Irgendwann habe ich aufgehört zu wollen. Zu fordern. Zu verfolgen. Habe die Kapuze ins Gesicht gezogen und wieder angefangen zu träumen. Ein neugieriges Kind mit den Händen in den Hosentaschen.
Tag: Einweggedanken ×
Und du sitzt auf deinem Bett. Schaust seit Minuten regungslos aus dem Fenster. Das eine Lied in Dauerschleife. Dein Herz schweigt. Und dein Kopf gräbt in Erinnerungen. Lass es zu. Bitte.
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Ein kleiner Kreis, der sich gleichmäßig dreht. Ganz ohne Hektik. Grau. Kühl. Deine Augen folgen ihm. Möchten ihn anschubsen und ihn schneller werden lassen. Draußen ist es dunkel. Du sitzt auf kalten Stufen. Hinter dir die alte Holztür. Verschlossen. Du kommst dort nicht mehr hinein. Wo du vor einer halben Stunde voller Vorfreude die Stufen hoch gesprungen bist, hat die Nacht jeden Zentimeter wieder zurück erobert. Deine Hose durchnässt vom Herbst. Deine Bluse durchnässt von Tränen. Schwarzer Kajal wirkt wie ein alter Vorhang. Hängt in Fetzen an deiner Wange. Wurdest weggeschickt. Ein letztes Mal. Aus gemeinsamem Lachen wurde ein einspuriger Dialog. Du hast zugehört. Hast jedes Wort in dir aufgesaugt. Bis es nichts mehr zu sagen gab. Bis er nichts mehr zu werfen hatte. Halbvolle Gläser auf dem Fenstersims. Hast rausgeschaut. Den Regen gehört doch nichts gesehen. Bist hineingelaufen. Ungewollt.
Jetzt frierst du. Zitterst unkontrolliert am ganzen Körper. Um dich herum nur mehr Fremdes. Am anderen Ende der Stadt. Keine Mitbewohner, die dich in den Arm nehmen. Keine Decke, unter der du dich verkriechen könntest. Nichts außer diese schreckliche Dunkelheit. Und ein Kreis, der sich immer noch dreht. Schreie und Verzweiflung fluten deinen Kopf. Dein Herz. Deinen gesamten Körper, wo sie in viel zu großen Wellen schlagen. Sehnst dich nach der einen Melodie. Laute Töne. Grelle Bilder. Der Glaube an so etwas wie Flucht. Großstädte lassen einen treiben. Alles wirkt zum Erobern bereit. Doch mit der Zeit wird dir klar, dass alles nur Fassaden sind. Große Mauern, die nicht erklommen werden können. Die eine Flucht verhindern und dich dazu zwingen umzudrehen. Einen neuen Weg zu suchen, der dich dann doch irgendwann wieder einholt. Und so bleibt dir manchmal nichts anderes übrig, als stehen zu bleiben. Dich zu setzen. Weil du nicht mehr kannst. Weil du es nicht mehr willst. Greifst in deine Tasche und suchst diese eine Melodie. Greifst nach allem Bekannten, um die Reste aus den Augen zu spülen. Die Reste der Nacht. Der Lichter. Der Tränen.
Der Kreis verschwindet. Alles schwarz. Deine Augen. Sie weiten sich. Dein Herz. Es weitet sich. Wartest auf den Schlag, der dann endlich erfolgt. Ein grelles Flackern in deinem Gesicht und schließlich diese Melodie aus den Kopfhörern. Blickst in deinen Schoß und siehst so bekannte Bilder. Momente, die du in den letzten Wochen so oft betrachtet hast. Auf dem Heimweg. In der Uni. Auf dem Balkon. Abends. Wenn deine Mitbewohner feiern waren, du aber andere Dinge tun wolltest. Keiner hat bemerkt, was dir verloren ging. Keiner hat danach gefragt. Und so war dieses eine Lied alles für dich. Diese 2 Minuten und 59 Sekunden wohlige Wärme.
Die Stufen. Sie gehören dir. Aber du kauerst dich zusammen. Machst dich ganz klein, um nicht weiter zu stören. Nicht nochmal im Mittelpunkt stehen. Zorn auslösen. Nicht jetzt. Spürst die raue Mauer in deinem Rücken. Zugedeckt von dieser einen Melodie und wenigen Worten. Kennst sie auswendig. Jedes Komma hat kleine Druckstellen hinterlassen. Jede Pause gibt dir die Möglichkeit Luft zu schnappen. Kalte Luft, welche die Lücken in dir schließt. Die Vorwürfe ummantelt. Erstarren lässt. Bis der Moment innehält. Nicht freiwillig. Und nicht für lange Zeit. Es wirkt, als ob das Lied um sich schlägt. Ausbricht aus deinen weißen Kopfhörern und dem schwarzen Käfig in deiner Hand. Sich aufrichtet und ohne zu warten die Tür hinter dir eintritt. Stufen überspringt. Wohnungen durchsucht. Findet. Vernichtet.
Ein kleiner Kreis, der sich gleichmäßig dreht. Die Melodie ist verstummt. Der Regen geblieben. 398.218 Menschen haben sie gehört. In unterschiedlichsten Momenten. Aber alle aus dem selben Grund. Du steckst das Handy in die Tasche. Stehst auf. Und verschwindest in der Stadt.
Und dann sitz ich hier. Die Krawatte gelockert und der Koffer unter meinem Sitz verstaut. Müde und erschöpft versuche ich die Stimmen um mich herum zu überhören. Blende aus, was sie ihren Freunden erzählen. Lass Träume meine Heimfahrt erhellen. Mir Gegenüber hat sich ein kleines Kind vorgenommen, die Welt zu ergreifen. Ich hab es noch nicht einmal geschafft, auch nur einen kleinen Teil zu begreifen. Seine Augen strahlen, während sich meine müde aber zufrieden schließen. Leises Piepsen im Hintergrund. Der Boden rollt mir davon.
Unsicher tänzelnd bewege ich mich durch bunt erleuchtete Straßen. Blicke in fröhliche Gesichter. Gleichbleibender Takt unter monotonen Gesprächen. Meine Hand hält deine Angst. Hält sie fest und lässt sie dir nicht näher kommen. Mit einem breiten Lächeln stimmst du mir zu. Kein Wort von Nöten. Sind wir ganz alleine? Oder schaffen wir es nur immer wieder jeden Blick auszublenden. Jeden Gedanken, der mit erhobenem Schwert auf uns zuläuft.
Dein Duft. Deine niedliche Art und Weise anderen Komplimente zu machen. Lass uns noch einmal tanzen - dann geht das Licht aus. Und alles was bleibt, sind wir und diese eine Melodie. Herzmusik.
Es ist verdammt eng hier.
Es ist verdammt eng hier. Schweiß an meinen Armen. Fühle mich unwohl. Die Dunkelheit hat jeden meiner Gedanken fest im Griff. Sie zappeln nervös und schlagen um sich. Ängste. Will dich nicht verlieren an diese Masse. Wie Schlamm verschlingt sie uns. Hat den Kopf geflutet und bahnt sich ihren Weg in Richtung Herz. Meine Arme sind zu schwach. Sind zu kurz, um mich irgendwo festhalten zu können. Um dich festzuhalten. Spüre deine Finger nicht mehr und versinke im Grau. Atemnot. Der Druck steigt und meine Hoffnung fällt in sich zusammen. Wie der Traum von ewiger Liebe, sobald der andere anfängt sich umzudrehen.
Es ist verdammt eng hier. Zig Stimmen liegen übereinander. Machen es schwer, wieder zum Boden zu gelangen. Mehrere Meter hoch sind die Versprechen. Sind die lieben Worte, die du gesammelt hast. Keine Berührung verneint und keinem Blick entsagt. Zu groß war dieses Verlangen in dir gebraucht zu werden. Geliebt zu werden. Nun wirst du all diese Momente immer bei dir tragen. Sie werden sich einmischen. Zu jeder Zeit. In jeder Situation. Bei jedem persönlichen Gespräch werden sie mithören. Werden urteilen und kritisieren. Kannst nicht mehr tun, als es über dich ergehen zu lassen. Denn du wolltest sie bei dir haben. Du wolltest irgendwas bei dir haben. Ein paar Farben und eine Melodie. Noten, die Erinnerungen in die Ferne drängen.
Es ist verdammt eng hier. Wir hängen aufeinander, denn das Wir wurde unzertrennlich. Verkeilte sich. Du wolltest einen Schritt zurücktreten und die Situation verstehen. Wie es dazu kam und warum es dort bleibt. Ich schloss die Augen und sprengte uns entzwei. Rannte durch deine Zimmer und schmiss alles um. Riss die Bilder von der Wand und dein Lächeln aus deinem Gesicht. Mundtot schautest du mir in die Augen, die voller Wut waren. Voller Enttäuschung und Selbsthass. Und alles was du tust, tust du für mich. Der Moment vor dem Aufschlag. Der Moment vor dem letzten Kuss. Alles in Zeitlupe. Man weiß genau, was passiert. Und trotzdem passiert es nicht, denn plötzlich ist da etwas. Sind da welche. Ganz viele. Finden den Weg in deine kleine Welt. Machen sich breit und ich bleibe zurück.
Ich warte immer noch auf den Aufschlag. Ein Schlag so fest, dass er mich zur Vernunft bringen mag. Mich zurück zu mir selbst führt. Aber das passiert nicht, solange ich hier bin. Solange ich bewegungsunfähig bin. Blind nach einem Ausgang taste. Möchte nach Hilfe rufen. Doch bleibe Stumm. Der richtige Satz mag mir nicht einfallen. Zu viele andere Sätze im Weg. Leblos liegen sie in mir. Blähen mich auf. Geben keinem Satz die Chance, an Bedeutung zu gewinnen. Es ist verdammt eng hier.
Ich warte immer noch auf den letzten Kuss. Noch einmal dieses Kribbeln im Magen. Auf der Nasenspitze. Dein Atem an meinem Hals und meine Hände in deinen Haaren. Möchte dich zu mir ziehen, doch bekomme dich nicht zu greifen. Es scheint, als würdest du davon treiben. Jede Welle macht es schwieriger. Durch jede Gefühlsänderung werden es ein paar Zentimeter mehr. Ein kalter Raum zwischen uns. Er wird unüberwindbar. Ich höre auf zu strampeln, blicke dir hinterher und schweige. Denn manchmal lässt man es vielleicht lieber sein.
Es ist verdammt eng hier.
In deinem Herzen.