Blog / Framente

Schwarzweißfoto eines bärtigen Mannes mit Brille in einem Hemd, der vor einer Wand mit Papieren oder Dokumenten sitzt und in die Kamera blickt.

Beeindruckende Bilder von Robert Mack und Grace Zaccardi, die Insassen eines Gefängnisses für psychisch kranke Straftäter fotografierten. Die Aufnahmen entstanden zwischen den Jahren 1980 und 1982 in einem amerikanischen Hochsicherheitstrakt, in welchem versucht wurde die Patienten zu heilen und sie später wieder in die Gesellschaft zu integrieren.

So richtig

Warmer Kakao auf dem kleinen Holztisch. Die Sonne hinter grauen Wolken, aber eine Decke macht dies bedeutungslos. Kinderlachen und neugierige Blicke. Niemand will verpassen, wenn Lars über seinen bunten Fußball stolpert. Auf meinem Schoß das eine Buch. Begleitet mich schon seit Wochen. Fürchte mich vor seinem Ende, denn das würde ich gerne hinauszögern. Zu kräftige Bilder, die bekannte Situationen in mir wecken. Tief in mir drin. 

Ich will hier nicht weg. Will mit niemanden tauschen, denn eigentlich scheint alles so richtig. Die Stadt passt auf mich auf. Überrascht mich, wenn ich mich zu langweilen beginne. Hunderte Ecken warten darauf, durchschritten zu werden. Durchbrochen zu werden. Ich denke an die letzten Monate. Denke an die Menschen, die ich kennenlernte. An Einzelne, die ich in mein Herz geschlossen habe. Und Andere, die selbiges verlassen haben. Sie haben ihre Spuren hinterlassen. Tiefe Kratzer und den ein oder anderen Satz, der mich morgens zusammenzucken lässt. Doch so richtig ächten mag ich diese Erinnerungen nicht. 

Eigentlich sollte es mir gut gehen. Wohne mitten im Grünen, in einer Wohnung voller Farben. Kann für mich sein oder auch nicht. Bekomme Besuch. Von liebenswerten Menschen, die ihre Zeit mit mir teilen. Ihre Gedanken. Ihre Ängste und Hoffnungen. Aber irgendwas fehlt. Irgendwas verhindert, dass ich mich freue. Über die Postkarten im Briefkasten, die Filme auf großer Leinwand, die Lieder nur für mich. Suche unentwegt nach diesem einen Gefühl, das ich nichtmal mehr richtig beschreiben kann. Verschwommene Artefakte, die früher so klar schienen. Dieses eine große Gefühl. Stattdessen häufen sich Belanglosigkeiten. Immer die selben Sätze. Die selben Gesten. Ein Meer an Freundlichkeiten, aber ohne Insel. Ohne Strand. Ich mittendrin. Und so richtig voran zu gehen scheint es nicht.

Die Kraft, sie schwindet. Jeder Zug entzieht mir mehr. Und wenn ich ganz still bin, hör ich die Stimmen. Die Meinungen der anderen. Ich will sie nicht hören. Will ihnen nicht glauben, denn irgendwie ist da noch Hoffnung. Ist da noch der Wunsch nach einem Umschwung. Einer neuen Richtung. Einem Kompass. Und so tauche ich unter. Lass alles verstummen. Will bei mir sein. Ohne sie. Verkrampftes Strampeln bringt mich immer tiefer. Will auf den Grund. Will den Boden berühren. Genug geflogen. Genug versucht. Ich will wieder stehen. Will zur Ruhe kommen. Und bemerke dabei gar nicht, wie mir die Luft ausgeht. Streife den harten Meeresgrund. Es tut gut ihn zu fühlen. Etwas zu spüren, das intensiver als die Sätze der anderen ist. Etwas zu fühlen, das steinerner als die eigenen Thesen ist. Abermals fühlt es sich falsch an. Doch dafür ist es zu spät. Denn so richtig durchdacht habe ich das alles nicht.

Weniger konsumieren und mehr diskutieren.

Zurück aus Berlin. Drei Tage re:publica und drei Tage die direkte Konfrontation mit der Aufforderung, endlich Dinge zu machen. So sprach Sascha Lobo über die Netzgemeinde und ihr fehlender Wille, mit der Politik zusammen zu arbeiten. Man flüchtet sich in ein sicheres Umfeld, in dem wenig Kritik geübt wird. Jeder spricht über die neuesten Trends, lacht über Katzenbilder und denkt über verwandte Probleme nach. Und daran scheitert die “Hobbylobby”. Auch Gunter Dueck sprach über die Schwierigkeiten, die Träume und Pläne unterschiedlicher Gesellschaftsschichten in einem Diskurs gemeinsam zusammen zu bringen. Felix Schwenzel machte sogar zehn Vorschläge, wie man die Welt verbessern könnte - endet aber dennoch bei der Aufforderung, einfach etwas zu tun. Wer es leider nicht nach Berlin geschafft hat, findet zahlreiche Vorträge und Panels als Aufnahmen im Netz. 

Auch ich sehe mich immer wieder in der Situation, zu viel zu konsumieren. Das hat nicht nur negative Folgen, denn ich lerne viele Dinge. Lese viel mehr. Bücher, Magazine, gedrucktes Zeug. Auch im Netz geht mein Fokus von Twitter vermehrt zu Blogs. Langen Gedanken und Überlegungen. Doch selbst mache ich immer weniger. Publiziere und erzeuge weniger. Manchmal fühlt es sich ein wenig wie fehlender Antrieb für digitale Dinge. Arbeite täglich für und mit dem Netz. Mein Job macht mir Spaß, aber meine Freizeit fülle ich dann lieber mit anderen Dingen. Rausgehen. Schauen. Beobachten. Mit anderen Menschen. Dabei gewinnt man die Fähigkeit, Momente auszukosten. Das ist gut. Mir fehlt aber die bewusste Reflexion mit Hilfe des Geschriebenen.

Vor 14 Jahren habe ich meine erste Webseite gebaut. Die folgenden Jahre viel gebloggt. Hab online Menschen begonnen zu mögen, andere zu lieben. Hab Gedanken geteilt und darüber diskutiert. Das fehlt mir im Moment und deswegen komme auch ich mit dem selben Vorsatz der Speaker zurück nach Hamburg. Mehr tun. Egal ob im Netz oder außerhalb. Noch mehr Texte schreiben. Noch mehr dann diese Gedanken mit anderen teilen. Darüber reden. Im Netz oder mit Freunden am Grill. Weniger konsumieren und mehr diskutieren. Über Dinge, die mich beschäftigen. Die andere beschäftigen. Und Auswirkungen auf den Alltag haben. Das können unterhaltsame Themen sein. Das sollen mehr intensivere Komplexe sein.

Kleiner Nachtrag: Ich denke, weshalb ich gerade so in den leeren Raum schreibe, liegt an einem fehlenden Ziel. Deshalb auch keine konkreten Ideen/Konzepte. Kann gar nicht sagen, ob ich über Netzthemen schreiben will bzw. diese mit der Nicht-Netzgemeinde diskutiere möchte. Oder ob ich nicht vielleicht einfach mehr Schreiben/Erstellen will. Seien es Texte zu Netzthemen, Zeitgeschehen oder auch einfach nur Gefühle. Und diese Dinge dann mit Menschen außerhalb des eigenen “Dunstkreises” teilen. Mich störte auf der re:publica, dass der Großteil (ich einbezogen) immer im selben Saft baden. Und diesen Zustand möchte ich verändern. Ist also eher der Wunsch, allgemein mehr Inhalte zu erstellen und darüber zu reden, als schon Bekanntes mit immer den selben Menschen aufzuwärmen. Denn das passiert - wie du ja auch sagst - in diesen Kreisen schon genug.

Wieder dieser laute Schrei

Wieder dieser laute Schrei. Hängt mir seit Stunden in den Ohren. Aufstehen. Ein neuer Tag. Öffne die Fenster und starre ins Grau. Die Augen schmerzen noch. Während mich die Routine durch meine Wohnung drängt, hängt mein erster Gedanke noch bei dir. Streichelt vorsichtig deine Wangen. Ein um das andere Mal. Keine Redaktion. Zeitgleich kratzt heißes Wasser das Gestern von meiner Haut. Dünne Schichten bröckeln herab. In meinem Bad stapele ich Momente. Gemeinsames Zähneputzen. Müdes Zwinkern. Meine Arme um deine Hüfte gelegt. Öffne die Augen. Einsamkeit.

Die Winterjacke sollte schon lange im Schrank hängen. Ziehe sie an und verfluche den Winter. Graue Schuhe. Ungebunden. Für ein Frühstück reicht die Zeit nicht. Blicke erneut in den Spiegel. Nasse Haare. Kleine Falten um meine Mundwinkel. Vom Lachen. Vom Schreien. Haben gestern noch lauthals gestritten, bevor die Nacht jeden unserer Vorwürfe verschlang. Du hast die Tür hinter dir ins Schloss geworfen. Hast geflucht. Ich hab jeden deiner Schritte gehört. Das Licht im Flur, wie es irgendwann erlosch. Im selben Moment, als ich langsam zu Boden sank. Den Kopf an der roten Haustür. Alles dunkel. Musste daran denken, wie sehr ich dich liebe. Tue es gerade wieder. Naivling. 

Heute wirkt alles wie gestern. Menschen hetzen zur Bahn. Keiner blickt mir wirklich in die Augen. Zeitungsknistern. Der Geduldsfaden. Er reißt. Möchte das alles nicht mehr und breche aus. Landungsbrücken. Muss raus. Schlage wild um mich, während die Masse verstört schaut. Ihre farblosen Gesichter. Lebloser Ausdruck. Kann das alles nicht mehr sehen. Bin seit Jahren auf der Suche. Rastlos. Suche die Gründe für unsere Konflikte. Kümmere mich um jede deiner Ängste. Hab sie im Keller eingeschlossen. Doch wer kümmert sich um mich? Hört mir zu, wenn mir die Kraft fehlt? Ich streife die Kapuze über die zerzausten Haare. Inzwischen trocken. Fahl. Kalter Wind, der mich schubst. Stelle mich ans Ufer. Schließe die Augen. Schließe ab. Mit einem lauten Schrei. Wieder dieser laute Schrei. 

Ich hoffe, du hast ihn gehört.