Fragmente 🍦 Sommer 2026
Pistazieneis und Balkonabende, während die Welt brennt. Gedankenfragmente über Glück im Kleinen und Wut im Großen.
Ich mag den Sommer. Die Haut riecht nach Sonnencreme. Pistazieneis und lange Abende auf dem Balkon. Mit dem Rad durch Hamburg. Durchatmen. Das alles, während die Welt brennt. Freund:innen sprechen übers Auswandern. Die Informationsfreiheit auf der Abschussliste. Unterversorgung in der Psychotherapie. Eine drohende Machtübernahme in Sachsen-Anhalt. Es macht mich müde. Und es macht mich wütend.
Ein schmerzhafter Widerspruch. Glücklich im Kleinen. Taub im Großen. Konzentriere mich auf Dinge, die ich beeinflussen kann. Auf Gespräche, die mir Kraft geben. Zwei Wochen Sardinen. Sand unter den Füßen. Liebe auf den Lippen. Auf kleine Menschen mit großen Augen. Und auf meinen Körper, der die letzten Monate viel ertragen musste.
Freue mich auf die nächsten Wochen. Sommerferien. Erste Male und letzte Verpflichtungen. ☀️
Worüber habe ich geschrieben? Was habe ich gelernt?
- Less Thinkering. More Tinkering. Wollte einen Neuanfang und wechselte mit meinem Blog auf Kirby. Hab mit Claude Code viele Kleinigkeiten angepasst. Wie eine digitale Spielwiese. Es fühlt sich leichter an. Obwohl auch alle alten Tumblr-, Flickr- und Instagram-Inhalte den Weg in die neue Umgebung gefunden haben. Der Blog ist außerdem eine eigene ActivityPub-Instance und Reaktionen im Fediverse werden innerhalb der Artikeln angezeigt. Bin ein bisschen stolz.
- Lebe seit 15 Jahren in Hamburg. Wollte nur mal schauen, wie es mir gefällt. Erst ein Praktikum. Dann geblieben. Tiefe Freundschaften aufgebaut. Mich verliebt. Mich getrennt. Muss noch immer Grinsen, wenn ich an der Alster stehe. Möchte hier nicht mehr weg. Und habe deshalb meine Liste mit Lieblingsorten aktualisiert: Ach du schönes Hamburg.
Ich teile meine Gedanken in meinem Blog. Berufliche Gedanken landen auf LinkedIn. Eindrücke aus meinem Alltag auf Instagram oder Mastodon.
Welche Fragmente sind sonst so übrig geblieben?
- Werden Männer reicher und gewinnen an Macht, dann wird es oft für die Gemeinschaft gefährlich. Paypal-Gründer Peter Thiel ist einer der mächtigsten Tech-Milliardäre. Sein Schützling JD Vance an der Seite von Trump. Seine Träume handeln von Unsterblichkeit und steuerfreiem Leben. Er wünscht sich eine Welt, in der ich nicht leben möchte. Autoritär, libertär, menschenfeindlich. Die Peter Thiel Story portraitiert einen Mann, der nicht mehr an die Vereinbarkeit von Freiheit und Demokratie glaubt. Auch Sam Altman baut ein Imperium auf: OpenAI soll die Welt verändern. Mit einer Technologie, die unfertig ist. Eine Blackbox. Die OpenAI Story erzählt vom ursprünglichen Ziel, die Menschheit vor einer unkontrollierbaren KI schützen zu wollen und wie systematisch alle Strukturen abgebaut wurden, die genau das sicherstellten. Es sind immer ähnliche Muster. Und immer die gleiche Erkenntnis: Was soll ich schon verändern können? Johannes Kleske beschreibt in Anti-Dystopia, dass weder Optimismus noch Pessimismus wirklich weiterhelfen. Utopien lassen Menschen die Augen verdrehen. Dystopien lassen uns die Augen verschließen. Beide gehen davon aus, dass die Zukunft feststeht. Die Anti-Dystopie ist ein dritter Weg. Die Realität einer Krise annehmen und trotzdem was machen. Auch wenn es nicht perfekt ist. Auch wenn es nicht sicher ist. Auch wenn es nicht garantiert ist. Denn ohne Handlung gibt es keine Veränderung.
- Musik ordnet meine Gefühle. Verstärkt sie. Treibt mich durch den Tag. Gibt mir ein Zugehörigkeitsgefühl. Denn Drama endet nie. Fatoni dippt auf seinem neuen Album Faschos wie Nachos. Ordnet eine Trennung. Und fragt sich, wann ihn KI endlich austauscht. Ich mag seine Haltung. Mag den Zweifel und die Überheblichkeit. Und die Wut in seinen Zeilen. Auch Sofia Isella macht Wut zu Musik. Eine klassisch ausgebildete Violinistin trifft auf industrielle Elektronik. A slut for words. Sie rechnet mit einer Gesellschaft ab, die Wissen mit Weisheit verwechselt. Sie zerlegt Erwartungen an Frauen. Und macht die Lücke zwischen Bekenntnis und Realität greifbar. Feminismus ohne Kompromisse. Nur die unbequeme Wahrheit über das, was sich ändern muss.
- Ich verdanke meiner Therapie sehr viel. Hatte Glück bei der Suche. Und beim Gegenüber. Das könnte in Zukunft noch seltener werden. 142 Tage Wartezeit im Schnitt zwischen Erstgespräch und Therapiebeginn. Eine Ausbildung, die schlecht bezahlt, intensiv und teuer ist. Jetzt Honorarkürzungen. Die Psychotherapie ist gefährdet. Und England ist das negatives Lehrstück: Fließbandtherapie, sechs bis zwölf Stunden, Fragebögen statt Verstehen. Psyche als Apparat. Störung als Funktionsfehler. Therapie als Reparatur, damit die Arbeitskraft wieder läuft. Akutstation Psychiatriezeigt den Alltag, wenn Wartezeit zur Krise wird. Zwischen Psychosen, Alkoholabhängigkeit und Suizidgedanken. Und was übrig bleibt, wenn das System längst am Limit läuft.
- Wir sind nicht erschöpft auf Grund der Menge. Sondern weil wir die Beziehung zur Welt verlieren. Alles ist immer verfügbar. Und damit beliebig austauschbar. Hartmut Rosa unterscheidet bei Hotel Matze zwischen situativem Handeln und Vollziehen. Wer nur noch vollzieht – Kapsel in die Maschine, Prompt ins Fenster – hat am Wochenende nichts mehr auszudrücken. Wir schließen unsere Hüllen immer dichter. Hoodie, Kopfhörer, SUV, Zaun, Grenze. Und fühlen uns dabei unsicherer. Nicht sicherer. Resonanz ist unverfügbar. Sie lässt sich nicht erzwingen, nur zerstören. Erschöpfung ist strukturell. Heilung passiert in Beziehung, nicht in Optimierung. Das beobachtet auch Gerald Hüther. Populismus, Verschwörungstheorien, Polarisierung: alles Versuche, doch noch eine einfache Lösung zu finden. Jemandem die Schuld zu geben ist erleichternd. Kollektive Unruhe. Die alte Ordnung (Hierarchie, Führung, gemeinsame Überzeugungen) funktioniert nicht mehr. Eine neue gibt es noch nicht. Das Nervensystem sucht weiter. Und rauscht. Jede Zelle einzigartig. Unersetzlich. Und trotzdem nur lebensfähig im Ganzen. Wie unsere Gesellschaft.
- Was geht hier wirklich vor, bei diesem Menschen? Die entscheidende Frage bei jeder Begegnung. Graham Duncan unterscheidet zwischen Reiter und Elefant. Das Bewusste, das behauptet zu lenken. Und das Unbewusste, das eigentlich fährt. Die Erzählung und die Taten. Wer jemanden wirklich verstehen will, fragt nicht die Person. Man fragt die, die sie erleben. Kontext ist alles. Auch bei mir selbst. Denn bevor ich andere klar sehen kann, muss ich meinen eigenen Elefanten kennen.
- „Alles kaputt, nirgendwo Minze, keine Scheißlasagne“. Jella und Yannick lieben sich. Eine schöne Erfahrung nach so vielen schlimmen Erfahrungen. Doch dann wird Liebe zur Gewalt. „Die schönste Version“ von Ruth-Maria Thomas zeigt, wie komplex und schmerzhaft Frauwerden in patriarchalen Strukturen ist. Wenn dein Selbstbild auf männlicher Anerkennung beruht. Beziehungen dir Halt geben sollten, aber alles ins Schwanken bringen. Du bleibst, obwohl gehen besser wäre. Und du dich wehrst. Mit Sätzen und Gesten und Gedanken. Psychische Gewalt in Beziehungen hat selten nur blaue Flecken. Sie ist eine Achterbahn. Wieder und wieder. Der Wunsch nach Versöhnung, Rettung oder Veränderung. Genau diesen Sog zeigt das Buch. Langsam, kaum merklich, bis das Selbstwertgefühl weg ist.
- Teddy ist Hobbyimker, Lagerarbeiter und überzeugt: Die Chefin des Pharmariesen Auxolith ist ein Alien aus der Andromeda-Galaxie. Also entführt er sie in seinen Keller. Es folgt ein psychologisches Duell. Kühl, absurd, böse komisch. Bugonia ist Yorgos Lanthimos' fünfte Zusammenarbeit mit Emma Stone. Man weiß nie ganz, wer hier verrückt ist und wer Recht hat. Darunter eine Prise Gesellschaftskritik: Pharmakonzerne, Bienensterben, Verschwörungsdenken. Wer sind hier eigentlich die bösen Aliens?
- Was bleibt, wenn der Alltag alles verschluckt? Wenn Paare sich aus den Augen verlieren. „Dann küsst euch lieb und küsst euch wild“. So einer der Tipps im ZEIT Magazin. Kommt der Partner nach Hause, dann lass alles liegen. Tägliche Spaziergänge. Umarmungen. Am besten nackt. Kleine Rituale. Kleine Momente. Humor und Neugierde. Miteinander. Füreinander.
Habt einen schönen Sommer 🍦