Andreas Spiegler

Schreiben. Stolpern. Schluckauf.

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#ichbinhier

Eigentlich bin ich ein großer Freund von diesem Internet. Ich begann vor 17 Jahren unterschiedlichste Dinge zu teilen. Habe Freunde gefunden und eine Leidenschaft entdeckt, die ich bis heute teile. Doch irgendwie fĂŒhlt es sich mittlerweile anders an. Wo frĂŒher eine kleine technikaffine Gemeinschaft ĂŒber ihre Lieblingsfilme sprach und ihren Alltag in unfassbar vielen belanglosen Momenten dokumentierte, sehe ich heute eine perfektionierte Lebenseinstellung. Wir sitzen mit unseren grauen Laptops in Cafes, teilen Listen mit den schönsten BurgerlĂ€den auf dem Kiez oder teilen alle die selben politischen Statements. Zwei Posts darunter beschweren wir uns ĂŒber die Dummheit der anderen. Satire darf alles. PrĂ€sidenten, Parteien, Lebenseinstellungen. Und wenn uns eine Meinung nicht passt, dann wird derjenige beleidigt. Zurechtgewiesen. Geblockt. Über die letzten Jahren formten sich so Filterblasen, die dann zum Beispiel bei Landtagswahlen oder dem Brexit platzen. Wie konnte denn das passieren?! Woher kommen die alle plötzlich?! Don Dahlmann fordert aktiv die Flucht aus der Filterblase. Obwohl ich seinen Punkt verstehe, sehe ich das als sehr schwierig. Mein Freundeskreis ist ziemlich homogen. Auch auf der Arbeit decken sich die meisten Ansichten. So stöbere ich durch Blogs mit anderen Ansichten – und stoße hauptsĂ€chlich auf Hass. Keine Auseinandersetzung, sondern das AufzĂ€hlen von SchwĂ€chen. Keine Diskussion, sondern stumpfes Beleidigen all derjenige, die nicht (m)einer Meinung sind. Es geht nicht um AnnĂ€herung. Es geht um BekĂ€mpfung. Gewinnen und Recht haben. Und leider aus allen Lagern – auch wenn eigentlich fĂŒr Vielfalt und Pluralismus auf die (virtuellen) Straßen gegangen wird. Meike Lobo beschreibt sehr gut die Folgen dieser Abstrafung und Verurteilung anderer Ansichten. “Gegner” werden so lange vor sich her getrieben, bis sie einknicken oder verschwinden. Das wird dann als Sieg bewertet. Doch ist er das wirklich?

Ja, es gibt Ansichten die gegen das Recht verstoßen und zu verurteilen sind. Untolerierbare Haltungen. Aber so einfach ist es nicht. Michael Seemann spricht von der multibeschissenen Weltordnung. Da ist nicht der eine Bösewicht. Es braucht sehr viel Interesse und Energie, die ganzen Verstrickungen zu verstehen. Deswegen kann auch nicht mit einem Satz die “allumfassende Wahrheit” ausgesprochen werden. Und schon lange reichen 140 Zeichen nicht aus, um ZusammenhĂ€nge zu erklĂ€ren. Dennoch sehe ich in sozialen Medien jeden Tag, wie sich Menschen(gruppen) gegenseitig zerfleischen. Und eigentlich nichts wirklich verĂ€ndern. Die Fronten nur weiter verhĂ€rten.

“Die soziale Ausgrenzung von Konservativen beispielsweise als frauen-, schwulen- und flĂŒchtlingshassende Nazis fĂŒhrt ja keineswegs dazu, dass diese konservativen Meinungen verschwinden und die Gesellschaft fortschrittlicher und offener wird.”

Es wird geschrien. Mit dem Mittelfinger zeigt man auf alles, was nicht akzeptiert wird. Was passieren kann, wenn man sich mit viel Druck auf eine Person einschießt, durfte ich gerade erst hautnah miterleben. Und das schockiert mich. Macht mich nachdenklich. Weil auch ich selbst merke, wie man sich zurĂŒckzieht. Der Konfrontation aus dem Weg geht. Initiativen wie #ichbinhier (aus dem Schwedischen #jagĂ€rhĂ€r) setzen sich fĂŒr die RĂŒckeroberung der Diskussionskultur in den sozialen Medien ein. Sie wollen in den Kommentarbereichen wieder einen Austausch etablieren. Vermitteln und Deeskalieren. Ich möchte mich selbst mehr dazu zwingen, einen Dialog einzugehen. Anderen Meinungen zuzuhören, sie versuchen zu verstehen und dann zu bewerten. Mit Argumenten zu reagieren. Denn ich habe keine Lust, dass sich die Lager noch weiter auseinander bewegen und wir alle dann irgendwann das Ergebnis ausbaden mĂŒssen…

RĂŒckblick. 2016.

Fliegen & Fallen. Das beschreibt ganz gut das zurĂŒckliegende Jahr. Auch wenn ich ein paar Tage zu spĂ€t bin. Die letzten Monate waren laut. Bunt. Und irgendwie genau richtig so. Musste mir eingestehen, dass am Ende nur das Herz und der Bauch entscheiden. Dass Menschen gehen, wenn der Schmerz zu groß wird. Habe sie wieder lachen gesehen. Und still mitgegrinst. Ich fand mich. Zwischen ausgetrĂ€umten Ansichten und viel zu vielen Worten. ?

Ich habe meinen Job gewechselt. Eine Auszeit genommen. Viel geschrieben. Nur wenig davon geteilt. Stelle momentan lieber Fragen und höre zu. Bin dankbar fĂŒr die vielen GesprĂ€che. Mitternachts. Nebeneinander oder kilometerweit entfernt. Bin gelaufen. Mit so viel wunderschöner Musik auf den Ohren. Getanzt. Gestolpert. Geweint. Getraut. GekĂŒsst. Habe mich durch Hamburg treiben lassen. ⛔. Stuttgart besucht. Am Bodensee getrĂ€umt. Endlich wieder Berge erklommen. Die Gassen von Barcelona entdeckt. An der Ostsee getanzt. Mit Lieblingsmenschen durch Berlin gestolpert. Lissabon. Prag. Belek. Weimar. Die Schuhe grau. Breites Grinsen. Neue PlĂ€ne im Hinterkopf. Noch mehr Farbe zwischen die Linien. Heute bin ich hier. Endlich angekommen. Hallo 2017. ?

ممنون

Apfelpunsch in der Hand. Es riecht nach Lebkuchen. Mandarinen. Das Fenster auf Kipp lĂ€sst Hamburgs Lichter still zuschauen. Ich bin nervös mit Betreten des Raums. Unsicherheit macht sich breit. Schaue in viele Gesichter. FĂŒhle mich kurzzeitig fremd – obwohl sie die Fremden sind. Die vor einigen Jahren oder wenigen Monaten nach Deutschland kamen. Aus den unterschiedlichsten GrĂŒnden. Doch mit dem Wunsch nach Sicherheit. Einem Neuanfang. Ohne Wissen, wie das denn geht.

Ich gehe zu dir. Stelle mich vor und spĂŒre einen festen HĂ€ndedruck. Ein kurzes Grinsen. Ich greife nach SĂ€tzen. Möchte nicht zu nahe treten, dennoch keine Distanz aufkommen lassen. Bist du zum ersten Mal hier? Ja. Man hatte dir im Deutschkurs von diesem Treffen erzĂ€hlt. Du magst Deutsch. Liest gerne. BĂŒcher ĂŒber Psychologie. Sie sind kompliziert. Das magst du auch. Lernen. Kleine Schritte nach vorne. Dankbar sein fĂŒr alles, was angeboten wird. Nicht klagen. Das hilft dir nicht weiter. Und auch nicht deiner Familie. Die in Afghanistan lebt. Nur wenige Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Trotzdem weit entfernt von einer Chance. Mama vermisst dich. Du vermisst Mama. Deine Augen glitzern beim ErzĂ€hlen. Ein bisschen aus Wehmut. Ein bisschen aus Stolz. Sprichst du ĂŒber die anderen in deiner Unterkunft, wird deine Stimme ernst. Geradeheraus. Du verstehst die Klagen nicht. Die Beschwerden der anderen. Ich möchte reflexartig ErklĂ€rungen suchen – du lĂ€sst diese nicht zu. Was wĂŒrdest du tun, wenn 200 Menschen vor deiner TĂŒr stehen und reinwollen? Das geht nicht einfach so. Man muss Abstriche in Kauf nehmen. Auch mal warten. Ein Ziel vor Augen. Festhalten.

Wie kann man euch helfen? Du schaust mich an. Kein Geld. Geld kommt und verschwindet wieder. Niemand sieht etwas davon. Dir helfen GesprĂ€che. Orientierung. Integration. Gemeinsam ein paar Schritte laufen. Über unterschiedliche Ansichten reden. Voneinander lernen. Das hört sich alles so ehrenhaft an. Ich tue mir schwer das anzunehmen. Du schaust dich im Raum um. Zeigst auf die anderen. Zeigst auf uns. Grinst dabei und wiederholst deine SĂ€tze. GesprĂ€che. Orientierung. Das suchen wir alle. Wenn ein Baum im Wald Feuer fĂ€ngt, brennen irgendwann alle BĂ€ume. Egal ob nass oder trocken. Egal welche Art oder Form. Ein Sprichwort. Draußen der Weihnachtsbaum auf der Alster.


Ungeordnete Gedanken in meinem Kopf. Ein Pochen. Meine Sorgen vergleichsweise bedeutungslos. Meine Geschichte ein dĂŒnnes Heft im Vergleich zu Deiner. SĂ€tze in unterschiedlichsten Sprachen – trotzdem konnten wir miteinander sprechen. Und mehr braucht es gerade nicht. ممنون. Dankbar.

Sitze mit Laptop und Kakao auf dem Sofa. Um mich herum alles ruhig. Die letzten Tage waren sehr laut. Eine Woche Lissabon. Gemeinsam mit wichtigen Menschen auf dem Web Summit 2016. Klassenfahrt-GefĂŒhl. Sich durch Markthallen treiben lassen. Pastel de Nata. Mit der Straßenbahn durch kunterbunte Gassen. Laute Live-Musik. Irgendwas zwischen Jazz und Michael Jackson. Luzzo
 Was hasse du gemacht mit de Pizza? Tausende Menschen, die ĂŒber das Internet sprechen. Portugal als nĂ€chsten Startup-Kessel sehen wollen. Zu lange Schlangen und teilweise viel zu wenig Zeit, um tief in Themen einsteigen zu können. Stolperten durch die Pink Street. Und zwischen all diesen Menschen, GesprĂ€chen und Entdeckungen holt einen dann doch manchmal die Vergangenheit ein. Kurze Sprachnachrichten, die im Handy schlummern. Ungeahnt nach Aufmerksamkeit greifen. Komisch, dass es manchmal so schwer fĂ€llt loszulassen. Dass bestimmte SĂ€tze oder Augenblicke einen ganz tief berĂŒhren. Ein Grinsen. Gefolgt von Schweigen. Gefolgt von Freunden, die einen wieder wachrĂŒtteln.

“Komisches sich Anschauen. Abwarten. DĂŒnnes Eis. Wer bricht ein? Augenkontakt kurz unterbrechen. Wer bricht Schweigen?”

Schreiben hilft zu verarbeiten. Gedanken zu ordnen. Zu oft versuche ich hier nur eine Seite mit euch zu teilen. Der umtriebige Internet-Mensch. Von Stuttgart nach Hamburg gezogen. Baut Webseiten und schreibt. Spaziert und stolpert. Höre ich anderen zu, so geht es vielen gleich. GegensĂ€tze und Facetten, die je nach Situation in ein anderes Licht gerĂŒckt werden. Ja, es gibt verdammt viele tolle Dinge. Momente und Menschen, die das Leben grandios machen. Mich zum Lachen bringen – bis der Schluckauf ĂŒber Stunden die gerechte Strafe wird. Aber genau so gibt es Momente, in denen ich ganz schön durchhĂ€nge. Mich Ă€rgere. EnttĂ€uscht bin oder auch mal nicht weiter weiß. Dies ist der Versuch anzukommen. Und das wird mir nur gelingen, wenn ich ehrlich zu Allem bin. Schön, dass es euch gibt. Das ihr mitlest. Reagiert. Da seid. ?

Sodela #3

Nach einem Kurzurlaub in der TĂŒrkei melde ich mich wieder zurĂŒck: