider gelingt das nicht immer, weil jeder seine eigene Perspektive hat. Seinen eigenen Blick auf die aktuelle Situation, das Ziel und die Rahmenbedingungen. Bei XING half uns die Auftragsklärung, über unterschiedliche Rollen hinweg Klarheit herzustellen. Arne Kittler verantwortete die Initiative und hat gerade eine Artikelserie über Klarheit im Produktmanagement geschrieben. Lässt sich aber auch gut auf andere Lebensbereiche übertragen. Denn kaum etwas funktioniert ohne Kommunikation als Fundament.
  • „Kommunikation ist unwahrscheinlich“ sagte der Soziologe Luhmann. Denn es ist schwierig sicherzustellen, dass eine Botschaft den richtigen Empfänger erreicht, korrekt verstanden wird und die gewünschte Reaktion hervorruft. Deshalb kann es helfen, ein Thema aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und gute Fragen zu stellen. In den letzten Monaten hab ich viel über die systemische Beratung gelernt, hab meine Haltung hinterfragt und mal wieder ordentlich gebüffelt. Somit darf ich mich nun geprüfter systemischer psychologischer Berater nennen. Und weiterlernen.
  • Teile ich meine Lieblingsmusik, ernte ich oft skeptische Blicke. Denn ja, für mich gibt es keine vielfältigere Musik als Deutschrap. Und K.I.Z. ist eine dieser Bands, die vielleicht für jede Stimmung das passende Lied hat. Denn während in der Ferne die Panzer rollen und jeder Hobby-Fußballtrainer behauptet zu wissen, wie der Konflikt gelöst werden kann, träumen doch alle nur von Frieden. Auf unterschiedliche Wege. Starkes Lied. Überhaupt ein sehr starkes neues Album. Ein anderer Ton für eine angezählte Welt.
  • Es beginnt mit einer quietschenden Bremse. Erst vorne. Dann hinten. Irgendwann wird der Bremsweg länger. Irgendwann bremst da nichts mehr. Nach knapp 10.000 Kilometern blieb mein geliebtes VanMoof S3 für mehrere Wochen im Keller. Keine Ersatzteile lieferbar. Keine Werkstatt hatte Termine. Schon doof, wenn man im Internet ein Fahrrad bestellt. Aber zum Glück Kai kennengelernt, der alles reparieren konnte. Hab es ganz schön vermisst, durch die Feldmark zu düsen.
  • Ein Wiedersehen nach vielen Jahren. Ein Moment, der alte Erinnerungen weckt, ein Kribbeln zurückbringt und zwei Menschen einander wieder zueinander führt. In „Blue Jay“ beobachten wir ein ehemaliges Paar bei dem Versuch, die Vergangenheit zu verarbeiten. Die Dialoge sind intim und ehrlich. In teils improvisierten Gesprächen werden ungelöste Momente aus einer gescheiterten Beziehung diskutiert. Ein berührender Film, der ganz ohne Lärm und Klischees überzeugt.
  • Es war wieder Product at Heart. Irgendwas zwischen Fachkonferenz und großem Klassentreffen der Produktszene. Mochte die Mischung der Themen und wurde vor allem von Branchenfremden Themen überrascht. Denn es gibt schon genug Frameworks. Warum also nicht noch mehr Experten aus anderen Feldern einladen? Von ihnen lernen, was diese für eine Zusammenarbeit benötigen und wie sie auf Produkte blicken.
  • Zuversicht entsteht oft aus kleinen Momenten. Seien es Begegnungen, Häuserfassaden oder der Wanderweg am Waldrand. In ihrem Buch „Der Trost der Schönheit“ reflektiert Gabriele von Arnim in kurzen Erzählungen, wie ihr die aktive Suche nach Schönheit in schwierigen Momenten Trost schenkt. Dabei ist Schönheit für sie keine Zugabe, sondern ein essentieller Bestandteil. Eine Notwendigkeit, um die Widersprüchlichkeit des Lebens aushalten zu können. Ein schönes Buch.
  • Langsam werde ich alt. Höre immer die gleichen Songs mit Grinsen im Gesicht. Und dann schafft es doch ein Lied im Shuffle-Modus, mich in neue Ecken zu schubsen. Paula Hartmann und Levin Liam transportieren so viel Gefühl. So viel Schmerz, gepaart mit Wut und Trotz. Mag ich sehr. Ob gemeinsam auf einem Song oder mit anderen Interpreten.
  • Den Großteil unserer Zeit verbringen wir auf Plattformen, auf denen Algorithmen entscheiden, was wir wann und wie oft sehen. Das führt zu einer Konzentration von Inhalten, aber auch zu einer Vereinheitlichung von Stil und Dialog. Wir brauchen ein wildes Internet. Denn werden komplexe Systeme (Diskurse, Gesellschaften, …) vereinfacht, werden sie zerstört. Nichts anderes erleben wir gerade. Wir müssen wieder Wissen teilen und Diskurse anstoßen, die über Selbstoptimierung, Verweildauer und Konsum hinausgehen.

Welche Begegnung ist dir in Erinnerung geblieben?

Hab mich nach sieben Jahren wieder vor die Kamera getraut. Zu oft geschämt für die Lücken im Haar und das veränderte Aussehen. Inzwischen wieder zufrieden mit mir. Die Lachfalten etwas tiefer, die Schuhe etwas dreckiger. Aber immer noch mit Grinsen im Gesicht :)

Danke, liebe @ingaseevers, für deine tolle Art und die schönen Bilder!

Fragmente 🌈 Zuversicht

Meine kleine Blase ist gelähmt. Ich bin gelähmt. Wenn ich Zeit mit meinen Freunden verbringe oder wenn ich die Nachrichten meiner Freundinnen lese, macht sich Angst breit. Ein Gefühl der Ohnmacht. Aufgrund von Nachrichten, Wahlergebnissen oder vereinzelten Gesprächen in der Familie. Wie weit können sich Menschen entfremden? Was muss noch passieren, damit wir uns nicht bald alle an die Gurgel springen? In kleinen Runden schauen wir uns ratlos in die Augen. Die ersten Gedanken ans Auswandern werden konkreter. Frage mich, wie man in diesen Zeiten die Zuversicht behält. Sie wieder gewinnt. Das Gefühl, das ich bei den Demonstrationen für einen kurzen Moment hatte, darf nicht verschwinden. Wir schaffen das. Wir kriegen das hin. Und finden zueinander. Oder? Was, wenn nicht? Was, wenn Teile der Bevölkerung das nicht wollen? Was, wenn ich das auch nicht will?

Wir nehmen für uns in Anspruch, empathisch zu sein. Dass wir uns auf andere Meinungen und Sichtweisen einlassen können. Aber stimmt das? Wo ziehe ich meine Grenze? Wann blocke ich ab? Wann gehe ich einen Schritt entgegen? Und wann verlasse ich den Raum? Möchte nicht in einer Welt leben, in der jeder nur auf sich selbst schaut. Möchte nicht in einem Land leben, in dem immer mehr Menschen Angst haben. Auf beiden Seiten. Voreinander. Und vor dem Unbekannten. Warum schaffen wir es nicht mehr, auf die Erfolge zu schauen? Auf die Veränderungen, die überall stattfinden. Angegangen werden. Alles dreht sich nur noch um Gefahren, Probleme, Fehler. Möchte Geschichten hören von Menschen, die offen über ihre Ängste reden und zueinander finden wollen. Brauche Botschaften, die ich verstehe. Keine Phrasen. Keinen Populismus. Möchte, dass wir endlich die Fassade einreißen und darüber reden, was uns wirklich den Schlaf raubt. In der Hoffnung, dass es uns eigentlich um das Gleiche geht. Um die selben Werte. Möchte wieder daran glauben, dass wir das schaffen. Ein bisschen Zuversicht. Ein bisschen Vertrauen. Können wir das bitte versuchen?

Welche Fragmente sind sonst so übrig geblieben?

  • Endlich wieder auf dem Rad durch Hamburg und den Speckgürtel. Sonne im Gesicht. Matsch an der Hose. Irgendwo zwischen Energiebunker und Ponyhof. Ein Fischbrötchen auf die Hand. Mit der Fähre zum nächsten Café. Fühlt sich an wie Frühling. Und ein bisschen nach Kindheit. Stundenlang ziellos durch den Wald. Neue Wege entdecken. Langsam die innere Karte aufdecken. Du kannst mich verfolgen, denn ausgewählte Routen teile ich auf Komoot.
  • Mit Heute in Hamburg ist ein Projekt live gegangen, an dem ich die letzten Monate mitwirken durfte. Wir haben den kompletten Tech-Stack erneuert sowie die Marke und Positionierung überarbeitet. Ist immer wieder ein schönes Gefühl, wenn die Stränge am Ende zusammenlaufen und nun das Ergebnis für alle live geht. Heißt aber auch, dass ich ab Juli wieder für neue Projekte verfügbar bin. Falls du also einen Produktmenschen und Komplizen suchst, melde dich gerne ✌️
  • An der OMR kommt man in Hamburg kaum vorbei. Nicht nur auf LinkedIn häufen sich die Sales-Anfragen, auch in der U-Bahn erkennt man die Messebesucherinnen deutlich. Es ist nicht meine Konferenz. Zu laut. Zu viel. Zu selten mein Thema. Aber es gibt einen Vortrag, der mich (wie schon im letzten Jahr) beeindruckte: Wo wir in Sachen KI wirklich stehen und was uns erwartet. In diesem vollgepackten Deep Dive beschreibt Philipp Klöckner, welche fundamentalen Entwicklungen gerade stattfinden und wie er die zukünftigen Auswirkungen von KI bewertet. Ich mag sehr, wie dicht das Wissen in diesem Vortrag ist und ich schätze seine Arbeit, nicht nur im Podcast Doppelgänger, sondern auch im begleitenden Newsletter.
  • Dafür endlich wieder auf der re:publica gewesen. Bekannte Gesichter am bekannten Gleisdreieck. Und dieses ständige Gefühl, etwas zu verpassen. Fühlt sich an wie damals. Mache erneut den gleichen Fehler und hänge zu oft in Vorträgen über bekannte Themen rum. Ja, den Medien geht es schlecht. Ja, Produkte werden nur gemeinsam mit Nutzerinnen entwickelt. Ja, die Politik versteht das Internet nicht. Dabei ist es das Unbekannte, das mich reizt. Aber die Routine, die siegt. Die gesamte Konferenz gleicht einer Blase mit zu vielen Bühnen. Ähnliche politische Haltungen und der Großteil fühlt sich auf Social Media mittlerweile unwohl. Mochte die zufälligen Begegnungen, doch vermisste manchmal den konkreten nächsten Schritt nach den Vorträgen. Vielleicht braucht es dafür aber kleinere Formate und mehr Diskussion. Nun habe ich alle verpassten Vorträge in meiner YouTube-Watchlist, wo sie wahrscheinlich vergessen werden. Alles so wie früher und genau deswegen irgendwie schön.
  • Ich bin ein großer Fan des Podcasts Produktmenschen. Darin spricht Tobias Freudenreich mit den Personen, die oft im Hintergrund mit Teams daran werkeln, dass wir alle diese Vielfalt an Produkten haben. Mittlerweile steht Petra Wille eher im Vordergrund, teilt ihr Wissen auf Bühnen und kuratiert gemeinsam mit Arne Kittler die tolle Konferenz Product at Heart. Petra ist für mich ein Vorbild, weil sie ehrlich auftritt und kein Theater aufführt – was in der Produkt-LinkedIn-Buzzword-Influencer-Welt immer wieder vorkommt. In ihren Büchern gibt sie Einblicke in ihren Coaching-Alltag und fasst Themen praxisnah zusammen. Auf ihr erstes (großartiges) Buch folgte nun „Strong Product Communities“, in dem sie erklärt, was eine Community of Practice ausmacht. Und wie ihre Mitglieder und damit die ganze Organisation davon profitieren. Bin selbst ein großer Fan von ritualisiertem Austausch, um Inspiration zu bekommen und auch ein Gefühl von Gemeinschaft zu gewinnen. Sehr lesenswert. Genauso wie ihr Blog und Newsletter. Petra war auch einer der Gründe, die Selbständigkeit einfach mal auszuprobieren. Ende meines Fanboy-Monologs.
  • Ich habe in den letzten fünf Monaten so viel gelesen wie im ganzen letzten Jahr. Habe wieder einen Lese-Rhythmus gefunden. Dafür viele Streaming-Abos gekündigt. Gelangweilt von den immer gleichen Formen und dem überwältigenden Angebot. Verbringe meine Zeit lieber im Kapitel Drei, stöbere durch Empfehlungen und beobachte das Treiben. Mein Lesetagebuch findest du auf goodreads.
  • Wie muss es sich anfühlen, seine große Liebe beim Sterben zu begleiten? Der Psychoanalytiker Irvin D. Yalom und seine Frau Marilyn Yalom, eine Literaturwissenschaftlerin, lieben und verehren einander. In ihrem gemeinsamen Buch „Unzertrennlich“ beschreiben sie, wie sie zusammen wachsen. Und was es dann heißt, einander loszulassen. Kapitel für Kapitel wechseln sich die beiden ab. Ringen mit der Situation und den Zeilen des anderen. Hat mich sehr berührt.
  • Es war wieder Februar. OK KID holt so viele Erinnerungen in mir hoch, dass ich sie nur schwer in Sätze packen kann. Stand mit Gänsehaut im Mojo Club. Die Zeilen immer noch ganz tief im Gedächtnis eingebrannt. Zwischen Selbstmitleid und kaltem Kaffee. Eine kleine Zeitreise, die sich aber irgendwie nach Abschied anfühlte. Hoffentlich nur für einen kurzen Moment.
  • Plötzlich taucht da ein Album auf, das in den folgenden Wochen hoch und runter läuft. Gerda brachten die „besten MCs der Republik" zusammen - mit dabei sind OG Keemo, Yassin, She-Raw und Kryptic Joe. Wie schön es sein kann, wenn Musik einfach überraschend erscheint. Ganz ohne Instagram-Ankündigungen, inszenierte Streits oder TikTok-Blamagen. Nicht einmal Musikvideos wurden gedreht und trotzdem macht das ganze Album großen Spaß.

Was gibt dir das Gefühl von Zuversicht?

Fragmente 🪣 Bucketlist

Plötzlich scheinen gemachte Pläne vollkommen unrealistisch. Der Rahmen gesprungen und die Ziele verschwommen. Lebensabschnitte enden. Und dann herrscht Chaos im Stillstand.

Warum machen wir Lebenspläne? Sie geben Orientierung. Können uns motivieren und vorantreiben. Nächstes Level. Noch ein Stück höher. Sie inspirieren oder setzen unter Druck. Hund, Halbmarathon, Haus. Ist eine Sache erreicht, winkt die nächste Stufe verführerisch. Alles für die Bucketlist. Bevor es zu spät ist.

Auch ich mag Listen. Eine Struktur, die mich durch Unbekanntes leitet. Die mir hilft, den nächsten Schritt zu gehen. Aber was, wenn es gar nicht auf die Meilensteine ankommt? Was, wenn es viel mehr um das Gefühl geht, das wir uns wünschen? Muss ich in der Wüste stehen, um Weite zu fühlen? Braucht es einen Fallschirmsprung, um Freiheit zu spüren?

Wieso also nicht eine Liste voller Gefühle, die erstrebenswert sind? Die fester Bestandteil meines Lebens sein sollten. Unbedingte Liebe. Verspielte Neugierde und kribbelnde Vorfreude. Herzhaftes Lachen. Tieftraurige Stille. Die Aktivität und der Ort sind egal. Auch die Zeit oder die Dauer. Hauptsache das Gefühl macht sich in mir breit. Sei es mit oder ohne andere Menschen. Für einen kurzen Augenblick oder über längere Zeit. Ich will nur, dass diese Momente passieren. Sich in mir ausdehnen und alles für einen Augenblick vereinnahmen. Möchte das Gefühl wertschätzen. Und mich darüber freuen, dass es auch wiederkommen kann. Denn ich habe es nicht abgehakt.

Diese Vorstellung nimmt mir momentan den Druck. Sie schenkt mir Zuversicht. Denn es kann jederzeit und ungeplant passieren. Muss nur aufmerksam sein. Und wenn ich möchte, kann ich natürlich an einem Umfeld arbeiten, das als Grundlage dient. Ich kann lernen, mich für einen Moment oder ein Gefühl zu öffnen. Oder aber ich vertraue darin, dass es passiert. Wenn es soll.

Ein breiter Elb-Sandstrand mit vereinzelten Grashalmen im Vordergrund, dahinter ein ruhiges blaues Gewässer und eine Hafenanlage mit mehreren großen Containerschiffen und Kränen am Horizont unter klarem Himmel.
Spazieren an der Elbe

Welche Fragmente sind sonst so übrig geblieben?

Mit jedem Artikel über die AfD, mit jeder Lüge auf WhatsApp und jeder Demonstration wuchs in mir der Drang, mich aktiv zu engagieren. Gespräche mit Freundinnen und Freunden endeten zu oft auf die gleiche Weise: „Eigentlich sollten wir etwas tun“ – deshalb werde ich mich in diesem Jahr politisch einbringen. Möchte verstehen, wie das System funktioniert und ob ich dort irgendwo hineinpasse.

Was wäre, wenn wir Menschen für ein Jahr im Winterschlaf wären – und die Welt sich erholen darf? Im SchauSpielHaus geht das Stück Der lange Schlaf dieser Frage nach. Bedrückend, aber ganz ohne erhobenen Zeigefinger. Mochte das Gedankenspiel und vor allem Lina Beckmann. Vielleicht sollte ich öfter ins Theater gehen…

Probiere überhaupt viele verschiedene Dinge. Wollte doch eigentlich nur Pflanzen und eine Vase kaufen, bin mit Leinwand und Acrylfarbe aus dem Laden gestolpert. Schaue mir Ausstellungen an, die auf dem Poster interessant erscheinen. Zeichne mit Midjourney und spiele mit Musikprogrammen. Einerseits ist es pure Ablenkung. Aber es fühlt sich auch schön an, etwas Neues zu entdecken. Und die Freiheit zu haben, es auch wieder liegen zu lassen.

Wohne mittlerweile im ABATON-KINO. All of Us Strangers hat mich tief berührt. Ein Film über den Verlust von Liebe. Und der Suche nach Halt. Hab lange nicht mehr so viel im Kino gefühlt. Und geweint. Dafür hat mich Perfect Days zum Grinsen gebracht. Ein Toilettenreiniger in Tokio, der im Alltag so viele schöne Momente entdeckt. Und diese wertschätzen kann. Emma Stone beeindruckte mich in Poor Things. Die Geschichte einer starken Frau und vieler schwacher Männer. Klasse inszeniert.

Sitze im Wohnzimmer bei Freunden und schaue in neugierige Kinderaugen. Sie halten den Blick und in mir drehen sich Gedanken. Bin unheimlich dankbar, so nah an diesen Lebensabschnitten zu sein. Miterleben zu dürfen, wie eine Welt entdeckt wird. Wie Regeln verhandelt und Vorsätze verworfen werden. Darf ein kleiner Teil von dieser Reise sein. Und trotzdem lösen solche Augenblicke in mir manchmal auch ein Gefühl von Einsamkeit aus. Das Buch Allein befasst sich mit diesen Momenten. Lesenswert.

Welches Gefühl steht auf deiner Bucketlist?

Rückblick. 2023.

Das Jahr begann mit dem Gefühl endlich anzukommen. Auch wenn die Welt immer unruhiger wurde. Hab viele Themen aufgearbeitet. Mich mit meiner Vergangenheit auseinandergesetzt. Verhaltensweisen versucht zu ändern. Wollte aus der Ohnmacht ins Handeln kommen. Es hat sich mehr verändert, als ich erwartet hatte.

Bin mittlerweile an einem Punkt, an dem es mir schwer fällt dem Tagesgeschehen zu folgen. Es scheint immer komplizierter zu werden. Eine gewisse Trägheit und Müdigkeit setzt ein. Unsere Umwelt macht uns klar, dass es so nicht weitergeht. Die Klimapolitik der Bundesregierung rechtswidrig. Gleichzeitig will ein Großteil der Gesellschaft keine weiteren Einschränkungen. Will nicht belehrt werden. Lehnt sich gegen die Regierung auf. Und fordert klare Kommunikation. Das System scheint defekt. Die Unzufriedenheit groß. Kriege. Terror. Populismus, Angst und Panikmache. Je mehr man erfährt, desto schrecklicher scheint es zu werden. Ein unangenehmes Gefühl, das mit dieser Erkenntnis kommt. So klappt das nicht. Merke an mir selbst, wie ich Debatten aus dem Weg gehe. Den Medienkonsum reduziere. Mich an manchen Tagen einfach nur zurückziehen möchte. Ein anstrengendes Jahr. Im Außen und Innen.

Sitze nun in meinem Kinderzimmer und die letzten Monate ziehen an mir vorbei. Alles zieht vorbei. Die Ringe unter meinen Augen verraten mein Gedankenkarussell, das nachts besonders laut rattert. Wirft mit Fragen, die ich vielleicht zu lange ignoriert habe oder deren Antworten nun schmerzen. Ein neues Kapitel. Getrennte Wege nach fast sieben Jahren. Erinnerungen in Kartons und Pläne blass-grau. Alleinsein. Weit weg von einem geregelten Tagesablauf. Verbringe die Abende bei Freunden auf dem Sofa. Dankbar für jede Umarmung und jedes Gespräch. Streife durch Eimsbüttel. Kenne mittlerweile jeden Straßenzug und jede Fassade. Immer noch mit den Händen in den Hosentaschen. Traurig. Überfordert. Für einen kurzen Moment hoffnungsvoll. Dass wir beide irgendwann wieder grinsen.

Es ist ein Jahr voller Abschiede. So endete auch meine Therapie nach vier Jahren. Ein letztes Mal die engen Stufen nach oben. Tür zu. Seele auf. Ein Lächeln und Nicken. Hab hier so oft mit mir selbst gerungen. Hab geweint und gelacht. Bin dankbar und froh, es durchgezogen zu haben. War oft genug nur einen Impuls davon entfernt, abzubrechen. Und alles so zu lassen, wie es war. Möchte aber weiter an meiner Haltung arbeiten. Will noch mehr über Beziehungen lernen. Über mich. Dinge ausprobieren und meine Perspektive wechseln. Neugierig bleiben.

Schmale Spalte zwischen zwei dunklen Felswänden, durch die Licht und Meerwasser eindringen. Das Wasser schimmert türkis und wird von Sonnenlicht erhellt, während die umgebenden Felsen tiefdunkel bleiben.
Beeindruckt in der Partnachklamm

War dieses Jahr endlich wieder wandern. Urlaub in Tirol. Die Sonne im Gesicht und Kaiserschmarrn im Bauch. Hab im Wendland auf endlose Felder geblickt, Frisbee gespielt und durchgeatmet. Im lauten Berlin hippes Essen probiert, Lieblingsmenschen getroffen und Potsdam erkundet. War das erste Mal bei einer Stand-Up Comedy Show. Hielt Neugeborene im Arm und lies mich von Hunden durchs Niendorfer Gehege ziehen. Auf dem Rad durch die nicht enden-wollenden Kleingärten. Durfte zweimal Hamilton sehen und einmal mit dem Rad über die Köhlbrandbrücke fahren. Saß auf einem Floß mitten in der Süderelbe. Das Knistern vom Grill und lachende Freunde. Stand mitten im Naturschutzgebiet Neßsand - mit Blick auf den Elbstrand. Hamburg ist so eine schöne Stadt. Fühl mich hier wohl und möchte nicht weg.

Sonnenuntergang über einem ruhigen Fluss mit Baumsilhouetten an beiden Ufern. Der Himmel zeigt warme Farbtöne in Orange, Rosa und Blau, die sich im Wasser spiegeln.
Gemeinsam auf der Elbe

Dazu beigetragen hat auch das berufliche Umfeld, welches in den letzten Monaten gewachsen ist. Mit Beginn der Selbstständigkeit bin ich so vielen spannenden Menschen begegnet. Daraus entwickelten sich Projekte und Freundschaften. Bin sehr zufrieden mit meiner Entscheidung. Lange nicht mehr so selbstbestimmt gelebt. Tolle Kunden begleitet, unterschiedliche Branchen kennengelernt und eine Ausbildung zum systemischen psychologischen Therapeuten begonnen. Dankbar für nextMedia und brand eins, wo ich mich immer mit offenen Armen empfangen werde. Dankbar auch für die vielen herzlichen Gespräche in Coworking-Spaces, auf Konferenzen und Veranstaltungen. Muss noch lernen, mit den schwankenden Einnahmen klar zu kommen und konsequent Urlaube einzuplanen. Bin neugierig, mich noch mehr mit dem Thema No-Code auseinanderzusetzen und für gewisse Zeit im Ausland arbeiten zu dürfen. Und sehr gespannt, wie sich das Neue Amt Altona entwickeln wird und wen ich auf der re:publica im kommenden Jahr wiedersehen werde.

Ein grünes Bergwiese erstreckt sich unter blauem Himmel mit weißen Wolken, während schneebedeckte Berggipfel im Hintergrund aufragen und dichte Nadelwälder die Landschaft säumen.
Erschöpft auf der Alm

Seit langer Zeit empfinde ich meinen musikalischen Jahresrückblick als langweilig. Nur wenige Alben haben mich überrascht – bis auf Peter Fox, Berq und Blumengarten. Dafür viele Stunden mit meinen Lieblingskünstlern wie Fatoni, Maeckes, Deichkind und Casper verbracht. Und immer wieder das Abschiedskonzert von Kummer geschaut. Insgesamt 319 Stunden mit Grinsen im Gesicht.

Und auch bei den Podcasts gab es wenig Veränderung. Hotel Matze brachte mich in Berührung mit interessanten Menschen und ihren Gedanken. Die Doppelgänger und Lenny gaben Orientierung bei Technologie und Produktmanagement. Apokalypse & Filterkaffee erklärte mir die Nachrichtenlage. Bei Family Feelings lernte ich etwas über Beziehungen, bei Geliebte auf Zeit etwas über Sex. Fest & Flauschig, Podcast Ufo und Baywatch Berlin brachten mich zum Lachen.

Dieses Jahr war sehr emotional, auch was meinen Serienkonsum anging. Endlich This Is Us abgeschlossen und verdammt viel geweint. Und auch Heartstopper, Safe, Scenes From a Marriage und Shrinking berührten mich. Dafür konnte ich bei jerks, The White Lotus und Ted Lasso viel lachen. Und Joko hat mit seinen Formaten Wer stiehlt mir die Show und The World's Most Dangerous Show immer wieder überrascht.

Endlich wieder mehr gelesen. Und gehört. Nur ein paar Nächte und Das Ende der Ehe haben mich sehr viel über das Idealbild einer glücklichen Beziehung nachdenken lassen. Über die Privilegien der Männer und die Beziehung zu den eigenen Eltern. Panikherz lockte mich in wilde Nächte und erklärte mir die Musikbranche. Hab in Pawlowa einen Esel begleitet und im Marschland dem Gesang der Flusskrebse gelauscht. Und zuletzt meinem inneren Kind einen Raum gegeben, während Mia Insomnia durch Vergangenheit und Gegenwart reist, um ihre Welt zu verstehen.

Ein sonniger Frühlingstag in einer grünen Wiese mit vereinzelten Bäumen und einer fernen Baumreihe unter blauem Himmel.
Picknickend in Niendorf

Auf ein Jahr zurückzublicken, das in so kurzer Zeit aus den Angeln gehoben wurde, fühlt sich seltsam an. Da ist verdammt viel Ungewissheit. An manchen Tagen habe ich Angst. An anderen Tagen fühle ich mich zuversichtlich. Hab auch diesen Rückblick mehrmals umgeschrieben. Mittendrin abgebrochen. Es tut weh, durch die ganzen Erinnerungen zu scrollen. Viele schöne Momente. Aber auch graue Momente. Nicht zu wissen, was nun kommt. Und doch ist da diese Hoffnung, dass es wieder gut wird. Fühlt sich nicht danach an. Aber alles wird gut. Alles wird gut.