Andreas Spiegler

Schreiben. Stolpern. Schluckauf.

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Sonne und zwei Kugeln Eis

Kaum ist die Sonne draußen, laufe ich strahlend mit einem Eis in der Hand durch Hamburg. ☀ Diesmal eine kurze Woche mit viel zu wenig Schlaf. Und wĂ€hrend meine linke Wange von der Sonne aufgefressen wird, schreibe ich ein paar Dinge zu Kalenderwoche 18. 

Gefunden: In diesem Jahr wird gewĂ€hlt. Und ZEIT ONLINE hat dazu passend ein neues Ressort gegrĂŒndet. #D17 möchte raus aus der Großstadt. Mit Menschen sprechen und sie wieder zum respektvollen Dialog motivieren. HierfĂŒr soll beim Experiment Deutschland spricht am 18. Juni jeder Teilnehmer einen GesprĂ€chspartner in der Umgebung zugelost bekommen. Einziges Kriterium: jener stimmt mit der eigenen Meinung nicht vollkommen ĂŒberein. Um das herauszufinden, muss man fĂŒnf Fragen beantworten. Den Rest ĂŒbernimmt ein sehr intelligenter Computer. Ich lerne gerne andere Sichtweisen kennen und bin umso mehr gespannt, wie dieses GesprĂ€ch sein wird.

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Gehört: Höre ich die Gorillaz, so kommen viele Erinnerungen aus der Schulzeit nach oben. Völlig neuer Sound mit einer Mischung aus Hip Hop, Indie-Rock und Dub. Dieser Zeichentrickstil. Clint Eastwood. Die Band entstand, als Damon Albarn und Jamie Hewlett im Jahr 1998 alle Musiker als austauschbar und beliebig sahen. Mit Humanz ist nun das vierte Album veröffentlicht worden. Leider hat aber kein einziges Lied diesen Überraschungseffekt gehabt, den die alten StĂŒcke bei mir auslösten. Nun wirken sie fĂŒr mich beliebig und bleibe deshalb bei den alten Songs. Macht man das so, wenn man Ă€lter wird? ?

Gesehen: In den letzten Jahren habe ich sehr viele Filme gesehen. Laut Moviepilot bereits ĂŒber 800 StĂŒck. Aber bei den Klassikern bin ich sehr unerfahren, was sich Ă€ndern muss. Deshalb durfte ich einen Mord im Orientexpress lösen. Ein stimmiger Kriminalfilm, der nach dem klassischen Muster aufgebaut ist. Mann tot, viele VerdĂ€chtige, Indizien-Puzzle und am Ende die große Auflösung. Schöner Ausflug in die Vergangenheit – mit einem jungen Sean Connery und Szenen, die lĂ€nger sind als aktuelle Musikvideos. FrĂŒher mĂŒssen die Menschen eine deutlich lĂ€ngere Aufmerksamkeitsspanne gehabt haben… 

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Gekauft: Schokoladenpizza. Ja, korrekt. Eine Pizza mit drei unterschiedlichen Schokoladensorten. Sie wartet nun auf einen besonderen Anlass. 

Gemacht: Seitdem ich bei XING arbeite, gibt es kein Kantinenessen mehr. Was ein Grund zur Freude ist, bedeutet auch zu viel Auswahl. Zahlreiche Restaurants und Bistros wollen entdeckt werden. Vapiano begrĂŒĂŸt mich mit Handschlag und rotem Teppich. Und ein Nachtisch an der Alster schmeckt doppelt so gut. Das kostet Geld. Keine Ahnung wieviel – weshalb ich mit YNAB meine Ausgaben verwalte. Die App macht es sehr einfach Kategorien und Budgets zu verwalten, Ausgaben aufzuzeichnen und SĂŒnden anzuprangern. Leider ohne Import der Banktransaktionen, aber das möchte man vielleicht auch nicht. 

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Gedacht: In letzter Zeit fehlt mir manchmal die Lust zu Schreiben. Habe ich vor einiger Zeit noch Seiten voller Texte geschrieben, komme ich momentan nicht dazu. Und selbst wenn der Stift in der Hand liegt, bleiben die SÀtze aus. Das ist nicht schlimm, aber irgendwie schade. 

Getroffen: 11 grinsende Kinder, die im Zug lautstark Capri Sonne gefordert haben. Mit Cola. Kleinigkeiten, die man zu selten ĂŒbersieht oder vergisst. Ein Eis in der Hand. Sonne im Gesicht. Laute Musik auf den Ohren. Eine viel zu große Decke oder Vogelgezwitscher am Morgen, wenn einen die FĂŒĂŸe langsam durch leere Straßen tragen.

Hoffentlich habt ihr die Woche genau so genossen und startet gut in die NÀchste. Schreibt mir doch gerne, was euch an dieser Woche gefallen hat. 

Alle Freunde heiraten

An Ostern bin ich ĂŒber viele Erinnerungen im Keller meiner Eltern gestolpert. Alte Schulhefte, Bilder von AusflĂŒgen, Ehrenurkunden von Bundesjugendspielen. Ein komisches GefĂŒhl, weil im Moment des Betrachtens noch ganz viele andere Momente zurĂŒckkamen. Melodien, GerĂŒche, SĂ€tze von Menschen. Alles irgendwo abgespeichert. Unter den ganzen Bergen an Dingen fand ich auch die erste SchĂŒlerzeitung, die ich im Jahr 2000 veröffentlicht habe. Da war ich gerade mal 12 Jahre alt und wollte Dinge mit Freunden teilen. Bloggen war der nĂ€chste Schritt. Kleine Schnipsel aus dem Leben. Das ist in Vergessenheit geraten, weshalb ich heute einen neuen Anlauf starte und Momente aus der letzten Woche teilen will: Kalenderwoche 17/2017 ?

Gefunden: Viele alte Erinnerungen. Bilder auf Festplatten. Alte Textdateien. Briefe. Skizzen. 

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Geschrieben: Leider schreibe ich momentan sehr wenig. Das möchte ich Ă€ndern, da mir das GefĂŒhl fehlt. Hier ist ein erster Anfang. Und es werden auch wieder Einweggedanken folgen. 

Gelesen: Momentan lese ich “Die unertrĂ€gliche Leichtigkeit des Seins”. Ein relativ altes Buch eines tschechischen Autors. Er schreibt ĂŒber Liebe und Begehren zu Zeiten von UnterdrĂŒckung. Liest sich ganz gut, wobei ich noch nicht sicher bin, ob es meine 100-Seiten-Grenze ĂŒberstehen wird. 

Gehört: Sehr viel in alten Alben gestöbert. Lieder hervorgekramt. Irgendwie verrĂŒckt, wie Melodien in einem schlummern und man Liedzeilen auch nach Jahren noch mitsprechen kann. The Streets hat mich immer begleitet. FrĂŒher beim ĂŒber Felder fahren. Heute beim Sitzen am Hafen. Außenseiter voller Fragen. Lieblingslied: Blinded by the lights

Gesehen: Die fĂŒnfte Staffel von Suits. Hat Spaß gemacht. Vier von fĂŒnf BGB-GesetzbĂŒchern. Und ein Hoch auf den neuen Netflix-Offline-Modus.

Gemacht: Einen Freund entfĂŒhrt und im Familienschiff nach NĂŒrnberg gefahren. Eine romantische StadtfĂŒhrung. Angestoßen. Im Stadion den VfB angefeuert. Viele nackte Oberkörper gesehen (hauptsĂ€chlich von betrunken NĂŒrnberg-Fans). GefĂŒhlt jeden Pub erkundet. Eine Bombe entschĂ€rft. 

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Gelernt: Vor jedem Produktstart lĂ€sst einen die Aufregung kaum Schlafen. Mit XING Talk ging der erste Videopodcast online – ein ehrliches GesprĂ€ch mit Menschen aus unterschiedlichsten Bereichen. Über ihren Beruf, dabei gemachte Erfahrungen, Ängste und Erfolge. Bei XING und auf iTunes. Es tut gut, wenn Projekte zugĂ€nglich werden. Gesehen und gehört werden. Habe gelernt, dass sich Menschen reinhĂ€ngen, wenn man mit dabei ist und unterstĂŒtzt, wo man nur kann. Danke.

Gegessen: Zu viele Burger nach Mitternacht. Und KĂ€sspĂ€tzle in einer kleinen Weinstube in NĂŒrnberg. Das muss immer wieder sein, damit der SĂŒddeutsche in mir nicht weinen muss.

Getroffen: Gute Freunde im SĂŒden des Landes. Schade, wie selten man es schafft regelmĂ€ĂŸig Kontakt zu halten. Und trotzdem muss man direkt wieder Strahlen, kommen die Erinnerungen wieder. 

Gedacht: Wie kann einen eine einzige Person so zum Strahlen bringen?  

Habt einen schönen Feiertag und genießt die Sonne ⛱

#ichbinhier

Eigentlich bin ich ein großer Freund von diesem Internet. Ich begann vor 17 Jahren unterschiedlichste Dinge zu teilen. Habe Freunde gefunden und eine Leidenschaft entdeckt, die ich bis heute teile. Doch irgendwie fĂŒhlt es sich mittlerweile anders an. Wo frĂŒher eine kleine technikaffine Gemeinschaft ĂŒber ihre Lieblingsfilme sprach und ihren Alltag in unfassbar vielen belanglosen Momenten dokumentierte, sehe ich heute eine perfektionierte Lebenseinstellung. Wir sitzen mit unseren grauen Laptops in Cafes, teilen Listen mit den schönsten BurgerlĂ€den auf dem Kiez oder teilen alle die selben politischen Statements. Zwei Posts darunter beschweren wir uns ĂŒber die Dummheit der anderen. Satire darf alles. PrĂ€sidenten, Parteien, Lebenseinstellungen. Und wenn uns eine Meinung nicht passt, dann wird derjenige beleidigt. Zurechtgewiesen. Geblockt. Über die letzten Jahren formten sich so Filterblasen, die dann zum Beispiel bei Landtagswahlen oder dem Brexit platzen. Wie konnte denn das passieren?! Woher kommen die alle plötzlich?! Don Dahlmann fordert aktiv die Flucht aus der Filterblase. Obwohl ich seinen Punkt verstehe, sehe ich das als sehr schwierig. Mein Freundeskreis ist ziemlich homogen. Auch auf der Arbeit decken sich die meisten Ansichten. So stöbere ich durch Blogs mit anderen Ansichten – und stoße hauptsĂ€chlich auf Hass. Keine Auseinandersetzung, sondern das AufzĂ€hlen von SchwĂ€chen. Keine Diskussion, sondern stumpfes Beleidigen all derjenige, die nicht (m)einer Meinung sind. Es geht nicht um AnnĂ€herung. Es geht um BekĂ€mpfung. Gewinnen und Recht haben. Und leider aus allen Lagern – auch wenn eigentlich fĂŒr Vielfalt und Pluralismus auf die (virtuellen) Straßen gegangen wird. Meike Lobo beschreibt sehr gut die Folgen dieser Abstrafung und Verurteilung anderer Ansichten. “Gegner” werden so lange vor sich her getrieben, bis sie einknicken oder verschwinden. Das wird dann als Sieg bewertet. Doch ist er das wirklich?

Ja, es gibt Ansichten die gegen das Recht verstoßen und zu verurteilen sind. Untolerierbare Haltungen. Aber so einfach ist es nicht. Michael Seemann spricht von der multibeschissenen Weltordnung. Da ist nicht der eine Bösewicht. Es braucht sehr viel Interesse und Energie, die ganzen Verstrickungen zu verstehen. Deswegen kann auch nicht mit einem Satz die “allumfassende Wahrheit” ausgesprochen werden. Und schon lange reichen 140 Zeichen nicht aus, um ZusammenhĂ€nge zu erklĂ€ren. Dennoch sehe ich in sozialen Medien jeden Tag, wie sich Menschen(gruppen) gegenseitig zerfleischen. Und eigentlich nichts wirklich verĂ€ndern. Die Fronten nur weiter verhĂ€rten.

“Die soziale Ausgrenzung von Konservativen beispielsweise als frauen-, schwulen- und flĂŒchtlingshassende Nazis fĂŒhrt ja keineswegs dazu, dass diese konservativen Meinungen verschwinden und die Gesellschaft fortschrittlicher und offener wird.”

Es wird geschrien. Mit dem Mittelfinger zeigt man auf alles, was nicht akzeptiert wird. Was passieren kann, wenn man sich mit viel Druck auf eine Person einschießt, durfte ich gerade erst hautnah miterleben. Und das schockiert mich. Macht mich nachdenklich. Weil auch ich selbst merke, wie man sich zurĂŒckzieht. Der Konfrontation aus dem Weg geht. Initiativen wie #ichbinhier (aus dem Schwedischen #jagĂ€rhĂ€r) setzen sich fĂŒr die RĂŒckeroberung der Diskussionskultur in den sozialen Medien ein. Sie wollen in den Kommentarbereichen wieder einen Austausch etablieren. Vermitteln und Deeskalieren. Ich möchte mich selbst mehr dazu zwingen, einen Dialog einzugehen. Anderen Meinungen zuzuhören, sie versuchen zu verstehen und dann zu bewerten. Mit Argumenten zu reagieren. Denn ich habe keine Lust, dass sich die Lager noch weiter auseinander bewegen und wir alle dann irgendwann das Ergebnis ausbaden mĂŒssen…

RĂŒckblick. 2016.

Fliegen & Fallen. Das beschreibt ganz gut das zurĂŒckliegende Jahr. Auch wenn ich ein paar Tage zu spĂ€t bin. Die letzten Monate waren laut. Bunt. Und irgendwie genau richtig so. Musste mir eingestehen, dass am Ende nur das Herz und der Bauch entscheiden. Dass Menschen gehen, wenn der Schmerz zu groß wird. Habe sie wieder lachen gesehen. Und still mitgegrinst. Ich fand mich. Zwischen ausgetrĂ€umten Ansichten und viel zu vielen Worten. ?

Ich habe meinen Job gewechselt. Eine Auszeit genommen. Viel geschrieben. Nur wenig davon geteilt. Stelle momentan lieber Fragen und höre zu. Bin dankbar fĂŒr die vielen GesprĂ€che. Mitternachts. Nebeneinander oder kilometerweit entfernt. Bin gelaufen. Mit so viel wunderschöner Musik auf den Ohren. Getanzt. Gestolpert. Geweint. Getraut. GekĂŒsst. Habe mich durch Hamburg treiben lassen. ⛔. Stuttgart besucht. Am Bodensee getrĂ€umt. Endlich wieder Berge erklommen. Die Gassen von Barcelona entdeckt. An der Ostsee getanzt. Mit Lieblingsmenschen durch Berlin gestolpert. Lissabon. Prag. Belek. Weimar. Die Schuhe grau. Breites Grinsen. Neue PlĂ€ne im Hinterkopf. Noch mehr Farbe zwischen die Linien. Heute bin ich hier. Endlich angekommen. Hallo 2017. ?

ممنون

Apfelpunsch in der Hand. Es riecht nach Lebkuchen. Mandarinen. Das Fenster auf Kipp lĂ€sst Hamburgs Lichter still zuschauen. Ich bin nervös mit Betreten des Raums. Unsicherheit macht sich breit. Schaue in viele Gesichter. FĂŒhle mich kurzzeitig fremd – obwohl sie die Fremden sind. Die vor einigen Jahren oder wenigen Monaten nach Deutschland kamen. Aus den unterschiedlichsten GrĂŒnden. Doch mit dem Wunsch nach Sicherheit. Einem Neuanfang. Ohne Wissen, wie das denn geht.

Ich gehe zu dir. Stelle mich vor und spĂŒre einen festen HĂ€ndedruck. Ein kurzes Grinsen. Ich greife nach SĂ€tzen. Möchte nicht zu nahe treten, dennoch keine Distanz aufkommen lassen. Bist du zum ersten Mal hier? Ja. Man hatte dir im Deutschkurs von diesem Treffen erzĂ€hlt. Du magst Deutsch. Liest gerne. BĂŒcher ĂŒber Psychologie. Sie sind kompliziert. Das magst du auch. Lernen. Kleine Schritte nach vorne. Dankbar sein fĂŒr alles, was angeboten wird. Nicht klagen. Das hilft dir nicht weiter. Und auch nicht deiner Familie. Die in Afghanistan lebt. Nur wenige Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Trotzdem weit entfernt von einer Chance. Mama vermisst dich. Du vermisst Mama. Deine Augen glitzern beim ErzĂ€hlen. Ein bisschen aus Wehmut. Ein bisschen aus Stolz. Sprichst du ĂŒber die anderen in deiner Unterkunft, wird deine Stimme ernst. Geradeheraus. Du verstehst die Klagen nicht. Die Beschwerden der anderen. Ich möchte reflexartig ErklĂ€rungen suchen – du lĂ€sst diese nicht zu. Was wĂŒrdest du tun, wenn 200 Menschen vor deiner TĂŒr stehen und reinwollen? Das geht nicht einfach so. Man muss Abstriche in Kauf nehmen. Auch mal warten. Ein Ziel vor Augen. Festhalten.

Wie kann man euch helfen? Du schaust mich an. Kein Geld. Geld kommt und verschwindet wieder. Niemand sieht etwas davon. Dir helfen GesprĂ€che. Orientierung. Integration. Gemeinsam ein paar Schritte laufen. Über unterschiedliche Ansichten reden. Voneinander lernen. Das hört sich alles so ehrenhaft an. Ich tue mir schwer das anzunehmen. Du schaust dich im Raum um. Zeigst auf die anderen. Zeigst auf uns. Grinst dabei und wiederholst deine SĂ€tze. GesprĂ€che. Orientierung. Das suchen wir alle. Wenn ein Baum im Wald Feuer fĂ€ngt, brennen irgendwann alle BĂ€ume. Egal ob nass oder trocken. Egal welche Art oder Form. Ein Sprichwort. Draußen der Weihnachtsbaum auf der Alster.


Ungeordnete Gedanken in meinem Kopf. Ein Pochen. Meine Sorgen vergleichsweise bedeutungslos. Meine Geschichte ein dĂŒnnes Heft im Vergleich zu Deiner. SĂ€tze in unterschiedlichsten Sprachen – trotzdem konnten wir miteinander sprechen. Und mehr braucht es gerade nicht. ممنون. Dankbar.