Erster Advent. Endspurt. Und ich kann schwer greifen, ob sich ĂŒber die letzten Wochen nicht tatsĂ€chlich etwas Zuversicht in das ganze Chaos gemischt hat. Die Vereinigten Staaten von Amerika haben gewĂ€hlt – und sind alles andere als vereint. Zwei große Lager hacken aufeinander ein. Auf mich wirkt vieles immer extremer. Zwei Seiten, die jeweils recht haben wollen. Kaum Diskurs. Noch weniger VerstĂ€ndnis. Und ja, auch ich beziehe Stellung indem ich mich ĂŒber den Wahlerfolg von Biden freue. Zu viel Hass, den Trump gesĂ€t hat. Falschaussagen und Desinformation. Das Leugnen von Klimakatastrophe und Corona-Pandemie. Die Zerstörung von diplomatischen Beziehungen. Ein Rechtsruck bis in den Supreme Court. Es reichte. Und auch wenn Biden nun Hoffnung macht, beschĂ€ftigen mich die knapp 74 Millionen Stimmen fĂŒr Trumps Selbstsucht. Ich. Ich. Ich. đŸ€Ż


Und in Deutschland sieht es nicht anders aus. Tausende Menschen demonstrieren gegen die Corona-Maßnahmen – ohne sich an die Regeln zu halten. Keine Masken. Kein Abstand. Egal, wen sie am nĂ€chsten Tag wieder beim Einkaufen oder auf der Arbeit treffen. Ich. Ich. Ich will mir nichts sagen lassen. Querdenken. Im Bundestag oder der S-Bahn andere Menschen belĂ€stigen. VerĂ€ngstigen. Auf Journalisten einprĂŒgeln. Hand in Hand mit Verschwörungstheoretikern, ReichsbĂŒrgern und Nazis. Es reicht. Nicht nur dem Verfassungsschutz und der Staatsanwaltschaft.

Genug Ansprachen im Konjunktiv. Antisemitische und rechtsextreme Fragen. Marschieren an einem 9. November – nicht gegen das System hinter der Reichspogromnacht, sondern gegen das System hinter der Maske. Holocaust-Vergleiche mit Sophie Scholl oder Anne Frank… Und um mich herum steigen die Zahlen der Infizierten und Toten. Krankenhauspersonal am Limit. Der Großteil der Bevölkerung schrĂ€nkt sich ein, damit es irgendwann ein Ende hat. Aber ein paar Randgruppen denken wieder nur an sich. Und sorgen mit dafĂŒr, dass alles noch lĂ€nger dauert.

Es reicht! Diskussionen ĂŒber einzelne Maßnahmen: Gerne. Aber unter Beachtung der Schutzvorkehrungen. Und ohne Nazis und dem ganzen Verschwörungsquatsch. Niemand hat Spaß am Lockdown. Ich möchte auch wieder mit Freunden essen gehen. Möchte mal wieder tanzen. Aber ich darf nicht – unter anderem weil ihr euch weiter gegen die Regeln stellt, euch als Opfer seht und nach der großen Verschwörung sucht. Vielleicht seid ihr das viel grĂ¶ĂŸere Problem? Aber ich stelle nur Fragen… đŸ˜·


Puh. Das musste mal raus. Ja, ich merke auch, dass mir bestimmte Dinge fehlen. Menschen. Begegnungen und Umarmungen. Aber ich möchte gar nicht wissen, wie es Menschen geht, die alleine sind. Oder bald gehen mĂŒssen. Und im Fernsehen mitverfolgen, wie sich alles immer lĂ€nger hinzieht. Den Fernseher ausschalten, das Licht löschen und die Decke ĂŒber ihren Kopf ziehen. Irgendwo in der Ein-Zimmer-Wohnung. Weit weg von allen. Weit weg von Parolen. Und dem einfachen Satz: „Ich bin fĂŒr dich da“.

Elisabeth Rank versucht ein Ă€hnliches GefĂŒhl zu greifen. 💔

Man steht vor dem unlösbaren Dilemma der Frage: LĂ€sst man NĂ€he zu fĂŒr den Moment, fĂŒr KörpergefĂŒhl, Wohlbefinden, Dopamin, Oxytocin, fĂŒr das GefĂŒhl von Zugehörigkeit und das vegetative Nervensystem? Oder bleibt man in der Distanz, um das Leben zu verlĂ€ngern, um jemanden nicht einem gefĂ€hrlichen Virus auszusetzen und eine Kette an Dingen auszulösen, die schlimme Folgen haben fĂŒr die Person und das System? Es gibt kein besser oder schlechter in diesem Fall. Die Vorstellung, dass viele Menschen seit einem halben Jahr noch mehr als sowieso schon auf sich selbst zurĂŒckgeworfen sind, dass ihnen jegliche BerĂŒhrung abhanden gekommen ist, dass sie einsam leben und vielleicht sterben, bringt mein Herz zum Platzen.

All diese Gedanken haben in meinen Augen oft mit unserem ZeitgefĂŒhl zu tun. Werde ich eingeschrĂ€nkt in der Gestaltung meiner Zeit? Verschwende ich meine Zeit mit Dingen, die ich gar nicht tun möchte? Die letzten Wochen rasen – so jedenfalls meine Wahrnehmung. Die Zeit „rinnt“ durch die HĂ€nde. Man verliert sie in gewisser Weise. Habe dazu einen tollen Artikel gelesen: Time anxiety: is it too late? Er beschreibt ganz gut, wie wir stĂ€ndig ĂŒber unsere (verbleibende) Zeit nachdenken. Und dabei oft ĂŒbersehen, wieviel Zeit dieses Denken verbraucht. ⏳

First, time exists and we can’t change that. Time will move forward, and so will we. Accepting these simple yet daunting truths is the first step in reducing time anxiety.

Auch ich muss mich immer wieder dazu zwingen, nicht jede Handlung zu bewerten. Den Sinn in jeder Tat zu suchen. Alles zu „optimieren“ – woher auch immer der Maßstab kommt, denn er kommt selten aus einem selbst.

Deshalb drei Serien fĂŒr kalte Tage. Mit Kakao auf dem Sofa. Handy aus.

Liebe und Anarchie – Sofie beginnt in einem Verlag und soll dort neue GeschĂ€ftsmodelle entwickeln. Das kommt mir irgendwie bekannt vor… Sie stĂ¶ĂŸt an Grenzen – im Unternehmen und bei sich selbst. Lustig, mit einer Prise Liebe und Klischees. Die acht Folgen gibt es auf Netflix. 💛

Das Damengambit – Als junge Waise lernt Beth das Schachspielen kennen. Und flieht so vor ihrer Vergangenheit. Ihrer Angst vor und Sehnsucht nach Verlust. Beeindruckendes Drama. Die Miniserie auf Netflix. ♟

After Life – Die Einsamkeit nach dem Tod seiner Frau treibt Tony in die GleichgĂŒltigkeit. Er stĂ¶ĂŸt jeden von sich. Wird zynisch. GefĂŒhlsmix zwischen Drama und Komödie. Die zweite Staffel auf Netflix. ⚱


Es gibt diese kurzen Momente, wenn die Fassade fĂ€llt. Wenn man hinter diese Rolle schaut, die jeder spielt. Und es sind genau diese Momente, die mich glĂŒcklich machen. Vielleicht, weil ich sie selten sind. In den letzten Monaten versuche ich mich mehr zuzulassen. GefĂŒhlte SchwĂ€chen zu zeigen. Oder auch zu akzeptieren, dass Hilflosigkeit auch nur ein Anlass sein kann, um Menschen um Hilfe zu bitten. Und diese dann zu erhalten. Das fĂŒhlt sich dann sehr gut an.

Die Kunstfigur Kurt Krömer trifft in der Sendung Chez Krömer auf unterschiedlichste Menschen. Bei Tedros Teclebrhan verlĂ€sst sie aber relativ frĂŒh den Raum und schenkte mir ein paar Minuten mit Alexander Bojcan.


Vor uns liegt der Dezember. Die besinnliche Zeit. Und ich frage mich, ob sie in einem Jahr 2020 nicht laut sein muss. Laut gegen Desinformation. Laut gegen Rechts. Laut fĂŒr einen inhaltlichen Diskurs und gegen Parolen.

Habt einen schönen ersten Advent und bleibt gesund ✌