Andreas Spiegler

Schreiben. Stolpern. Schluckauf.

Menü Schließen

Kategorie: Uncategorized (Seite 1 von 35)

Raus aus den Streams

Ich bin müde geworden. Wo ich mich früher™ noch mit strahlenden Augen durch RSS-Feeds oder den Pownce-Stream gegraben habe, fühlen sich Streams heute nur noch langweilig an. Egal auf welcher Plattform. Noch nie bin ich so vielen Menschen gefolgt, die so spannende Berufe haben und dennoch alle das Gleiche teilen: Die selben Artikel, die gleiche Kritik, ähnliche Empfehlungen und Bilder, die alle an den selben Orten aufgenommen wurden. Ich bin nicht anders. Mein Instagram-Stream zeigt Sonnenuntergänge. Auf LinkedIn teile ich Artikel, die mich strukturiert wirken lassen – auch wenn mein Alltag teilweise ganz schön planlos verläuft. Und auf Facebook finde ich mehr Veranstaltungen interessant als es Tage gibt, an denen ich die Wohnung verlassen werde.

Digitale Inhalte verschwimmen und zerlaufen und sind zu sehr angereichert mit Irrelevantem. Das Dilemma ist, dass man nur durch Quantität an der Oberfläche bleibt, und da ist Überflüssigkeit folglich vorprogrammiert.

Christoph rauscher

Vorbei die Zeit, in der ich lange Blogartikel lese und darüber Menschen kennenlerne. Mich selbst ein bisschen besser verstehe und das schöne Gefühl empfinde, nicht alleine zu sein. Heute lerne ich nur noch wenig dazu. Werde selten überrascht. Die meisten Einblicke sind geschönt. Alles wird professionalisiert. Und dadurch so unfassbar öde.

Die praktischen Vorteile sind allerdings nahezu verpufft. Keine neuen Freunde, keine neuen Einblicke auf ganz andere Bereiche der Welt. Nur anhaltend mehr vom gleichen. Zumindest in Relation zum Aufwand und den negativen Aspekten des Always-On-Lifestyles.

Marcel Wichmann

Jetzt könnte man denken: Das ist doch super 🙌 Endlich Zeit für sinnvolle Dinge. Doch leider verbringe ich weiterhin viel zu viel Zeit in diesen Streams. Lasse mich treiben. Völlig anteilnahmslos. Das macht mich langsam wütend. Wo sind die Orte, an denen man wieder überrascht wird? Wo lernt man Menschen kennen, die auch mal über ihre Ängste sprechen und ihre Gedanken teilen? Und dafür keinen eigenen Podcast produzieren und 90-Minuten-Monologe führen…

Bin offen für jeden Hinweis. Und bis dahin denke ich ernsthaft darüber nach, mich aus den ganzen Streams zurück zu ziehen. Und eine gehörige Portion Schlaf nachzuholen. Nachdem ich diesen Blogbeitrag in allen Streams geteilt habe. 😶

Küss mich von gestern auf heute in Istanbul

Bis vor wenigen Wochen wusste ich nicht viel von der Stadt am Bosporus. Istanbul. Die geteilte Stadt. Tradition und Moderne. Und unendlich viele Abstufungen dazwischen. Einzig das Lied von Bosse gab mir einen Vorgeschmack. Doch wollte ich mich selbst überzeugen.

Gelandet im Nirgendwo. Zwischen Schutt, Wäldern und freilaufenden Rindern. Er soll der größte Flughafen der Welt werden. Mehr Duty-Free-Kassen als Check-In-Schalter. Ein Urlaub der Gegensätze. Untergebracht in einem wunderschönen Hotel – umgeben von kleinen Gassen. Antiquitäten, Künstler, Cafés. Straßenkatzen folgen neugierig unseren neugierigen Schritten. Die Gesänge des Muezzin. Ungewohnt. Alte Hafenviertel, die nun von Hipstern übernommen werden. Çay und Simit. Beeindruckt von der Freundlichkeit. Neugierde, die sich ernstgemeint anfühlt.

Besteigen den Galataturm und überblicken die beiden Hälften. Deine Hand in meiner Hand. Zwei Hälften. Beobachten die Fischer. Sie voller Zuversicht, wir voller Orientierungslosigkeit. Balık ekmek in der Hand, während Wellen gegen die Hafenwand schlagen. So viele Moscheen und eine Kultur, die ich nicht schnell genug erfassen kann. Die Hagia Sophia erdrückt mich mit ihren Eindrücken. Tulpen im Emirgan-Park. Licht und Schatten im Gülhane-Park.

Auf dem Bazar fühlt man sich fast schon verloren. Hektik. Wir lassen uns von Stahlkolossen auf die andere Seite des Bosporus fahren. Können durchatmen auf den Prinzeninseln. Früher Verließ, heute Versteck. Steigen in den versunkenen Palast. Zeitreise im Topkapı-Palast. Du schwärmst von Filmszenen. Ich vom Essen. Augenfunkeln.

Diese Stadt hat mich völlig verzaubert. Habe mein Zeitgefühl verloren. Und auch ein bisschen mein Herz. 🕌

Ein paar der erwähnten Orte findet ihr bei Google Maps.

Mein letztes Mal bei Z2X

Man denkt ja immer, dass sich Dinge nicht wiederholen können. Vor drei Jahren war ich zum ersten Mal bei Z2X. Einem Format, bei dem ZEIT ONLINE junge Visionäre im Alter zwischen 20 und 29 Jahren einlädt. Es war unfassbar bereichernd. Auf so vielen Ebenen. Und dieses Jahr durfte ich nochmal dabei sein, bevor mich der Türsteher nächstes Mal nicht mehr reinlässt.

Ein altes Krematorium im Berliner Ortsteil Wedding. Weiße Taschen. Rote Bänder. So unterschiedliche Menschen. Sitze auf der Wiese des silent green Kulturquartiers. Links von mir ein alter Freund aus Hamburg. Rechts von mir ein Mensch, der vielleicht bald zu meinen Freunden zählt. Wir reden über Schubladen und wie man sie aufbricht. Über Vergeben. Ein bisschen Arbeit. Ein bisschen Liebe. Immer wieder über Jahre, die noch vor uns liegen. Um uns herum so viele neugierige Menschen, die offen über ihre Erfahrungen sprechen. Keine Berührungsangst, dafür den Kopf voller Fragen und noch mehr Ideen.

(Foto: Zeit Online)

Ich merke, wie ich sowas vermisst habe. Kein Projektplan, der die nächsten Schritte vorgibt. Dafür unterschiedlichste Optionen, die mich dazu bringen alles auf den Kopf zu stellen. Was erwarte ich von meiner Arbeit? Was ist überhaupt Arbeit für mich? Mit wem möchte ich alt werden? Was kann ich tun, damit meine Kinder wie ich im Wald ihre Lager bauen können? Kurze Blitzvorträge geben Impulse, aber am meisten Gedankenfutter ziehe ich aus diversen „Frag mich alles“-Runden. Mit Menschen, die nicht eine Berufung haben, sondern ihr Leben als Mosaik sehen. So oft habe ich mich selbst dafür kritisiert, dass ich nicht diese eine Leidenschaft habe. Sondern mich für viele Dinge interessiere. Anderen geht es genau so. Spreche mit Firmengründern, die keinen Plan wollen. Nur eine Vision. Und dabei immer wieder stolpern. Dies akzeptieren und zulassen. Darüber sprechen. Offen und ehrlich. Immer wieder stehenbleiben. Keiner kennt den geheimen Trick, der alles löst. Aber so viele wollen etwas verändern. Das tut gut zu sehen. Auch wenn es einen aufreibt. Umtreibt. Antreibt.

Ja, es ist eine Blase, in der sich diese Konferenz bewegt. Aber dennoch versuchen Nadeln diese immer wieder zu durchdringen. Wie auf dem Platz vor der Dönerbude, wo wir abends noch sitzen. Wo unterschiedliche Sprachen doch nur ein Ziel verfolgen: Austausch. Miteinander. Wir schauen neugierig in die Gesichter. Kommen ins Gespräch. Werden auch schräg angeblickt. Verständlich. Uns geht es sehr gut in unserer Blase, auch wenn der Lärm um uns herum lauter wird. Wie kann ich mehr zurückgeben? Teil des Ganzen werden? Eine Frage, die ich mit nach Hause genommen habe. Nicht jeder wird in eine reiche Familie geboren. Nicht jeder hat das Glück mitgezogen zu werden. Nicht jeder hat die Stärke sich gegen Hate Speech zu wehren. Nicht jeder hat jemanden. Zum Reden. Zuhören.

(Foto: Zeit Online)

Ich bin diesem Format sehr dankbar. Es umarmt mich. Es öffnet mir in die Augen. Es tritt mir in den Magen. Zeigt mir, dass es sich lohnt nicht alles zu akzeptieren. Wünsche zu artikulieren und darüber zu sprechen. Gemeinsam unterschiedlichste Blickwinkel einzunehmen. Das klingt alles so groß. Aber es ist die Grundlage. Und so einfach. Als Kind war ich neugierig. Offen. Heute hat man seine Meinungen. Seine Bilder. Und die gilt es regelmäßig zu hinterfragen. Hierfür ist Z2X ein toller Rahmen.

Alles zieht vorbei. Und hinterlässt seine Kratzer.

Ohne Musik kann ich nicht. Einzelne Lieder lassen mich direkt zu einem vergangenen Moment springen. Einzelne Zeilen bringen mich zum Grinsen. Machen mich nachdenklich. Traurig. Glücklich. Dabei wechseln die Künstler, wie auch die Lebensphasen. Aber ein paar Künstler bleiben. Oft sind es jene, die wie ich auf der Suche sind. Verschiedene Facetten an sich entdecken. Sich ausprobieren. Dazu zähle ich Menschen wie Maeckes. Tua. Und Fatoni.

Ich wusste lange nicht genau, wer ich bin oder was ich kann. Wollte mich in einer Schublade finden, aber passte nirgends rein. Weder war ich der coole Sportler, noch der Partyheld oder Frauenschwarm. Erst mit der Zeit – und mit ganz viel Musik in den stillen Momenten – findet man Gleichgesinnte. In einzelnen Zeilen. Hört selbst in sich hinein. Probiert sich aus. Ich habe Texte geschrieben. Stundenlange Gespräche auf viel zu kleinen Balkonen geführt. Menschen getroffen. Bin mit ihnen ein paar Schritte gegangen. Habe mich getrennt. Andere festgehalten.

Wollte nicht so sein wie die anderen – doch war und bin ich immer auf der Suche nach Orientierung. Und es gibt Phasen, da geht einem die Luft aus. Liege dann irgendwo und lasse alles an mir vorbeiziehen. Fatoni geht es vielleicht ähnlich. Vielleicht auch völlig anders. Aber sein neues Lied „Alles zieht vorbei“ löst sehr viel in mir aus. Genau wie viele seine Lieder. Zwischen Tatort und Kunst. Momentweise im Modus. Ganz ohne Vorurteile macht er Dies das. Hört nicht auf die Anderen – dafür auf seine Luxusprobleme. 💎

Wenn man Jahr für Jahr diese Gedanken in Form von Liedern, Büchern, Gesprächsfetzen auf sich einrieseln lässt, so wird man selbst zur Collage. Und schaut man genau hin, so findet man in jedem Menschen diese kleinen Bruchstücke. Man mag sie Narben nennen. Erfahrungen. Ecken und Kanten. Alle so wichtig, auch wenn man sie vielleicht erst mit der Zeit zu schätzen weiß. Sie überhaupt erst lesen kann.

Musik auf den Ohren. Grinsen im Gesicht.

Mich erwischt man selten ohne Musik. Sie begleitet mich durch jeden Tag. Kopfhörer auf den Ohren und der Lautsprecher in der Dusche. Möchte ich mich an Dinge erinnern, dann scrolle ich durch meine Musiksammlung. Jede Phase hat ihre Lieder. Erkenne sie an ihren Interpreten. Jeder Beat löst andere Gefühle in mir aus. Gänsehaut. Sätze, die für immer im Hinterkopf schlummern werden. Mir Halt in jeder Situation schenken. Schon früher im Kinderzimmer, wenn man noch nicht wusste was mit einem passiert. Um einen herum verändert sich alles – und Musik half es zu verstehen. Zu ordnen. Sie lässt alles intensiver empfinden. Möchte ich strahlen, so macht sie das Grinsen breiter. Möchte ich weinen, so reichen bestimmte Textzeilen. Musik ist immer so, wie ich es brauche. Gibt mir das Gefühl nicht alleine zu sein.

Curse ist einer dieser Künstler, der mich seit Jahren begleitet. Er hat selbst so viele Phasen durchlebt. Und stets diese Momentaufnahmen in Lieder gepackt. Manchmal frage ich mich, ob das Künstlern bewusst ist. Wie ihre Sätze kleine Menschen wie mich beeinflussten. Mich dazu brachten mit Neugierde nach da draußen zu gehen. Mir Mut gaben, wenn ich am Boden lag. Mich aufbauten und zum Tanzen brachten. Alleine. Oder mit Herzmenschen. Dafür bin ich sehr dankbar.


An Weihnachten durchwühlte ich meine Musiksammlung. Bin auf eine Zeitreise gegangen. Habe Melodien gesammelt, die mich zum Grinsen brachten. Es teilweise noch heute tun. Und ständig kommen neue Lieder dazu. Verändern mich. Beat für Beat. Das ist meine Playlist.

Musik, die mich mein ganzes Leben begleitet. Mit einem Grinsen im Gesicht.