Blog / Framente

Gratwanderung

Wir wollen tanzen. Wollen laut sein. Uns in die Arme fallen und schreien vor Glück. Die anderen sollen uns in Frieden lassen. Ihre Vorwürfe nehmen wir als weißes Rauschen wahr. Sie sollen schweigen. Skeptische Fragen wollen wir nicht. Nicht zweifeln. Nicht grübeln. Und wenn, dann möchten wir den Moment selbst wählen. Wollen das ganze Wochenende im Bett liegen. Ein Teller Spaghetti und danach Schokolade. Traurige Musik unter zu großer Decke. Die anderen sollen warten. Bis wir wieder aufstehen wollen. Sollen sich Sorgen machen. Anrufen. Anklingeln. Anstubsen. Sie sollen sich für uns interessieren. Fragen stellen. Ich will merken, dass da jemand ist. Der so denkt wie ich. Der so fühlt wie mein Bauch. So denkt wie mein Verstand. Und schöne Schuhe trägt. Sie sollen keiner Mode folgen, doch aus der Reihe fallen sieht peinlich aus. Sie sollen nicht lachen, doch will ich mir meins nicht verbieten lassen. Will dass du mich magst. Will dass du mich fragst, ob es gut so ist. Wie was ist? Willst du wissen. Und ich will es dir sagen. Doch du dann erinnere ich mich an deinen Appell, dich nicht ständig in Frage zu stellen. Uns in Frage zu stellen. Also schweigen wir. Und stecken die Hände in unsere eigen Taschen. Wir wollen doch alle nur gemocht werden. Wollen in den Arm genommen werden, wenn das unbekannte Schwarz blendet. Licht aus. Keiner soll uns sehen, wenn wir weinen. Schwäche will man nicht eingestehen müssen. Schließlich würde das bedeuten, dass wir nicht wissen was wir tun sollen. Und das wollen wir nicht. Wir wollen den Weg kennen. Das Ergebnis soll alles wieder gut machen. Für jeden Schmerz und jede Unsicherheit aufkommen. Wir wollen uns verlieren. Ineinander. Doch sollen uns dabei selbst nicht aufgeben.

Alles eine Gratwanderung. Zwischen Sollen und Wollen.

Roter Luftballon

Nächster Halt: Hamburg Hauptbahnhof. Die Türen öffnen sich und meine Füße ertasten den Bahnsteig. 4 Stunden Fahrt. Meine Augen sind müde und die Gedanken ruhen wie Steine. Ankommen und weitergehen. Dränge mich durch Menschenmassen. Rieche. Beobachte. Öffne meine Lippen - doch sage nichts. Ich genieße es, in der Masse unterzugehen. Meinen Körper unsichtbar werden zu lassen. Streife mit der Hand das Geländer und steige hinab. 

Kopfhörer bleiben in den Taschen. Der Blick gerade aus. Wegsuche. Jeder verfolgt ein Ziel. Möchte daran wachsen. Möchte die anderen überragen. Möchte sich selbst übertrumpfen. Ich würde gerne kleiner sein. Auf dem Boden krabbeln und meine Umwelt neu entdecken. Mit kleinen Händen nach Kuscheltieren greifen. Summen. Weinen. Mich in den Armen meiner Oma einkuscheln. Zu oft sind es immer wieder die selben Ansichten. Die selben Meinungen, welche Momente in Schubladen fallen lassen. In meinen Träumen reiße ich mir diese Hüllen vom Leib. Verwische alle Spuren und greife nach dem roten Luftballon. Möchte fliegen. Möchte landen. 

Mein Gesicht an der Scheibe der U-Bahn. Neben mir eine alte Frau. Zeitung in der Hand. Augen geschlossen. Ein Blick meinerseits erhascht einen ihrer Träume. Darin steht sie auf einer Wiese. In hellblauem Kleid und Hochsteckfrisur. Sie strahlt von Herzen. Um ihre Hand ein roter Luftballon, der sie begleitet. Von oben auf sie herab schaut, während sie barfuß das Korn zertritt. 

Eine Durchsage lässt den Boden unter ihr einstürzen. Der Luftballon hält sie oben. Sie bleibt ruhig, während ich zusammenschrecke. Öffne meine Augen und schaue in das strahlende Gesicht der alten Frau. Sie schaut aus dem Fenster - ihr Strahlen folgt unauffällig. Wie wäre es wohl, wenn wir uns in Träumen treffen könnten? Wenn wir uns Dinge erzählen könnten? Ohne den Mund zu öffnen. Ohne die Blicke voneinander abzuwenden. Alleine durch den Ganz in unseren Augen. Und einem roten Luftballon am Handgelenk…