Blog / Framente

Fragmente 🙉 Zuhören

Die Sätze unvollständig, der Blick springt und die Finger reiben nervös aneinander. Ich versuche, Ruhe in die Situation zu bringen. Blicke in glasige Augen. Meine Aufmerksamkeit beim Gegenüber. Merke, wie ich Vermutungen anstelle und mich beim ablenkenden Nachdenken ertappe. Versuche, wieder vollständig mein Gegenüber an mich heranzulassen. Würde gerne die gesamte Last abnehmen, kann jedoch nur zuhören.

Seit ein paar Wochen sitze ich unregelmäßig in einem ehemaligen Kiosk an der U-Bahnstation Emilienstraße. Der Zuhör-Kiosk ist ein Ort, an dem unterschiedlichste Menschen stehenbleiben. Neugierige Blicke, ein paar Sätze durchs offene Fenster oder ein privates Gespräch. Meine Aufgabe ist es, da zu sein. Zeit zu schenken. Muss gar nicht alles verstehen, dafür aber präsent sein. Und aufmerksam. In einer Welt, wo jeder seine Meinung und Geschichten teilen kann, scheint es immer weniger Interesse an Anderen zu geben. Ein Nicken und das Warten auf die eigene Redezeit. Jeder kann senden. Oft ungefiltert. Rund um die Uhr. Reaktionen folgen in Echtzeit. Daumen hoch. Daumen runter. Menschen verstecken sich hinter Rollen. Wollen gefallen. Müssen auffallen. Das kann ermüden. Wir waren nie so vernetzt. Und irgendwie nie so alleine mit unseren Gefühlen.

Zuhören macht verletzlich. Ich lasse Gefühle in mich eindringen. Muss sie aushalten. Ein Innehalten. Das eigene Ego nach hinten stellen. Ich nehme dich wahr. Martin Gommel teilte auf Krautreporter Worte, die ihm guttun, wenn er depressiv ist. Es geht um die Anerkennung von Gefühlen. Keine Ratschläge, sondern ernst gemeintes Validieren und Begleiten: „Ich weiß nicht, was du gerade fühlst. Magst du es mir beschreiben?“ Im Rahmen meiner systemischen psychologischen Ausbildung habe ich viel über Beziehungen gelernt. Wie wertvoll es ist, Menschen bewusst und mit echtem Interesse zu begegnen. Sie nicht direkt in eine Schublade zu stecken. Neugierig zu bleiben. Hab viel über meine Glaubenssätze erfahren. Weniger werten, mehr fragen. Zuhören. Wahrnehmen. Echo und Komplize sein.

Welche Fragmente sind sonst so übrig geblieben?

  • Ein Dröhnen in der Luft. DJ Mad nickend auf der Bühne. Ich lehne wartend an der Wand des Clubs. Nach sechs Jahren ist Dendemann zurück auf der Bühne. Mit bekannten Liedern auf bösen Beats. Knistert. Kratzt. Bekomme das Grinsen nicht aus dem Gesicht. So viele schöne Erinnerungen. Jede Zeile drei Schichten. Noch immer relevant. Noch immer litt. Schön zu sehen, dass es ihm gut geht.
  • Jeder vierte Deutsche ist von einer psychischen Störung betroffen. Deshalb ist es verdammt wichtig, erste Symptome zu erkennen und Unterstützung leisten zu können. Als Mental Health Ersthelfer:in (MHFA Ersthelfer ) lernt man die Grundlagen über psychische Erkrankungen und wie eine Begleitung für den nächsten Schritt aussehen kann. Ein sehr intensiver Kurs. Berührend und konfrontierend. Aber verdammt wertvoll.
  • Stehe in der Markthalle und warte auf eine Band, die ich vor wenigen Wochen noch nicht kannte. RAUM27 machen tanzbare Alltagskritik, kleine Hymnen und laute Liebeslieder. Texte über Verlust. Keine Tränen. Sommerregen. Mauern. Um mich herum sind alle viel jünger als ich. Sind alle viel lauter als ich. Und genau das tut verdammt gut. Hab das Gefühl, dass junge Männer noch mehr Gefühle zulassen. Noch mehr über Ängste sprechen. Und noch weniger in Rollenkonstrukte gesteckt werden möchten. Das darf gerne so. Bitte bitte.
  • Blicke ich in den Spiegel, sehe ich den kleinen Andi. Wie er laut lachend durch den Garten rennt. Mit breitem Grinsen und blonden Haaren. Hab nach langem Überlegen den Schritt gewagt und meine Haare gefärbt. Ein bisschen aus Neugier. Ein bisschen aus Trotz und Wut auf meine Autoimmunerkrankung. Wenn manche Haare farblos zurückkommen, warum nicht selbst bestimmen, welche Farbe bleibt? Mag die Veränderung. Mag die Irritation, wenn ich Menschen nach langer Zeit wiedersehe. Und ich mag mich.
  • Es gibt Bücher, die kein Entkommen zulassen. Schonungslos beschreibt Claudia Schumacher in ihrem Debütroman „Liebe ist gewaltig“ die Folgen häuslicher Gewalt. Was macht diese mit einem Kind? Einer Jugendlichen? Einer Erwachsenen? Wie befreit man sich von der Realität, die vehement von den Eltern abgestritten wird? Schonungslos und kraftvoll geschrieben. Ein Kampf um Selbstbestimmung. Eine Suche nach Identität.
  • Auf dem Sofa vor mir sitzt ein Freund. Das Sofa steht in einem Café. Ich sitze im Publikum. Ein ungewohnt schönes Erlebnis. Fabian Neidhardt liest aus seinem neuen Roman „Endlosschleifentage“. Eine Geschichte über den Tod. Und über Zeit. Zu viel davon. Wie lange dauert ein Abschied, der nie ganz vorbei ist? Wie trauert man zum ersten Mal? Eine liebevolle Erzählung. Gibt Raum über Verlust nachzudenken. Lässt mich die Leere fühlen. Intensiv. Warm. Manchmal roh. Irgendwo zwischen Friedhof und abgedunkelter Wohnung.
  • Manche Wünsche bleiben unausgesprochen, auch wenn sie Leidenschaft bedeuten. In „Want“ sammelte Gillian Anderson anonyme Texte von Frauen aus der ganzen Welt. Sie beschreiben darin sexuelle Fantasien, Wünsche und Sehnsüchte. Ohne Einordnung. Ohne Pflicht zur Rechtfertigung. Es geht um Sex, Identität, Verletzbarkeit, Macht, Scham. Und um Zensur der eigenen Bedürfnisse. Bekomme ein Gefühl, wie divers, widersprüchlich und tief weibliche Lust ist. Kann nur erahnen, wie oft sie unter Schichten von Anpassung versteckt wird.
  • Was als höfliche Tasse Tee für eine einsame Frau beginnt, eskaliert zur obsessiven Belagerung – und zwingt den Protagonisten der Serie „Rentierbaby“ ein tief vergrabenes Trauma offenzulegen. Zwischen schwarzem Humor und fast unerträglicher Spannung zerlegt die Serie gängige Stalker-Mythen, entlarvt psychische Abgründe und zeigt das Versagen der Justiz. Unangenehm nah, die Mischung aus Scham, Schuld und verzweifelter Selbstrettung. Ein schmerzhaft ehrlicher Blick darauf, wie schnell Opferrolle und Täterrolle verschwimmen – und wie schwer es ist, danach wieder frei zu atmen.
  • Trauma. Trigger. Flashback. Begriffe, die teilweise sehr inflationär verwendet werden. Aber was ist ein Traum? Wie entsteht es? Und wie lässt es sich in Fragmenten integrieren? Verena König hat im Hotel Matze sehr einfühlsam darüber gesprochen, was unverarbeitete Erfahrungen machen und wie wichtig Sicherheit in Beziehungen ist.

Wann wurde dir das letzte Mal aufrichtig zugehört?
Schreib mir gerne. Auch einfach so. 👋

Fragmente 🙅‍♂️ Widerstand

Schalte den Fernseher aus und lasse mich ins Sofa fallen. Fühle mich leer. Knapp drei Stunden Wahlberichterstattung hinter mir. Viele enttäuschte Gesichter und ein paar Menschen, die dreckig lachen. Vor wenigen Tagen hetzte der wahrscheinlich zukünftige Kanzler gegen grüne und linke Spinner - jetzt spricht er von Vereinigung und Politik für die Mehrheit der Bevölkerung. Ich sehe hauptsächlich Steuererleichterungen für Unternehmen und Besserverdiener. Und ganz viele konservative Ansichten, von denen ich mich nicht vertreten fühle. Es scheint sich alles zu wiederholen. Schon wieder.

Auf der anderen Seite des Planeten versucht Trump die Justiz zu entmachten. Manche sprechen vom „administrativen Staatsstreich“, bei dem sich ein Milliardär Zugang zu den großen Institutionen verschafft, um seine Interessen zu verfolgen. Entwicklungsgelder werden eingefroren, Staatsbedienstete gekündigt und ein autoritärer Umbau vorangetrieben. Während der Hitlergruß wieder salonfähig wird, sieht Vance die größte Gefahr nicht bei China oder Russland, sondern bei einer Abschaffung der Meinungsfreiheit von Innen. Musk betont die Wichtigkeit von Nationalstolz und fordert uns Deutsche auf, uns unserer historischen Schuld endlich zu entledigen. Ich kann das alles nicht mehr.

Gleichzeitig zeigt Silicon Valley sein wahres Gesicht. Der Wunsch nach einem „neuen Rom“. Reiche Tech-Milliardäre machen einen Kniefall vor Trump, lassen die Community über Wahrheit entscheiden und lenken Informationsfluss und Meinungsbildung. Die Ungleichheit wächst. Genau wie Desinformation. Auch deswegen gehöre ich zu den Erstunterzeichnern von SaveSocial – das freie Internet wird abgeschafft. Es braucht offene Standards. Für Vielfalt und Transparenz durch Gesetze sowie finanzielle Förderung. Es braucht Umverteilung.

Ich bin müde. Und das ist gefährlich. Es macht mich handlungsunfähig. Lässt mich zurückschrecken vor Widerspruch. Wenn wir die Welt nicht den Autokraten und Faschisten überlassen wollen, müssen wir uns vernetzen. Ich brauche Geschichten, die Lust auf eine andere Zukunft machen. Ich brauche den Austausch. Und ich brauche Momente, in denen ich das Gefühl habe, etwas beeinflussen zu können. Deshalb werde ich mich dieses Jahr in Gespräche stürzen. Möchte mich ehrenamtlich engagieren. Möchte Menschen zuhören. Möchte stützen und von der Gemeinschaft gestützt werden. Möchte laut sein. Werde laut sein. Denn es reicht. Zeit für Widerstand.

Welche Fragmente sind sonst so übrig geblieben?

  • Jede persönliche Schutzmauer bekommt irgendwann Risse. Benedict Wells erzählt in „Vom Ende der Einsamkeit“, wie drei Geschwister mit dem Verlust ihrer Eltern umgehen. Liebevoll wird Schicht für Schicht abgetragen. Jeder Charakter geht anders mit dem Schmerz um und als Leser darf ich daran teilhaben. Aus der Perspektive von Jules darf ich spüren, wie es sich anfühlt, Menschen gehen zu lassen. Und wie viel Kraft und Anläufe es braucht, um Selbstwert aufzubauen. Ein tolles Buch.
  • Wir Menschen stecken unsere Energie gerne in den Endspurt. Egal ob früher im Studium oder heute bei der Produktentwicklung. Ist der Meilenstein erreicht, beginnt die Planung der nächsten Runde. Planung, Diskussionen, Endspurt. Frameworks wie OKR können bei falscher Anwendung dazu führen, dass mehr Zeit mit der Methodik als mit der Arbeit verbracht wird. John Cutler schlägt vor, ein Quartal in vier Phasen zu unterteilen: 2-6-4-1. Also zwei Wochen Research und Discovery, sechs Wochen Nutzerzentrierte Umsetzung, vier Wochen iteratives Anpassen auf Basis von Feedback und eine Woche zum Abschluss des Quartals. Ich mag die Idee einer festen Struktur und den Fokus auf eine Sache.
  • Helene, die Mutter von drei Kindern, steht auf, geht zum Balkon und springt. So beginnt „Die Wut, die bleibt” von Mareike Fallwickl. Ein Buch, das die Herausforderungen und Erwartungen, denen Frauen in der Gesellschaft ausgesetzt sind, auf beeindruckend vereinnahmende Art beschreibt. Ein Roman, der mich Wut und Schmerz mitspüren lässt. Gefühle, die zum Alltag von so vielen Frauen gehören. Sexualisierte Gewalt, Mental Load und ungerecht verteilte Care-Arbeit. Nicht einfach zu lesen - und das soll es auch nicht sein.
  • Bin kein Freund von Beziehungsratgebern. Zu unterschiedlich sind die Bedürfnisse und Menschen, die einen Lebensabschnitt miteinander teilen. Den Gedanken von Ester Perel könnte ich aber über Stunden lauschen. In „Was Liebe braucht“ betont sie die Wichtigkeit von Neugier. Wie wertvoll „Mitfreude“ (Compersion) und Wertschätzung sind. Konflikte als Notwendigkeit für Entwicklung und Abgrenzung. Überhaupt ist sie ein großer Befürworter von Eigenständigkeit. Sicherheit ist der Tod von Lust. Mit zunehmender Vertrautheit geht diese Spannung verloren. So sind Intimität und Erotik keine Gegensätze, sondern Pole, die man ausbalancieren muss.
  • Vom Außenseiter zum Rapper, der Stadien füllt. Casper ist ein Musiker, dessen Lieder für mich so viel bedeuten. Stand weinend auf Konzerten, nur um Minuten später strahlend zu springen. Sowas von da. In seinen Texten finde ich so viel Gefühl und Suche. Die Podcast-Serie Ikonen von 1LIVE blickt auf seine Karriere. Nimmt mich mit durch seine Biografie und lässt mich so viele Lieder ganz anders sehen. Schade, dass ich beim großen Konzert-Höhepunkt in Bielefeld nicht dabei war. Aber zum Glück gibt es einen Live-Mitschnitt.
  • Auch Robbie Williams war ein Außenseiter. Betrachtet sich selbst als Affen, der akzeptiert und gefeiert werden möchte. Im Biopic „Better Man“ begleiten wir ihn vom Kind im Wohnzimmer bis auf die großen Bühnen. Irgendwo zwischen Entzugsklinik und Villa. Bin kein richtiger Fan seiner Musik, trotzdem berührte mich der Film an vielen Stellen. Dieser große Wunsch, geliebt und gesehen zu werden. Diese Sehnsucht nach Bedeutung. Mochte den Stil und die Effekte. Auch wenn der Film an der Kinokasse floppte. Eine Achterbahn – im guten Sinne.
  • Wollte selbst immer irgendwie dazugehören und hab vor allem als junger Erwachsener viel getan, um nicht aufzufallen. Verurteilt oder beurteilt zu werden. Im Artikel „Radical Belonging“ von Joe Primo lernte ich, dass Dazugehören oft bedeutet, sich anzupassen. Sich zu beweisen. Im Gegensatz dazu ist Zugehörigkeit etwas, das uns innewohnt. „Othering“ – die bewusste oder unbewusste Abgrenzung von anderen – entsteht aus der Angst, selbst ausgeschlossen zu werden. Doch dadurch verstärkt sich die Isolation und Einsamkeit. Musste über die letzten Jahre selbst lernen, zu sehen und zu spüren, was ich bereits bin. Und bin dankbar über jeden Menschen, der mir dabei als Spiegelfläche und Impulsgeber half.
  • Zum Schluss eine Musikerin, an der momentan niemand vorbeikommt: Doechii. Eine Rapperin, die Oldschool mit ihrem eigenen Stil verbindet. Eine Kampfansage an die Industrie. Und an Männer. Selbstbewusst, aber auch nachdenklich. Sex-Positivity mit Intellekt. Zurück zu den Wurzeln von Hip Hop: Eine Widerstandskultur voller Kraft.

Du hast auch genug? Dann schreib mir. Du kennst Initiativen und Organisationen, die etwas gegen diese Ohnmacht tun? Dann schreib mir. Alleine wird uns das alles kaputtmachen.

Ich hab dem Internet viel zu verdanken. Hab Freundinnen und Bekannte kennengelernt. Über meine Gefühle geschrieben und Gleichgesinnte gefunden. Konnte mich frei äußern. Die Plattformen wurden größer und dominieren nun Information und Austausch. Das darf nicht sein. #SaveSocial setzt sich für offene Standards ein. Denn im Meinungsmarkt darf es keine Monopole geben. Lasst uns soziale Netzwerke als demokratische Kraft retten. Unterschreibt die Petition. Lohnt sich ✌️

savesocial.eu

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2024 war ein Wechselspiel. Sonne und Nebel. Laut und leise. Einmal mit übervollem Herzen und Plänen, dann wieder nachdenklich und gelähmt. Mit jeder Jahreszeit ein Stück mehr bei mir. Immer wieder ein Grinsen im Gesicht. Immer wieder eine Träne am Kinn. Beides okay.

Seit knapp 14 Jahren im Norden. Mit liebevollen Menschen. Dankbar für jede Umarmung, jedes Gespräch und jedes gemeinsame Ausprobieren.

Da ist immer noch verdammt viel Ungewissheit. Aber ich kann sie immer besser aushalten. Mag die kleinen Überraschungen. Die lauten Momente mit anderen Menschen. Freue mich auf schöne Begegnungen. Und irgendwie auch auf emotionales Stolpern. Auf erste Sätze und ernste Absichten. Bin neugierig. Will mutig sein. Will mich trauen.

💛