Andreas Spiegler

Schreiben. Stolpern. Schluckauf.

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Ich baue ab

Diese Woche war jetzt eher so mĂ€h. Gesundheitlich angeschlagen. Schlecht geschlafen. Das geht auch besser. Trotzdem gibt es wieder ein paar schöne Dinge zum Wochenende


Gefunden: Wenn man krank im Bett liegt, dann half frĂŒher Benjamin BlĂŒmchen. Daheim liegen zig Folgen im Keller. Heute sind es (leider) keine Hörspiele mehr, dafĂŒr aber Podcasts. Und zwei tolle Folgen habe ich gefunden: Bei Einhundert ging es um den Tod. Oder auch die Konfrontation mit ihm:

Peter*, 70, hat Parkinson. Seine Frau Edith*, 70, ist kerngesund. Im Herbst 2014 teilen sie ihrem Sohn Patrick* eine folgenschwere Entscheidung mit: Ein dreiviertel Jahr spĂ€ter, nach Ostern, wollen sie zusammen aus dem Leben gehen – weil Peter seine Krankheit nicht mehr ertrĂ€gt.

Mama und Papa sind immer fĂŒr einen da. Sie halten dich im Arm. Begleiten deine Schritt. Schubsen. Ermahnen. Hören zu. Und irgendwann mĂŒssen sie gehen. Aber wie reagiert man wohl, wenn siedas frĂŒher wollen? Gemeinsam. Ein beklemmendes GefĂŒhl nur darĂŒber nachzudenken. Die Handynummer zu wĂ€hlen und niemand hebt ab. Bilder ziehen an dir vorbei. Du realisierst, dass du nie wieder die Stimme hören wirst. Sie dir nie wieder die TĂŒr aufmachen werden. Ein Gedanke, das ich beim Hören immer wieder versuchte wegzustoßen. Gerade deswegen sehr hörenswert. 

Außerdem gibt es einen tollen Podcast zum Thema Design: Formfunk. In sehr persönlichen GesprĂ€chen sprechen Grafiker, Gestalter und andere Kreative ĂŒber ihre Arbeit. Ich mochte sehr das GesprĂ€ch mit Erik Spiekermann. Er spricht darĂŒber, wie schwer es ist große Marken zu verĂ€ndern. Was ihn an Typografie begeistert. Was seine Freunde und Kollegen ĂŒber ihn sagen.

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Gehört: Endlich mal wieder auf einem Konzert gewesen. KĂ€ptn Peng & die Tentakel von Delphi. Grandiose Texte. Beats, die einem tagelang im Kopf bleiben. Theorie. Kreise. Unendlichkeit. Zum ersten Mal im Mehr! Theater gesehen, das nicht wirklich fĂŒr so eine Musik gemacht ist. DafĂŒr war die Stimmung trotzdem super und ich war von der Vielfalt aller Zuschauer ĂŒberrascht worden. Bald kommt das neue Album ?

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Gesehen: Aziz Ansari ist zurĂŒck mit der zweiten Staffel von Master of None. Schon die erste Staffel begeisterte mich durch ihre ehrlichen Beobachtungen. Dates, Freunde, Liebe. Dinge, die einem selbst begegnen und oft nicht ganz so sind, wie man sie sich wĂŒnscht. Nun lernt Dev (Aziz) zuerst seine Leidenschaft fĂŒr Pasta, dann eine tolle Frau kennen. Sie ist verlobt. EinfĂŒhlsam erzĂ€hlt, ganz ohne Übertreibungen oder Klischees. Hab die zehn Folgen regelrecht verschlungen. 

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Gegessen: Maultaschen. Im Lieblingsrestaurant fĂŒr schwĂ€bisch-kulinarische Speisen – Zum SpĂ€tzle. Neben dem Brachmanns Galeron ein toller Ort, um die Entfernung in den SĂŒden kurz zu vergessen. 

Mehr gibt es nicht zu berichten. Die nĂ€chste Woche wird kurz. Feiertag. BrĂŒckentag. Meertag. ?

Katastrophenstimmung

Liebes Tagebuch, heute habe ich meine halbe Wohnung geflutet. Eigentlich wollte ich nur den KĂŒhlschrank abtauen
 Und wĂ€hrend man die Sauerei aufputzt, schmelzen die Heidelbeeren. Großer Putztag bei Herrn Spiegler. Katastrophenstimmung. Nicht nur in den eigenen vier WĂ€nden, sondern auch im Deutschen Schauspielhaus. Dort lĂ€uft gerade das neue StĂŒck von Schorsch Kamerun. Über die Optimierungsgesellschaft. Populismus. Und die Medien. Deshalb war ich da. Wobei, hauptsĂ€chlich wegen ihr. Weitere Highlights der Woche:

Gefunden: Ich mag Gin Tonic. Und wenn man sich ein bisschen austobt, so ist man bestimmt ĂŒber Monkey 47 gestolpert. Dieser Gin kommt aus dem Schwarzwald und wurde u.a. von Christoph Keller entwickelt. Nun hört er auf, wie er beeindruckend im Brandeins-Interview beschreibt:

Wenn ich jetzt weitermachte, wĂŒrde es nur noch darum gehen, ihre Wirtschaftlichkeit auszubauen, neue MĂ€rkte zu erobern, Wachstum zu steigern und Gewinn zu maximieren. Ich bin aber kein Unternehmertyp. Ich bin gut darin, Dinge aufzubauen und eine Vision zu entwickeln. 

Ein ehrliches GesprĂ€ch ĂŒber den Wachstum, der auch im StĂŒck Katastrophenstimmung angedeutet wird. Christoph beschreibt, wie sich sein GefĂŒhl zum Produkt verĂ€ndert hat. Er am Ende nicht mehr gelebt hat – und genau dieses Leben beschreibt er sehr eindrĂŒcklich: 

Leben: Neugierde, Experiment, Spiel, Fantasie, Risiko. Das Leben ist eine ErzĂ€hlung mit vielen Wendungen. Und mit Empathie. Man sollte Spaß haben an dem, was man tut – und es sein lassen, wenn man ihn nicht mehr hat.

Geschrieben: Ein paar alte Worte in neue GewĂ€nder gepackt. Langsam werde ich wieder warm mit den Worten. Glaube ich. Taste mich an SĂ€tze und Beobachtungen.  

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Gehört: Murakami ist einer dieser Autoren, die ich sehr bewundere. Seine Sprache ist einfach. Er beobachtet liebevoll und direkt. Schreibt tolle Geschichten ĂŒber Außenseiter und ihre Sicht auf andere. Erst jetzt habe ich einen Artikel ĂŒber seine Musikleidenschaft gefunden – inkl. einer Spotify-Playlist mit ĂŒber 3000 StĂŒcken, die alle auch als Soundtrack zu seinen BĂŒchern passen könnten.  

Gesehen: Ein weiterer Klassiker. Diesmal Miss Marple, die verschiedene Morde rund um ein Erbe aufklĂ€rt. Der Wachsblumenstrauß war ein schöner Ausflug nach England. Mochte die Musik und die fehlende Hektik. Ruhig erzĂ€hlt, mit klaren Charakteren. Solch einen Film findet man natĂŒrlich nicht bei Netflix. Deshalb durfte ich mich bei einer Videothek anmelden. Im Jahr 2017. Sehr lustiges GefĂŒhl und zahlreiche Erinnerungen an die Schulzeit. Wo man durch GĂ€nge schlich, mit Freunden teilweise heftige Diskussionen ĂŒber die Filmauswahl hatte und am Ende immer bei Austin Powers endete. 

Genervt: Buzzwords nerven. Phrasen nerven. Deshalb lud man in den Mercedes.Me Store zu Tell me: Business Buzzwords. Dort ging es um den Print-Journalismus. Klassische Journalisten trafen auf Snapchat-Kids. Eine Agenturvertreterin vermittelt und GrĂŒnder erzĂ€hlen von ihren Niederlagen. Leider immer die selben GesprĂ€che. Finanzierung schwierig. Menschen konsumieren anders. FrĂŒher war alles
 Ich wĂŒrde gerne mal wieder auf ein Meetup gehen, bei dem man neue Dinge lernt. Sich nicht gefĂŒhlt zwei Stunden ĂŒber bereits Gesagtes streitet. Gibt es sowas noch?

Getroffen: Nicht wirklich getroffen, aber dennoch sehr persönlich war die Lange Nacht der ZEIT mit Bosse. Ein toller KĂŒnstler, dessen Lieder mich sehr berĂŒhren. Direkte Worte zu intensiven GefĂŒhlen. Die jeder kennt, aber nur wenige so schön beschreiben können. Auch das GesprĂ€ch war ehrlich und unaufgeregt. Netter Typ, der Herrndorf mag. Alleine deshalb ?

Und mit Bosse auf Anschlag werde ich jetzt noch ein paar Sonnenstrahlen tanken. Kommt gut in die neue Woche. ?

Sonne und zwei Kugeln Eis

Kaum ist die Sonne draußen, laufe ich strahlend mit einem Eis in der Hand durch Hamburg. ☀ Diesmal eine kurze Woche mit viel zu wenig Schlaf. Und wĂ€hrend meine linke Wange von der Sonne aufgefressen wird, schreibe ich ein paar Dinge zu Kalenderwoche 18. 

Gefunden: In diesem Jahr wird gewĂ€hlt. Und ZEIT ONLINE hat dazu passend ein neues Ressort gegrĂŒndet. #D17 möchte raus aus der Großstadt. Mit Menschen sprechen und sie wieder zum respektvollen Dialog motivieren. HierfĂŒr soll beim Experiment Deutschland spricht am 18. Juni jeder Teilnehmer einen GesprĂ€chspartner in der Umgebung zugelost bekommen. Einziges Kriterium: jener stimmt mit der eigenen Meinung nicht vollkommen ĂŒberein. Um das herauszufinden, muss man fĂŒnf Fragen beantworten. Den Rest ĂŒbernimmt ein sehr intelligenter Computer. Ich lerne gerne andere Sichtweisen kennen und bin umso mehr gespannt, wie dieses GesprĂ€ch sein wird.

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Gehört: Höre ich die Gorillaz, so kommen viele Erinnerungen aus der Schulzeit nach oben. Völlig neuer Sound mit einer Mischung aus Hip Hop, Indie-Rock und Dub. Dieser Zeichentrickstil. Clint Eastwood. Die Band entstand, als Damon Albarn und Jamie Hewlett im Jahr 1998 alle Musiker als austauschbar und beliebig sahen. Mit Humanz ist nun das vierte Album veröffentlicht worden. Leider hat aber kein einziges Lied diesen Überraschungseffekt gehabt, den die alten StĂŒcke bei mir auslösten. Nun wirken sie fĂŒr mich beliebig und bleibe deshalb bei den alten Songs. Macht man das so, wenn man Ă€lter wird? ?

Gesehen: In den letzten Jahren habe ich sehr viele Filme gesehen. Laut Moviepilot bereits ĂŒber 800 StĂŒck. Aber bei den Klassikern bin ich sehr unerfahren, was sich Ă€ndern muss. Deshalb durfte ich einen Mord im Orientexpress lösen. Ein stimmiger Kriminalfilm, der nach dem klassischen Muster aufgebaut ist. Mann tot, viele VerdĂ€chtige, Indizien-Puzzle und am Ende die große Auflösung. Schöner Ausflug in die Vergangenheit – mit einem jungen Sean Connery und Szenen, die lĂ€nger sind als aktuelle Musikvideos. FrĂŒher mĂŒssen die Menschen eine deutlich lĂ€ngere Aufmerksamkeitsspanne gehabt haben
 

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Gekauft: Schokoladenpizza. Ja, korrekt. Eine Pizza mit drei unterschiedlichen Schokoladensorten. Sie wartet nun auf einen besonderen Anlass. 

Gemacht: Seitdem ich bei XING arbeite, gibt es kein Kantinenessen mehr. Was ein Grund zur Freude ist, bedeutet auch zu viel Auswahl. Zahlreiche Restaurants und Bistros wollen entdeckt werden. Vapiano begrĂŒĂŸt mich mit Handschlag und rotem Teppich. Und ein Nachtisch an der Alster schmeckt doppelt so gut. Das kostet Geld. Keine Ahnung wieviel – weshalb ich mit YNAB meine Ausgaben verwalte. Die App macht es sehr einfach Kategorien und Budgets zu verwalten, Ausgaben aufzuzeichnen und SĂŒnden anzuprangern. Leider ohne Import der Banktransaktionen, aber das möchte man vielleicht auch nicht. 

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Gedacht: In letzter Zeit fehlt mir manchmal die Lust zu Schreiben. Habe ich vor einiger Zeit noch Seiten voller Texte geschrieben, komme ich momentan nicht dazu. Und selbst wenn der Stift in der Hand liegt, bleiben die SĂ€tze aus. Das ist nicht schlimm, aber irgendwie schade. 

Getroffen: 11 grinsende Kinder, die im Zug lautstark Capri Sonne gefordert haben. Mit Cola. Kleinigkeiten, die man zu selten ĂŒbersieht oder vergisst. Ein Eis in der Hand. Sonne im Gesicht. Laute Musik auf den Ohren. Eine viel zu große Decke oder Vogelgezwitscher am Morgen, wenn einen die FĂŒĂŸe langsam durch leere Straßen tragen.

Hoffentlich habt ihr die Woche genau so genossen und startet gut in die NĂ€chste. Schreibt mir doch gerne, was euch an dieser Woche gefallen hat. 

Alle Freunde heiraten

An Ostern bin ich ĂŒber viele Erinnerungen im Keller meiner Eltern gestolpert. Alte Schulhefte, Bilder von AusflĂŒgen, Ehrenurkunden von Bundesjugendspielen. Ein komisches GefĂŒhl, weil im Moment des Betrachtens noch ganz viele andere Momente zurĂŒckkamen. Melodien, GerĂŒche, SĂ€tze von Menschen. Alles irgendwo abgespeichert. Unter den ganzen Bergen an Dingen fand ich auch die erste SchĂŒlerzeitung, die ich im Jahr 2000 veröffentlicht habe. Da war ich gerade mal 12 Jahre alt und wollte Dinge mit Freunden teilen. Bloggen war der nĂ€chste Schritt. Kleine Schnipsel aus dem Leben. Das ist in Vergessenheit geraten, weshalb ich heute einen neuen Anlauf starte und Momente aus der letzten Woche teilen will: Kalenderwoche 17/2017 ?

Gefunden: Viele alte Erinnerungen. Bilder auf Festplatten. Alte Textdateien. Briefe. Skizzen. 

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Geschrieben: Leider schreibe ich momentan sehr wenig. Das möchte ich Ă€ndern, da mir das GefĂŒhl fehlt. Hier ist ein erster Anfang. Und es werden auch wieder Einweggedanken folgen. 

Gelesen: Momentan lese ich â€œDie unertrĂ€gliche Leichtigkeit des Seins”. Ein relativ altes Buch eines tschechischen Autors. Er schreibt ĂŒber Liebe und Begehren zu Zeiten von UnterdrĂŒckung. Liest sich ganz gut, wobei ich noch nicht sicher bin, ob es meine 100-Seiten-Grenze ĂŒberstehen wird. 

Gehört: Sehr viel in alten Alben gestöbert. Lieder hervorgekramt. Irgendwie verrĂŒckt, wie Melodien in einem schlummern und man Liedzeilen auch nach Jahren noch mitsprechen kann. The Streets hat mich immer begleitet. FrĂŒher beim ĂŒber Felder fahren. Heute beim Sitzen am Hafen. Außenseiter voller Fragen. Lieblingslied: Blinded by the lights

Gesehen: Die fĂŒnfte Staffel von Suits. Hat Spaß gemacht. Vier von fĂŒnf BGB-GesetzbĂŒchern. Und ein Hoch auf den neuen Netflix-Offline-Modus.

Gemacht: Einen Freund entfĂŒhrt und im Familienschiff nach NĂŒrnberg gefahren. Eine romantische StadtfĂŒhrung. Angestoßen. Im Stadion den VfB angefeuert. Viele nackte Oberkörper gesehen (hauptsĂ€chlich von betrunken NĂŒrnberg-Fans). GefĂŒhlt jeden Pub erkundet. Eine Bombe entschĂ€rft. 

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Gelernt: Vor jedem Produktstart lĂ€sst einen die Aufregung kaum Schlafen. Mit XING Talk ging der erste Videopodcast online – ein ehrliches GesprĂ€ch mit Menschen aus unterschiedlichsten Bereichen. Über ihren Beruf, dabei gemachte Erfahrungen, Ängste und Erfolge. Bei XING und auf iTunes. Es tut gut, wenn Projekte zugĂ€nglich werden. Gesehen und gehört werden. Habe gelernt, dass sich Menschen reinhĂ€ngen, wenn man mit dabei ist und unterstĂŒtzt, wo man nur kann. Danke.

Gegessen: Zu viele Burger nach Mitternacht. Und KĂ€sspĂ€tzle in einer kleinen Weinstube in NĂŒrnberg. Das muss immer wieder sein, damit der SĂŒddeutsche in mir nicht weinen muss.

Getroffen: Gute Freunde im SĂŒden des Landes. Schade, wie selten man es schafft regelmĂ€ĂŸig Kontakt zu halten. Und trotzdem muss man direkt wieder Strahlen, kommen die Erinnerungen wieder. 

Gedacht: Wie kann einen eine einzige Person so zum Strahlen bringen?  

Habt einen schönen Feiertag und genießt die Sonne ⛱

#ichbinhier

Eigentlich bin ich ein großer Freund von diesem Internet. Ich begann vor 17 Jahren unterschiedlichste Dinge zu teilen. Habe Freunde gefunden und eine Leidenschaft entdeckt, die ich bis heute teile. Doch irgendwie fĂŒhlt es sich mittlerweile anders an. Wo frĂŒher eine kleine technikaffine Gemeinschaft ĂŒber ihre Lieblingsfilme sprach und ihren Alltag in unfassbar vielen belanglosen Momenten dokumentierte, sehe ich heute eine perfektionierte Lebenseinstellung. Wir sitzen mit unseren grauen Laptops in Cafes, teilen Listen mit den schönsten BurgerlĂ€den auf dem Kiez oder teilen alle die selben politischen Statements. Zwei Posts darunter beschweren wir uns ĂŒber die Dummheit der anderen. Satire darf alles. PrĂ€sidenten, Parteien, Lebenseinstellungen. Und wenn uns eine Meinung nicht passt, dann wird derjenige beleidigt. Zurechtgewiesen. Geblockt. Über die letzten Jahren formten sich so Filterblasen, die dann zum Beispiel bei Landtagswahlen oder dem Brexit platzen. Wie konnte denn das passieren?! Woher kommen die alle plötzlich?! Don Dahlmann fordert aktiv die Flucht aus der Filterblase. Obwohl ich seinen Punkt verstehe, sehe ich das als sehr schwierig. Mein Freundeskreis ist ziemlich homogen. Auch auf der Arbeit decken sich die meisten Ansichten. So stöbere ich durch Blogs mit anderen Ansichten – und stoße hauptsĂ€chlich auf Hass. Keine Auseinandersetzung, sondern das AufzĂ€hlen von SchwĂ€chen. Keine Diskussion, sondern stumpfes Beleidigen all derjenige, die nicht (m)einer Meinung sind. Es geht nicht um AnnĂ€herung. Es geht um BekĂ€mpfung. Gewinnen und Recht haben. Und leider aus allen Lagern – auch wenn eigentlich fĂŒr Vielfalt und Pluralismus auf die (virtuellen) Straßen gegangen wird. Meike Lobo beschreibt sehr gut die Folgen dieser Abstrafung und Verurteilung anderer Ansichten. “Gegner” werden so lange vor sich her getrieben, bis sie einknicken oder verschwinden. Das wird dann als Sieg bewertet. Doch ist er das wirklich?

Ja, es gibt Ansichten die gegen das Recht verstoßen und zu verurteilen sind. Untolerierbare Haltungen. Aber so einfach ist es nicht. Michael Seemann spricht von der multibeschissenen Weltordnung. Da ist nicht der eine Bösewicht. Es braucht sehr viel Interesse und Energie, die ganzen Verstrickungen zu verstehen. Deswegen kann auch nicht mit einem Satz die “allumfassende Wahrheit” ausgesprochen werden. Und schon lange reichen 140 Zeichen nicht aus, um ZusammenhĂ€nge zu erklĂ€ren. Dennoch sehe ich in sozialen Medien jeden Tag, wie sich Menschen(gruppen) gegenseitig zerfleischen. Und eigentlich nichts wirklich verĂ€ndern. Die Fronten nur weiter verhĂ€rten.

“Die soziale Ausgrenzung von Konservativen beispielsweise als frauen-, schwulen- und flĂŒchtlingshassende Nazis fĂŒhrt ja keineswegs dazu, dass diese konservativen Meinungen verschwinden und die Gesellschaft fortschrittlicher und offener wird.”

Es wird geschrien. Mit dem Mittelfinger zeigt man auf alles, was nicht akzeptiert wird. Was passieren kann, wenn man sich mit viel Druck auf eine Person einschießt, durfte ich gerade erst hautnah miterleben. Und das schockiert mich. Macht mich nachdenklich. Weil auch ich selbst merke, wie man sich zurĂŒckzieht. Der Konfrontation aus dem Weg geht. Initiativen wie #ichbinhier (aus dem Schwedischen #jagĂ€rhĂ€r) setzen sich fĂŒr die RĂŒckeroberung der Diskussionskultur in den sozialen Medien ein. Sie wollen in den Kommentarbereichen wieder einen Austausch etablieren. Vermitteln und Deeskalieren. Ich möchte mich selbst mehr dazu zwingen, einen Dialog einzugehen. Anderen Meinungen zuzuhören, sie versuchen zu verstehen und dann zu bewerten. Mit Argumenten zu reagieren. Denn ich habe keine Lust, dass sich die Lager noch weiter auseinander bewegen und wir alle dann irgendwann das Ergebnis ausbaden mĂŒssen…