Seit 26 Jahren schreibe ich in dieses Internet. Über Dinge, die mir passieren. Dinge, die ich spannend finde. Dinge, die mich traurig machen. Und irgendwann wurde daraus Arbeit. Wurde daraus Druck und Verpflichtung. Früher war da Neugierde. Hab einfach losgelegt. Ohne Plan. Ohne Angst vor Bewertung. Heute läuft da eine Stimme mit: Passt es zur Positionierung? Interessiert das überhaupt jemanden? Hab zig Fragmente, die ich nur für mich schreibe. Oder für die KI, die mitliest und Fragen stellt. Zusammenhänge sucht.
Gavin Strange nennt sich einen Stümper. Er fängt Dinge an, bricht ab oder perfektioniert sie. Hat einfach Spaß. Ich wäre gerne öfter wieder Gavin. Möchte einfach machen. Nicht bei jedem Satz über den Nutzen nachdenken. Will Gedanken teilen. Zwischenstände greifbar machen. Und den Lärm im Kopf wieder schrittweise ordnen.
Less Thinkering. More Tinkering. Nur wo? Das aktuelle Setup fühlt sich nicht mehr gut an.



Worüber habe ich geschrieben? Was habe ich gelernt?
- „Natürlich haben wir eine Strategie. Wir wollen die Welt besser machen. Und dabei Geld verdienen.“ So oder so ähnlich steht es in einem Dokument. Irgendwo in der Dateiablage. Eine schöne Präsentation, einmal vorgestellt, seitdem nie wieder geöffnet. Keine Zeit. Mussten ja Dinge entwickeln. Dabei hilft eine gute Produktstrategie genau hier: bewusste Entscheidungen treffen. Nicht ins Leere bauen. Für den Medienbaukasten NeueMedien.org habe ich fünf Einstiegsfragen und das Product Field als möglichen Rahmen vorgestellt. Ein Startpunkt für eine fortlaufende Tätigkeit. Übersetzen. Wiederholen. Aushalten, dass nicht alle sofort verstehen. Loslassen, was weh tut. Ausprobieren und stolpern. Denn Alignment ist Beziehungsarbeit.
Ich teile meine Gedanken (un)regelmäßig in meinem Blog. Berufliche Gedanken landen auf LinkedIn. Eindrücke aus meinem Alltag auf Instagram oder Mastodon.
Welche Fragmente sind sonst so übrig geblieben?
- Inmitten einer Demonstration. Frauen, die schreien. Die sich an den Händen halten. Ich spüre Wut, Schmerz, Enttäuschung. Tage später ein Kanzler, der die Schuld woanders sucht. Das ist keine Ausnahme. Das ist System. Tara-Louise Wittwer taucht in Nemesis‘ Töchter 3000 Jahre tief in diese Geschichte ein: all die Frauen, die Stärke zeigten und dafür belächelt, verurteilt, dämonisiert wurden. Ihre Wut bleibt. Und Männer schauen weg. Wollen keine Gleichberechtigung. Echte Männer fühlen sich erst gesehen, wenn alles um sie zerfällt. Doch irgendwann ist Schluss mit Gefühle schlucken. Dann nehmen sie hoffentlich ihr Herz in die Hand. OK KID
- Maja ist neun Jahre alt, als ihr Vater ihre Mutter tötet. Mit einem Schlag verliert sie ihre Familie, ihr Zuhause, jede Sicherheit. In „Da, wo ich dich sehen kann“ erzählt Jasmin Schreiber von dem, was danach kommt. Wie Frauen weiterexistieren, wenn das Unfassbare passiert ist. Durch Teleskope auf das Universum schauen, wenn die Erde unerträglich wird. Intensiv. Schmerzhaft. Von unbeschreiblicher Zärtlichkeit.
- Fakten haben es nicht leicht. Fun Facts hilft nach. Ein neues Nachrichtenformat von Marc-Uwe Kling und über 100 anderen Schauspielerinnen, Satiriker und Aktivistinnen. Ehrenamtlich, ohne Sender, ohne Konzern. Ein tägliches Format, recherchiert von Correctiv. Humor und Haltung statt Hetze und Hass. Jens Spahn hat 6,6 Milliarden Steuergelder versenkt – und niemand ist verantwortlich. CDU und AfD patrouillieren gemeinsam am Bahnhof – und niemand nennt es, was es ist. Kommunen könnten gerettet werden – aber das wäre ja Umverteilung.
- Liebe als bewusster Akt. Eine Entscheidung, die täglich getroffen wird. So geht es laut dem Psychoanalytiker Erich Fromm nicht ums Finden der einen richtigen Person. Trotzdem werden Menschen bewertet, optimiert, sortiert. Auf der Suche nach dem „besten Deal“. Liebe wird aber nicht gefunden. Sie stößt uns nicht zu. Wer lieben will, muss üben. Das bedeutet Respekt, Geduld und Konzentration. Verantwortung übernehmen und fürsorglich sein. Nicht nur für das Gegenüber, sondern auch für sich selbst. Liebe ist kein Schicksal, sondern eine Fähigkeit.
- Hab mich oft gefragt, ob ich zu breit aufgestellt bin. Zu viele Interessen, zu wenig Tiefe. Schon im Studium gab es diese Diskussion: Generalist oder Spezialist? Dan Shipper sieht das anders. Dort, wo Muster unklar sind, glänzen Generalisten. Sie kombinieren, stellen Fragen, bringen Menschen zusammen. Und KI verstärkt das: Grundlagenwissen reicht, um sich schnell in neue Bereiche einzuarbeiten, um dann passende Tools und Experten hinzuziehen. Tut gut, in diesen schnellen Zeiten ein Gefühl von Zuversicht zu entwickeln. Neben dem ständigen Gefühl der Überforderung. Probiere neue Tools aus. Lerne. Experimentiere. Bleibe relevant. Aber eigentlich ist es eine Sucht nach Belohnung. Nach dem Prompt, der alles löst. Katie Parrott schreibt, dass unvorhersehbare KI-Antworten Dopamin ausschütten wie ein Spielautomat. Sie nennt es FOBO – Fear of Becoming Obsolete. Jedes nicht ausprobierte Tool fühlt sich für mich an wie eine Woche Rückstand. KI als Flaschengeist. Ist immer da. Wartet. Bereit für einen Wunsch mehr. Wäre manchmal gern entspannter: „You’re doing enough“.
- Bis 2030 hat jeder Mensch in der westlichen Welt einen digitalen Doppelgänger. Dieser verbraucht so viel Wasser wie der eigene Körper zum Überleben. Das ✨ vor jedem KI-Feature ist kein neutrales Symbol. Es ist ein Narrativ: GenAI ist Magie. Jede Designentscheidung ein Manifest für die Zukunft. So beschreibt es Thorsten Jonas. GenAI produziert immer das Wahrscheinlichste – nie Exzellenz. Ein Fenster in die Vergangenheit. Nicht in die Zukunft.
- Zwei Urlaube. Zwei Geschwindigkeiten. Auf einem Bauernhof: neugierige Augen, Ponyreiten, Verstecken spielen, Trampolin, Tischtennis, Waffeln, Wettrennen. Zum ersten Mal zu dritt. Alles gleichzeitig, alles aufregend. In Dänemark: Vorfreude auf Sauna und Whirlpool. Dann keine Heizung und kalte Zimmer. Planänderung. Hotel am Meer. Spazieren am Strand. Hand in Hand. Kapuze ins Gesicht gezogen. Beide Urlaube waren schön. Aber auf ganz unterschiedliche Weise.
- Molly hat Krebs im vierten Stadium. Der Anfang vom Ende. Eine Sehnsucht nach Höhepunkten. Jetzt, wo alle Sicherheiten wegbrechen. Sie probiert sich aus. Irgendwo zwischen Dating-Apps, Kinks und echter Nähe. Die Serie „Dying for Sex“ balanciert zwischen schwarzem Humor und tiefer Melancholie. Sie stellt Fragen nach Lust, Autonomie und Freundschaft. Teilweise verstörend. Oft tief berührend.
- Kamasutra. Reformer Pilates im Bett. Bisschen Erotik. Bisschen Scham. Und falsch übersetzt. Ursprünglich feierte es weibliche Lust, Selbstbestimmung und das Recht auf gegenseitige Freude. Die westliche Übersetzung hat diese Botschaft verschüttet und Frauen auf die Rolle der passiven Empfängerin reduziert. Im Original steht: Sex ist Verhandlung, Gespräch, Respekt. Weibliche Lust ist ein Recht. Keine Option. Das Kamasutra ist ein feministischen Leitfaden für Konsens. Kein schmutziges Buch.
- Fragen, die einem nachts nicht schlafen lassen. PJ Vogt erforscht sie. Warum verschwinden Socken in der Waschmaschine? Wie funktioniert das Internet wirklich? Und warum komme ich nicht ins Berghain? Search Engine beleuchtet in jeder Episode ein Alltags-Rätsel. Mit viel Liebe für Skript und Musik. Vogt geht absurd weit, um selbst lächerliche Fragen zu klären. Das macht Spaß.
Habt einen schönen Frühling ☀️

Danke 🙂