Dieses freche Grinsen. Nach einem Getränk zuviel.
Tag: Einweggedanken ×
Heimfahrt.
Und dann sitz ich hier. Die Krawatte gelockert und der Koffer unter meinem Sitz verstaut. Müde und erschöpft versuche ich die Stimmen um mich herum zu überhören. Blende aus, was sie ihren Freunden erzählen. Lass Träume meine Heimfahrt erhellen. Mir Gegenüber hat sich ein kleines Kind vorgenommen, die Welt zu ergreifen. Ich hab es noch nicht einmal geschafft, auch nur einen kleinen Teil zu begreifen. Seine Augen strahlen, während sich meine müde aber zufrieden schließen. Leises Piepsen im Hintergrund. Der Boden rollt mir davon.
Wir laufen durch bunte Gassen. Unter uns das Gestern. Vor uns ein Nebel voller Ungewissheit. Doch zwischen uns ist dieses schöne Gefühl der Vertrautheit. Der Nähe. Und das genügt für den nächsten Schritt.
Den Anfang kann ich dir verraten.
Hallo!
Das Ende leider nicht.
Der Schal.
Ein leises Summen. Die Hände im Schoß. Gefaltet. Ihr Gesicht regungslos - nur ihre Augen wandern den Bahnsteig entlang. Ihr roter Schal greift an ihrem Hals empor. Hält ihn fest. Drückt ihn. Und gibt der Kälte keine Chance. Nicht nur der Kälte - auch den Schlägen ihres Herzens. Zwängt es in ein unsichtbares Korsett und lässt es erstummen.
Nach und nach fahren Züge ein. Menschen strömen heraus. Suchen hektisch den Ausgang. Wollen raus und in alle Himmelsrichtungen entfliehen. Dieses Spiel wiederholt sich. Nur die Frau bleibt sitzen. Streicht sich ein ums andere Mal die Haare aus dem Gesicht. Sie wippt. Unscheinbar.
Wartet oft an diesem Gleis. Eigentlich jeden Tag seitdem die Blätter fallen. Ihre Taschen sind leer, doch ihr Inneres bis zur Kante gefüllt. Gefüllt mit Schmerz, Sehnsucht und Erinnerungen. Gefühle für ihn. Den sie doch schon so lange nicht mehr gesehen hat. Und unbedingt wieder sehen möchte. Ihn endlich wieder in die Arme schließen zu können. Einer ihrer leisen Träume. Doch dieser Tag kommt nicht. Dafür ging er. Lies sie alleine zurück und suchte sein Glück in der Ferne. Wollte ausbrechen und brach somit sie.
Man merkt es ihr nicht an. Denn sie ist eine starke Frau. Achtet auf ihren Körper, doch misshandelt ihre Seele. Lautsprecherdurchsagen weißen auf Verspätungen hin. Der folgende Zug hängt im Tunnel fest. Ihre Gefühle hängen im Hals fest. Weichenstörung. Personenschaden. Ihr Lächeln zerbricht. Plötzlich und unerwartet. Ihre Hände entfalten sich. Zucken träge. Sie schaut nach links. Schaut auf die hellen Buchstaben an der Decke. Die Bahn ist weiter verspätet. Der Tunnel bleibt dunkel. Sie rückt nach vorne. Ist am Rande der Bank angekommen. Ihre Hände spüren den Abgrund. Halten ihn fest. Noch.
Manchmal muss man Dinge hinter sich lassen. Muss weitergehen und darf nicht zurückblicken. Das Schwierigste ist der erste Schritt. Aufstehen und los marschieren. Den Blick nach vorne gerichtet.
Ein leises Dröhnen auf den Schienen. Es kündigt den Zug an. Licht durchflutet den Tunnel. Der Bahnhof wird vom Schreien der Wagons erfüllt. Langsam und behäbig kommen die Tonnen voll Knochen und Gefühle zum Stehen. Die Türen öffnen sich schüchtern. Und die Massen strömen aus den Abteilen.
Die Frau ist weg. Hat den Schritt gemacht. Den einen großen Schritt.
Nun ist sie am Ende der Rolltreppe angekommen. Hat die Bank hinter sich gelassen. Ihre Arme treiben sie rhythmisch nach vorne. Und ihr Herz hinterlässt eine Spur an Erinnerungen auf dem dreckigen Boden. Nur noch ihr Schal liegt leblos auf der Bank. Dort, wo er hingehört. Ihr Hals spürt die warmen Sonnenstrahlen. Und bringt ihr Lächeln zurück. Stück für Stück.
Sonnen. Bad.
Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Kinder jagen Enten und Oma schaut ihnen zu. Lässt ihren Blick übers saftige Grün wandern. Lächelnd. Und vergisst dabei, wie alleine sie doch ist. Fahrradreifen. Auf hellem Kies. Hinterlassen Spuren, aber nur für kurz. Dann werden sie verwischt. Niemand wird sich an die Abdrücke erinnern können. Ein kurzer Moment, der ewig wirkt. Die Wolken haben heute Urlaub. Liegen irgendwo anders. Aber nicht an diesem Fleck. Ich fahre mit durchs Haar. Denke über die letzten Wochen nach. Ein auf und ab. Ohne Verlässlichkeiten oder Sicherheiten.
Der Frühling lässt uns Dinge mit anderen Augen sehen. Er mag uns immer wieder blenden, aber wenn man nicht aufpasst, übersieht man den Wandel. Ein Wandel, der unsere Umgebung mit neuen Farben anstreicht. Leuchtend. Kraftvoll. Uns einen Schubs geben möchte. Ohne Ziel. Aber mit einer gewissen Härte. Diesmal lasse ich mich gerne treiben. Wie die Blüten auf der Bank neben mir. Loslassen. Zulassen.