Fragmente 🍂 Herbst 2026

Ich kann das alles nicht mehr. Werde monatlich wütender. Enttäuschter. Verzweifelter. Es verschiebt sich was. Und nicht nur in Sachsen-Anhalt. Eine blaue Mehrheit. Der erste Parlamentspräsident einer gesichert rechtsextremistischen Partei seit 1945. Gewählt mit Stimmen demokratischer Parteien. Blumen zum Sieg. Das Volk schaut zu. Wir hören nicht zu. Passen nicht auf. Geht es uns noch immer zu gut? Wollen wir überhaupt eine Demokratie? Oder ist die Sehnsucht nach einem Führer so groß?

Deutschland wurde nie entnazifiziert. Da ist keine Brandmauer. Nur die eigenen vier Wände. Wir flüchten in unser Privatleben. Schotten uns ab. Generation Maybe. Machen Ausflüge, treffen Freund:innen und schauen kluge Serien. Ich bin da nicht anders. In einer Zeit, in der wir laut sein sollten. Uns wehren. Es braucht Widerstand. Ein Parteiverbotsverfahren. Jetzt. Das Mittel ist da. Die Beweise sind da. Keine Angst!

Müssen über diese Themen sprechen. Ehrlich zueinander sein. Ein System, das Diskriminierung und Ungleichheit stärkt, muss fallen. Ein System, das Täter schützt und Frauen schwächt, muss fallen. Das Schweigen muss aufhören. Mutmaßliche Gruppenvergewaltigung einer Studentin. Und über 50 Männer bleiben still. Wir Männer müssen für Frauen einstehen. Feminismus ist nicht verhandelbar. Gleichstellung – und sonst nichts. Täter gehören bestraft. Taten angesprochen. Vor allem von uns Männern. Algorithmen gehören umtrainiert. Es ist ein Privileg, dass wir die Augen verschließen können. Und gegen dieses Privileg muss angearbeitet werden. Auch wenn es den Feierabend versaut. Oder Gespräche unbequem macht. Solange wir uns noch wehren können, solange müssen wir handeln.

Und ja, da ist nicht nur Wut in mir. Da ist auch Dankbarkeit. Und Liebe. Für berührende Beziehungen und stärkende Freundschaften. Für Ausflüge in die Natur. Kinderstrahlen und Jahrestage. Musik. Augenblicke. Gemeinschaft.

Und nein, abwarten reicht nicht mehr aus. Es wird sich nichts bewegen, wenn sich nicht jeder ändert. In seiner Haltung. Seiner Lautstärke. Seiner Konsequenz.
»Das Problem, das persönliche Problem war doch nicht etwa, was unsere Feinde taten, sondern was unsere Freunde taten.« (Hannah Arendt)

Worüber habe ich geschrieben? Was habe ich gelernt?

  • Hab meinen Obsidian-Vault lange allein befüllt. Gedanken. Artikel. Meeting-Notizen. Mittlerweile arbeiten KI-Agenten mit. Bereiten Workshops vor. Erinnern mich an offene Aufgaben. Finden alte Gedanken wieder. Schlagen nächste Schritte vor. Das spart Fleißarbeit. Macht aber nicht weniger Arbeit. Kontextpflege. Reviews. Entscheidungen. Mein aktuelles Setup für Wissensarbeit, seit KI-Agenten mitarbeiten.
  • „Strategie ist unsere Theorie, wie wir in unserer Umwelt erfolgreich sein können.“ – Und sie muss regelmäßig an die Umwelt adaptiert werden. Bei Dark Horse durfte ich mit klugen Menschen diskutieren, weshalb Unternehmen heute Innovationsfähigkeit und Veränderungsfähigkeit brauchen. Ein paar Notizen.
  • Als Produktmenschen erzählen wir Geschichten. Auch weiterhin. Sie entstehen im Dialog mit Nutzer:innen. Im Beobachten von Kernhandlung, Rhythmus und Schlüsselmomenten.

Ich teile meine Gedanken regelmäßig in meinem Blog. Berufliche Gedanken landen auf LinkedIn. Eindrücke aus meinem Alltag auf Instagram oder Mastodon.

Welche Fragmente sind sonst so übrig geblieben?

  • „Wohin würdest du auswandern, wenn alles zusammenbricht?“ Diese Frage ist schon die halbe Niederlage. Johannes Kleske zeigt in Doomscrolling the Future, wie Narrative über den Kollaps funktionieren: Wer sie glaubt, zieht sich zurück. Und schwächt genau die Strukturen, die den Kollaps verhindern könnten. Ein geschlossener Kreislauf. Wer weggeht, hat recht. Im Nachhinein. Bleiben ist deshalb keine Naivität. Sondern vielleicht die einzige Strategie, die den Kreislauf bricht.
  • Ronald Schill war in Hamburg eine große Nummer. Hat es verstanden, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Richter Gnadenlos. Er wird Innensenator und zweiter Bürgermeister. Möchte in der Stadt aufräumen. Laut und ein klares Feindbild. Kommt mir irgendwie bekannt vor. Aufmerksamkeit ist alles. Und die Medien stellten die Plattform. Auch nach seinem Absturz bei Big Brother und in anderen Formaten. Der Podcast Hateland erzählt die Geschichte eines Gescheiterten. Doch die Methodik funktionierte. Ein Prototyp für die AfD? Heute nur professioneller und vernetzter. Und einer Bühne, die keine großen Kameras braucht.
  • Ella rettet Charlie nicht. Sie gibt ihr ein Sofa. Und eine Bedingung: Anti-Aggressions-Training. Sonst muss sie gehen. In „Gelbe Monster“ erzählt Clara Leinemann von einer Liebe, die als Beweis dienen soll. Charlie will endlich richtig sein. Wertvoll. Gewollt. Daraus wird eine Beziehung, die beide beschädigt. Blutergüsse. Scham. Eine Geschichte über Wut. Eine Liebeserklärung an Freundschaft. An Menschen, die bleiben und trotzdem Nein sagen.
  • Aufmerksamkeit schafft Medien. Reichtum an Informationen. Armut an Aufmerksamkeit. Dirk von Gehlen plädierte für Verknappung und das bewusste Ignorieren. Vom Werk zum Netzwerk, vom Produkt zum Prozess, vom Ergebnis zum Erlebnis. Und bloß nicht aufhören, zuzuhören. Die operative Seite: Priorisierung, Fokus, Nein-Sagen. Hartmut Rosa spricht von Weitwinkel-Aufmerksamkeit ohne Zweck. Sie ist Bedingung für Resonanz. Bewusstes Ignorieren, um zuzulassen. Eine Öffnung und kein Rückzug.
  • Hab mich oft gefragt, was einen richtigen Mann ausmacht. Was Männlichkeit ist. Hab mich verglichen. Früher auf dem Basketballplatz. Dann im Büro und auf Partys. Soll stark sein. Halten. Soll emotional sein. Weich. Beides gleichzeitig, nicht nacheinander. Fühlte mich unsicher. Und bin damit nicht alleine. Diese Unsicherheit ist der Grund für radikale Parteien und die Manosphere. Für den Wunsch nach einfachen Lösungen. Klaren Schuldigen. Björn Süfke spricht über antrainierte Gefühlsabwehr. Ärger als einzig akzeptierte und benennbare Emotion. Dahinter Trauer, Scham, Schuld und Angst. Verdrängen als Flucht. Arbeit als Flucht. Nicht ich bin das Problem. Ein System, das formt. Hab irgendwann angefangen darüber zu sprechen. Mit Freunden und Freundinnen. Schenke dem Begriff Männlichkeit immer weniger Bedeutung. Entscheide mich für Werte. Für Verhaltensweisen.
  • Seit Anfang des Jahres unterstütze ich das Neue Medien Netzwerk. Wer unabhängigen Journalismus aufbaut, macht das meist allein. Ohne Lobby, ohne Kapital, ohne jemanden, der schon einmal dieselben Fehler gemacht hat. Gleichzeitig werden diese Medienorganisationen dringend gebraucht. Deshalb sorgen wir für Austausch. Über virtuelle Remote Sessions oder persönliche Begegnungen. Sprechen über Geschäftsmodelle und tauschen Erfahrungen aus.
  • Zwei Frauen, zwei zerplatzte Lebensentwürfe, ein Haus auf dem Land. Eva Lohmann erzählt in „Das leise Platzen unserer Träume“ von Sehnsüchten, die sich begegnen: Jule, die auf dem Land mit dem unerfüllten Kinderwunsch ringt. Und Hellen, die als alleinerziehende Mutter und Influencerin eine Affäre mit Jules Mann beginnt. Zwischen Enttäuschung, Neuanfang und vorsichtiger Annäherung entstehen Verständnis und Verletzlichkeit. Ein leises Buch übers Scheitern.
  • Die Radikalisierung im Feed. Auf dem Schulhof. Was ist eigentlich mit jungen Männern los? Was reizt sie an der Manosphere? In der dritten Staffel Springerstiefel gehen Hendrik Bolz und Don Pablo Mulemba der Frage nach, warum Härte plötzlich wieder eine Option ist. Von Dominanz und Verletzbarkeit. Der Angst, nicht zu genügen. Ärger als erlaubter Container. Einer Suche nach Gemeinschaft. In einer Welt, wo so viel unklar ist. So viel in Bewegung. Die Manosphere verkauft keine Stärke. Sie verkauft jungen Männern eine Erklärung für ihre Gefühle. Und ein Feindbild gleich mit. Was wäre der positive Gegenentwurf? Nähe, Konsens und Freundschaft statt Status, Kontrolle und Abwertung?

Lasst uns gemeinsam laut sein.
Und habt einen schönen Herbst.