Andreas Spiegler

Schreiben. Stolpern. Schluckauf.

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Schlagwort: hamburg (Seite 1 von 3)

Es geht auch anders

Was für eine verrückte Woche. Nach den erschreckenden Wahlergebnissen für eine Partei, deren Programmentwurf radikal gegen Ausländer hetzt und Alleinerziehende, Alkoholiker oder psychisch Kranke verurteilt, würde ich am liebsten schreien. Dazu kommen Todesfälle, die einen zum Nachdenken bringen – natürlich erst dann, wenn es zu spät ist. Deshalb will ich ab jetzt regelmäßig schöne Dinge sammeln. Nicht um von den genannten Themen abzulenken. Im Gegenteil. Aber ich möchte zum Ende einer Woche auch auf diese Momente & Fundstücke zurückschauen. Sie teilen und mich auf die kommende Woche freuen. 

Mal wieder verbrachte ich ein paar Tage in Wien. Mit dem Abschluss einer Projektphase war auch ein Grund zum Anstoßen gegeben. Zuerst mit vietnamesischen Essen im ra’mien, einem wunderschönen Restaurant inmitten von Wien. Und in Hamburg bei Torcello, einem kleinen Italiener mit einem Nachtisch zum Hineinlegen. Optimaler Urlaubsbeginn.

Von der Straße über YouTube nun auf dem Weg in die großen Hallen – die Band AnnenMayKantereit hat ihr erstes Album veröffentlicht. Einige Lieder hat man bereits gehört – was die kratzigen Balladen über Liebe oder die Großstadt aber nicht weniger hörenswert machen. Anfang April spielen sie auch in Hamburg!

Wie wäre es außerdem mit Journalismus, der mögliche Schritte aufzeigt. Nicht nur Probleme anspricht, sondern auch Wege aus diesen Situationen formuliert. Perspective Daily ist ein Crowdfunding-Projekt mit genau diesem Ziel. Weg vom Zynismus, hin zu “einfach mal anfangen”. Ihr könnt dabei helfen und Mitglied werden. Ein erster Artikel ist bereits online.

Schickt mir gerne schöne Dinge und kommt gut in die kommende Woche 🙂

Aufstehen

Den Kapuzenpullover bis zum Kinn hochziehen. Musik viel zu laut und ohne Orientierung durch die Straßen stolpern. Suchender Blick an Häuservorsprüngen. Kleine Momente. Große Gefühle. Diese Stadt bringt mich erneut ins Taumeln. Deswegen setze ich mich mit Stift und Papier in den Park. Schreibe alles auf. Jeden noch so kleinen Gedanken, der es nicht rechtzeitig zu Verschwinden geschafft.

Tief durchatmen. Aufstehen. Weitergehen. Wie als Kind – nur ohne Pusten auf Wunden.

Hallo Herbst

Verschlafen gehe ich in Richtung U-Bahn und muss feststellen, dass der Herbst über Nacht durch die Gassen gezogen ist. Was er hinterlassen hat, fällt nun in bunten Farben auf meine Kapuze. Kleine Kinder haben mit strahlenden Augen damit begonnen Kastanien zu sammeln, während gehetzte Eltern hektisch an ihren Jacken zerren. Mich drängt niemand und dennoch laufe ich ohne Umwege in Richtung Bahnsteig. Streife kreischende Plakate mit leblos dreinblickenden Menschen. Kenne sie nicht und stelle mich irgendwo hin. Zwischen Anzügen und Leggings, Smartphones und Zeitungen suche ich nach meinen Kopfhörern. Jede Jahreszeit hat ihre eigenen Lieder. Und ich lasse sie in Dauerschleife wirken.

Große Bilder begleiten mich auf meiner Runde durch die Stadt. Ich schaue grinsend aus dem Fenster und denk an dich. Erblicke den Hafen und seine Gäste, die ehrfürchtig ihre Runde drehen. Die Sonne spiegelt sich in den Bürokomplexen, darin Frühaufsteher fleißig am debattieren. Mag selbst nicht reden, denn mir mangelt es an passenden Worten. Hab mich wieder gefunden. Unter einem Berg an Sorgen und Ängsten. Jetzt sitz ich  da und lass es auf mich zukommen. Kleine Überraschungen, die sich in noch kleineren Momenten verstecken. Herzklopfen. Versprechen. Hoffnungen. Aber auch Tränen und schmerzende Gefühle, die gehören. Mich ausmachen. Es ausmachen. Uns neugierig werden lassen auf den nächsten Tag. Den nächsten Satz, der zwischen uns springt. Streife meine Kapuze ab und lege meinen Kopf auf deine Schulter. Hallo Herbst.

City Blues

Und dann stehst du am Elbufer. Unter deinen Füßen der Sand. Neben dir kleine Kinder, die fangen spielen. Ihre Eltern mit kaltem Bier verwickelt in lauten Gesprächen, während sich vor dir die Queen Mary 2 aus dem Hafen zwängt. Begleitet von knapp 100 Schiffen, welche die Szene noch beeindruckender gestalten. Hinter mir grillen Freunde und Unbekannte. Ein Grinsen liegt in meinem Gesicht. Zwei Jahre Hamburg…

Heute bin ich über einen wunderschönen Blogbeitrag gestolpert. Er erzählt über die Liebe zu dieser Stadt an der Elbe. Von Straßen, in denen ich mich rumtreibe. Vom Wind, der mir dabei ins Gesicht schlägt. Und vom Wasser, das hier überall zu finden ist. Einen Ruhepol bildet. Für gehetzte Menschen wie mich. Nach drei Jahren Leben und Lieben in Stuttgart trieb es mich hierher. Ein Neubeginn sollte es werden. Ist es geworden. Erinnere mich an die erste Nacht in der neuen Wohnung. Ohne Licht. Ohne Handtücher. Doch mit klopfendem Herzen.

Der Wind peitscht. Kragen hoch. Kopf runter. Tunnelblick.

Seitdem genieße ich die Vielfalt. Gemütliche Cafes und schroffe Kneipen. Ein trockener Humor. Ehrliche Menschen. Neue Gesichter. Lange Nächte. Spaziergänge an der Elbe. Möven über meinem Kopf. Und zuviel Regen. Hab Menschen in mein Herz geschlossen, dort umarmt und wieder gehen lassen müssen. Sinnlose Gespräche in U-Bahnen geführt, dort geschlafen und Geschichten in Polsterritzen versteckt. Jeder meiner Schuhe beherbergt einen kleinen Strand für den Notfall. Und reichte dieser einmal nicht aus, flüchtete ich mit Lieblingsmenschen ans Meer. Ließ Drachen steigen. Robben tanzen.

Manchmal war ich kurz davor meine Höhle abzureißen und wieder in den Süden zu gehen. Manchmal vermisse ich die Berge und die Heimat. Manchmal den Kessel und das Essen. Aber dann stehst du im Morgengrauen an den Ladungsbrücken. In deiner Hand dein letztes Getränk. Müde setzt du dich ans Ufer und schaust auf die vielen kleinen Boote. Alles grau-blau. Ich werde noch eine Weile hier verweilen. Mich treiben lassen. Mit den Beginnern in den Ohren.

Das Herz am rechten Fleck, die Füße in Gummistiefeln.

Hamburg.

Ich hatte bereits vor einiger Zeit ein Timelapse-Video von Stuttgart verlinkt. Nun folgt Hamburg, wo ich nun seit über einem Jahr lebe. Ich fühl mich wohl. Langsam angekommen. Auch wenn es Dinge gibt, die mir fehlen. Menschen anders ticken. Ich bleib hier. Bis es mich weitertreibt.