Andreas Spiegler

Schreiben. Stolpern. Schluckauf.

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Grinsen im Gesicht

Mit weit aufgerissenen Augen und einem breiten Grinsen im Gesicht geht es um den Esstisch. Irgendwo ist noch mehr Schokolade versteckt. Ein Blick hinter den Vorhang. Genau da. Lautes Lachen. Zwei Minuten später liege ich weinend auf dem Boden – weil ich nichts mehr finde. Ostern 1992. Ein paar Zentimeter weniger und ein paar Haare mehr. 2018 ist  etwas ruhiger. Gemeinsam ausschlafen, Rührei und Marmeladenbrötchen. Bei Minusgraden durch den Park. Hand in Hand. Heute wird das Grinsen meist durch Menschen ausgelöst. Sie bringen mich zum Lachen. Staunen. Mit kleinen Gesten. In Gesprächen. Durch ehrliche Sätze. Doch bin ich für mich, dann frage ich mich manchmal: Wann hat man aufgehört sich über Kleinigkeiten zu freuen? Warum strahle ich bei einer Tafel Schokolade nicht mehr so? Oder laufe mit Blumen in der Hand über die nächste Wiese?

Schaut mal – Blumen!

Egal ob Kuchen aus Sand. Ein Stock, der auch Raumschiff sein kann. Überall warteten Welten voller Überraschungen. Später waren es Filme. Konzerte. Flaschendrehen. Das erste Mal mit der Bahn alleine losfahren. Die eigene Webseite. Das eigene Auto. Vier Wände, in denen man tun und lassen kann, was man will. Momente und Dinge, die sich in die Erinnerung brannten. Ohne Instagram-Story und Beweise auf dem Handy.

Heute gibt es so viele Dinge, die mich überraschen wollen. Werbespots. Bestenlisten. Ein Video, das bei Minute 1:32 völlig verrückt endet. Jeder ist bei Twitter. War bei Facebook. Hat seine Lieblingsfilme geteilt. Mich auf Instagram an die schönsten Orte der Welt entführt. Wunderschöne Deckenlampe über wunderschönem Tisch, auf dem ein wunderschöner Kerzenständer steht. Hach. Immer mehr auf allen Kanälen. Und es macht immer weniger Spaß. Scrolle gelangweilt durch diese Streams. Noch ein Mini-Schwein. Trump hat den Nächsten gefeuert. Playstation 4 im Angebot. „Wir haben 3 neue Serien für dich, Andreas“.

Ich versuche mich an richtig gute Artikel zu erinnern. An einen Film, der mich in den letzten Wochen gefesselt hat. Bei dem das Handy die komplette Filmdauer ausgeschaltet im Nachbarzimmer lag. Wann bin ich das letzte Mal über ein Musikvideo gestolpert und musste grinsen? Und zwar über beide Ohren? Weil ich damit nicht gerechnet habe. Etwas einfach nur toll finde. Ertappe mich dabei, wie ich mich mit Menschen wie Fynn Kliemann vergleiche. Er macht einfach sein Ding. Probiert neue Dinge aus und macht das, worauf er Lust hat. Hat Spaß dabei – auch wenn er unendlich viele Anläufe braucht. Er dabei schreit. Tobt. Ich liege auf dem Sofa. Ja, das sind vielleicht alles Luxusprobleme. Weil ich mir gerade keine Gedanken über meinen Job machen muss. Über den notwendigen Umzug. Fehlende Freunde. Aber trotzdem suche ich manchmal dieses Grinsen. Ist das normal, wenn man altert?

Sollte man mehr neue Dinge probieren? Oder darüber froh sein, dass man schöne Sachen gefunden hat. Sie nicht neu entdecken muss. Ich befürchte, es gibt keine neue Plattform, kein Magazin oder kein tolles Hobby, welches das Grinsen einfach so zurückbringt… Fragte er und kämpfte sich durch seinen vollen RSS-Reader.