Schreiben. Stolpern. Schluckauf.

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Fragmente 😷 November 2020

Erster Advent. Endspurt. Und ich kann schwer greifen, ob sich über die letzten Wochen nicht tatsächlich etwas Zuversicht in das ganze Chaos gemischt hat. Die Vereinigten Staaten von Amerika haben gewählt – und sind alles andere als vereint. Zwei große Lager hacken aufeinander ein. Auf mich wirkt vieles immer extremer. Zwei Seiten, die jeweils recht haben wollen. Kaum Diskurs. Noch weniger Verständnis. Und ja, auch ich beziehe Stellung indem ich mich über den Wahlerfolg von Biden freue. Zu viel Hass, den Trump gesät hat. Falschaussagen und Desinformation. Das Leugnen von Klimakatastrophe und Corona-Pandemie. Die Zerstörung von diplomatischen Beziehungen. Ein Rechtsruck bis in den Supreme Court. Es reichte. Und auch wenn Biden nun Hoffnung macht, beschäftigen mich die knapp 74 Millionen Stimmen für Trumps Selbstsucht. Ich. Ich. Ich. 🤯


Und in Deutschland sieht es nicht anders aus. Tausende Menschen demonstrieren gegen die Corona-Maßnahmen – ohne sich an die Regeln zu halten. Keine Masken. Kein Abstand. Egal, wen sie am nächsten Tag wieder beim Einkaufen oder auf der Arbeit treffen. Ich. Ich. Ich will mir nichts sagen lassen. Querdenken. Im Bundestag oder der S-Bahn andere Menschen belästigen. Verängstigen. Auf Journalisten einprügeln. Hand in Hand mit Verschwörungstheoretikern, Reichsbürgern und Nazis. Es reicht. Nicht nur dem Verfassungsschutz und der Staatsanwaltschaft.

Genug Ansprachen im Konjunktiv. Antisemitische und rechtsextreme Fragen. Marschieren an einem 9. November – nicht gegen das System hinter der Reichspogromnacht, sondern gegen das System hinter der Maske. Holocaust-Vergleiche mit Sophie Scholl oder Anne Frank… Und um mich herum steigen die Zahlen der Infizierten und Toten. Krankenhauspersonal am Limit. Der Großteil der Bevölkerung schränkt sich ein, damit es irgendwann ein Ende hat. Aber ein paar Randgruppen denken wieder nur an sich. Und sorgen mit dafür, dass alles noch länger dauert.

Es reicht! Diskussionen über einzelne Maßnahmen: Gerne. Aber unter Beachtung der Schutzvorkehrungen. Und ohne Nazis und dem ganzen Verschwörungsquatsch. Niemand hat Spaß am Lockdown. Ich möchte auch wieder mit Freunden essen gehen. Möchte mal wieder tanzen. Aber ich darf nicht – unter anderem weil ihr euch weiter gegen die Regeln stellt, euch als Opfer seht und nach der großen Verschwörung sucht. Vielleicht seid ihr das viel größere Problem? Aber ich stelle nur Fragen… 😷


Puh. Das musste mal raus. Ja, ich merke auch, dass mir bestimmte Dinge fehlen. Menschen. Begegnungen und Umarmungen. Aber ich möchte gar nicht wissen, wie es Menschen geht, die alleine sind. Oder bald gehen müssen. Und im Fernsehen mitverfolgen, wie sich alles immer länger hinzieht. Den Fernseher ausschalten, das Licht löschen und die Decke über ihren Kopf ziehen. Irgendwo in der Ein-Zimmer-Wohnung. Weit weg von allen. Weit weg von Parolen. Und dem einfachen Satz: „Ich bin für dich da“.

Elisabeth Rank versucht ein ähnliches Gefühl zu greifen. 💔

Man steht vor dem unlösbaren Dilemma der Frage: Lässt man Nähe zu für den Moment, für Körpergefühl, Wohlbefinden, Dopamin, Oxytocin, für das Gefühl von Zugehörigkeit und das vegetative Nervensystem? Oder bleibt man in der Distanz, um das Leben zu verlängern, um jemanden nicht einem gefährlichen Virus auszusetzen und eine Kette an Dingen auszulösen, die schlimme Folgen haben für die Person und das System? Es gibt kein besser oder schlechter in diesem Fall. Die Vorstellung, dass viele Menschen seit einem halben Jahr noch mehr als sowieso schon auf sich selbst zurückgeworfen sind, dass ihnen jegliche Berührung abhanden gekommen ist, dass sie einsam leben und vielleicht sterben, bringt mein Herz zum Platzen.

All diese Gedanken haben in meinen Augen oft mit unserem Zeitgefühl zu tun. Werde ich eingeschränkt in der Gestaltung meiner Zeit? Verschwende ich meine Zeit mit Dingen, die ich gar nicht tun möchte? Die letzten Wochen rasen – so jedenfalls meine Wahrnehmung. Die Zeit „rinnt“ durch die Hände. Man verliert sie in gewisser Weise. Habe dazu einen tollen Artikel gelesen: Time anxiety: is it too late? Er beschreibt ganz gut, wie wir ständig über unsere (verbleibende) Zeit nachdenken. Und dabei oft übersehen, wieviel Zeit dieses Denken verbraucht. ⏳

First, time exists and we can’t change that. Time will move forward, and so will we. Accepting these simple yet daunting truths is the first step in reducing time anxiety.

Auch ich muss mich immer wieder dazu zwingen, nicht jede Handlung zu bewerten. Den Sinn in jeder Tat zu suchen. Alles zu „optimieren“ – woher auch immer der Maßstab kommt, denn er kommt selten aus einem selbst.

Deshalb drei Serien für kalte Tage. Mit Kakao auf dem Sofa. Handy aus.

Liebe und Anarchie – Sofie beginnt in einem Verlag und soll dort neue Geschäftsmodelle entwickeln. Das kommt mir irgendwie bekannt vor… Sie stößt an Grenzen – im Unternehmen und bei sich selbst. Lustig, mit einer Prise Liebe und Klischees. Die acht Folgen gibt es auf Netflix. 💛

Das Damengambit – Als junge Waise lernt Beth das Schachspielen kennen. Und flieht so vor ihrer Vergangenheit. Ihrer Angst vor und Sehnsucht nach Verlust. Beeindruckendes Drama. Die Miniserie auf Netflix. ♟

After Life – Die Einsamkeit nach dem Tod seiner Frau treibt Tony in die Gleichgültigkeit. Er stößt jeden von sich. Wird zynisch. Gefühlsmix zwischen Drama und Komödie. Die zweite Staffel auf Netflix. ⚱️


Es gibt diese kurzen Momente, wenn die Fassade fällt. Wenn man hinter diese Rolle schaut, die jeder spielt. Und es sind genau diese Momente, die mich glücklich machen. Vielleicht, weil ich sie selten sind. In den letzten Monaten versuche ich mich mehr zuzulassen. Gefühlte Schwächen zu zeigen. Oder auch zu akzeptieren, dass Hilflosigkeit auch nur ein Anlass sein kann, um Menschen um Hilfe zu bitten. Und diese dann zu erhalten. Das fühlt sich dann sehr gut an.

Die Kunstfigur Kurt Krömer trifft in der Sendung Chez Krömer auf unterschiedlichste Menschen. Bei Tedros Teclebrhan verlässt sie aber relativ früh den Raum und schenkte mir ein paar Minuten mit Alexander Bojcan.


Vor uns liegt der Dezember. Die besinnliche Zeit. Und ich frage mich, ob sie in einem Jahr 2020 nicht laut sein muss. Laut gegen Desinformation. Laut gegen Rechts. Laut für einen inhaltlichen Diskurs und gegen Parolen.

Habt einen schönen ersten Advent und bleibt gesund ✌️

5 schöne Dinge

Über Fabian bin ich auf ein „Spiel“ gestoßen – ein „Stöckchen“ sagte man früher™ in der Blogosphäre. Fünf schöne Dinge. Weil wir uns viel zu selten bewusst werden, was gut ist. Und gut tut.

Hier folgen fünf schöne Dinge, ungeordnet:

  1. Radfahren. Als Kind bin ich jede Straße im Dorf abgefahren. Mit dem Mountainbike durch die Wälder. Heute lautlos durch die Straßen Hamburgs – mit der selben Neugierde. Beobachte Menschen. Entdecke Straßenzüge und vervollständige die Karte im Kopf. Das sind Momente, an denen ich nicht viel nachdenke. Mich nur aufs Rollen konzentriere.
  2. Natur. Alleine oder mit Lieblingsmenschen. Durch Wälder spazieren oder am Wasser entlang. Feldwege im Nirgendwo. Die Sonne im Gesicht, frische Luft, querfeldein. Mag Hawaii oder die Ostalb. Hauptsache raus.
  3. Musik. Begleitet mich in jeder Situation. Wenn ich gut gelaunt durch die Stadt spaziere oder am Schreibtisch sitze. In der Dusche. Beim Kochen. Meist deutschsprachiger Hip Hop wie Fatoni, Maeckes und Chefket. Aber auch Bosse, Von Wegen Lisbeth oder Bilderbuch. Musik gibt mir Halt und Orientierung. Schenkt mir ein Grinsen im Gesicht.
  4. Schokolade. Geht immer. Als Belohnung, zur Motivation oder als Stimmungsaufheller. M&M’s machen die Finger bunt. Ritter Sport, die man sich schön einteilen kann und doch am Stück verdrückt. Oreo – ohne Aufdrehen und Milch. Manche definieren Schokolade an Hand vom Kakaogehalt. Da bin ich eher Kind geblieben: Hauptsache süß.
  5. Rumalbern. Meist über flache Witze und Belanglosigkeiten. Aus der Situation gegriffen. Lautes Lachen bis der Schluckauf kommt.

Und du so?

Lautlos durch Hamburg

Seit ich mit meinem Umzug nach Hamburg den geliebten Audi 80 verkauft habe, genieße ich den Luxus einer Großstadt und seiner unterschiedlichen Mobilitätskonzepte. Der Hamburger Verkehrsbund (HVV) stellt die Grundausstattung mit U-Bahn, S-Bahn und Bus – aber Anbieter wie mytaxi und car2go schenkten völlig neue Freiheiten. Plötzlich fuhr ich die Strecke zum Badminton mit einem Smart, holte mir ein Stadtrad für die Fahrt zum anschließenden Grillen und das Taxi nach Hause wurde per App bestellt. Elektro-Scooter stehen (und liegen) mittlerweile an jeder Ecke, Autos hängen an der Steckdose und mein neues Fahrrad beschleunigt per Knopfdruck auf 25 km/h. Ich finde das grandios 🙌

Deshalb war die Zeit gekommen für ein neues Nebenprojekt. Gemeinsam mit zwei Freunden haben wir lautlos.hamburg gestartet. Wir schreiben über unterschiedlichste Mobilitätsformen und wie es sich anfühlt mit E-Auto, E-Roller und E-Bike in Hamburg unterwegs zu sein. So erzähle ich über meine sich ändernde Haltung zu E-Bikes, wie vielfältig der Markt für E-Bikes ist und wie sich die Probefahrt mit dem VanMoof S3 anfühlte.

Unser neues Projekt lautlos.hamburg

Ich liebe solche Projekte. Sie starten mit einer Idee und einem Thema, das man durchdringen möchte. Und dann beginnt man einfach. Beim Hosting haben wir uns für Uberspace entschieden – einem Hoster, der ohne viel Schnickschnack einen Server mit vollem SSH-Zugang anbietet. Der Preis ist frei wählbar und die Dokumentation umfangreich – was für Boris ein Traum war. Beim CMS entschieden wir uns absichtlich gegen WordPress und für Ghost. Die Performance überzeugte uns, denn das System konzentriert sich auf den Kern: Inhalte und das Ausspielen an Nutzer:innen. Kein umständliches Konfigurieren von Plugins, dafür praktische Integrationen für wichtige Dienste wie Unsplash, Buffer oder Google Analytics.

Wir bauten ein eigenes Theme. Stürzten uns ins Schreiben und Gestalten. Und sind seit dem 10. Juli online 🥳 Ein bisschen erinnert mich der Prozess an noRECESS – eine Schülerzeitung, die ich vor 18 Jahren digital publizierte. Nur hat man mittlerweile so viel dazu gelernt. Und es hat sich so viel verändert. Der Spaß ist aber geblieben. Internet und Blogs 💙

Mein schmerzhafter Vergleich mit Fynn Kliemann

Ich besitze kein Haus. Habe keine eigene Firma. Kann auf dem Klavier nicht mehr als einen Flohwalzer. Singen eher so mittel. Handwerken wenn es muss. Vergleiche ich mich mit Fynn Kliemann, so könnte man denken: Da geht noch mehr. Ich kenne ihn leider nicht persönlich – nur seine Videos, Musik und Fragmente im Netz. Eines Tages stolperte ich über ihn, während er über eine Mauer stolperte. Auf seine ganz eigene Art baut er Dinge. Im Haus. Im Web. Anderswo. Probiert rum. Regt sich auf. Flucht. Genau wie ich. Vielleicht öfter. Er macht einfach.

Ehrlich beschreibt seine Kunst für mich am ehesten. Verfolgt man ihn auf den sozialen Medien, so wird man von seiner Neugierde angesteckt. Warum nicht mal einen Hof mit unterschiedlichsten Menschen füllen? Ein Album selbst produzieren, weil der normale Weg nicht geht oder sich falsch anfühlt? Wieso eigentlich nicht?

Gebe alles, was ich hab‘ für alles, was ich will. Ich will ’ne ganze Menge, also geb‘ ich ganz schön viel.

Alles was ich hab

Mittlerweile arbeitet Fynn Kliemann am zweiten Album. Hat ein Mode– und ein Platten-Label. Er ist der größte Produzent von Masken. Und Webseiten baut er weiterhin. Gerade lief seine erste Dokumentation, die während der Produktion des ersten Albums entstand. Hab sie mir angeschaut und 80 Minuten mit mir selbst gerungen. Ich merke, wie ein Gefühl von Neid in mir aufsteigt. Warum kann ich das alles nicht? Warum bin ich nicht so produktiv wie er? So erfolgreich und voller Energie?

Dieser Vergleich tut weh. Er passiert ständig. Kann ihn nur schwer verstummen lassen. Fange an, mich innerlich zu rechtfertigen. Entschuldigungen für etwas zu suchen, das mir nie vorgeworfen wurde. Sinn macht das keinen. Aber das ist meinem Kopf egal. Treibt mich an manchen Tagen an. Und zieht mich an anderen Tagen wieder runter.

Dieser Blog war für mich schon immer ein Raum zum Ausspeichern. Loswerden. Eine Projektionsfläche um zu verstehen, was mich bewegt. Eine Art Abbild von dem, was mich ausmacht. Vielleicht macht Fynn Kliemann nichts Anderes mit seiner Kunst. Seinen Projekten. Er versucht seinen Platz zu finden. Und vielleicht geht das nicht ohne Vergleich – auch wenn es wehtut?

Fynn Kliemann: Der Typ von nebenan
Fynn Kliemann

Raus aus den Streams

Ich bin müde geworden. Wo ich mich früher™ noch mit strahlenden Augen durch RSS-Feeds oder den Pownce-Stream gegraben habe, fühlen sich Streams heute nur noch langweilig an. Egal auf welcher Plattform. Noch nie bin ich so vielen Menschen gefolgt, die so spannende Berufe haben und dennoch alle das Gleiche teilen: Die selben Artikel, die gleiche Kritik, ähnliche Empfehlungen und Bilder, die alle an den selben Orten aufgenommen wurden. Ich bin nicht anders. Mein Instagram-Stream zeigt Sonnenuntergänge. Auf LinkedIn teile ich Artikel, die mich strukturiert wirken lassen – auch wenn mein Alltag teilweise ganz schön planlos verläuft. Und auf Facebook finde ich mehr Veranstaltungen interessant als es Tage gibt, an denen ich die Wohnung verlassen werde.

Digitale Inhalte verschwimmen und zerlaufen und sind zu sehr angereichert mit Irrelevantem. Das Dilemma ist, dass man nur durch Quantität an der Oberfläche bleibt, und da ist Überflüssigkeit folglich vorprogrammiert.

Vorbei die Zeit, in der ich lange Blogartikel lese und darüber Menschen kennenlerne. Mich selbst ein bisschen besser verstehe und das schöne Gefühl empfinde, nicht alleine zu sein. Heute lerne ich nur noch wenig dazu. Werde selten überrascht. Die meisten Einblicke sind geschönt. Alles wird professionalisiert. Und dadurch so unfassbar öde.

Die praktischen Vorteile sind allerdings nahezu verpufft. Keine neuen Freunde, keine neuen Einblicke auf ganz andere Bereiche der Welt. Nur anhaltend mehr vom gleichen. Zumindest in Relation zum Aufwand und den negativen Aspekten des Always-On-Lifestyles.

Jetzt könnte man denken: Das ist doch super 🙌 Endlich Zeit für sinnvolle Dinge. Doch leider verbringe ich weiterhin viel zu viel Zeit in diesen Streams. Lasse mich treiben. Völlig anteilnahmslos. Das macht mich langsam wütend. Wo sind die Orte, an denen man wieder überrascht wird? Wo lernt man Menschen kennen, die auch mal über ihre Ängste sprechen und ihre Gedanken teilen? Und dafür keinen eigenen Podcast produzieren und 90-Minuten-Monologe führen…

Bin offen für jeden Hinweis. Und bis dahin denke ich ernsthaft darüber nach, mich aus den ganzen Streams zurück zu ziehen. Und eine gehörige Portion Schlaf nachzuholen. Nachdem ich diesen Blogbeitrag in allen Streams geteilt habe. 😶